Triell auf Kolonos

von Janis El-Bira

21. September 2021. Wie sich die Theater unsere Gegenwart zurechtlegen, verraten am schönsten die Spielplankollisionen der kurioseren Art. Vor ein paar Wochen sorgte eine solche selbst in Berlin für Aufsehen, wo es ja notorisch eh alles doppelt und dreifach gibt: An drei aufeinanderfolgenden Abenden waren da, quer durch Schauspiel und Musiktheater, drei Premieren zu sehen, die sich allesamt dem Ödipus-Mythos widmeten. Doch damit nicht genug, das Berliner Trio komplettierte sich an diesem Sonntag mit Maja Zades Stoffadaption an der Schaubühne zu einem ödipalen Quartett, Mitte Oktober wird Johan Simons in Bochum mit "Ödipus, Herrscher" nachziehen. Bestimmt sind in den kommenden Wochen irgendwo noch ein, zwei weitere thebanische Königssöhne auf der Suche nach den großen Zusammenhängen ihrer Existenz.

Mit Gewalt gegen Gewalt

von Lara-Sophie Milagro

14. September 2021. Jüngst schlug mir ein befreundeter Kollege eine Stückentwicklung vor, basierend auf dem Roman "Schande" des südafrikanischen Literatur-Nobelpreisträgers John Maxwell Coetzee, der 1999 erschien und noch im selben Jahr mit dem Booker Preis ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt der in der Post-Apartheid-Ära angesiedelten Geschichte steht der weiße Literaturprofessor David Lurie aus Kapstadt, der nach Sexismus-Vorwürfen seine Stellung verliert und zu seiner Tochter Lucy aufs Land zieht. Dort kommt es zu einem brutalen Überfall, bei dem Lucy von drei, vermutlich Schwarzen, Männern vergewaltigt wird. Auf meine Frage, ob denn nicht die Entscheidung, sich mit Diskursen um Rassismus und Sexismus durch das Werk eines weißen Autors, mit einem weißen männlichen Protagonisten auseinanderzusetzen, exemplarisch für genau die Machtverhältnisse steht, auf denen der Roman selbst aufruht (auch wenn er sie zugleich kritisch beleuchtet), gab er sich optimistisch: "Genau das könnten wir dann ja auf der Bühne thematisieren!"

Linke auf Abwegen

von Michael Wolf

7. September 2021. Der Dramaturg und Publizist Bernd Stegemann hat sein zweites Buch in diesem Jahr veröffentlicht. Auf Die Öffentlichkeit und ihre Feinde, in dem er die Identitätspolitik kritisierte, und zahlreiche Artikel, in denen er die Identitätspolitik kritisierte, folgt nun "im Vorfeld der Bundestagswahl" (Verlagsankündigung) der Essay Wutkultur, in dem Stegemann die Identitätspolitik kritisiert. Auf Seite 86 betitelt er die bevorzugte Textgattung ihrer Anhänger spöttelnd als "One-Trick-Pony": "'Ich bin wütend' wird zum Ausgangspunkt des immer gleichen Textes, der gegen eine vermeintliche Übermacht anbrüllt." Vermutlich war Stegemann die Ironie dieses Satzes nicht bewusst. Humor ist seine Sache nicht, dafür ist die Lage scheinbar zu ernst. 

Machen Hammelkeulen schwul?

von Georg Kasch

31. August 2021. Manchmal ist das beste Pferd im Stall ein Schaf. Etwa als Argument gegen den Einwand, queeres Leben sei wider die Natur. Schon seit ein paar Jahren hat sich herumgesprochen, dass in genau dieser Natur so ziemlich alles möglich ist. Klar, die Bonobos, da macht's ja jede:r mit jeder und jedem. Aber auch Delphine, Bisons, Elefanten, Löwen, Libellen, sogar Taufliegen und Bettwanzen – überall balzen und kuscheln, schnäbeln, schnäuzeln und kopulieren sie in Konstellationen, die jede:n "Demo für alle"-Aktivist:in im Schock erstarren lassen dürfte.

Feier der Abwesenheit

von Wolfgang Behrens

24. August 2021. Am vergangenen Wochenende ist es mir gelungen, mich gleich zweimal selbst zu überraschen. Einmal damit, dass ich – in aufgeräumter Stimmung auf dem Sofa einer Ferienwohnung irgendwo im niedersächsischen Nirgendwo sitzend – nach der Tagesschau nicht etwa den Fernseher ausschaltete, sondern zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Sendung "Verstehen Sie Spaß?" anschaute. Zum anderen damit, dass ich fast drei Stunden später bei ebendieser Sendung einen veritablen, solchermaßen kaum zu gewärtigenden Lachanfall erlitt. Und der kam so:

Theater ohne Gedächtnis?

von Esther Slevogt

17. August 2021. Am 20. Mai starb der Regisseur Jarg Pataki, noch nicht einmal sechzig Jahre alt. Wie immer versuchte die Redaktion, für die Meldung auf nachtkritik.de Informationen zusammenzutragen, nicht zuletzt zum genauen Ort und Datum seines Todes. Damit die konkreten Lebensdaten als Spuren eines Künstlerlebens hier im Archiv aufbewahrt sind. Einige von Patakis wichtigsten Arbeiten entstanden am Theater Freiburg, wo er am kontinuierlichsten gearbeitet hat. Dort freilich waren nähere Informationen nicht zu bekommen. Denn in Freiburg arbeitet schon seit 2017 eine neue, von Intendant Peter Carp geleitete Truppe.

TikTok kauft sich ein

von Janis El-Bira

29. Juni 2021. Unter den Meldungen der vergangenen Wochen flog eine ganz zu unrecht tief unterm Radar hindurch: TikTok macht jetzt Theater. Nicht etwa auf die Weise, wie es angeblich schon immer irgendwie Theater gemacht hat, weil ja auch auf TikTok Menschen unter gewissen formalen Regeln vor sich hin performen. Nein, TikTok steigt jetzt richtig ein in die Sache und spendiert dem Nationaltheater Mannheim 100.000 Euro für dessen neues "Institut für Digitaldramatik". Aus dem Topf, so heißt es, sollen Autor:innen mit Förderstipendien unterstützt werden, die das Schreiben im digitalen Raum erforschen wollen.