Fickendes Geld

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 31. Januar 2020. Am Ende, ja, da müssen wir alle sterben. Ob arm, ob reich, sogar der superreiche Banker, der Jedermann in Ferdinand Schmalz' auf Zeitgenossenschaft getrimmter Adaption von Hugo von Hofmannsthals Klassiker. Uraufgeführt 2018 an der Wiener Burg, nun auf der großen Bühne im Frankfurter Schauspiel, also Deutschland-Premiere, in der Regie von Jan Bosse. Und ein ziemliches Brett. Rhythmisch, melodiös, bankensprechlastig, unterhaltsam.

Apocalypse Now Or Never

von Michael Laages

Frankfurt am Main, 6. Dezember 2019. Bis drei Wochen vor Silvester war die Position des Spitzenkandidaten im Wettbewerb um die "Silberne Zitrone" oder das "Faule Ei" des Theaters für dieses Kalenderjahr noch nicht vergeben – jetzt ist klar, wer ganz vorne liegen wird: "1994 – Futuro al dente", die "Stückentwicklung" von Nele Stuhler und Jan Koslowski fürs Frankfurter Schauspiel. Tatsächlich allerdings steht am Sekt-und-Böller-Abend Ende des Monats nicht dieses, sondern ein anderes Projekt dieser fleißigen Theatermenschen auf dem Frankfurter Spielplan: "Der alte Schinken". Mit Sicherheit gibt's da mehr zu lachen; die aktuelle Novität aus der Werkstatt von Stuhler & Koslowski wäre selbst im Delirium des Jahreswechsels nur mit ganz viel Blaumachern zu ertragen.

Die Hölle, das ist die Gegenwart

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 30. November 2019. Für solch einen Haarschmuck aus Federn ist der Hölleneingang dann doch zu niedrig. Volker Hintermeier hat das finstere Reich als tunnelartiges Metallgerüst auf die Vorbühne des Frankfurter Schauspiels gestellt, Nebel drauf, alles schön düster, zwischendurch blinkendes Neonlicht. Anna Kubin als Estelle Rigault muss sich ordentlich abmühen, um die Form zu wahren und den Kopfschmuck nicht zu gefährden, während sie unter den metallenen Streben hindurch balanciert. Das ist witzig anzusehen. Wie sie sich vorbeugt, zurückbeugt und skeptisch dreinschaut beim Versuch, das Ganze halbwegs elegant über die Bühne zu bringen. "Mir ist komisch", seufzt sie.

Wunden der Jugend

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 15. November 2019. Es braucht nicht lange, da begreift man, dass hinter der betulichen Fassade gar nichts in Ordnung ist, dass der Horror wartet hinter dieser Welt aus Weihnachtsbaum, Fünfziger-Jahre-Esstisch, Fonduetopf, Simulation von Familienglück. Ein Strick baumelt vor der klinisch aufgeräumten Wohnzimmerkulisse. "Das wollte ich dir zeigen", sagt der Vater zu Eva, seiner Tochter. Und warnt sie eindringlich, davon niemandem zu erzählen, nicht der Mutter, nicht dem Bruder Jolan, nicht Tesje, der so offensichtlich der Welt entrückten Schwester.

Der Gotteskrieger vom Fjord

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 12. Oktober 2019. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel nennt das Stück einen "wahren Brocken", und er hat natürlich recht. Für seine Prosaübersetzung hat er Henrik Ibsens mehr als 5000 Verse auf 105 Seiten runderneuert, von denen Roger Vontobel und seine Dramaturgin Marion Tiedtke noch 57 übrig lassen, um vom Leben und Sterben Brands zu erzählen.

Wenig empfindsamer Abend

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 6. September 2019. Naturalismus ade, der Elendsporno fällt diesmal aus. Wo Gerhart Hauptmann seine Figuren in eine abgewohnte Mietskaserne sperrte, steckt die Regisseurin Felicitas Brucker sie in ein Behältnis mit Plexiglaswänden, das aussieht wie eine Mischung aus Hamsterrad und Fahrgeschäft, samt Leitern, Emporen und Neonlicht (Bühne: Dirk Thiele Galizia). Darin hausen keine Menschen, sondern Laborratten. Achtete Hauptmann auf die Standesunterschiede im Haus, wahrte das Oben und das Unten, schert sich Brucker nicht um Klassenfragen. Folgerichtig sieht Frau John bei ihr aus wie aus dem Land's End-Katalog, und Schmierentheaterdirektor Harro Hassenreuter (Sebastian Kuschmann) wie überhaupt niemand, den man kennt. Irene Ips Kostüme befreien die Figuren vielmehr vor gesellschaftlich eindeutigen Zuschreibungen und spielen beherzt mit Rollenklischees.

