Der Teddy aus dem Schnürboden

von Thomas Rothschild

Karslruhe, 21. November 2013. In dem Vorspiel, das mit lähmender Einfallslosigkeit das einstige Öffnen des Vorhangs ersetzt hat wie zuvor die Medias-in-res-Szene den Vorspann im Film, sieht man wiederholt einen Bowlingball über die Hinterbühne rollen, der lebende Pins zum Umfallen bringt. Später setzt sich einer dieser menschlichen Kegel an die Rampe und klimpert auf der Gitarre. Mittlerweile senkt sich aus dem Schnürboden mit herabhängenden Armen, Beinen und Kopf eine Dame mit Pelzstola und Diamantenkrone (es kann auch Strass sein) auf die Bühne des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe. Es ist Blanche DuBois, die bekannte halbhysterische Realitätsverweigerin aus Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" von 1947, oder vielmehr die Schauspielerin Ute Baggeröhr, die in den folgenden zweieinhalb Stunden im Zentrum dieses so außerordentlich erfolgreichen Psychodramas steht.

Die Erben der Tafelrunde

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 6. Juni 2013. Die Ritter der Tafelrunde und ihre Frauen sind Spießer, die in einem schäbigen Wohnwagen hausen. Zwischen bunten Fähnchen baumelt eine ihrer Feinripp-Unterhosen auf der Leine. Und auch ihre Utopien zerplatzen. König Artus' Visionen von einer besseren Welt zerfallen in einem Europa, dessen Demokratien brüchig geworden sind - auch das spricht aus der Inszenierung des jungen ungarischen Regisseur Csaba Polgár, der Tankred Dorsts schwerblütiges Menschheitsdrama "Merlin oder das wüste Land" zum Auftakt des Festival Premières frisch und ziemlich direkt liest.

These, Szene, Song

von Steffen Becker

Karlsruhe, 24. April 2013. Das Lied kommt gar nicht vor, obwohl man es im Studio des Karlsruher Staatstheaters ständig im Ohr hat. "Männer sind furchtbar stark (...) Männer sind so verletzlich", singt Herbert Grönemeyer also nicht. Doch genau das ist das Thema von Klaus Theweleits Soziologieklassiker "Männerphantasien". Regisseur Patrick Wengenroth hat die beiden Bände für die Reihe "philosophisches Theater" eingedampft. Als Einmarschmusik hat er sich für "I am a loser baby, so why don't you kill me?" von Beck entschieden und lässt seinen Klaus (gespielt von Klaus Cofalka-Adami) proklamieren, dass dies ein Abend für Frauen und Männer, ausschließlich über Männer sei.

Müdigkeit hält in Bewegung

von Steffen Becker

Karlsruhe, 2. März 2013. Der Beruf eines Nachtkritikers ist der Inbegriff einer neoliberalen Tätigkeit. Eine Arbeit, für die man sich gerne selbst ausbeutet, weil sie einem das Gefühl von Freiheit und Initiative verleiht. Im besten Falle erzeugt sie die Befriedigung, kluge Gedanken schon formuliert zu haben, bevor die Kollegen von den Printmedien überhaupt die Chance hatten, sie schreibend zu entwickeln. Dieses "Ich kann" ist nach Meinung des Philosophen Byung-Chul Han der innere Zwang, der uns effektiver in den Burn-Out treibt als die äußere Kraft von Anordnungen. So liegt man denn auf einer Matratze im Studio des Staatstheaters Karlsruhe, hört drei Schauspielern zu, wie sie Hans Essay über die Müdigkeitsgesellschaft bearbeiten und fühlt sich ertappt.

Über den roten Teppich nach Korinth

von Georg Patzer

Berlin, 24. Januar 2013. Eigentlich ist Medea eine der schönsten Frauenrollen in der Theatergeschichte, eine Zauberin und Barbarin, verliebt sich in ihren Feind, hilft ihm, den kostbarsten Besitz ihres Vaters zu stehlen, folgt ihm in die Fremde. Bringt ihren Schwiegervater um und sogar lieber ihre Kinder, als dass sie sie im Haus der barbarischen Griechen lässt. Eine vielschichtige, in viele Richtungen deutbare Rolle, psychologisch, mythologisch, soziologisch: Denn Medea ist eine verlassene Ehefrau, eine enttäuschte Geliebte, eine Verbannte in einem fremden Land, eine Nicht-Dazugehörige.

