Bombardierst du den Kindergarten?

von Cornelia Fiedler

Köln, 8. Februar 2020. "Hitler versteckt sich in einem Kindergarten. Bombardierst du den Kindergarten?" Sechs Spieler*innen schwärmen mit Mikrofonen bewaffnet in die Publikumsreihen aus. 27 Kinder seien dort, hilft Ines Marie Westerströer bei der Entscheidungsfindung, und Hitler. Man würde also 27 Kinder töten, könne aber anderthalb Millionen retten – gemeint sind die in der Shoa ermordeten Kinder. Eine Antwort bleibt aus. Das ist verstörend, liegt aber vermutlich – oder besser: hoffentlich – daran, dass die Mikros immer weggezogen werden, bevor Zuschauer*innen antworten können. Dennoch ist gerade diese Szene symptomatisch für Maya Arad Yasurs neues Stück "Bomb", uraufgeführt von Lily Sykes in Köln: Es wirft moralische Fragen auf, entzieht sich aber deren Beantwortung.

Europa am Abgrund

von Max Florian Kühlem

Köln, 17. Januar 2020. Der neue Castorf ist draußen, die Fans können wieder Bingewatchen. Diesmal am Schauspiel Köln, gute fünf Stunden am Stück, mit Spitzkohl-Eintopf-Pause sogar fast sechs, dauert der nach Carl Sternheims Dramenzyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" benannte Theaterabend. Normalerweise werden in ein Paket mit diesem Stempel die Stücke "Die Hose", "Der Snob" und "1913" geschnürt. Frank Castorf packt noch enger: "Das Fossil" und Sternheims einziger Roman "Europa" kommen mit dazu.

Die Eisunheiligen

von Andreas Wilink

Köln, 7. Dezember 2019. Alle Wetter! Lange rieselt der Schnee. Winde heulen und jachtern, mit allem Zick und Zack, Bim und Bam orgelt die Tonspur. Gewitter krakeelt. Das Käuzchen ruft. Ersan Mondtag erhebt den Arm: Der arge deutsche Märchenwald erwacht und hat die Reihen fest geschlossen.

Existenzielle Erschütterung

von Martin Krumbholz

Köln, 15. November 2019. Regieanweisungen spielen selten eine so bemerkenswerte Rolle wie in Luk Percevals Inszenierung von Eugene O’Neills Meisterwerk "Eines langen Tages Reise in die Nacht". Sie sind ja fast so etwas wie ein Stück im Stück oder ein Roman im Stück, mit dem O’Neill die Atmosphäre im Haus der Schauspielerfamilie Tyrone und die Psychologie der fünf Personen akribisch umkreist – vom ewig tutenden Nebelhorn bis zu des jüngeren Sohn Edmunds Hustenanfällen. Percevals entscheidender Kunstgriff legt diesen Code in den Mund der Spielerin des Dienstmädchens Cathleen (Maria Shulga), die – ansonsten funktionslos – das trübe familiäre Geschehen beobachtet und scheinbar emotionslos kommentiert. Das epische und zugleich hyperrealistische Moment des Dramas findet so eine plausible, dabei beklemmende, fast gespenstische Entsprechung, noch subtil verstärkt durch den englischen Akzent der Spielerin.

Fahrt fatal

von Tilman Strasser

Köln, 7. November 2019. Schließlich schwankt der Horizont. Gerade hat der Präsident verkündet, dass das Schiff nicht in Kuba vor Anker gehen darf, mit weißem Hut und im schlimmsten Sinne staatsmännisch. Da kippt das bühnenbreite Bild von Meer und Himmel erst in die eine, dann in die andere, dann wieder in die eine Richtung, es knarzt entsetzlich dabei. Und die Passagiere, die bis dahin schier ununterbrochen gequatscht, gestammelt, gesungen, geschrien haben, starren auf eine Welt, die selbst seekrank geworden zu sein scheint: Die Ablehnung bedeutet nicht etwa nur, dass sie sich auf den langen Rückweg von Havanna nach Hamburg begeben müssen. Sondern direkt in den sicheren Tod.

