Silbriger Dramaturgenglanz

von Wolfgang Behrens

Berlin, 21. Mai 2019. Als ich noch ein Kritiker war, hielt sich mein Beliebtheitsgrad unter Theaterleuten sicherlich in Grenzen – man war ja schließlich ein Kritiker und als solcher ein Feind des Theaters –, aber ich stand zumindest unter keinem Legitimationsdruck. Wenn ich erwähnte, welcher Profession ich nachging, hatten die Menschen in der Regel so ungefähr eine Ahnung, was ich tue.

Was tun mit den Arschlöchern?

von Lara-Sophie Milagro

14. Mai 2019. Während meines Gesangsstudiums begrüßte mich Herr Professor B. jedes Jahr zu Semesterbeginn mit demselben Kalauer: "Na junge Frau, haben Sie sich nicht in der Abteilung geirrt? Dies ist der Fachbereich Operngesang, die Jazz-Abteilung ist im Gebäude nebenan". Ich habe immer brav gelacht über Herrn Prof. B., Humor ist ja bekanntlich Ansichtssache. Klassische Gesangstechnik folgt da schon klareren Regeln: Entweder du triffst das hohe C oder nicht. Kein Interpretationsspielraum, kein "ich fänd h aber besser". Natürlich gibt es unendlich viele Möglichkeiten, einen Ton zu gestalten, ihm Farben und Nuancen zu verleihen. Aber C ist C und eine gute Oper ist eine gute Oper, das war für mich nie verhandelbar.

Das Star-Bakterium

von Esther Slevogt

8. Mai 2019. Ich war immer gegen eine Frauenquote, weil ich stets peinlich berührt dachte: ich will doch nichts geschenkt bekommen, bloß weil ich eine Frau bin. "Ja", sagte meine Freundin B. eines Tages. "Aber du möchtest auch nichts weggenommen bekommen deshalb." B. ist eine hochkarätige Wissenschaftlerin und leitet ein renommiertes Forschungsinstitut. "Obwohl ich eine Frau bin und Kinder habe", sagt sie immer.

Der Kanon? Die Kanon? No Kanon!

von Michael Wolf

24. April 2019. Auf der Bühne haben sie zerfledderte Reclamhefte aufgebahrt. Requisiteure legen Blumenkränze vor ihnen nieder. Ihr süßer Duft klebt im Raum. Die Inspizientin läutet ein Glöckchen und der Intendant, gefolgt von pausbäckigen Hospitanten, zieht an den Klassikern vorbei und liest mit belegter Stimme die Titel vor. Mit jedem Namen blasen Bühnentechniker dichte Schwalle von Nebel über die Szene. Und – Horcht! – im Parkett schmettern die Dramaturgen ihr Glaubensbekenntnis.

Wie auf der Titanic

von Andrea Heinz

Wien, 16. April 2019. Demnächst startet das Theatertreffen in Berlin. Und während draußen die Kinder für ihre (und unsere) Zukunft demonstrieren, fragt man sich, wie viele Flugmeilen eigentlich so ein Theaterfestival verbraucht. Überhaupt besteigen Journalist*innen, Jury-Mitglieder, Dramaturg*innen, Regisseur*innen .... ja mit größter Selbstverständlichkeit und quasi in einer Tour irgendwelche Flugzeuge. Weil es halt wichtig ist. Weil man unbedingt was sehen muss. Weil Eddie Redmayne in München sitzt und der Filmverleih es eh zahlt. Es ist ein bisschen wie mit dem Orchester der Titanic: immer weiterspielen. Der Klimawandel? Um den kümmern sich ja eh schon die Anderen.

"Ignaz, hast du den bestellt?“

von Wolfgang Behrens

9. April 2019. Vor fünf Wochen erschien an dieser Stelle eine Kolumne, die von störenden Zwischenrufern im Theater handelte (und auch von den – wenngleich signifikant selteneren – Zwischenruferinnen). Auf der nach oben offenen Störungsskala ist mit ihnen allerdings noch lange kein Spitzenwert erreicht, denn es gibt noch die zwar raren, aber umso eindrücklicheren Störer, die handfest ins Geschehen eingreifen, indem sie uneingeladen in den Bühnenbereich eindringen: sozusagen die (aus Sportveranstaltungen sattsam bekannten) Flitzer des Theaters.

Brandstifter 2.0

von Lara Sophie-Milagro

2. April 2019. An der Seite meiner friedensbewegten Mutter habe ich meine halbe Kindheit auf Demonstrationen und Interventionen verbracht: gegen den Rüstungswettlauf des Kalten Krieges, die wirtschaftliche Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt und den Paragraphen 175, gegen Kürzungen an Kitas, Schulen und Krankenhäusern, für Umweltschutz und grüne Werte. Diese Veranstaltungen waren bunt, visionär, klug und mutig und haben nicht nur meine Begeisterung für das Performative begründet, sondern auch die Untrennbarkeit von Politik und Kunst in mir verankert.