Lass mich leer sein

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 6. Juni 2019. Der Eindruck, dass man es hier mit einem in die Jahre gekommenen Text, mit einer Geschichte aus einer vergangenen Zeit und einer anderen Welt zu tun haben könnte, soll gar nicht erst entstehen. Kein Dekor ist auf der Bühne, nur ein sich nach hinten spitz verengender schwarzer Kasten. Die Kostüme sind betont heutig: enge Jeans, Streetwear, leuchtend-gelbe Asics-Sneaker, Hoodie. Zwischendurch erklingt aus dem Off Autobahnlärm. Fünf Darsteller erzählen vom Brahmanen Siddhartha, einer Dichtung von Hermann Hesse, dem Säulenheiligen der Beatniks, Dropouts und Esoteriker, aufgeschrieben zwischen Dezember 1919 und Mai 1922. Jeder Räucherstäbchen-Verdacht soll vermieden werden.

Peer, der Patient

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 18. Mai 2019. Peer Gynt ist krank. Zusammengekauert, apathisch liegt er da, im Bett in der Ecke, die Haare verstrubbelt. Er spricht nicht mehr, er funktioniert nicht mehr, so sagen sie. Die Decke des Kastens, der ein Krankenhaus, eine Psychiatrie darstellen soll, ist niedrig, erdrückend. Das grelle, weiße Licht blendet. "Für manch einen ist das da draußen zuviel", leiert der Arzt. Peer geht trotzdem hin. Er nimmt sich eine Leiter, klettert durch eine Luke, raus in die Welt.

Die Invasion der Plastikbabys

von Gerhard Preußer

Recklinghausen, 4. Mai 2019. Wie macht man aus einem rassistischen Roman eine anti-rassistische Theateraufführung? Die Aufgabe ist schwer, weil doppelt: die politische Tendenz umkehren und die Erzählung in ein Bühnengeschehen verwandeln. Die Lösung kann nur sein, das eine mit dem anderen zu erreichen. Die ästhetische Form muss den politischen Inhalt verkehren.

Verlorene Söhne

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 30. März 2019. Die Talkshow ist so gut wie zu Ende, da stürmt Damir die Bühne. Polternd stürzt er sich die Stufen hinunter, groß, dünn, schwarze Kapuzenjacke und Doc Martens. Er greift sich das Mikrofon, brüllt seine Suada hinein. "Habt ihr eine Ahnung, wie es ist, ein Mensch zweiter Klasse zu sein?", schreit er, der Muslim, Sohn eines bosnischen Freiheitskämpfers, Anführer einer Truppe, die als "Scharia-Polizei" verschrien ist. "Könnt ihr euch vorstellen, was es heißt, wenn die Polizei jedes Mal, wenn sie einen auf der Straße sieht, langsamer fährt? Kennt ihr das?"

Das Elend im Jetzt

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 1. Februar 2019. Martha ist ein Wrack, ein Nervenbündel. Und schwanger. Sie tippelt die Treppe hoch, Schritt für Schritt für Schritt. Der Babybauch wippt, ihre Hände zittern, sie erscheint fiebrig. Und wenn sie spricht, dann ist es eine Suada. "Ich platz schon fast und dann werd ich verwandelt sein / Ihr werdet sehn / zur Mutter Ehefrau / zur Frauheit an und für sich / meine Fresse / wie ich mich verwandeln werd, mit diesem Kind." Patrycia Ziolkowska spricht die Sätze mit viel Nachdruck.

Schwarz ist Weiß, Weiß ist Schwarz

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 26. Januar 2019. "Heute bin ich mal dran", sagt Komi Togbonou, der einzige Darsteller mit schwarzer Hautfarbe auf der Bühne. "Heute drehen wir den Spieß mal um, heute bin ich mal das Individuum, die Krönung der Schöpfung, heute bin ich mal normal." Und dann geht er sich einen Sklaven kaufen. Einen Haussklaven ganz für ihn allein – und nicht bloß "Slave Sharing", was er auch schon mal ausprobiert hat. Die Darsteller mit weißer Haut buhlen um seine Gunst. Preisen sich an, posieren, betteln, zeigen das Gebiss, die Hände, den Körper. Der Preis purzelt immer weiter in den Keller, von Fünfzigtausend auf Null. Komi Togbonou grinst und brüllt: "Black Friday!" Und das Klavier klimpert "House Of The Rising Sun".

