Wunderbar wegkürzen

von Wolfgang Behrens

15. Juni 2021. Als am 18. März 2020 die Kanzlerin ihre Fernsehansprache zum ersten Lockdown hielt, hatte ich das seltene Vergnügen, die ZDF-"heute"-Sendung gemeinsam mit einer ehemaligen "heute"-Redakteurin anzuschauen. Nach ca. 14 Minuten sagte Petra Gerster, die Nachrichtensprecherin an jenem historischen Tag, den bedeutungsschweren Satz: "Das Corona-Virus hat auch Frankreich fest im Griff." Ohne eine Sekunde des Zögerns entfuhr es da der ehemaligen Redakteurin auf dem Sessel neben mir: "Steht doch auf dem Index!" Ich sah sie entgeistert an, worauf sie erklärte, dass es zu ihrer Zeit für die "heute"-Redaktion eine Liste mit verbotenen Formulierungen gegeben habe. "Fest im Griff haben" habe darauf gestanden, aber auch das Wort "stattfinden". Zum Beispiel.

Es reicht, ein Arsch zu sein

von Esther Slevogt

8. Juni 2021. In den aktuellen Debatten um Macht, Strukturen und ein anderes künstlerisches Arbeiten wird ja jetzt immer viel auf dem Genie herumgehackt. Was ist das, was im Theater brüllt, hurt und menschenwürdiges Arbeiten verhindert? Das Genie! Es benutzt sein Ausnahmetalent als Vorwand für missbräuchliches Verhalten. Durch seine außerordentliche Begabung befördert es außerdem Ausschluss: Exklusion statt Inklusion.

Gleichung ohne Unbekannte

von Michael Wolf

1. Juni 2021. "Wieder mal ein Mann!", schreibt Sabine im Kommentarthread unter der Meldung über den Gewinn des Hans-Gratzer-Stipendiums. Ein Offener Brief beklagt das Fehlen schwarzer Autoren auf der Longlist des Leipziger Buchpreises. Für den renommierten Turner-Preis sind in diesem Jahr ausschließlich Kollektive nominiert. Die Kulturstiftung des Bundes hat die Klimabilanz von Kulturinstitutionen berechnen lassen. Gut möglich, dass Förderungen in Zukunft an die Einhaltung von Emissionsgrenzen gebunden werden.

All you need? All you get!

von Georg Kasch

18. Mai 2021. Es gibt eine Szene in der kleinen, wunderbaren Serie MaPa, die viel sagt übers deutsche Fernsehen jenseits von 3sat und Arte. Metin, die Hauptfigur, arbeitet im Writersroom einer Soap-Produktion. Vor einigen Wochen ist seine Freundin Emma gestorben, völlig unerwartet – Hirnaneurysma. Seitdem schlägt er sich alleine rum mit seiner Trauer, seiner Wut, seiner Liebe und seiner sechs Monate alten Tochter Lene. Wir haben ihn scheitern sehen zwischen Brei, Handy und Müdigkeit, haben erlebt, wie er sich an der übergriffigen Hilfsbereitschaft seiner Mutter und der hilflosen seiner Freunde abarbeitet. Das alles hinreißend realistisch, mit Dialogen wie in diesem Moment erdacht.

Jenseits von Identität

von Wolfgang Behrens

11. Mai 2021. Wenn man sich auf der Streaming-Seite von Disney+ herumtreibt, wird man in gar nicht so wenigen Fällen vor dem eigenen Angebot des Konzerns gewarnt. In Bezug auf bestimmte Figurendarstellungen, etwa in Trickfilmen wie "Dumbo", "Aristocats" oder "Dschungelbuch", heißt es dann: "These stereotypes were wrong then and are wrong now." "Diese Stereotype waren damals falsch und sind es noch heute."

Mehr Detox, bitte

von Esther Slevogt

6. Mai 2021. In die Stille, die die unbespielten Theaterhäuser gegenwärtig ausstrahlen, dringt gerade ziemlich laut das Knirschen, Ächzen und Toben, das die wichtigen gegenwärtigen Strukturdebatten in dieser Institution verursachen. Nicht nur, dass diese Debatte gerade exemplarisch für die (ebenso schwer wie schmerzlich in Gang kommenden) Veränderungsprozesse in der Gesellschaft stehen. Spürbar ist auch: Das Theater kommt endlich im 21. Jahrhundert an.

Die einen wüten, die anderen schaudern

von Janis El-Bira

27. April 2021. Nein, an der verschallerten Videoaktion #allesdichtmachen der 52 Film- und Theaterschauspieler:innen von vergangener Woche gibt es nicht viel zu verteidigen. Dass sie als Satire hemdsärmelig daherkam und als sarkastischer Kommentar nicht funktionierte, weil bloß zynisch ist, wer in Fragen von Leben und Tod das Spotten nicht lässt – darüber waren sich die Top-Athlet:innen unter den Kommentierenden aller Sparten, Profile und Kanäle schon Stunden nach Veröffentlichung der Filmchen weitgehend einig. Man selbst musste sich nicht einmal bis zum infamierten, mittlerweile zurückgezogenen Video des in Plastiktüten atmenden Richy Müller durchgeklickt haben, um ihnen recht zu geben: Mit dieser Aktion hat keine:r der an ihr Beteiligten sich auch nur den geringsten Gefallen getan. Sie ist ein Auffahrunfall mit Vorsatz.