"Die dritte Geburt"

von Thomas Oberender

27. Oktober 2016. Die von mir vor einiger Zeit auf nachtkritik.de veröffentlichten "Thesen zur Kulturpolitik" waren unlängst die Leitgedanken des fünften "Kulturkongresses Ruhr". Die Thesen sollten nicht nur Veränderungen in den Fördermodalitäten von Kunst beschreiben, sondern auf einen Kulturwandel hinweisen, den David Rushoff als "Gegenwartsschock" und Luc Boltanski und Éve Chiapello als "Projektkapitalismus" beschrieben haben. Die Thesen sind eng verbunden mit dem Entstehen einer neuen Kreationskultur, die zur Kehrseite unseres institutionellen Produktionsgefüges wurde, wie es einst die Interpretenkunst hervorgebracht hat. Ausgehend von den zehn Thesen folge ich in meinem Vortrag dem Wunsch der Veranstalter, das Ruhrgebiet mit den Augen des Auswärtigen zu betrachten und Ideen zu entwickeln, die aus dem Abstand heraus vielleicht inspirierend wirken.  

Diskursives Insel-Hopping

von Wolfgang Behrens und Christian Rakow

19. Oktober 2016. Zum zweiten Mal brach Kulturstaatsministerin Monika Grütters vergangene Woche zu einer "Theaterreise" auf – diesmal fuhr der Bus mit Grütters und Journalist*innen durch die "Neuen Bundesländer" und machte halt in Chemnitz, Halle, Jena und Senftenberg.

Im Namen des Volkes. Was können eigentlich Juristen?

von Rupprecht Podszun

17. Oktober 2016. Gespräche, die Bekannte mit mir über das Theaterstück "Terror" führen, folgen einem strikten Schema. Erst kommt die allgemeine Begeisterungsbekundung ("also wirklich faszinierend!"). Dann folgt ein wortreicher Disclaimer, etwa so: "Du als gelernter Jurist wirst natürlich viel besser wissen, wie dieser Fall zu entscheiden ist." Im nächsten Schritt erhalte ich dann aber eine detaillierte Belehrung, wie dieser Fall zu entscheiden ist. Nämlich genau so. Und nicht anders. Gerade noch als Experte geadelt, erklären mir dann Experten des Alltags meine Welt. So müssen sich die US-Amerikaner fühlen, denke ich jedes Mal, denen die Deutschen eben mal ihr Land erklären. Aber richtig. Nach dem dritten Gespräch dieser Art begannen die Zweifel: Was kann ich als "gelernter Jurist" eigentlich? All diese Laienrichter, die sich dank Ferdinand von Schirach über eine Mordakte beugen, scheinen doch eigentlich kraft ihrer Begeisterung auch einen Schuldspruch fassen zu können.

Was soll das Theater?
Aufruf zur Gründung einer neuen Volksbühnenbewegung

von Guillaume Paoli

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Berlin, 28. September 2016. Berlin, so wird uns erzählt, ist wieder eine geteilte Stadt. Nein, damit ist nicht die Schere zwischen arm und reich gemeint. Auch nicht die rechts-links Polarisierung. Die Teilung sei eine kulturelle. Auf der einen Seite stehe das alte Berlin, lokalpatriotisch, rückwärtsgewandt, populistisch, ängstlich und negativ. Auf der anderen Seite die kosmopolitischen, kreativen, coolen, wirtschaftsfreundlichen und überaus positiven Neuberliner. So minoritär diese Schicht noch ist, sie verkörpere die Zukunft der Stadt, dementsprechend werden alle aufgefordert, sich nach ihr zu richten.

Ganz andere Muskeln

27. September 2016. Das Ensemble des Berliner Staatstballetts soll einen neuen Intendanten bekommen. Die Wahl der Berliner Kulturpolitik fiel auf das Duo Sasha Waltz und Johannes Öhman. Und die Kritik folgte umgehend. Das Ensemble des Berliner Staatsballetts lehnt insbesondere Waltz ab.

