Kampf auf verlorenem Posten

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 16. Januar 2020. "Bürger in das Schauspielhaus – schmeißt die fetten Bonzen raus", riefen wutentbrannte Demonstranten am 16. Januar 1970, während sich im Foyer des Düsseldorfer Schauspielhauses das Premierenpublikum tummelte. "Das Schauspielhaus gleicht einer Festung, hermetisch abgeriegelt durch Barrieren und fast 600 Polizisten", notierte die Düsseldorfer Stadtpost bei der Eröffnung des "riesigen eckenlosen Monumentalkunstwerks". Ganz ohne begleitende Demos erstrahlt es nun 50 Jahre später in neuem Glanz, auch wenn die Fassade zum Teil eingerüstet bleibt.

Die Sterntaler sind ausgezählt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Dezember 2019. Die Rosen sind geköpft. Die weißen und die roten. Es braucht in dieser von Tom Lanoye aus Shakespeares Heinrich-Dramen kondensierten Fassung – 20 Jahre nach seinem und Luk Percevals "Schlachten"-Gemälde – die Symbole nicht, die sich die Dynastien York und Lancaster anheften, um im 15. Jahrhundert die "Wars of the Roses" zu führen. Das Feld ohne Blumenschmuck ist erkennbar ein Todesacker, wie er sich erdig im Düsseldorfer Schauspielhaus ausbreitet. In dem geschwärzten Bühnenkasten hängt gewaltig schwer "die verdammte Krone" herab. Dem sich wetterwendisch drehenden, alles zermalmenden Eisenreif gilt das letzte Sterbenswörtchen der Königin Margaretha. Er lastet auf allen, die um ihn ringen. Bis auf einen – oder auf dem doch besonders.

Verstoß gegen die Gebote

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. November 2019. Du lieber Gott, was für ein Buch! In Harry Mulischs Roman wird von langer Hand in den ewigen Sphären die Heimholung der in Stein gesetzten Zehn Gebote aus ihrer irdischen bzw. römisch-katholischen Gefangenschaft vorbereitet. Dafür müssen der Himmel und seine ausführenden Organe Geschichte bewegen: schlimmste Geschichte, deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, die an ihrem finstersten Punkt in Auschwitz endet, dem anus mundi, wie der niederländische Jude Mulisch schreibt.

Die ewigen Gesetze der Unterdrückung

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 3. November 2019. In schwarzem Jumpsuit und Lackpumps stellt Claudia Hübbeckers Linda die neue Werbekampagne "Visibility" vor: Kosmetik zur Sichtbarmachung von Frauen ihres Alters, über 50-Jährige, die im öffentlichen Leben kaum noch vorkommen (geschweige denn im Theater). Fast eine Revolution also, wenn sich Linda nun der kosmetischen Ermächtigung dieser vergessenen Zielgruppe widmet. Wenn auch für sie selbst das Gesetz der weiblichen Alters-Unsichtbarkeit zunächst keineswegs gilt: Als "Senior Brand Managerin" von "Swan", einem der Marke "Dove" nachempfundenen Kosmetik-Konzern, ist sie die perfekte Verkörperung von Eleganz und Souveränität, eine energetisch-eloquente Über-Performerin. Oder, in ihren eigenen Worten: "preisgekrönte Geschäftsfrau, glücklich verheiratet, zwei hübsche Töchter, und ich passe immer noch in dasselbe Kleid wie vor 15 Jahren."

Dressurakte in Color

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 19. Oktober 2019. "Willkommen im Paradies." Jubelte vor 40 Jahren Benjamin Henrichs angesichts von "Death, Destruction & Detroit" und beschrieb den "Sieg des Theaters über die Schwerkraft". Das Werk eines Künstlers wie des 1941 in Texas geborenen, mithin bald 80-jährigen Robert Wilson, der unseren Blick auf die Bühne neu eingestellt hat, uns Sehen gelehrt und ebenso dafür gesorgt hat, dass uns Hören verging, steht immer als monumental Ganzes neben dem jüngst Entstandenen. Stellt das Aktuelle in den Schatten oder – nach Perspektivwechsel – in scharfes Licht. Wobei es schon ans Blasphemische grenzt, bei dem Lichtzauberer Wilson diese Metapher zu benutzen.

