Die Pandemie kann Poesie

von Michael Wolf

13. April 2021. Ich habe beruflich und privat viel mit Sprache zu tun. Daher wurde ich hellhörig, als der CDU-Vorsitzende Armin Laschet kürzlich einen neuen Begriff zu prägen versuchte. Wann immer ein Mikrophon in der Nähe stand, forderte er einen "Brücken-Lockdown". Das Wort tönt etwas schief in meinen Ohren, ermöglicht eine Brücke doch Mobilität, anstatt sie einzuschränken. Zudem mag sie sich zwar absperren lassen, dann aber würde man eher von einem Brücken-Shutdown sprechen. Der Shutdown jedoch wurde, zu Anfang der Pandemie noch in aller Munde, vom Lockdown verdrängt, womöglich weil das Wort so hart klingt, an Schüsse erinnert. Die Brücke soll wohl Zuversicht und Verbindlichkeit transportieren, man denke an die "Berliner Luftbrücke".

Solange ist die Welt noch in Ordnung?

von Şeyda Kurt

6. April 2021. Vor einigen Wochen in Köln, ich watsche durch die Innenstadt. Mein Blick bleibt an einem Werbeplakat hängen, das an einem Stromverteiler klebt. Darauf prangt der Spruch: "Solange es Bücher gibt, ist die Welt noch in Ordnung", unterschrieben von einer lokalen Kulturinstitution. Noch bevor ich einige Sekunden später an der nächsten Ampel zum Stehen komme, bin ich sauer. Während ich auf das grüne Licht warte, keife ich "Bullshit!" unter meiner FFP2-Maske. Bullshit. Welche Welt soll das sein, die allein dadurch in Ordnung ist, weil Bücher existieren? Und um welche Bücher geht es überhaupt?

Impfen wie damals bei Peymann

von Wolfgang Behrens

30. März 2021. Gestern habe ich ein neues Wort gelernt. Ich begegnete ihm in einer nachtkritik-Meldung über die Auswertung des Pilotprojekts in der Berliner Philharmonie zur Öffnung von Kulturveranstaltungen während der Corona-Krise. Meine spontane Interpretation des Wortes lief jedoch ins Leere, denn "No-Shows" (ja, um dieses Wort geht es) sind mitnichten das, was derzeit an allen Theatern und Konzerthäusern zu erleben ist, nämlich "keine Shows". Wenn eine erste schnelle Internet-Recherche nicht trügt, dann stammt der Begriff "No-Show" vielmehr aus der Touristik und bezeichnet das Nicht-Erscheinen einer Person, obwohl diese eine Buchung getätigt hat. Im Falle des Pilotkonzertes in der Berliner Philharmonie gab es bei 1000 Buchungen 43 solcher No-Shows – der Quelle zufolge ist das eine recht geringe "No-Show-Rate". Demnach würde eine No-Show-Partei normalerweise bei Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde locker überspringen (falls sich die Menschen hinter den No-Shows nicht als Nichtwähler erweisen sollten).

Hauptsache sichtbar

von Esther Slevogt

23. März 2021. Es gab Zeiten, da war das Theater der Inbegriff von Öffentlichkeit. Man muss gar nicht bis in die Antike mit ihren enormen Amphitheatern zurückschauen, in denen Schauspieler die Konflikte und Kämpfe der Menschen mit den Göttern und anderen Mächten stellvertretend für ein mehrtausendköpfiges Publikum ausgefochten haben. Auch im 19. Jahrhundert stand das Theater prototypisch für die sich neu herausbildende vielstimmige bürgerliche Öffentlichkeit. Die im Entstehen begriffene Klasse des Bürgertums übte das öffentliche Sprechen und Meinen am Sprechen über das Theater ein.

Raus aus dem Selbstbetrug!

von Janis El-Bira

16. März 2021. Dies sei der Raum, "wo Theaterträume vorgeträumt und geplant" werden. So soll einst Claus Peymann sein Büro im Berliner Ensemble beschrieben haben, dessen Intendant er bis 2017 war. Jenen Raum mit dem berühmten Modell der BE-Bühne also, mithilfe dessen der Chef im Kleinen vorträumen konnte, was später im Großen zu sehen sein sollte. Ein Zimmer als Herzkammer des Theaterkörpers, pulsierend und Kreativblut pumpend bis in die letzten Zellen, die kleinsten Verschläge, wo vielleicht die Praktikant:innen und Assistent:innen wohnen. So die Vorstellung, so der Traum.

Ist es nicht gut, dass es schon mal schlimmer war?

von Lara-Sophie Milagro

9. März 2021. Wenn ich meiner Tochter sage, dass sie ihr Zimmer aufräumen soll, bittet sie mich zunächst zu bestätigen, dass es zwei Tage vorher noch schlimmer aussah, räumt ein, dass es "natürlich immer noch besser geht" und erklärt sich bereit, darüber nachzudenken, ob sich der Zustand ihres Zimmers durch weitere Aufräumarbeiten verbessern ließe, jedoch nicht, ohne mich darauf hinzuweisen, wie engstirnig es ist, auf kleinen Mängeln herumzureiten, anstatt die großen Verbesserungen im Vergleich zu letzter Woche zu feiern. Wenn ich an diesem Punkt die Diskussion für beendet erkläre und auf dem Aufräumen des Zimmers bestehe, zeigt sie sich schockiert darüber, dass sie "ganz und gar nichts mehr sagen darf“ und ruft ihre Freundin an, die ihr Trost zuspricht und sie darin bestätigt, sich auf keinen Fall den Mund verbieten zu lassen. Das Zimmer bleibt derweil unaufgeräumt.

Schriftsteller und Bittsteller

von Michael Wolf

2. März 2021. Zunächst eine Anekdote: Claus Peymann probte am Burgtheater Peter Handkes Stück "Die Fahrt im Einbaum", als er auf eine verhängnisvolle Regieanweisung stieß: Ein Huhn überquert rückwärts die Bühne. Peymann beauftragte also seinen damaligen Assistenten Philip Tiedemann damit, das Unmögliche zu schaffen, nämlich ein Huhn zu besorgen, das eben das kann: rückwärts laufen. Als Tiedemann ohne Huhn zurückkehrte, soll Peymann einen Tobsuchtsanfall bekommen und die Proben für zwei Tage unterbrochen haben. Zur Premiere gab es dann tatsächlich ein zumindest scheinbar rückwärts laufendes Huhn zu sehen, das mit langem Szenenapplaus bedacht worden sei. Peter Handke hatte diesen Auftritt als Letzter erwartet, das Huhn sei nur eine Metapher gewesen, erklärte er später. Sein Regisseur aber hatte ihn beim Wort genommen.