Antwort an die Schnellvernichter

von Uwe Eric Laufenberg

16. August 2016. Es ist ein großes Glück, dass wir in einer Demokratie leben, in der die Worte frei sind, man also so gut wie alles denken und sagen kann. Auch schnell und unbedacht. Und es ist ein Glück, dass die Kunst frei ist und sich nicht, nach welchem Wort auch immer, richten muss und ihre Unabhängigkeit behaupten kann. In Zeiten, in denen in benachbarten Demokratien dieses Recht auf Freiheit in Wort und Kunst zurückgedrängt wird, ist es wichtig, diese Grundvoraussetzung unseres Tuns zu betonen.

Hauptstadt der Frustration

von Esther Slevogt

21. Juli 2016. Nein, er bereue nicht, im Herbst 2014 "Ja" gesagt zu haben, als Tim Renner ihn angerufen habe, um ihm die Intendanz der Berliner Volksbühne anzutragen. Wie zur Untermauerung zieht Chris Dercon aus dem Revers eine Streichholzschachtel mit dem Aufdruck "Still Alive" hervor – sie stammt aus der letzten Volkbühnen-Streichholzschachtel-Kollektion des verstorbenen Chefbühnenbildners Bert Neumann. Doch so recht mag man das an diesem Abend im Berliner Roten Rathaus nicht glauben. Der Mann sieht angeschlagen aus.

Dann gibt’s ein Problem

20. Juli 2016. Normalerweise ist das so: Beginnt ein neuer Intendant, sinken erst mal die Zuschauerzahlen. Nach der Schnupperphase geht’s dann wieder bergauf. In Stuttgart, einem der größten und bedeutendsten Häuser der deutschsprachigen Theaterszene, zeichnet sich aber gerade das Gegenteil ab: Dort muss sich Intendant Armin Petras nach einem fulminanten Start nach seiner dritten Spielzeit Gedanken machen, ob wirklich alles optimal läuft. Die ersten Kritiker laufen Sturm, die Zuschauer bleiben weg.

Ausräucherungsfantasie

von Esther Slevogt

18. Juli 2016. So, so. Unser Berliner Staatssekretär für Kultur möchte also ein Theater ausräuchern. Es handelt sich um das Berliner Ensemble, dessen Intendant zur Zeit noch Claus Peymann heißt. Im Zuge der umstrittenen Ernennung des belgischen Museumsmannes Chris Dercon als Nachfolger des Intendanten der Berliner Volksbühne Frank Castorf hatte Peymann im April 2015 in einem Interview mit der ZEIT Staatssekretär Tim Renner als "leeres nettes weißes Hemd" bezeichnet. Renner sei einer "dieser Lebenszwerge, die jetzt überall die Verantwortung haben". Und Renner müsse weg. Das ist natürlich nicht schön. Keiner möchte so etwas über sich lesen. Doch ein derart angesprochener Politiker von Format täte gut daran, das nicht persönlich zu nehmen und sich schon gar nicht zu Rachefantasien hinreißen zu lassen.

Im Kulturkampf

29. Juni 2016. Seit einigen Tagen tobt der Streit wieder erbittert. Chris Dercon soll im kommenden Sommer die Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz als Intendant übernehmen. Dercon, ein Museumsmann, ein polyglotter Elegant, den sogenannten Panzerkreuzer am Luxemburg-Platz, irgendwie das Bollwerk der Theaterlinken, auch wenn der Kapitän gelegentlich im Keller Ernst Jünger liest und die Antisemiten Carl Schmitt und Louis-Ferdinand Céline zitiert. Kulturkampf-Stimmung in Berlin, Berlin-Bashing im bundesdeutschen Feuilleton, heissa, juchhe. Es ist eine Debatte, die womöglich nur Verlierer kennt. Es gibt Gründe genug, sich herauszuhalten. Aber die Widersprüche treiben um. Dabei hat die Redaktion von nachtkritik.de überhaupt keine einheitliche Meinung, wie auch bei elf Redakteur*innen und vielen, vielen prägenden Autor*innen-Persönlichkeiten. Aber natürlich gibt es Positionen, einige werden hier präsentiert. 

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