Der tote Plattengott

von Dorothea Marcus

Köln, 25. Oktober 2019. Es ist das Blöde an 1200 Seiten Romantrilogie, dass sie, auf einen Theaterabend gebracht, zwangsläufig zu Vereinfachung führen. In der dritten deutschsprachigen Bühnenversion von Virginie Despentes' bösartigem wie scharfsichtigem Bestseller "Das Leben des Vernon Subutex 1-3" setzt Regisseur Moritz Sostmann diesem Allgemeinplatz sein erwachsenes Puppentheater entgegen – und die Kraft der Playlist, die im Leben des Ex-Plattenhändlers, lädierten Frauenhelden und lässigen Obdachlosen Vernon eine so große Rolle spielt (über 200 Titel verzeichnet sie auf Spotify). Mit einem schrillen Pfiff stürmen die Darsteller von den Seiteneingängen hinter den Breitwandkasten von Christian Beck und wiegen sich als scharfe Schattentheater-Umrisse lasziv zu düsteren Bässen. Vernon Subutex wirkt als Puppe wie ein Wiedergänger von Iggy Pop: blondierte Langhaarfrisur, gediegene Rockstar-Falten, Pilotenbrille. Sein menschliches Alter Ego Aram Tafreshian rattert in einem furiosen Schnorrer-Monolog durchs Publikum ("Haben Sie vielleicht mal ne Zigarette?") Vernons Abstieg herunter: Wohnungsrauswurf, sesshaft und illusionslos gewordene Freunde, Tod des berühmten Gönners Alexandre Bleach, Couchsurfing als verdeckte Obdachlosigkeit.

Die andere Vererbungslehre

von Andreas Wilink

Köln, 20. September 2019. Die Juden sind das Volk des Buches. Entsprechend wirkt das Buch in "Vögel" als Verführer. Sieben Schauspieler sitzen auf der Kölner Depot-Bühne gebeugt über Bücher: lesend, schlafend, vielleicht träumend, bis die Regie sie erweckt und zum Tanzen bringt. Eitan Zimmermann, Sohn des Israeli David und der ostdeutschen Psychiaterin Norah aus kommunistischem Berliner Elternhaus, forscht in den USA als Biogenetiker. In der New Yorker Universitätsbibliothek begegnet er der arabischstämmigen Wahida, deren Doktorarbeit sich mit einem vor 500 Jahren vermutlich nur äußerlich zum Christentum bekehrten Weisen, al-Hasan Ibn Mohamed al Wazzan, befasst, der Papst Leo X. als Geschenk überreicht worden war.

Etüde der Sinnzerstörung

von Gerhard Preußer

Köln, 22. Juni 2019. Sechs kleine künstliche Hamster drehen sich auf dem Modell einer Theaterbühne im Kreis, jeder in seiner geschlossenen Glaskugel. Nach draußen dringt nur das leise Klick-klick-klick der Mechanik. Hinter der Modellbühne ein umgestürzter Thespis-Karren, daneben ein Zirkuspferd im Jaguarfell, am Bühnenrand nur schwarze Raben. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler stehen auf der echten Bühne und mühen sich ab. Sie sprechen Worte, doch die kommen nicht an. Zu laut tönt die Musik aus den Boxen: Jacques Offenbachs Ouvertüren.

Unter Fleischergesellen

von Dorothea Marcus

Köln, 7. Juni 2019. Die Dokus zum D-Day tosen noch in den Ohren, da geht's noch einmal zurück, tiefer hinein in die Weltkriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mit Bertolt Brechts Fragment "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" setzt Oliver Frlijć beim ersten Weltkrieg an: Zwölf Feldbetten wachsen im Kölner Depot 2 aus schwarzer Erde, sieben versprengte Soldaten gießen den Boden, dazu läuft eine Abwandlung von Marlene Dietrichs Schlager "Sagt mir, wo die Männer sind".

