Der Globus in Flammen

von Christian Rakow

Altenburg, 25. Februar 2018. Geradeheraus: "Dass du sie duldest, die Fässer voll Brennstoff / Biedermann Gottlieb, wie hast du's gedeutet?" So fragt der Chor den kläglichen Hausherrn, um dessen Hals sich die Schlinge oder besser die Zündschnur des Schicksals langsam zuzieht. Biedermann hat Brandstifter ins Haus gelassen und will es nun nicht wahrhaben, dass sie wirklich rumfackeln könnten. Es lähmen ihn Angst, Gewissensbisse, Blindheit, Bigotterie, und es beschwichtigt ihn allein sein Glaube, er könne sich noch mit den Brandstiftern rettend anfreunden. Benzinfässer auf dem Dachboden hin oder her.

Diese Normalität, diese Selbstverständlichkeit

von Henryk Goldberg

Altenburg, 26. Februar 2017. Er rüttelt heftig an den Türen, eine öffnet sich, da stürzt der Mann schwer atmend, hechelnd auf die Bühne. Betrachtet das Haus, betrachtet uns: und lächelt. Endlich ist er da, endlich angekommen. Schön hier zu sein.

Endlich?

Schön?

Das süße Nichts

von Henryk Goldberg

Altenburg, 13. November 2016. Wenn einer 13 ist, dann ist er eingeladen hier und sieht: Einer frisst Zuckerwatte. Der Typ steht in einem Glaskasten und zelebriert das wie ein Hexenmeister. Und auf des Meisters gestischen Befehl legt sich das weiße Gespinst um den Stab, mehr und mehr. Zieht sich wie süßer Nebel durch den gläsernen Raum, legt sich wie gefährliches Spinnweb an die Wände, wabert wie Wolken, wallt wie Nebel. Lauter Zucker, lauter Nichts. Und scheint die weißen Wolkenschlieren zugleich ein- und auszuatmen, so wie der Feuerschlucker die Flammen. Das sieht einer, wenn er 13 ist. Aber was sieht er?

Am Abwasch der Zeitgeschichte

von Matthias Schmidt

Gera, 6. November 2015. Am Ende stehen die Schauspieler in Bademänteln und privaten Klamotten vor dem Publikum und tragen gemeinsam "Edgars Bericht" vor, jenen Teil von Kruso, der von Lutz Seilers Suche nach den vermissten Ostseeflüchtlingen handelt. Die Stille im Saal ist beinahe gespenstisch. Danach brandet der Applaus auf. So schlicht und doch bewegend kann Theater sein. Wenn es den Mut zur Einfachheit hat. Wenn es seine Mittel in den Dienst des Stoffes stellt und nicht umgekehrt.

Empörung hat viele Sprachen 

von Christian Baron

Altenburg, 3. Mai 2014. Es hätte so schön werden können. Ein internationales Ensemble mit Schauspielenden aus Deutschland, Österreich, Griechenland, Bulgarien, Burkina Faso und der Türkei findet sich am Landestheater Altenburg zusammen, um in Bernhard Stengeles Inszenierung des Euripides-Stücks "Troerinnen" mitzuspielen. Und das in mehreren Sprachen zugleich, denn die Arbeit wird auch in Griechenland und in der Türkei gastieren. Was für ein spannendes Projekt! Herausgekommen ist nach gut einem Jahr an Vorbereitungs- und Probenzeit dann aber leider nur Holzhammer-Theater.

Pädagogisch wertvoll

von Frauke Adrians

Gera, 1. Februar 2014. Im Dezember 1950 und im April 1951 wurden in Moskau vier junge Männer aus dem ostthüringischen Altenburg – zwei Lehrer, zwei Oberschüler – mit Pistolenschüssen hingerichtet. Ein sowjetisches Militärgericht hatte sie zuvor in Weimar zum Tode verurteilt. Ihr Vergehen: Sie hatten gegen das Entstehen einer neuen Diktatur auf deutschem Boden rebelliert, hatten die Ausstrahlung einer Wilhelm-Pieck-Rede mit einem selbstgebauten Sender gestört, hatten Flugblätter verteilt und Stalin einen Tyrannen genannt. Eine der in Deutschland seltenen Geschichten von Gewissen, Mut und Aufbegehren. Stoff fürs Theater? Unbedingt.

Otto Dix und Ost-Rock

von Matthias Schmidt

Gera, 12. Oktober 2012. Der Vorhang geht auf und gibt den Blick frei auf ein Standbild, ein Figuren-Arrangement, das einem Gemälde entsprungen sein könnte. Einige tragen Masken, die anderen sind "auf Maske" geschminkt. Die Figuren erinnern an Otto Dix, natürlich, wir sind in der Dix-Stadt Gera. Die Idee ist schlüssig, sowohl in ihrem lokalpatriotischen Gestus als auch historisch, denn Dix und Horváth arbeiteten sich zur selben Zeit am selben Stoff ab. Der weckt auch unser Interesse, denn unsere Krise trägt – zum Beispiel in Griechenland – durchaus Züge der damaligen, Friedens-Nobelpreis hin oder her.