Kunstparty im Klimawandel

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 12. Januar 2019. Vor genau einem Jahr hat Robert Borgmann zuletzt am Schauspiel Frankfurt inszeniert. Kafkas Romanfragment "Das Schloss", mit Max Mayer als Landvermesser K. Ein rätselhafter, vieldeutiger Abend, dessen ungeheure Figuren sich ins Gedächtnis eingraben. Mit Samuel Becketts "Warten auf Godot" hat sich Borgmann nun wieder einen schwer zu dechiffrierenden Text vorgenommen, der durch seine Zeitlosigkeit Parabelcharakter hat.

Wer wandert, muss dem Tod nicht begegnen

von Dorothea Marcus

Frankfurt am Main, 11. Januar 2019. Eine einzige trauernde Mutter muss zu viel ertragen. Deshalb sind es zum Glück auch vier Frauen, die sich die komplexe Hauptfigur Ora aufteilen, um den über 730 Seiten langen, grandiosen, klugen und traurigen Roman des israelischen Schriftstellers David Grossman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt zu erzählen. Vier verschiedene Typen von Frauen (Eva Bühnen, Altine Emini, Christina Geiße, Sarah Grunert) mit Microport, die eine pathetischer, die andere resoluter, die dritte kontrollierter, die vierte mädchenhafter.

Ein Mensch stirbt

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 1. Dezember 2018. Auf Theaterbühnen wird erstaunlich oft gestorben, und erstaunlich selten geht es ums Sterben selbst, geschweige denn um das Sterben an Krebs. Ja, gewiss, Christoph Schlingensief. Und sonst? Luk Perceval gelingt in Frankfurt jetzt ein Abend, der kraftvoll und kompromisslos vom Sterben und am Krebs Krepieren erzählt.

Verhasste Elite

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 2. November 2018. Er steht unter Druck, die rechte Hand zittert, die Finger tanzen, der starre Blick geht geradeaus. Dann schreit er los. Gegen die "Scheißpolitiker", die das Land verkaufen, gegen die "Systempresse", gegen die aus seiner Sicht korrupte Polizei. "Das geht nicht mehr lange gut, bald fliegt euch das um die Ohren", brüllt er.

Uns geht's noch schlechter als den Zombies

von Georg Kasch

Frankfurt am Main, 8. September 2018. Diese beiden Alten haben es faustdick hinter den Ohren. Stehen trüb rum mit grauen Gesichtern und fahlen Klamotten. Aber wenn es darum geht, die eigene Existenz zu feiern und gegen die gierigen Söhne zu verteidigen, drehen sie groß auf, spucken Gift im angedeuteten Blankvers. Wie die beiden mit ziemlichem Witz ein altes, eingespieltes Paar skizzieren – er hört nicht zu, sie pult ihm am Ohr herum –, wie Heidi Ecks das immer eine Spur weicher, mütterlicher hinbekommt als Peter Schröder, durch den ein Vatergott grollt, macht ihre Abwehrschlacht der Söhne unheimlich.

Der kapitale Weltraum

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 19. Mai 2018. Die Welt ist kaputt, der Untergang nah, die Ressourcen sind aufgebraucht: zu wenig Wasser, zu wenig Erde, zu wenig Öl. Die Reichen haben längst begonnen, sich Inseln bei Neuseeland zu kaufen, dort bauen sie ihre Bunker und unterirdische Golfanlagen. Wieder andere suchen die Rettung im Weltall. Eine Kolonie auf einem neuentdeckten Planeten soll entstehen. Wer mitreisen will auf das außerirdische Paradies, muss allerdings einen Aufnahmetest bestehen.

Zehntausend für Einen

von Valentina Tepel

Frankfurt / Main, 5. Mai 2018. Was kommt heraus, wenn ein Spekulant mit sonnengelber Pilotenbrille, ein Hund mit einem schlaffen linken Lid und ein Investmentbanker nachts zu dritt auf der Euro-Skulptur am Frankfurter Willy-Brandt-Platz sitzen, gegenüber vom Schauspiel Frankfurt? Eine ziemlich gute Geschichte, die der Spekulant in Teresa Präauers Stück "Ein Hund namens Dollar" resümiert: Sie hocken dort, weil der Hund, genannt Dollar, hochgeklettert ist, um dann auch noch auf den Euro zu pinkeln!