Millionen rechts, Millionen links. Ein Vogelschiß!

von Dorothea Marcus

Köln, 24. Mai 2019. Da sitzt er, in einer Art gläsernem Wagenanhänger, Martin Reinke als abgehalfterter Kaiser Wilhelm II. in Pickelhaube und Uniform. Monoton leiert er seine Hunnenrede herunter. So fällt kaum auf, wie völkerrechtswidrig und brandschatzend seine Worte sind, eine Anleitung zum rücksichtslosen Rachefeldzug gegen China: "Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen". Obwohl anschließend eifrig von den Zeitgenossen relativiert, wurde das Zitat "Pardon wird nicht gegeben" zum Titel für Alfred Döblins ersten Exilroman, geschrieben mit 56 Jahren in Paris, erfolglos wie fast alle nach seinem Bestseller "Berlin Alexanderplatz“. In Deutschland erschien das Buch erst 1961, da war Döblin schon gestorben. Ins Theater gebracht wurde der Stoff erst jetzt, 2019  –  in einer Theaterfassung des österreichischen Schriftstellers petschinka, erstaufgeführt von Rafael Sanchez.

Kontrafaktur des Schreckens

von Gerhard Preußer

Köln, 12. April 2019. "Es ist an der Zeit, die Welt der Zivilisierten und ihr Licht aufzugeben." Auf Englisch bekommt man diesen Satz des Franzosen Georges Bataille von 1936 vorab serviert. Das ist’s, was die Inszenierung zeigen will, Menschen jenseits der Zivilisation. Als dunklen, schönen Schrecken, wie die Kunst es soll.

Man kann die Welt nicht durch Gräuel verschönern

von Gerhard Preußer

Köln, 15. März 2019. Die Kanaille ist eine Frau. Oder doch nicht? Sie heißt ja Franz. Ersan Mondtags Inszenierung von Schillers "Räubern" ist ein Geschlechterverwirrspiel. In dem Bruderzwist zwischen Karl Moor, dem idealistischen, wilden Räuber, und Franz Moor, dem materialistischen "kalten, trockenen Alltagsmenschen" sind alle Hauptrollen geschlechterverkehrt besetzt.

Versäumnisse verhandeln

von Tilman Strasser

Köln, 9. März 2019. "Sie haben gesagt, dass diese Christen jetzt auch Menschen sind und deswegen haben sie Rechte, so wie die Weißen auch. 25 Jahre hat es gedauert. Sie haben sie geknechtet, sie haben sie gefoltert, sie haben sie ermordet. Und jetzt werden sie geschützt“, klagt Yuri Englert. Währenddessen schlurft Schauspiel-Kollege Stefko Hanushevsky gebückt über ein Plateau, im Arm ein Bündel Holzkreuze. Weil es um die Schrecken der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia geht, tragen beide weiße Masken. Und weil es speziell um die Rolle der Rheinischen Missionsgesellschaft geht, tragen sie auch weiße Gewänder, irgendwo zwischen Mönchskutte und Ku-Klux-Klan. Das Licht fällt durch sakrale Buntglasfenster (mit stilisiertem Auge), letzte Schwaden der Nebelmaschine wabern umher und Hanushevsky steckt die Kreuze in den Boden, behutsam, als pflanze er eine empfindliche Sorte Tod. "Wenn man August Bebels Reichstagsreden liest, dann ist da die klare Ansage, so geht es nicht, das ist eine unchristliche Kriegsführung", klagt Englert weiter, "das ist das Vorgehen eines Metzgergesellen".

Fiebertraum Pubertät

von Tilman Strasser

Köln, 26. Januar 2019. "Geh doch gleich auf'n Strich." – "Um dir dort zu begegnen? Nee, bestimmt nicht." Jetzt streiten sie schon wieder! Gerade noch drückte Elisabeth ihren Bruder Paul mit dem Hintern an die Wand – teils spielerisch, teils zärtlich, teils zur Demütigung. Und im nächsten Moment fliegen zwischen den beiden die Fetzen, sodass der treudoofe Gérard nur noch von einer zum anderen blicken kann. Gérard, ein Freund des Hauses, steht im Bademantel vor den Keifenden, inmitten von Gitarre und Schminkspiegel, Laken und Kissen und Teenie-Postern. Eben noch war er hier Teil einer intim-skurrilen Pyjama-Party. Jetzt muss er einsehen, dass ihm die Welt dieser Geschwister in ihrer bizarren Logik ewig verschlossen bleiben wird.

