Die doch immer dagewesen sind

von Esther Slevogt

15. Oktober 2019. Es ist in diesen Wochen viel von der Deutschen Einheit die Rede. Das dreißigste Jubiläum des sogenannten Mauerfalls naht. Am 2. und 3. Oktober wurde unter der Überschrift "Mut verbindet" in Kiel bereits der 29. Tag der Deutschen Einheit begangen, die per 3. Oktober 1990 in Kraft getreten ist. Es gab also Volksfest, Sonntagsreden und "Einheitsbuddeln". Ja: Einheitsbuddeln. Damit war eine bundesweite Baumpflanzaktion gemeint, um Klimaschutz und Deutsche Einheit zu verbinden. Zwar sollen im Zuge der Aktion insgesamt über 90.000 Bäume gespendet bzw. gepflanzt worden sein. Das deutsche Klima ist trotzdem mieser denn je.

Radikale Rollenspieler

von Lara-Sophie Milagro

8. Oktober 2019. Während unserer Zeit beim Jugendclub am Bremer Theater nutzten meine Freundin Gülcan und ich jede Gelegenheit, um unsere Schauspieltechniken zu erproben, zu schleifen und auszubauen. Nachdem die NPD Anfang der 90er Jahren mit sechs Abgeordneten in die Bremer Bürgerschaft eingezogen war, bestand eine unserer Lieblingsbeschäftigungen darin, uns an ihren Wahlkampfständen darüber informieren zu lassen, wie wir möglichst schnell Mitglied werden könnten, um ein Zeichen zu setzen gegen "all die Schwarzen und Türken" und "für Deutschland". Über die verdutzten Gesichter der NPD-Leute lachten wir uns hinter der nächste Straßenecke schlapp und spielten uns gegenseitig immer wieder genüsslich vor, wie sie verlegen hüstelnd in ihren Unterlagen geblättert hatten. Nicht nur im Theater, auch in der Politik waren damals bestimmte Rollen ganz klar für Weiße reserviert.

Ehret den Esel!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Oktober 2019. Es gibt eine Frage, die mich zeit meines Theaterlebens verfolgt – und zwar unabhängig davon, ob ich gerade Zuschauer, Kritiker oder Dramaturg war. Ich kann diese Frage noch so oft zu beantworten versuchen, sie kommt immer wieder, lässt sich nicht abschütteln und zielt permanent ins Innerste des eigenen Theaterverständnisses. Sie wird gern von Leuten gestellt, die man auf Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten trifft, also zu Gelegenheiten, bei denen man lästigerweise über den gleichfalls ins Theater vernarrten Freundes- und Kollegenkreis hinauszuschauen gezwungen ist. Besonders häufig kommt die Frage übrigens von Musiker*innen und von Teilnehmer*innen an Publikumsdiskussionen. Sie lautet: Warum wird ein Stück nicht so aufgeführt, wie es im Text steht? (Die Musiker*innen pflegen dann stets anzufügen, dass sie doch schließlich auch laut spielten, wenn ein "forte" in der Partitur stehe, und bei einem "ritardando" nicht beschleunigten.)

Seht her, ein Arschloch!

von Michael Wolf

24. September 2019. Bei manchen Theaterabenden ahne ich schon vor dem Besuch, dass ich sie für schwach befinden werde. Für diese Fälle habe ich eine Regel. Ich schreibe keine Kritiken über diese Inszenierungen und überlasse das lieber meinen Kollegen. Von meiner Zurückhaltung profitieren alle Beteiligten: die Künstler, die Leser, ich selbst.

Böse Buzzwords

von Esther Slevogt

17. September 2019. Wer schon mal bei einem Popkonzert war, bei dem die Stars ihr Publikum flüsternd aufgeheizt hätten, bitte melden. Denn normal ist eher, dass die Stars ihr Publikum brüllend, tobend und aufreizend adressieren. Selbst in meinem bürgerlichen Heldenleben war das bisher so. Denn so macht das auch der Kasper im Kasperletheater, wenn er mit der Pritsche drohend sein Publikum mit dem Ruf hinter sich zu versammeln sucht: "Seid ihr alle da!?" That’s Entertainment.

Mehr Kunst wagen

von Michael Wolf

25. Juni 2019. Am letzten Donnerstag las ich kurz hintereinander zwei Interviews: René Pollesch sprach mit dem Freitag, Jens Harzer mit der Neuen Zürcher Zeitung. Beide sind sie gefeierte Theatermacher auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, und doch könnte man meinen, sie wären in völlig anderen Branchen tätig. Polleschs Lieblingsvokabeln: "Arbeit", "Arbeitsweise", "Arbeitspraxis". Das Wort Kunst nimmt er nicht ein mal in den Mund. Jens Harzer hingegen nennt seinen verstorbenen Kollegen Gert Voss einen "Theatergott", spricht vom Spielen als "Nichteinverständniserklärung mit der Welt", von Verwandlung als einem "emanzipatorischen Akt", vom "Urgefühl Angst".

"Die was zu mir nett san, die hab ich gern"

von Andrea Heinz

28. Mai 2019. Dummdreiste Machtgeilheit, Gier und Machogehabe. Das Ibiza-Video hat gezeigt, was eigentlich alle schon die längste Zeit wussten. Die ganze Geschichte hat aber noch eine andere Annahme bestätigt: In Österreich und erst recht in Wien schätzt man eine gute Inszenierung auch abseits der Bühne. Sei es die zweifelsohne durchdachte Dramaturgie der Ibiza-Tapes (schon jetzt ein Klassiker), sei es der Auftritt des Bundespräsidenten vor samtener Tapete und Maria-Theresien-Bildnis ("Bis zum nächsten Mal"). Der Übergang von Politik zu Theater ist ja ohnehin oftmals ein fließender, und bei der Bernhard’schen Frage, "Ist es eine Komödie? Ist es eine Komödie?", weiß man auch nie so genau, was er da eigentlich gemeint hat. Politik? Theater? Wahrscheinlich beides.