Die Angst des Reihenhäuslers vor dem biografischen Abgrund

von Dennis Baranski

Karlsruhe, 3. Oktober 2012. Zugegeben, in Theatertexten thematisierte Ideenlosigkeit war noch nie die allerbeste Grundlage für einen spannenden Abend. Diesem Umstand zum Trotz, begegnet sie uns dennoch immer wieder gerne, und manchmal – wenngleich selten – gelingt es dem (fiktionalen) Unkreativen tatsächlich, versprengte Gedankenfetzen, ziellose Assoziationsreihen oder stumpfe Alltagsbetrachtungen in eine bewegende Geschichte zu fügen. Falk Richters "My Secret Garden" ist ein solches Stück. Seine "Autofiktion", Autobiografisches also, das in dieser Form freilich niemals stattgefunden hat, entstand aus Tagebuchnotizen und Erinnertem für das Festival d'Avignon 2010 und wurde nun von Pedro Martins Beja als deutschsprachige Erstaufführung auf die Studiobühne des Staatstheaters Karlsruhe gebracht.

altDie angetippte Fremdheit

von Georg Patzer

Karlsruhe, 30. Juni 2012. Es passiert ja nicht gerade oft, dass sich das Publikum im Karlsruher Staatsschauspiel auch einmal äußert. Gestern aber rutschte einem Herrn doch mal etwas heraus: "Ihr seid albern", sagte er ziemlich laut.

altAuf der Suche nach Liebe und dem eigenen Leben

von Hartmut Krug

Recklinghausen, 20. Mai 2012. Ein Junge, im Rucksack ein Album mit Jugendfotos und im Herzen die Sehnsucht nach (Er-)Kenntnis, taucht bei seinem Großvater auf. Der wehrt ihn zuerst ab, gibt dann aber indirekt zu, sein Großvater zu sein, und die beiden kommen sich näher. Das ist die eine Erzählebene in Marianna Salzmanns "Muttermale Fenster Blau". Die zweite legt eine Erinnerungsspur, so vage wie deutlich: Ein alter Mann und eine junge Frau in Beziehungsgesprächen. Er vorsichtig sehnsüchtig, zurückhaltend, sie zupackender, aber ebenso unsicher. Die Annoncen eintreibende PR-Beraterin und der mittellose Maler werden nicht nur ein Paar, sondern scheinen auch Vater und Tochter.

Vom Winde belebt

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 22. Januar 2012. Das Jaunfeld, jenes Gebiet der Kärtner Slowenen, aus dem Peter Handkes Familie stammt, ist für den Autor mehr als ein Landstrich. Ein Ursprung, ein Fluchtpunkt, ein mythischer Ort. Ein Raum, in dem für kurze Zeit eine Geschichtsutopie aufschien: der kollektive Widerstand einer ganzen Volksgruppe gegen das Nazi-Regime. Hier lässt Handke seine Vorfahren wieder lebendig werden, "auftanzen", wie er es nennt. "Immer noch Sturm" heißt dieser in Salzburg 2011 uraufgeführte Text, in dem der Autor Ahnenbeschwörung betreibt – Ich-Suche und Weltgeschichte greifen ineinander.

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Zwanzig Beamer und kein Schwert

von Georg Patzer

Karlsruhe, 10. Dezember 2011. "Helden" ist das Spielzeitmotto des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe. Fiesco war schon dran (Schiller), Major Tellheim (Lessing), der urdeutsche Hermann (Kleist), Theodor von Gothland (Grabbe). Jetzt Prinz Philotas (noch einmal Lessing): begierig in den Krieg gezogen, aus jugendlichem Überschwang zu weit nach vorne gestürmt und gleich vom Feind gefangen genommen. Ein wenig Glück hat Philotas allerdings, denn zur gleichen Zeit ist Polytimet, der Sohn des Gegners Aridäus, von Philotas' Vater gefangen genommen worden. Da könnte man sie doch schön austauschen. Und dann weiterkämpfen.

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Die Stunde der Komödianten

von Harald Raab

Karlsruhe, 9. Oktober 2011. Leichte Schläge auf den Hinterkopf sollen ja das Denkvermögen befördern – im vorliegenden Fall: alles völlig ungefährlich, da mit der Narrenpritsche ausgeteilt. Wolfram Lotz ist der tolldreiste Held, das Schlaginstrument sein mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnetes Stück "Der große Marsch". Und weil die Groteske allein nicht ausreicht, die Fiktion über die Wirklichkeit ins Recht zu setzen, musste das verehrte Publikum gleich dazu noch Lessings "Minna von Barnhelm" absolvieren. Theaterlehrstunde im Doppelpack? Das auch, aber vor allem ein spannender, umwerfend unterhaltsam-pointenreicher und obendrein auch geistreicher Abend.

