Utopien und Männlichkeiten

von Şeyda Kurt

13. Oktober 2020. Es ist kalt in Deutschland. Am Abend einer dieser kalten Herbsttage, am 9. Oktober 2020, sitze ich das erste Mal seit Jahresanfang wieder in einem Berliner Theater. Im Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg feiert die Performance "Complex of Tensions" von Jasco Viefhues Premiere. Es ist das Theaterdebut des in Offenbach geborenen Regisseurs. Für eineinhalb Stunden ist es warm.

Himmlische Längen auf verlorenem Posten

von Wolfgang Behrens

6. Oktober 2020. Als ich noch ein Zuschauer war, liebte ich die Länge. Aufführungen, die ich besuchte, konnten mir gar nicht lange genug dauern, egal, ob sie nun von Breth, Castorf, Schleef oder Steckel stammten, und egal, ob es sich dabei um Wagner-Opern, ungekürzten Shakespeare oder hybride Doppelabende mit zwei oder mehr kombinierten Stücken handelte.

Selbstbefreiung aus der Geschichte

von Esther Slevogt

29. September 2020. Als Helga Schubert in diesem Sommer achtzigjährig den Bachmannpreis erhielt, habe ich mich gefreut: über die späte Gerechtigkeit für diese Autorin, die 1980 schon einmal zum Bachmannpreis eingeladen war. Damals stand die Mauer noch, auf deren Ostseite die 1940 Geborene lebte und dann nicht nach Klagenfurt reisen durfte. Umso unangenehmer haben mich wenige Wochen nach der Preisvergabe Helga Schuberts verächtliche Bemerkungen über die 2011 verstorbene Schriftstellerin Christa Wolf berührt: erst in der FAZ, wo sie in einem Porträt entsprechend zitiert wird. Kurz darauf legte Helga Schubert im Deutschlandfunk noch einmal nach. Christa Wolf sei erst eine "glühende Anhängerin des Hitlerreichs" gewesen, später "eine glühende Anhängerin der Stalin-Zeit". Eine Kandidatin des ZK der SED sei sie gewesen und habe für die Stasi gespitzelt. Selbst nach dem Mauerfall habe sie die DDR erhalten wollen. "Bis zuletzt hat sie eigentlich immer noch totalitäre Ideen gehabt."

Geschichte als Beute

von Janis El-Bira

22. September 2020. Man soll ja nicht gleich mit Shakespeare kommen, aber dieser Satz ist natürlich zu schön: Dass die ganze Welt eine Bühne sei und alle Menschen bloße Spieler. Also fängt man doch mit Shakespeare an. Lieber jedenfalls als mit einem Wortungetüm wie "Inszenierungsgesellschaft", obwohl diese Kolumne der Theoriebildung rund um Theatralität und Performativität immer mal wieder die Stichworte verdanken wird. Aber eigentlich will ich mich bloß umschauen, tatsächlich oder virtuell, und mich mit Ihnen, liebe Leser*innen, einigen Orten und Situationen aussetzen, die starke Behauptungen vor sich hertragen. Denn aus Behauptungen ist das Theater schließlich gezimmert. Aus der Behauptung zum Beispiel, ein*e Andere*r zu sein oder ganz man selbst, weit weg oder im Hier und Jetzt, alles neu zu machen oder einer Tradition dienen zu wollen. Die Lagerkämpfe, die entlang dieser Behauptungen regelmäßig aufwallen (etwa rund um den Begriff der Authentizität), interessieren mich weniger.

In entlegenen Ecken

von Lara-Sophie Milagro

15. September 2020. Mein erster Auftritt seit dem Lockdown im März fiel ausgerechnet auf den Tag, an dem nur ein paar Kilometer Luftlinie vom Theater entfernt die bisher größte Anti-Corona-Maßnahmen Demo in Berlin stattfand. Zuverlässig wie stets meldeten sich einen Tag später Vertreter*innen der Bundesregierung und andere aufrechte Demokraten zu Wort, um die erfolgreiche Vereinnahmung der Proteste durch die radikale Rechte zu verurteilen. Von "Chaoten und Extremisten", einem "Angriff auf das Herz unserer Demokratie" war da die Rede, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ließ verlauten, sie sei angesichts faschistischer Symbole vor dem Reichstagsgebäude "richtig wütend über die Bilder, die man dort gesehen hat" und der Deutschlandfunk kam zu dem Schluss: "Diese Bilder sind ein Schock."

Häuflein klein im Saale sein

von Wolfgang Behrens

30. Juni 2020. Als ich noch ein Kritiker war, vor gut drei Jahren ungefähr, meldeten einige deutsche Tageszeitungen ein Ereignis, das sie selbst einen Tag zuvor der italienischen Presse entnommen hatten und dessen Symbolkraft damals noch gar nicht abzuschätzen war. Demnach war der Schauspieler Giovanni Mongiano – dem Vernehmen nach ein verdienter Pirandello-Mime – bei einem Gastspiel in der lombardischen Kleinstadt Gallarate kurz vor der Vorstellung informiert worden, dass kein Zuschauer erschienen sei, und auch keine Zuschauerin. Mongiano aber nahm sein Herz in beide Hände und spielte trotzdem: vor einem leeren Saal, nur die Regieassistentin und die Kassendame schauten zu (letzteres immerhin scheint mir nicht unwichtig, denn wenn die Kassiererin, wie man annehmen darf, vom örtlichen Theater gestellt wurde, so war zumindest ihr Mongianos Monolog noch unbekannt).

Rohöl tropft von den Fingern

von Michael Wolf

23. Juni 2020. Am Wochenende habe ich den Bewerb um den Bachmannpreis verfolgt. Einer der (unprämierten) Texte lässt mich seither nicht los: Levin Westermanns "und dann". Es ist ein Klageruf, eine Aufzählung dessen, was der Erzähler von seinem Platz auf einem Rattanstuhl im Wintergarten aus beobachtet: eine Katze, deren Nachwuchs "human entfernt" wurde, ein eingesperrter Pfau, ein brennender Regenwald, ein namenloser Präsident in der Zeitung, der unschwer als Donald Trump zu erkennen ist: "seit 2015 stiehlt er die zeit / er schuldet mir: zeit".