Das Gespenst der Freiheit

von Andreas Wilink

Köln, 18. Januar 2019. Ein mythisches Grundmuster scheint in "Rückkehr nach Reims" durch: Auszug und Wiederkunft des Heros / Sohnes, verbunden mit einer realen bzw. symbolischen Vatertötung. Parallel untersucht der Soziologe Didier Eribon das neoliberale System unserer defekt gewordenen Demokratien. Noch einmal erlebt die (französische) Gesellschaft das Scheitern der Aufklärung und die Opferung des Einzelnen bzw. der Beherrschten im Namen des etatistischen Prinzips.

Skifoan!

von Cornelia Fiedler

Köln, 21. Dezember 2018. Es gibt ein paar einfache Regeln: keine Privatsender hören, Kaufhäuser meiden, so oft wie möglich Kopfhörer tragen. Ja, es hätte dieses Jahr wirklich funktionieren können, durch die Adventszeit zu kommen, ohne ein einziges Mal Last Christmas zu hören, den ewigen Weihnachts-Wiedergänger von Wham!. Doch dann passiert es am gefühlt sichersten Ort überhaupt, im Theater! Im letzten Drittel einer Jelinek-Uraufführung! Danke Schauspiel Köln.

Worte, Worte, wohin mit euch allen

Von Gerhard Preußer

Köln, 23. November 2018. Arnolt Bronnens "Rheinische Rebellen", 1925 uraufgeführt, ist heute ein vergessenes Stück. Frank Castorf hat es einst 1992 ausgegraben und eine Inszenierung hingerotzt mit allerlei Anspielungen auf damals aktuelle deutsch-deutsche Verhängnisse. Es nun, 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im Rheinland wieder auf die Bühne zu bringen, rechtfertigt sich durch Ort und Zeit. Doch durch was noch?

Immer geraden Fußes auftreten!

von Dorothea Marcus

Köln, 1. November 2018. Es ist ein Wiedersehen, man kennt es, aber wie seltsam, es ist nicht Berlin. Eine wunderschöne, nebelumdampfte russische Datscha hat Aleksandar Denić ins Kölner Depot I gebaut, grün angelaufen sind die pittoresken Zierfriese, innen erahnt man: Samoware, Silberbecher, Mustersofas. Daneben – in Ermangelung einer Drehbühne – steht eine Trinkhalle mit Billardtisch, es blinkt russische Pepsi-Werbung, davor steht auf kyrillischen Buchstaben "Autobus", dazwischen ein Lada mit Boot darauf – und natürlich eine riesige Leinwand, auf der die Bühnenteile zu Filmlandschaften zusammenlaufen.

Erlösung? Niemals

von Cornelia Fiedler

Köln, 26. Oktober 2018. "Wir wollen doch lieber bei unserer guten deutschen Wahrheit bleiben. Und dieser Krieg ist doch nur ein Vogelschiss in unserer eintausendjährigen deutschen Geschichte". Das dummdreiste Gaulandisieren steht dem "Oberst, der sehr lustig ist" aus Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" ganz hervorragend. Es stärkt sogar dessen Argumentation: Wie hätte man schließlich während eines kurzen Vogelschisses groß Schuld auf sich laden können, als Wehrmachtssoldat?

Luft raus

von Cornelia Fiedler

Köln, 6. Oktober 2018. "Error 404" lautet das Schlusswort. Aus tausenden von LEDs leuchtet diese Null-Information auf die verwaiste Bühne des Schauspiel Köln herab, und auf die drei Frauen ganz vorn am Bühnenrand. 404, das ist der Klassiker unter den HTTP-Codes im Netz und heißt, 'Ja, die Anfrage' – in diesem Fall der finale Stoßseufzer von Olga, der ältesten der "Drei Schwestern" – 'ist beim Server angekommen'. Und: 'Nein, das passende Dokument' – sprich die Antwort auf die Frage "wofür wir leben, wofür wir leiden" – 'konnte nicht gefunden werden'. Damit ist die größtmögliche Reduktion von Text und Handlung erreicht, eine Reduktion, auf die die Inszenierung von Regisseurin Pınar Karabulut konsequent zusteuerte.