Gefangen in der Dauerschleife

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 27. April 2018. Der Clown ist eine traurige Figur, sein Humor kommt nicht ohne Melancholie aus. Der Clown soll die Kinder zum Lachen bringen, und doch reagieren besonders die Kleinen oft mit Furcht auf ihn. Weißes Gesicht, Schwarz um die Augen, der knallrote Mund: Er ist eine Figur von grotesker Gestalt. Und hier, auf dem Bühnenplateau im Bockenheimer Depot, in gleich sechsfacher Ausführung präsent. Ein Tisch, einige einfache Stühle, Neonröhren am Bühnenrand, ein paar Leuchtkugeln an der Decke: Vom Zirkus-Glamour ist diese Bühne weit entfernt. Es gibt auch keine runde Manege, nicht einmal Sägemehl.

Eisberg voraus

von Esther Boldt

Frankfurt, 15. April 2018. "Wie bunt ist das denn!" jubiliert Angelus Gottfried Barcomi. Er meint aber nicht die grellpinke Lobby mit den grasgrünen Details, sondern die illustre Gesellschaft, die sich in ihr versammelt hat. Da ist das Fräulein Detektiv, zu dieser Zeit noch undercover als Sekretärin Möhnle unterwegs. Da ist Klaus, der rasende Interior-Design-Reporter, zu diesem Zeitpunkt noch undercover als Page unterwegs. Da ist Michael Nikki de Gaona im Oldschool-Gehrock, der sich auf Urlaubsreise wähnt und alles Geschehen als Entertainment deutet. Da sind Erika Julia Hedwig Isegrim, die hier eine Soirée für den guten Zweck veranstalten möchte, und Kapitän Elisabeth Kolatschny-Mandelbaum, der das Ruder in die Hand nehmen will. Und da ist der Brotbäcker und -lieferant Barcomi, bei dem alles echte Handarbeit ist.

Quer gelesen

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 14. April 2018. David Bösch braucht nicht viel für große Momente. Zum Beispiel der Annäherungsversuch des Prinzen beim Kirchgang. Eine Lichtprojektion zeichnet ein riesiges Kreuz an die dunkle Bühnenwand. Isaak Dentler als Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla, reckt die Hand der Emilia entgegen. Die, gespielt von Sarah Grunert, rauscht vorbei, zögert doch für einen nicht einmal sekundenkurzen Moment, kein Wort wird währenddessen gesprochen. Und doch ist alles erzählt.

Schauspiel Fran

Triste Ich-Wahrheiten

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 9. Februar 2018. In Zeiten, in denen man bei Olymp an Herrenhemden denkt, haben Gottheiten keinen leichten Stand. Im Leben wie auf dem Theater. Kein Wunder also, dass die Götter in Frankfurt so geschäftsmäßig daherkommen wie die Erdlinge auch. Merkur als der Doppelgänger Sosias' erscheint als leisetretender Beamter, dem die intriganten Finger unterm Anzugärmel jucken. Und Jupiter (Fridolin Sandmeyer), der Gott der Wolken, ist als Wiedergänger Amphitryons alerter Geschäftsmann auf dem Sprung.

Im Kreislauf der Hoffnungslosigkeit

von Grete Götze

Frankfurt, 13. Januar 2018. Die Texte Franz Kafkas, so scheint es, treffen wieder den Nerv der Zeit. Im Schauspiel Frankfurt steht seine "Verwandlung" auf dem Spielplan, in der sich einer eines Morgens in einen Käfer verwandelt findet, und "Ein Bericht für eine Akademie" mit einer Frankfurter Schauspielschülerin ist immer noch buchbar zum Nachspielen für Schulen. Der Prager Autor hat Parabeln geschrieben, die unendlich weit weg erscheinen (und heute offenbar wieder unheimlich nah), in denen unbekannte Mächte einer jeden und jedem urplötzlich das Dasein unerträglich machen können.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 1. Dezember 2017. Im Programmheft findet sich ein Fake-Fahrschein für die Transsibirische Eisenbahn. Darüber eine perforierte Linie und ein Scherensymbol plus der Hinweis: "Bitte abtrennen, gut verwahren und auf Verlangen vorzeigen!" Damit ist das Humor-Niveau des Abends grundlegend beschrieben. Man fasst es nicht.