Einmal Siegerin der Geschichte sein

von Cornelia Fiedler

Düsseldorf, 22. September 2019. Zerstören, das ist die eine Option. Aufgeben, verschwinden, vielleicht sterben die andere. Charlie ist dreizehn Jahre alt und die Welt um sie herum geht rasant vor die Hunde: Ihre Mutter ist schwer alkoholabhängig und von psychischen Schüben gebeutelt, Europa steht kurz vor dem dritten Weltkrieg, die Straßen sind mit Tierkadavern gesäumt, eine Suizidwelle erfasst die Erwachsenen und selbst das ehemals gemäßigte Klima scheint aufzugeben, Stürme und Überschwemmung verwüsten das Land. Klingt düster, stimmt aber nicht. Im Angesicht der Katastrophe inszeniert Regisseur Simon Solberg seine Theateradaption von Helene Hegemanns "Bungalow" am Schauspiel Düsseldorf energisch, lebendig und stark auf Pointe und Effekt – zu stark.

Ein Albtraum-Spiel

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 25. Mai 2019. Wir sind ja nicht hier, um die Welt zu erklären, sagt so ungefähr Onkel Gustav Adolf in einer launigen Ansprache an seine große Familie, für derlei Exkursionen fehlt uns der Apparat! Hätte dieser Abend am Düsseldorfer Schauspielhaus die Welt erklärt, dann wäre unsere Welt eine Hölle. Allerdings eine Hölle, aus der man entkommen kann.

"Ich bin nicht Brad Pitt!"

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 18. Mai 2019. Vier Tribünen umgeben eine quadratische, etwa einen Meter hohe Plattform aus schwarz lackiertem Holz. Ein Ring für die Männer, die sich in Chuck Palahniuks Roman "Fight Club" in dunklen Kellern treffen und dort in enthemmten Zweikämpfen prügeln, bis einer aufgibt. Die Assoziation drängt sich beim Einlass auf. Das Publikum wird Teil dieser verschworenen Gemeinschaft frustrierter, zielloser junger und nicht mehr ganz so junger Menschen, die sich nur noch im archaischen Kampf Mann gegen Mann lebendig fühlt. Erst später, als Tyler Durden, dieser selbsternannte Prophet der Zerstörung, von den riesigen Scheiterhaufen spricht, auf denen die Leichen verbrannt wurden, bekommen die Raumsituation und Fabian Wendlings Bühnenarrangement noch eine zweite, viel bedrohlichere Dimension. Diese Holzkonstruktion ist Opferstätte und Scheiterhaufen in einem.

Diese Sprache stinkt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 18. April 2019. Wer ist der Clown? Ein Fremdkörper, sozial, biologisch, historisch unbestimmbar. Ästhetisch jedoch sehr wohl: Als Spielernatur geht er durch Zeiten und Geschlechter. Aus dem 'entweder oder' wird ein 'sowohl als auch'. Er kann männlich und weiblich sein, Protagonist und Antagonist, Gott und Teufel, Schelm und Terrorist, Raupe und Schmetterling, These und Antithese. Der Clown repräsentiert die Gegenwelt zu Norm und Gesetz. Er steht außerhalb und allein. Ein verlorener Junge – wie Martius Coriolanus, Patrizier, Feldherr, Triumphator, Rebell gegen seine Heimat Rom.

Emotional filetiert

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 9. März 2019. Arthur Millers "Ein Blick von der Brücke" erzählt die Tragödie eines Mannes, der nicht loslassen kann. Eddie Carbone, ein italoamerikanischer Hafenarbeiter in New York, lebt mit seiner Frau und seiner Nichte in Brooklyn (die Brücke, auf die der wunderschöne lyrische Titel des Stücks anspielt, ist die Brooklyn-Bridge). Als neue Einwanderer aus Sizilien eintreffen und bei den Carbones Unterschlupf finden, verliebt sich die Nichte Catherine in einen von ihnen. Was der Zuschauer nach und nach begreift: Eddie, der Hausherr, Patriarch und Protagonist, begehrt nicht seine Frau, sondern seine Nichte. An dieser Verstrickung entzündet sich ein inzestuöses, tödlich endendes Drama.

Zwei Seelen, ach was!

