Arbeit, nichts als harte Arbeit

von Sascha Westphal

21. November 2019. "Kein Kunstzentrum hat uns je gefragt: 'Könnt ihr religiöse Kunst machen?'" Das ist erst einmal nur eine simple Feststellung, ein Zitat aus einem der über 80 Podcasts, die Kelly Copper und Pavol Liška unter dem Titel "OK Radio" von Juli 2012 bis Dezember 2013 mit Regisseur*innen und Choreograph*innen, Performer*innen und Künstler*innen, geführt haben. Doch selbst in der gedruckten Form schwingt in dieser Aussage noch ein deutlich vernehmbarer Unterton mit: Das Bedauern in Pavol Liškas Stimme ist zu hören.

Gedankenströme

von Falk Schreiber

7. Oktober 2019. Alte Theatermenschen kennen das noch: die Vorstellung, dass Schauspieler*innen bessere Requisiten seien, Material für die künstlerische Idee der Regie. Heute würde das kaum noch jemand so eindeutig sagen (gut, Ersan Mondtag vielleicht), aber im hierarchischen Staatstheaterbetrieb wird trotzdem fast nie die ästhetische Autorität der Regieposition in Frage gestellt.

In der Ideologiefalle

von Sophie Diesselhorst

4. September 2019. Astrid Lindgren. Während des zweiten Weltkriegs klebte die berühmte schwedische Kinderbuchautorin ausgeschnittene Zeitungsschlagzeilen in ihr Tagebuch und dichtete die Lebenswirklichkeit der von diesen Schlagzeilen Betroffenen hinzu. So kolportiert es Philipp Ruch, Gründer und künstlerischer Leiter der Aktionskunst-Gruppe Zentrum für politische Schönheit (ZPS), in seinem neuen (zweiten) Buch – und ist völlig begeistert. "Wir alle müssen" (wie Lindgren) "die Säuglinge sterben sehen", so Ruch auf den letzten Zeilen des Buches, dessen hitziger Ton zum Titel passt: "Schluss mit der Geduld".

"Er muss mir recht geraten"

von Georg Kasch

Berlin, 2. Juli 2019. Loben ist eine Kunst. Eltern wissen das. Kritiker*innen auch. Wer alles akklamiert, läuft Gefahr, die Maßstäbe zu verwischen, die Wertschätzung zu entwerten. Wer aber zu wenig lobt, zerstört. Wirklich? "Der Tadel meiner Mutter war der Kraftstoff, der meinen intellektuellen und emotionalen Motor speiste", schreibt C. Bernd Sucher in seiner Doppel(auto)biografie "Mamsi und ich". Klingt ja erst mal gut.

It's the economy, stupid!

von Falk Schreiber

29. Mai 2019. Ohne Superlative geht es nicht. Also wird Milo Rau im Klappentext des Bandes "Das geschichtliche Gefühl" mit hymnischen Pressezitaten gewürdigt, als "einflussreichster" (Die Zeit), "interessantester" (De Standaart) oder "ambitioniertester" (The Guardian) Theatermacher der Gegenwart. Was inhaltlich zwar wenig aussagt, aber zumindest klarstellt, dass Rau sehr international wahrgenommen wird, im durch Sprachgrenzen eingehegten Sprechtheater bis heute eher unüblich. Anders ausgedrückt: Ob Rau als Künstler nun wirklich interessant ist oder nicht, ist nicht das Thema, wichtig ist, dass man es hier mit einem prototypisch europäischen Künstler zu tun hat. Und die Tatsache, dass Rau aus der Schweiz stammt, einem Land, das schon immer über Sprachgrenzen hinwegdenken musste, ist für diese Einschätzung womöglich auch nicht irrelevant.

Eingequetscht im Tunnelblick

von Michael Wolf

12. Februar 2019. Eine Zeit lang erzählte Clemens J. Setz jedem, der es hören wollte, Zahlen stellten sich ihm farbig dar. Die Drei sei grün, die Sieben transparent gelb. In seinem Buch "Bot" gestand er: "Ich bin ein Synästhet, der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt." Es fiele leicht, hierin nur die Bemühung zu erkennen, als bunter Hund des Literaturbetriebs zu reüssieren. Der Erfolg des Sechsunddreißigjährigen ist nicht ohne das schillernde Bild zu denken, das er dem Feuilleton gern zum Ausmalen überlässt.

"Ich bin ein Anderer in mir, den muss ich fragen"

von Andreas Wilink

Einar Schleef, geb. 17. Januar 1944 in Sangerhausen, gest. 21. Juli 2001 in Berlin. Frühe Erfahrungen waren der Arbeiteraufstand 1953, die Flucht seines älteren Bruders aus der DDR, die eigene Sprachhemmung, zwei lange Krankenhausaufenthalte wegen Tuberkulose und nach einem schweren Unfall sowie die durch ihn vereitelte Flucht der Eltern kurz vor dem Mauerbau. Schon vor dem Abitur bestand er die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die er trotz Relegation mit Diplom bestand. Er wurde Meisterschüler bei Karl von Appen an der Deutschen Akademie der Künste, Berlin. Ihm wurden Ausstattungen an Benno Bessons Volksbühne und am Berliner Ensemble der Ruth Berghaus anvertraut. Dort wird er zum Regisseur. Seine Strindberg-"Fräulein Julie" machte 1975 Skandal. Eine Projektvorbereitung in Wien brachte ihn 1976 dazu, nicht in die DDR zurückzukehren. Es bleibt bei schwierigen Arbeitsbedingungen, großen Theater-Pausen, Konflikten, Abbrüchen, Kündigungen. Parallel entstehen literarische Werke (darunter "Gertrud" und "Totentrompeten"). 1985 holte ihn Günther Rühle ans Schauspiel Frankfurt und hält zu ihm trotz heftiger Widerstände. In den 90-er Jahren folgten Inszenierungen u.a. am Berliner Ensemble, darunter "Wessis in Weimar", wiederum begleitet von Kontroversen mit Autor Rolf Hochhuth und den Co-Intendanten Peter Zadek (contra) und Heiner Müller (pro); ebenso drei Inszenierungen an Claus Peymanns Burgtheater, darunter die gefeierte fast siebenstündige Uraufführung von Elfriede Jelineks "Das Sportstück" (1999). Viermal wurde Einar Schleef zum Berliner Theatertreffen eingeladen.