An der Wasserfront

von Andreas Wilink

Köln, 15. September 2018. "Teufelslachen" bescheinigte Daniel Kehlmann in der Dankesrede zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises vor zwei Wochen in Berlin seiner Romanfigur. Das diabolische unterscheide sich, nach einer Definition von Milan Kundera, vom Lachen der Engel dadurch, dass mit ihm ein "kompromissloser Blick" auf die Welt, wie sie ist, und "die Kraft der Unversöhnlichkeit" Ausdruck fände. Da hört der Spaß auf – oder fängt gerade erst an.

Ich bin ein Mensch, holt mich hier raus!

von Martin Krumbholz

Köln, 8. Juni 2018. Die staunenswert lebensechte, vergrößerte Nachbildung des Schauspielers Bruno Cathomas, die da am Boden des Depots liegt, schläft nicht. Sie blickt uns an. Die beiden Schauspieler, die auf der Figur liegen, Kate Strong und Bruno Cathomas, schlafen. Sie wirken winzig auf dem massigen Leib der Cathomas-Figur, wie Zwerge oder Püppchen. Der Riese sieht uns den ganzen Abend aus großen Augen an, und man wartet eigentlich darauf, dass er aufsteht und mitspielt. Denn ehrlich gesagt, zuzutrauen wäre so etwas dem Wunderkind Ersan Mondtag ohne weiteres. Beweis: Wenn man ganz genau hinschaut, wird man gegen Ende der Vorstellung bemerken, dass eine der blond-weißen Skulpturen in ihrer Vitrine hinten auf der Bühne sich kurz bewegt und ihre Position verändert, bevor sie wieder erstarrt. Im Mondtag-Theater ist alles möglich, das Tote lebt und das Lebende ist, naja, scheintot.

Angstfrei gegen den Schaufelradbagger

von Cornelia Fiedler

Köln, 30. Mai 2018. "Garantiert ritterliches Mittelmaß in garantiert angstfreier Atmosphäre", verspricht Stefko Hanushevsky mit gewinnendem Lächeln demjenigen, der ihm, dem Ritter Don Quijote, als Knappe dienen will. Einen "angstfreien Raum" versprach auch Stefan Bachmann zu Beginn seiner Intendanz in Köln 2013.

Marx reloaded

von Tilman Strasser

Köln, 4. Mai 2018. Marx hat Geburtstag, und er kriegt einen Kuchen. Keinen großen allerdings: Oleg Zhukov, mit weißer Wirrschopfperücke und Rauschebartbügeln, muss sich mit ziemlich mickrigem Gebäck zufriedengeben. Zwar wird der Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Staatswissenschaftler, Religionskritiker und Protagonist der Arbeiterbewegung 200 Jahre alt – aber das lässt ihn eben auch ganz schön angestaubt wirken. Dann allerdings kommandiert Ines Marie Westernströer in Richtung Technik: "Micha, mach mal Licht aus!" Und in der folgenden Dunkelheit leuchtet über den Geburtstagskerzen einzig das ikonische Antlitz des Jubilars.

Gespenstersonate

von Martin Krumbholz

Köln, 22. März 2018. In Georg Büchner, dem Dichter und Menschen, liegen zwei Tendenzen im Wettstreit: Fatalismus und Revolte. Man kann es auch Freiheit des Willens und Determinismus nennen. Das Faszinierende, aber auch Beunruhigende ist, dass Büchner diesen Kampf bis zu seinem Tod nicht entschieden hat. Der vielzitierte Fatalismusbrief auf der einen Seite, der "Hessische Landbote" auf der anderen. Der Wille zum Aufruhr, zum Widerstand gegen die schlimmen Verhältnisse nur ein paar Jahrzehnte nach der Französischen Revolution ist da, aber in der Dramaturgie der Texte, der drei Dramen und der einen Novelle, überwiegen überraschend deutlich Verzweiflung und Resignation.