Von Cornelia Fiedler

Düsseldorf, 22. Februar 2019. Wenn am Ende eine blut- und kotbeschmierte nackte zittrige Gestalt auf dem Klodeckel kauert und mit entrücktem Blick vom Glück faselt, dann wird rückblickend die seltsame, leise, kindertheaterhafte Eingangsszene plötzlich richtig schön: Da heulte noch der Wind, da kroch der Nebel durch die Gasse, da kniete sich eine schräge Gestalt mit einem riesigen Plüsch-Hundekopf überm graukarierten Anzug langsam in den grauen Schnee. Da zog ein Straßenköter sterbend in leiser Weisheit Bilanz – und irgendwie fühlte sich das richtig an. Doch dann kam eine Wurst dazwischen, eine echte Krakauer, Speichelfluss setzte ein, die Lebensgeister erwachten und die tragische Groteske nahm ihren Lauf.

Blutkörper als Spielbälle

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Dezember 2018. Ein Königsdrama. Im doppelten Sinn, nicht allein mit Blick auf sein Figuren-Kabinett, auch als Gütesiegel. Würde man einen Konstruktionsplan dieses gewaltigen Stücks – ja, Weltgebäudes – zeichnen, würde sich ein so klar gegliedertes wie komplex gefügtes Gesamtbild ergeben. Ein Bild und eine Innenbeschau, über die der Autor präzise Auskunft zu geben wusste. Denn es gab Nachfragen. Friedrich Schiller beantwortete sie 1788 in zwölf Briefen. Ein Werkstattbericht aus seiner Gedankenfabrik: planvoll durchdacht, selbstkritisch, überlegen, kühn, jedes Argument und jede Gegenrede im Voraus erwogen. Man kann neidisch werden. Man muss bewundern.

Tschechow Stroganoff

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 10. November 2018. Vielleicht ist das alles nur ein großes Missverständnis. Vielleicht waren die Erwartungen angesichts des Ruhmes von Barbara Bürks und Clemens Sienknechts Trilogie zu berühmten Seitensprüngen der Weltliteratur schlicht zu groß. Vielleicht hängt es auch nur an Kleinigkeiten, die sich so oder so interpretieren lassen. Der erste Satz im Programmheft befeuert zumindest Hoffnungen: "'Wonkel Anja – Die Show!' ist eine Liebeserklärung." Liebeserklärungen sind in einem Theater, das sich gerne politisch und postdramatisch gibt, zu einer Seltenheit geworden. Sie erfordern eine hemmungslose Sentimentalität, die sich eher schlecht verträgt mit einem kunstvoll gebrochenen Blick auf Stücke wie auf die Wirklichkeit.

#MeToo, das Theaterstück

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 8. November 2018. Türen scheint es nicht zu geben in der graumelierten Box, in der Dorfrichter Adam tagt, nachdem eine böse Nacht hinter ihm liegt: Auf- und Abtritte der Parteien erfolgen auf allen Vieren durch die Unterbühne. Lediglich für den Supervisor, den Gerichtsrat Walter, öffnet sich eine Tapetentür samt Lichtschneise rechter Hand (Bühne: Valentin Baumeister). Adam steht da gerade halbnackt auf einer Leiter am Sicherungskasten, der weit oben angebracht ist; das Licht fällt hin und wieder aus, anders als "der Licht", der Schreiber nämlich, der, picobello gewandet und frisiert, stets zur Stelle ist und am Schluss, nach Adams Fall, folgerichtig dessen Nachfolge antreten wird.

Sehnsucht nach großem Kino

von Sascha Westphal

Düsseldof, 19. November 2018. Lucy, Benno und Jonas haben es geschafft. Das Abitur ist bestanden, teils mit Bravour, teils auch nur mit Ach und Krach. Aber das spielt an diesem Abend zumindest für die drei anders als für deren Eltern keine Rolle. Sie wollen einfach das Ende ihrer Schulzeit und damit den Beginn einer neuen Freiheit feiern. Fast wäre man nun versucht, einfach zu sagen, alles Weitere kennen Sie aus dem Kino.