Heinrich, uns graut vor Dir!

von Harald Raab

Karlsruhe, 20. März 2010. Den "Faust" vom Kopf auf die Füße zu stellen, aus dem deutschesten der deutschen Helden des Fortschrittsglaubens den kläglich scheiternden wirtschaftlichen Global Player zu machen: Das ist allemal eines Versuchs wert. Dazu muss man nicht einmal Goethe, den Dichterfürsten, respektlos gegen den Strich bürsten. Der Stoff gibt es her: Das jedenfalls beweist das Schauspiel des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Auf 200 Minuten eingedampft, werden Faust I und Faust II danach abgeklopft, was Goethe uns über die selbst verschuldete Tragödie des Menschen in der Moderne zu erzählen hat.

Der Weltgeist fährt Achterbahn

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 21. Januar 2010. Geladene Gäste, gebildete Gespräche. Ein bluffbegabter Künstler schwadroniert über Postmarxismus. Die Gastgeberin wird sauer: "Wir haben noch nicht einmal angefangen, den Kartoffelsalat zu essen." Genau da spielt sich das neue Stück des argentinischen Allrounders Rafael Spregelburd ab: im dehnbaren Raum zwischen Zeitkritik und Telenovela, zwischen Postmarxismus und Kartoffelsalat.

Nimm den Blätterhaufen vom Kopf

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 26. November 2009. Das also soll er sein, Dionysos, Sohn des Zeus, Gott des Weins und der Ekstase, Guru einer blutgierigen Sekte, Aufwiegler der Frauen. In Karlsruhe ist er eine Art Horror-Hexer. Ein Mann in gelber Latexhaut. Einer, der "aus dem alten goldenen Asien" nach Theben heimgekehrt ist und sich seine Gummimaske nun vom Leib reißen kann. Doch was zum Vorschein kommt, ist wieder nur Verkleidung.

Zerklüftete Ich-Landschaften

von Sibylle Orgeldinger

Karlsruhe, 1. Oktober 2009. "Um 4 Uhr 48, wenn die Klarheit vorbeischaut für eine Stunde und zwölf Minuten, bin ich ganz bei Vernunft." Die frühen Morgenstunden sind die Zeit, in der die Wirkung sedierender Medikamente nachlässt, in der das Grübeln einsetzt und die Verzweiflung durchbricht. In den frühen Morgenstunden des 20. Februar 1999 nahm sich die britische Dramatikerin Sarah Kane das Leben. Wenige Tage zuvor hatte sie ihrem Verleger das Manuskript ihres letzten Stücks übergeben: "4.48 Psychose".

In die kaputte Tüte pusten

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 19. Februar 2009. Panzerlärm, MG-Feuer, Explosionen, Kontrollpunkte, Menschenschlangen – das alles steht in den Szenenanweisungen. In seinem 2008 uraufgeführten Erstlingsstück "Betrayed" (Verraten) skizziert der US-Reporter George Packer die Situation im Irak mit quasi journalistischen Mitteln. Grundlage sind gesammelte Interviews mit Irakern. Gespräche, die Packer leicht fiktionalisiert und, angereichert mit Einschätzungen zur Situation des Landes, zu einem Polit-Drama in 25 Szenen verknüpft.

Woanders ist es genauso

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 22. Januar 2009. Manchmal ist Nacht. Nur noch der geöffnete Kühlschrank leuchtet und sendet ein bisschen heimelige Wärme in die trostlose Welt. Denn die kennt in der Karlsruher Inszenierung von Edward Bonds "Gerettet" letztlich nur Gewalt, Gebrüll und lähmende Sprachlosigkeit. Bonds Verrohungsstudie von 1965 scheint wieder zum gefragten Zeitstück zu avancieren. Ganz klar, die Schlüsselszene – ein kollektiver Kindsmord – ist verantwortlich dafür. Und damit ein Thema, das in Schlagzeilen, Nachrichten und Talkshows unter höchster öffentlicher Aufmerksamkeit steht.

