Wie es in der Brust schlägt

von Shirin Sojitrawalla

26. November 2018. Was ließe sich als Nachtkritikerin von Theodor Fontane lernen? Wenn man bedenkt, dass nachtkritik.de gegründet wurde, um die "Einbahnstraße der Kritik für den Gegenverkehr zu öffnen", funktionieren die Theaterkritiken von Theodor Fontane wie Sackgassen. Es geht ihm nicht darum, ein Gespräch zu beginnen, sondern einen Abend fertig zu besprechen. Auch sonst würde man manch eine Kritik, die er verfasste, heutigen Rezensenten um die Ohren hauen: zu viel Inhaltsangabe, zu wenig Beschreibung, zu viel Blabla. Doch Fontane schrieb nicht heute, sondern in einer Zeit als Theaterkritiker noch Stammplätze im Parkett besaßen und sich am Schreibtisch vorkommen durften wie auf einem Thron.

Aus dem Drückebergerlateinischen

von Christian Rakow

22. November 2018. Bei Debütanten breitet man gemeinhin erstmal einlässlich die Vita aus. Das erübrigt sich in diesem Falle. Burghart Klaußner gehört zu den vielleicht zwei Dutzend Schauspielerinnen und Schauspielern deutscher Zunge, die man gefühlsmäßig irgendwie auf dem roten Teppich bei den Oscars verortet. Oder wenigstens mit einer Plakette auf dem Berliner "Boulevard der Stars". Als gestrenger Pfarrer in Michael Hanekes "Das weiße Band" hat er Filmgeschichte mitgeschrieben. Er arbeitete an Peter Steins Schaubühne und am phantomschmerzhaft vermissten Berliner Schillertheater, ist "Faust"-Preisträger (2012, für seinen Willy Loman im Hamburger "Tod eines Handlungsreisenden") und stand fünfmal auf den Brettern des Berliner Theatertreffens, zuletzt 2011 als König Philipp II. im Dresdner "Don Carlos".

Müllmann des Internets

von André Mumot

30. Oktober 2018. Sein Theater beginnt in der Nacht, das erfahren wir gleich auf den ersten Seiten. Falk Richter grübelt bei künstlichem Licht. Er denkt. Schaut sich Videos auf Youtube an und liest die Kommentare darunter, nimmt digitale Tuchfühlung auf mit einer aggressiven, feindselig gestimmten Wirklichkeit und beginnt sich hineinzusteigern in all das, was sich dort aufbäumt und brüllt und wettert. In solchen Momenten fühlt er sich erinnert an "eines der bekanntesten deutschen Dramen und seinen Titelhelden, der am Anfang der Tragödie Fragen stellt, auf die er keine Antworten findet, und der sich dann auf eine Reise begibt, die ihm mehr offenbart, als er sich am Ausgangspunkt seiner rauschhaften Nacht in seinem engen Studierzimmer hätte erträumen lassen".

Frankies Disko-Fieber

von Simone Kaempf

26. September 2018. Frankie ermittelt sorgfältig. Und dafür wandern viele Bacardi Cola über den Tresen: erst in München im "Jet Dancing" nahe der Sendlinger Straße, dem "Jackie O" und dem "Aquarius". Dann in der "Palette" und dem "Monokel" in Stuttgart, im "Candy" und "Downtown" in Frankfurt, in das Frankie, wie er hoch und heilig schwört, bald keinen Fuß mehr setzen will. Weiter ins "Be-Bop" und "Alpha" nach Bonn, das sich sein Gehilfe mal so richtig vorknöpfen soll. Der durstige Privatdetektiv klappert die halbe Bundesrepublik ab auf der Suche nach einem Club, der am Samstagabend des 9. Juli 1988 Madonnas Song "White Heat" gespielt hat. Die 2000 Mark Vorschuss im Handschuhfach finanzieren Diskotheken-Eintritt, Marlboro-Menthols und Mix-Getränke für Ex-Freundinnen, die er auf seinem Roadtrip reaktiviert.

Dramatisches Doppel

von Kai Bremer

4. September 2018. Vor knapp zehn Jahren hat der Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn die Dramen von Alfred Matusche (1909-1973) neu herausgegeben. Matusche, Arbeiterkind, ursprünglich Radiojournalist, von den Nationalsozialisten kurzzeitig inhaftiert und mit Berufsverbot belegt, begann in den 50er Jahren Theaterstücke zu schreiben. Als Erscheinung eine Art Sonderling, war Matusche für die Theatergeschichte durchaus bedeutend. Sein 1955 im Berliner Deutschen Theater uraufgeführtes Stück "Die Dorfstraße" etwa nahm einige Motive von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" vorweg, Theatermenschen wie Wolfgang Langhoff und Heinar Kipphardt förderten, Kollegen wie Bertolt Brecht, Heiner Müller und Peter Hacks bewunderten ihn. Der Theaterkritiker Martin Linzer schrieb: "Matusche gab in seinen Stücken immer nur einen kleinen Wirklichkeitsausschnitt, sehr genau, hoch verdichtet, in  seiner ganzen Versponnenheit ein wirklicher Dichter. Aber selten gespielt, Matusche versprach keine Breitenwirkung."

Urdeutscher Dickschädel

von Tobias Prüwer

20. August 2018. "Verzeih mir, Hamlet! Verzeiht mir, Dänen! Euer König ist gerächt. Hamlet, mein Sohn! Der Himmel erbarme mich meiner!" - Shakespeares Stoff ist nichts erspart geblieben. Lange galt "Hamlet" in Deutschland als unspielbar. Also kam die Tragödie erst einmal bearbeitet auf die Bühne, zumindest wenn man den Chronisten folgt: Zum bürgerlichen Schmonzette umgekrempelt endet mit einem Happy End. Hamlet überlebt, wird König von Dänemark, der Himmel weint vor Freunde und gibt sein Plazet.

Im Transitraum

von Sophie Diesselhorst

12. Juli 2018. Als Bastionen des Humanismus haben viele Theater sich im "Sommer der Willkommenskultur" inszeniert. Und sich dem Thema Flucht und Migration auch langfristiger verpflichtet, indem sie für ihre Spielpläne nach entsprechenden Stoffen gesucht haben. Der politische Wind hat sich indes gedreht. Auch wenn das Mittelmeer und die zigtausenden auf der Flucht Ertrunkenen und Ertrinkenden gerade mal wieder im medialen Fokus stehen: Die freiwilligen Seenotretter*innen, die zunehmend an ihrer Arbeit gehindert werden, wirken wie Helden eines unrealistischen Action-Films. Und die Flüchtenden selbst werden mehr denn je zur Menschenmasse dehumanisiert, zur Welle, zur Krise – oder gar als "Asyltouristen" verunglimpft.