Männer, rückt mal beiseite

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 12. Oktober 2018. Es ist ein starker Abend. Was man bei der Lektüre des Textes von Lot Vekemans nicht unbedingt erwartet hätte. Denn "Momentum" ist nicht frei von Schwächen – oder genauer gesagt, es hat eine offene Flanke. Das sind die Figuren: Meinrad Hofmann, Partei- und Regierungschef in einem ungenannten Land, der in eine Depression abgleitet. Ebba, seine Frau und "First Lady", immer selbstlos an der Seite ihres Gatten, und doch zugleich voller unausgeschöpfter Energien. Dieter, der "Spin-Doctor", eine Art Herbert Wehner: zweifellos trägt er den Dolch im Gewand. Ein junger Dichter, der sich selbst mit Pablo Neruda verwechselt. Und ein ungeborenes – besser: totgeborenes – Kind von Ebba, das nur mit seiner Mutter spricht und sonst von niemandem gesehen wird.

Raus hier, Sie transpirieren Bürgerlichkeit

Von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 14. September 2018. Plastikbahnen knattern im Wind. Vorne gähnt eine riesige Baugrube, darüber ragen die Baukräne in den Himmel. Seit Jahren wird das Düsseldorfer Schauspielhaus, der Prachtbau aus den frühen 60er Jahren, renoviert und ist noch lange nicht fertig. Aber immer wieder erobert Intendant Wilfried Schulz das Haus für einzelne Inszenierungen während der Bauzeit zurück. Wie jetzt zur Spielzeiteröffnung mit Vicki Baums "Menschen im Hotel". Hinein kommt man ins Theater nur durch den schmuddeligen Hintereingang. Aber drinnen ist alles in Ordnung. Man trifft sich wieder in Düsseldorfs guter Stube.

Im Mausoleum der Zukunft

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 12. Mai 2018. 1984 ist noch lange nicht vorbei. Orwells Roman von 1948 ist auch 2018 noch erschreckend aktuell. Armin Petras hat seine eigene Bühnenfassung geschrieben, in der Orwells Zukunftsvision zwar nicht unsere Gegenwart ist, aber unsre heutige Zukunftsfurcht. Da gibt es für Nachbarschaftshilfe zwei "likes" im Sozialkreditsystem. Man sorgt sich um seine "work-life-balance". Für die Jüngeren gibt es eine Grundration an Porno und Fitness, für die Älteren Handwerk und Naturrestauration. London ist heiß und ohne Winter, Tiere gibt es nur noch als künstliche Repliken. Nicht nur Romane werden maschinell gefertigt, sondern auch Träume. Big Brother ist wahrscheinlich nur noch ein Megacomputer, der alle Daten sammelt, um das Leben aller zu optimieren.

Seine Majestät, das Gossenkind

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 17. März 2018. Gibt es einen Ort für diesen irrsinnig hellsichtigen Menschen? Ist Caligula, die Denkmaschine in einem Ideen-Experiment, der junge Verführer zum Nichts auf den Gipfeln der Verzweiflung, der den Toten Verschworene, dingfest zu machen? Im Düsseldorfer Schauspiel-Central reihen sich auf Barbara Steiners Bühne Jahrmarktsbuden mit marktschreierischen Farben für billig antik gewandete Figuren und Scherzkekse im flachen Dialog-Sprech. Sie könnten in einem italienischen Fernsehstudio stehen: Toll trieben es die alten Römer.

Monstrum mit Gründen

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 17. Februar 2018. Vielleicht ist es richtig so. Den Ballast des Dramas um den verteufelten Juden erleichtern, der auf seinen Vertrag mit dem Christen pocht, den Schuldschein um 3000 Dukaten nur gegen ein Pfund Fleisch des Schuldners lösen will, der auf seinem Recht beharrt und dann im Tiefsten gedemütigt wird, während ihm Kind, Hab und Gut und sein Glaube genommen werden. Je weniger Wesen man davon macht, desto besser. Nur gerad' heraus und drauflos, wird schon schief gehen.