Beglückende Leere zwischen den Bonmots

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 20. November 2008. Erst kreist das Gespräch – ein Sechs-Personen-Abendessen beim Firmenchef – noch vorsichtig um Pinienkerne, um Kunst und die Sehnsucht nach dem Unerwarteten. 90 Minuten später hat sich die Konversation zur handfesten Schlägerei entwickelt. Michael und Kai, zwei Konkurrenten um den Chefposten in der Firma, prügeln sich blutig, der eine tunkt des anderen Kopf ins Klo. Später wird der Gastgeber, der noch amtierende Firmenboss, bedauern, dass der Abend "ein bisschen aus dem Leim ging".

Handke im Jogging-Schritt

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 4. Oktober 2008. Von wegen "Plateau mittenhinten im hintersten Kontinent, probenhell, leer, still": Die Bühne im Badischen Staatsschauspiel ist bis unters Dach zugerümpelt. Sie gleicht einem vollgepropften Memento-Raum für ausrangierte Mammutrequisiten – ein Flugzeug neben einer antiken Säule, ein Auto neben einer weißen Goethezeit-Riesengipsbüste, ein Dixiklo unter einer venezianischen Gondel. Keine kontemplative Ödnis, statt dessen eine Bühne überquellend voll mit optisch opulentem Hochbedeutungs-Müll.

Zweifelhafte Rechtsstaatlichkeit

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 12. April 2008. Die "Orestie", gern als Gründungsmythos der Demokratie zelebriert, hat heute ein Problem. Es ist der dritte Teil, das Eumeniden-Finale: Vom Sieg der Zivilisation über die Blutrache ist da die Rede, von der Einführung des Rechtsstaats, vom Ende des Kreislaufs der Gewalt. Von dieser euphorischen Sicht, die Aischylos 458 v. Chr. notiert hat, ist heute, rund 2500 Jahre später, wenig übrig geblieben. In neueren Aufführungen gleicht der "Orestie"-Schluss einer Dauerbaustelle – kaum eine Inszenierung, die dem gelackten Gründungsmythos nicht kräftige Kratzer verpasst.

Eine Höllenwanderung

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 26. Januar 2008. Manche Stücke brauchen ihre Zeit. Peter Weiss’ "Ermittlung", jenes Dokumentar-Oratorium über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, gehört seit der spektakulären Uraufführung 1965 (an 16 Bühnen) zum Kanon des politischen Theaters. Nicht so "Inferno" (1964), ein weiterer Teil seiner damals geplanten Trilogie – Weiss plante eine moderne "Divina Commedia", eine Weiterschreibung des Dante-Werks angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Heldenhaft sterben fürs ökonomische Gemeinwohl

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 28. November 2007. Wie bei einer Tagung: Jeder Theaterbesucher bekommt ein "Gast"-Schild zum Anstecken. Man sitzt in kommunikativer Karree-Anordnung. An jedem Platz: ein Mineralwasser und eine Broschüre des Sozialministeriums "Mehr Ältere, weniger Junge." Ein Symposium? Offenbar, denn von einem solchen handelt Carl-Henning Wijkmarks "Der moderne Tod".

Der kränkelnde Dickdarm der Gesellschaft

von Tomo Mirko Pavlovic

Karlsruhe, 1. April 2007. Die Hoffnung stirbt zuallererst. Diese Hände aber auch! Sie sind jederzeit überall. Im wirren Haar. An pochenden Schläfen. Auf glitschigen Whiskyflaschen. Sie spielen ihr virtuoses schweißnasses Neurosenspiel, ein zappeliges Schau-hin-Spiel zu zehn Händen, unentwegt zitternd, schlagend, angreifend, als wollten sie von ihren heillos schwadronierenden Besitzerkörpern ablenken. Sie sind die stummen, von einem seltsamen Eigenleben beseelten Verräter, Verstärker und Vervielfacher einer Rhetorik des Vorwurfs in Eugene O'Neills Stück "Eines langen Tages Reise in die Nacht", das nun im Badischen Staatstheater in der Inszenierung von Donald Berkenhoff Premiere feierte.

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Nur ein wenig Blut aus dem Eimer

von Georg Patzer

Karlsruhe, 24. November 2011. Was tun mit dem Pathos bei Schiller? Ihn modern spielen? Seine hohe, manchmal hochgedrehte Sprache überspielen oder lieber reduzieren? Auch Felix Rothenhäusler versucht, Schillers "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" das Pathos auszutreiben. Von Anfang an: Auf der rohen, fast leeren Bühne steht eine große Holzbühne mit 22 Stelzen, fünf purpurroten Vorhängen hintereinander und zwei aufgemalten Säulen.