Arzt am Leibe der Zeit

von Esther Slevogt

27. April 2017. Es ist natürlich längst überfällig, an dieser Stelle einmal auf den Urheber des Titels dieser Kolumne, auf Carl Sternheim zu verweisen. "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" – das ist ja eigentlich die Klammer für diverse Dramen Sternheims, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstanden und gemeinhin als Komödien bezeichnet werden. In Wahrheit jedoch handelt es sich um Tragödien: Tragödien des Kleingeists, der verkrampften Aufstiegshoffnung und der Gier des (wilhelminischen) Bürgertums. Bürger, die in ihrer brutalen Genusssucht und Gefühlsunfähigkeit jämmerliche wie gefährliche Figuren abgeben.

Muss da nicht ein Buh her?

von Wolfgang Behrens

18. April 2017. Seit einigen Wochen erst ist Oliver Mears im Amt, doch der neue Intendant des Royal Opera House Covent Garden hat schon eine wichtige Botschaft an das Publikum. Im Telegraph und in einigen anderen englischen Medien konnte man sie vernehmen: "Oliver Mears said ticketholders should applaud even if a performance is not to their liking. It is simply a question of manners." [Oliver Mears sagte, Zuschauer sollten auch dann applaudieren, wenn ihnen die Aufführung nicht gefallen hat. Es sei schlicht eine Frage des Benehmens.] Und vor allem sollten die Zuschauer nicht buhen.

Schreiben Sie das jetzt!

von Dirk Pilz

11. April 2017. Diesmal ein kleiner Blick hinter die Kulissen der Theaterkritik. Es ist zwar noch immer nicht abschließend geklärt, wozu es eigentlich Theaterkritik gibt, es wird sich vermutlich auch nicht klären lassen. Fest steht aber: Es gibt allerlei Theaterkritikerinnen und Theaterkritiker, die mit ihrem Geschäft sogar Geld verdienen (wenig, meistens sehr wenig, aber immerhin), es gibt zudem die Presse- und sogar Meinungsfreiheit, noch, muss man inzwischen hinzufügen, und es gibt allerlei Theatermacher, das ist schön. Mit Kritikern kommen sie in der Regel nicht überein. Die Interessen sind zu verschieden, die Eitelkeiten wahrscheinlich zu vergleichbar.

Ceci n’est pas une Kolümn

von Teresa Präauer

5. April 2017. Scheitern am Verfassen einer Kolumne auf nachtkritik.de bisher: 0 Mal.

Wann sollte man im Leben keine Kolumne schreiben?

– Wenn man erst seit 3 Tagen als Visiting Professor in Amerika weilt, den Jetlag noch im Hirn und in den Gliedern.

– Wenn man, es ist spätnachts, bereits eine halbe Flasche Zinfandel von Bogel Vineyards getrunken hat.

– Wenn man die halbe Nacht, gegen den guten Vorsatz eine Kolumne zu schreiben, mit einem sogenannten "Akademietheaterstar" gechattet, also die Nacht gewissermaßen verchattet hat, ohne das Unterfangen noch als "Recherche" betiteln zu können.

Kantersiege eines Männersystems

von Georg Kasch

Berlin, 28. März 2017. Ich bin Feminist. Das war nicht immer so. Früher hatte ich den Eindruck, ich kenne so viele Frauen, die was können und wollen, die brauchen meine Unterstützung nicht, die schaffen das auch alleine. Aber das ist ein ebenso dummer Gedanke wie der, das queer nur was für Homos ist. Man muss nur mal auf die Zahlen gucken. Statistisch gesehen bekommen Frauen in Deutschland für jeden Euro, den Männer verdienen, 79 Cent. Oder: Nur fünf Prozent aller Künstler*innen in den Abteilungen für zeitgenössische Kunst in Museen sind Frauen, aber über 85 Prozent der Akte sind weiblich.

Der Frühling unseres Missvergnügens

von Esther Slevogt

22. März 2017. Der Frühling, das ist im Grunde natürlich eine Urangelegenheit aus dem bürgerlichen Heldenleben. Denn kaum sind Flüsse und Bäche (im hiesigen Brandenburg auch die Seen) vom Eise befreit durch des Frühlings holden, belebenden Blick, da grünt im Tal auch schon das bürgerliche Hoffnungsglück. Da flattert wieder das blaue Band durch die Lüfte, wie aktuell Martin Schulz über der SPD.

Die große Verarsche

von Wolfgang Behrens

14. März 2017. Langsam, da die Macht des Faktischen obsiegt, beruhigen sich die Gemüter wieder – der Streit, der sich um die Neubesetzung der Intendanz an der Berliner Volksbühne entsponnen hat, tritt nun in seine präfinale Phase. Und vielleicht ist das ein guter Moment, um noch einmal eine Gruppe in den Blick zu nehmen, die während dieses epischen Kampfes komplett in Vergessenheit geraten ist. Denn es gibt ja nicht nur diejenigen, die auch fürderhin in der Volksbühne mit Frank Castorf ihrer provinziellen Anarcho-Sentimentalität frönen wollen, und diejenigen, die meinen, dass Castorfs Zeit jetzt einfach mal vorbei sei. Es gibt auch noch die, die glauben, dass Castorfs Zeit eigentlich nie hätte sein dürfen.