Engel und Außerirdische

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 3. Februar 2018. Der kaum enden wollende Schlussapplaus hat sich früh abgezeichnet. Schließlich wurde auch schon ein Großteil der Songs mit Szenenapplaus bedacht. Auf dieser Ebene ist die Gratwanderung perfekt gelungen. Das Düsseldorfer Ensemble und die Band fangen den Geist von David Bowies Songs aus mehr als vier Jahrzehnten so perfekt ein, dass Erinnerungen an die Originale immer mitschwingen. Aber zugleich gelingt es vor allem den drei Hauptakteuren Hans Petter Melø Dahl, Lieke Hoppe und André Kaczmarczyk den Liedern eine eigene Färbung zu geben. Anders als die Sängerinnen und Sänger der New Yorker Aufführung bemühen sie sich nicht, Bowies Interpretationen möglichst nahezukommen. Sie machen sie sich konsequent zu eigen und legen andere Schichten frei. Gleich der erste Song, Hans Petter Melø Dahls Version des Titelstücks "Lazarus", klingt etwa weit melancholischer und seelenwunder als David Bowies Aufnahme.

Wedekinderparty

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Dezember 2017. Fangen wir anders an. Nicht mit dem Naheliegenden wie am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo man Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" das Pubertier aufbindet. Dabei liegt ein anderer Gedankensprung nicht fern: zwischen der Friedhofsrede des sich selbst aus der Welt schießenden Moritz Stiefel und der namenlosen Künstlerfigur in Rainald Goetz’ "Jeff Koons", die von der Clubnacht müde und im Herzen wund, zeigt, dass Irre-Sein und Ekstase nur ein anderer Ausdruck sind für die Verführung zur Verneinung. Beide schürfen im "Bergwerk der Seele" (Goetz). Beide sind Untote eines Nachtgesangs. Nahezu ein Jahrhundert trennt die jeweils zeitdiagnostischen Stücke, die wiederum ihr erbitterter Humor eint. Eine Woche trennt die Inszenierungen beider Stücke am Düsseldorfer Schauspielhaus. So funktionieren dramaturgische Dialoge.

Pflaster auf die klaffenden Wunden der Welt

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 14. Oktober 2017. Fabian ist wie wir. Der Germanist will ein bisschen die Welt verbessern, hält sich aber gerne als Beobachter heraus. Ein scharfsichtiger Diagnostiker, der sich gerne in Frauengeschichten und ins Vergessen stürzt. Einer, der gerne gut handeln würde, aber nicht so recht weiß wie und sich dann doch lieber durch die Parties des 1920er-Jahre-Berlin treiben lässt. Wie soll man auch eingreifen, wenn es ohnehin in den Abgrund geht? Erich Kästners Roman "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" war schon, als er 1931 erschien, das treffende Porträt der untergehenden Weimarer Zeit – mehr als dreißigtausendmal verkaufte er sich, bis er einige Monate später öffentlich verbrannt wurde.

Good Girl Gone Bad

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 15. September 2017. Wie entsteht Gewalt? Sie wird gelernt, in der Familie. Beruht auf Missachtung, die es dort, aber auch in der Gesellschaft gibt. Gewalt hat vielfältige Ursachen und Formen. Analysieren kann man das soziologisch. Oder man kann es in einem Roman zeigen. Das hat Fatma Aydemir getan mit ihrem Erstling "Ellbogen", in dem sie die vielfältigen Ursachen von Gewalt zeigt und ihre Wirkung bündelt auf eine Figur: Hazal Akgündüz, ein junge Deutschtürkin auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Kühn ist das, weil Aydemirs Roman auf weibliche Jugendliche fokussiert, nicht auf junge migrantische Männer. Und weil nicht, wie sonst so oft, am Ende die Reue oder der Untergang steht, sondern die Scham. Scham ist die Krise des Selbstwertes, die Abwertung der eigenen Person. Sie ist Ursache von Gewalt und ihre Folge. So ist es bei Hazal. Die Dinge liegen nicht einfach.

So leicht verliert sich die Façon

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 10. Juni 2017. In seinen Erinnerungen "Zeitkurven" schreibt Arthur Miller über die Entstehung von "Hexenjagd", seinem Drama, das 1953 zeitbedingt auf Joseph McCarthys Tribunal und den hysterischen Exorzismus einer linken beziehungsweise kommunistischen 'Gefahr' in Hollywood und anderswo reagierte. Als der Autor im Hexenmuseum von Salem historische Lithographien von 1692 sah, auf denen bärtige Männer ihr Entsetzen angesichts satanischer Umtriebe und unnatürlicher Dinge bekunden, habe er "augenblicklich den Zusammenhang: die moralische Stärke der Juden und die Abwehr der Sippe gegen die Verunreinigung von außen" begriffen.