Wir sind Fake-News

von Gerhard Preußer

Recklinghausen, 11. Mai 2017. Dem Zeitungsjournalismus geht es schlecht. Besonders im Osten. Zeitungen werden fusioniert wie Orchester und Theater. Allenfalls Sensationsmeldungen könnten der Auflage (oder der Auslastungsquote) noch etwas aufhelfen. Nachrichten über Terroranschläge, neue Untaten der Despoten bräuchte man, aber auch da sind Twitter oder Spiegel-Online schneller. Da hilft nur das Do-it-yourself-Prinzip. Jeder ist sein eigener Faktenschaffer. Das vereinfacht die Recherche, und man hat das Monopol der Berichterstattung.

Die Luft, sie ist vergiftet (oder: Die Jugend ist wütend)

von Henryk Goldberg

Weimar, 26. Februar 2017. Doch, hier muss was faul sein im Staate. Mindestens die Luft ist vergiftet. Die Männer, die hier die Wache haben, tragen rote Overalls, schließlich, Dänemark ist ein Gefängnis und sie schützen sich mit Gasmasken. Das macht, was sie sagen, dumpf und schwer verständlich, aber was sind unverstandene Worte, wenn die Welt im Ganzen nicht verständlich ist. Einer der Männer schält einen anderen aus dem roten Anzug, der ist sehr blond und eine Frau. Der mit dem Muskel-Shirt spricht schnell und glatt, wir werden ihn nicht mögen. Die blonde Frau nimmt einem anderen die Maske ab. Der ist darunter weiß geschminkt, seine Hose ist zur einen Hälfte, an einem Bein, ganz weiß. Der Mann hat etwas von einem Harlekin, nur, dass er nicht lustig ist. Sein Name ist Hamlet.

Abschied vom Ich

von Sascha Westphal

Weimar, 25. August 2016. Der erste Eindruck ist schier überwältigend. Im großen Festsaal des Schießhauses fällt mein Blick sofort auf die weiße Tür, die mitten im hinteren Drittel des riesigen Raums steht. Es ist fast so, als trete man in ein Gemälde René Magrittes. Und mit jedem Schritt, mit dem ich mich angeleitet von einer der Begleitpersonen dieser Tür nähere, wird die Wirklichkeit brüchiger, bis da nur noch diese Tür ist. Sie löscht den Saal aus und mit ihm alles Vertraute. Es bleibt nur eins, sie öffnen und in das kleine Sperrholz-Kabuff eintreten, das sich hinter ihr verbirgt.

Faust ist auch nur ein Popstar

von Christian Rakow

Weimar, 27. Februar 2016. Im Grunde ist dieser Satz einem jeden Regisseur mit auf den Weg gegeben, der sich an "Faust II" wagt: "Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt." Goethes Alterswerk ist wahrlich ein Bühnenunding. Wer sich als Leser einmal durch die "klassische Walpurgisnacht" geackert hat – oder wohl eher durch den Anmerkungsapparat dazu – ahnt, dass die Spuren dieser Mythenspiele nicht in Äonen abgeschritten werden können.

Bauchfleisch für alle

von Frauke Adrians

Weimar, 20. November 2015. Kaffee, Kotelett und Kartoffeln: lauter gute Sachen mit K, von denen ein Fernfahrer träumt. Oder besser: von denen der Wanderarbeiter Hupka träumt, wenn er träumt, er wäre ein Fernfahrer. Hupka träumt viel, wenn der Tag lang ist. Und leider ist er damit nicht gut behaust in einer Welt, in der es vor allem um Dinge mit G geht: Geld und Gelaber.

Der Zaun muss weg!

von Matthias Schmidt

Weimar, 8. November 2015. Zugegeben, es ist nur ein Gefühl, eine Verunsicherung, was bei Interpretationen bekanntlich mal vorkommen kann. Es sagt, hier stimmt etwas nicht. Möglicherweise. Genauer gesagt: Man kann die Inszenierung missverstehen. Dass man es soll, ist nahezu ausgeschlossen.

Krieg hat eben immer Saison

von Frauke Adrians

Weimar, 30. Januar 2015. "Ich denke einen langen Schlaf zu tun", spricht Wallenstein. Da haben die Zuschauer den langen Premierenabend im Deutschen Nationaltheater fast schon hinter sich. Doch Gründe zum Einschlafen gab es für sie in den gut viereinhalb Stunden eigentlich nicht. Denn mit seiner Inszenierung der gekürzten "Wallenstein"-Trilogie hat Weimars Intendant Hasko Weber einen soliden Theaterabend abgeliefert.