Vom Verschwinden des Autors und dem anschwellenden Theater

von Nis-Momme Stockmann

Juni 2010. Alles ist in konstanter Veränderung. Oder eher: Veränderung ist die grundlegende Motorik und der einzige gemeinsame Nenner aller Phänomene und Dinge. Nichts ist grundsätzlicher als die Veränderung. Und eine potente, die Rezeption und Narrativität beseelende menschliche Krux war schon immer: die Angst vor dieser Beweglichkeit, die Angst vor der Transzendenz, vor der diffusen Morphologie der Dinge.

Unser gesamtes kognitives System und die ausufernde Lexikalität der Moderne – sie sind der Versuch, die Welt und ihre Veränderbarkeit zu greifen und zu beherrschen. Eine grundsätzliche ästhetische Begierde ist die Begierde nach Statik, Messbarkeit, Kalkulierbarkeit, Verständlichkeit und mit ihr nach Kontrolle über unsere Welt. In einer Welt, die die zunehmende Disparität der Dinge effektiv katalogisieren muss, ist jede kognitive Statik, jede kollektive Annahme über die Wirklichkeit ein kleiner Sieg.

Nicht glücklich

von Christine Dössel, Erik Altorfer und Nis-Momme Stockmann

Heidelberg, 9. Mai 2010. Die Jury ist nach sehr langer Diskussion zu dem Schluss gekommen, dass aus den zur Auswahl stehenden Stücken keine derartig heraus ragen, dass wir eindeutig und konsensfähig die zu vergebenden Preise – den „Autorenpreis", den sogenannten "Innovationspreis" und den "Europäischen Autorenpreis" - verleihen können.

Wir werden als Künstler beschädigt

von Yaron Edelstein, Roni Kuban und Oded Liphshitz

Heidelberg, 14.5.2010. Bei der Preisverleihung am 9.5. erhielten wir nach einem langen und aufregenden Aufenthalt beim diesjährigen HEIDELBERGER Stückemarkt die überraschende Nachricht: Wie inzwischen bekannt sein dürfte, handelte es sich hierbei um die Nachricht, dass sich keines der Stücke würdig erwies, einen Preis zu erhalten.

Unangemessene Verknüpfung

von Markus Bauer, Johan Heß, Ursina Höhn, Azar Mortazavi, Eva Rottman

Heidelberg, 14. Mai 2010. Die Jury des Heidelberger Stückemarkts 2010 - Erik Altorfer, Christine Dössel und Nis-Momme Stockmann - erhofft sich von ihrer Nichtfestlegung auf einen oder mehrere Preisträger "auch einen Impuls für eine Diskussion über die Förderkultur deutschsprachiger Dramatik".

Stellungsnahme zum offenen Brief der Palästina-Initiative

von Jan Linders und Peter Spuhler

Es gibt seit Zustandekommen unserer von der Bundeskulturstiftung und weiteren Institutionen wie dem Goethe Institut Tel Aviv und dem Land Baden-Württemberg geförderten zweijährigen Theaterpartnerschaft mit dem Teatron Beit Lessin Protest der Palästina-/Nahost-Initiative in Heidelberg. Diese Gruppe hat Jan Linders im Sommer 2009 zu einem etwa zweistündigen offenen Gespräch getroffen. Beim Gastspiel des palästinensischen Freedom Theatre, Jenin, im Oktober 2009 mit dem Stück FRAGMENTS OF PALESTINE und der Filmvorführung ARNA'S CHILDREN haben wir der Gruppe gerne einen Infostand im Foyer des zwinger eingeräumt; sie war auch an der langen Diskussion beteiligt.

Offener Brief der Palästina/Nahostinitiative Heidelberg

 

Heidelberg, 24. April 2010


Sehr geehrter Herr Spuhler, sehr geehrter Herr Linders,

wie Sie wissen, fanden wir es schon äußerst befremdlich, dass Sie letztes Jahr ausgerechnet mit einem israelischen Theater eine "Theaterehe" eingingen - nur wenige Monate nach dem brutalen Angriff der israelischen Armee auf den Gazastreifen. Es war zumindest instinktlos, eine besondere Partnerschaft mit einem Tel Aviver Theater zu vereinbaren, während sonst in der Welt Institutionen aus Empörung über die israelische Politik auf Distanz gingen und in vielen Ländern Boykottbewegungen entstanden.

Interest me!

von Michael Althen

8. April 2010. Guten Abend, meine Damen und Herren,

wahrscheinlich erwarten Sie jetzt jemanden, der Bescheid weiß. Der wenigstens weiß, wovon er redet. Weil er hundertsechzig Stücke gelesen hat und etwas zum Stand des Autorentheaters sagen kann. Aber ganz ehrlich: Das Bescheidwissen ist ein wenig überschätzt. Nicht nur unter Kritikern. Aber bei denen auch. Wer heute irgendwo das Wort ergreift, kann sich halbe Sachen gar nicht leisten. Denn dann wirkt man gleich, als hätte man seine Hausaufgaben nicht gemacht. Als sei man sich seiner Sache nicht sicher. Als könne einem nicht über den Weg getraut werden.

Der Kongress tanzt

von Esther Slevogt

Berlin, 11. April 2010. Schauplatz Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz. Der mit schwarzer Folie ausgeschlagene Zuschauerraum (aufmerksame Fernsehzuschauer kennen das Material von den Leichensäcken, in denen Verbrechensopfer in Fernsehkrimis in die Pathologie oder zum Bestatter geschafft werden), sieht heute besonders unheimlich aus. Die Sitzsäcke sind weggeräumt und eine Plastikbestuhlung eingebaut. Wir schreiben Tag drei des Bankentribunals, das vom globalisierungskritischen Netzwerk "attac" und der Volksbühne einberufen wurde – ein "zivilgesellschaftlicher Prozess", wie es in der Ankündigung hieß, der an diesem Wochenende den Verursachern bzw. Verantwortlichen für die Finanzkrise gemacht werden sollte.

Blindtext fürs Bildungsbürgertum

von Esther Boldt

Mannheim, 19. Februar 2010. Verdeckte Ermittlungen sind eine Supersache. Nur eins können sie bedingt gebrauchen: Öffentlichkeit. Nehmen wir den US-amerikanischen Geheimdienst, die Central Intelligence Agency, kurz CIA: Lässt sie sich in die Karten schauen, ist die Mission gesprengt. Oder eben die Zentrale Intelligenz Agentur, kurz ZIA – ein virtuelles Kollektiv von Kulturagenten.

Im internationalen Kontext

13. Februar 2010. Anhand der nominierten Produktionen werde deutlich, zitiert die Presseerklärung der Berliner Festspiele zur tt-Auswahl Iris Laufenberg, die Leiterin des Theatertreffens, "dass in der deutschsprachigen Theaterlandschaft nicht nur internationale Koproduktionen und länderübergreifend arbeitende Regisseure immer selbstverständlicher werden, sondern dass diese zunehmend auch von Projekten geprägt ist, die bereits in einem internationalen Kontext entstehen, wie "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" in der Bearbeitung von Victor Bodó in Zusammenarbeit mit der Sputnik Shipping Company Budapest oder "Life and Times" des Nature Theater of Oklahoma."

Unterkategorien