Zickenkrieg mit Flüchtling

von Henryk Goldberg

Meiningen, 13. Dezember 2018. Spiegelglatt, laborrein die gelbe Fläche, Lamellen die Wände, kühl und praktisch. Im Dunkel flimmern Lichtpunkte, ein Kosmos. Dann kommen sie, deren Kosmos das ist. Drehen Runde um Runde, ein lebendes Laufrad. "Hier sind WIR, Wir sind viele …" Die sind das Volk. Die sind auch: Barbara und Mario. Die Fläche, auf der sie stehen, neigt sich, wippt: Aha, sie stehen auf schwankendem Grund. Dann die neuen Nachbarn. Prosecco und Rose, und vom unentkalkten Wasser bekommen die Babys einen Seifenstuhlgang. Paul ist eine arme Sau und Linda eine dumme Zicke, sie führt sich auf, als würden sie die Schweine beißen. Und kein Aas weiß warum.

Die Liebe in Zeiten der Empörung

von Matthias Schmidt

Meiningen, 14. Juni 2018. Wie nennt man es eigentlich, wenn man mitten im Klatschen bemerkt, dass man es gerade besser nicht tun sollte? So geschehen am Ende der Performance "On the Edge", einer Koproduktion des Landestheaters Eisenach mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, die gestern in Meiningen ihre zweite Premiere hatte. Es wird getanzt und das Publikum zum Mitklatschen animiert. "Blas mir die Sorgen weg", singen sie, und man denkt, kein Problem, böhmische Blasmusik auf dem Theater, das kann nur Ironie sein. Ein Klamauk, bei dem es über Tische und Bänke geht. Unter dem Tisch aber findet eine Vergewaltigung statt. Alle können es sehen. Man kann aber auch wegschauen. Und weiter rhythmisch klatschen. Erwischt!

In der Leere

von Henryk Goldberg

Meiningen, 8. März 2018. Alles ist da, wie später immer alle da sein werden. Die Bäumchen, das Bett mit dem roten Laken, Hammer & Sichel darauf, die Schreibtische mit den Maschinen, der Billardtisch, der Kühlschrank, der rote Stern, ein hölzerner Wachturm, so standen sie an den Grenzen und den Lagern. Der Lautsprecher kündet das Manifest dazu und die berühmte Feuerbachthese von den Philosophen, die die Welt nur interpretiert hätten, wo es doch darauf ankomme, sie zu verändern. Es ist beinahe gerümpelig, was Christian R. Müller da gebaut hat, eine Kammer voll Erinnerungsgerümpel. Es ist genau der rechte Raum für dieses Stück, denn da gehört es hin: in die Rumpelkammer der verschlissenen Kostbarkeiten, dort, wohin die Ideologien entsorgt wurden. Und draußen vor der Tür dieser Deponie historischer Altlasten leben nun wir, entspannt, fröhlich und leer.

Kotzen und grübeln

von Henryk Goldberg

Meiningen, 13. April 2017. Gleich wird er kotzen. Und wenn er riecht, wie er aussieht, dann stinkt er zum Himmel. Selbst wenn er sich nicht in die Hose gemacht haben sollte, worauf es aber vermutlich nicht mehr ankäme. Dann kriecht, windet, wühlt er sich die Treppe runter, so wie ein Schwein aus dem Mist. Doch so besoffen ist kein Schwein. Nur ein russischer Trinker. Nur ein russischer Dichter wie Wenedikt Jerofejew.

Schlüsselfigur aller Zeiten

von Matthias Schmidt

Meiningen, 24. November 2016. Durch Euripides ist sie uns als die Kindsmörderin bekannt, seit Christa Wolf als eine Frau, die zum Opfer gemacht wurde, indem Mann sie zur Täterin machte. Und Heiner Müller sagte einmal auf die Frage, wer seine Medea sei, das könne jeder selbst entscheiden, "sie kann auch eine Türkin in der Bundesrepublik sein." Bei Patric Seibert, leitender Dramaturg am Südthüringischen Staatstheater in Meiningen und nun verantwortlich für eine neue Fassung des Stoffes, lebt Medea in einem Rot-Kreuz-Flüchtlingszelt. Ein Bild wie aus den Nachrichten. Ein Lager auf Lesbos? Die Frau aus Kolchis, die mit ihrem Mann Jason nach Korinth kam, eine Art Inbegriff der aktuellen Flüchtlingslage? So lässt sich, auf den ersten Blick, das ziemlich plakative Bühnenbild verstehen. Am Ende hat es sich als deutlich zu plakativ für das herausgestellt, was Seibert auf der Bühne der Meininger Kammerspiele aus zahlreichen Fassungen der "Medea" zusammengestellt hat. Seiberts neue "Medea" ist kluges Theater für den Kopf und eben kein plumpes politisches Aktualisieren einer irgendwie auf Heutiges passenden mythologischen Vorlage.

Wie die Welt verrohen kann

von Frauke Adrians

Meiningen, 27. November 2015. Das Meininger Theater hat seiner aktuellen Spielzeit das zeitlos verdienstvolle Motto "Nie wieder Krieg!" gegeben. In seiner Regiearbeit zum Thema klammert Intendant Ansgar Haag zwei Stücke zusammen: Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" mit der Schlacht von Fehrbellin, dem Gründungsmythos Preußens; und Borcherts "Draußen vor der Tür", da war Preußen endgültig untergegangen und verbrannt. Verbindendes hätten die beiden Stücke schon. Aber nicht gerade das, was die Meininger Theaterzeitung "Spektakel" behauptet: Hier ist von "den beiden Antikriegsdramen" die Rede. Für den "Prinzen von Homburg" kann man einige Etikettierungen finden, aber ein Antikriegsdrama ist er nun wirklich nicht. Und das ist wohl der Hauptgrund dafür, warum Kleists träumender Prinz und Borcherts traumatisierter Veteran Beckmann schlechter zueinander passen als Haag es gern hätte.

Heavy Metal am Burgunderhof

von Frauke Adrians

Meiningen, 11. September 2015. Die Herren Nibelungen stehen auf schwarzes Leder, Nieten und Tribe-Tattoos im Pikten-Stil, das Ganze bitte bauchfrei. Brunhild trägt superhohe Hochhackige und das rote Haar sorgfältig zerstrubbelt, Kriemhild dagegen setzt Maßstäbe mit einer total schrägen Hochsteckfrisur, und Dankwart, der sonst nicht viel zum Geschehen beizutragen hat, beeindruckt mit perfekt sitzendem Gel-Look, der auch Strömen von Blut standhält. Kein Zweifel: "Die Nibelungen" in Regie von Lars Wernecke am Meininger Theater sind die stylishsten seit Erfindung des Burgunderreiches. Ein Hoch auf die Kostümbildnerkünste von Helge Ullmann, die Frisuren- und die Make-Up-Abteilung.