#diversitysowhite

von Lara-Sophie Milagro

18. Februar 2020. Mit der praktischen Umsetzung von Diversität im deutschen Kunst- und Kulturbetrieb ist es wie mit dem Internet bei uns zuhause. Das fällt mindestens ein Mal pro Woche aus und dann beginnt stets das gleiche Ritual: Ich rufe bei unserem Anbieter an und ein sehr freundlicher Mitarbeiter erklärt mir, man sei sich des Problems bewusst, setze alles daran es zu beheben und man rufe uns zurück, sobald der Fehler gefunden sei. Der Mitarbeiter bedankt sich jedes Mal für meine Beschwerde, "die unbedingt nötig ist, damit wir unseren Service beständig verbessern können", und wünscht mir noch einen schönen Tag. Wir erhalten nie einen Rückruf, stattdessen geht das Internet plötzlich wieder, bevor es spätestens nach einer Woche erneut ausfällt. Fazit: Alle Beteiligten geben sich wirklich sehr viel Mühe, aber es will einfach nicht gelingen.

Was für ein Potential!

von Esther Slevogt

11. Februar 2020. Die gute Nachricht: 86 Prozent der Bevölkerung stimmen weitgehend darin überein, dass die öffentliche Förderung von Theatern mit Steuergeldern auch in Zukunft in bisheriger Höhe erfolgen oder sogar noch erhöht werden soll. Die schlechte Nachricht: Nur ein Drittel der Bevölkerung denkt überhaupt je darüber nach, ins Theater zu gehen, Tendenz abnehmend. Je jünger die Leute, desto weniger fühlen sie sich von den Angeboten der Theater angesprochen.

Nie, nie, nie

von Wolfgang Behrens

5. Februar 2020. Als ich noch ein Kritiker war, kam in den Redaktionen, in denen und für die ich tätig war, immer mal wieder die Frage auf, für wen man denn eigentlich seine Kritiken schreibe. Und die Antwort lautete regelmäßig: für den Leser schreibe man, womöglich auch für die Leserin, jedenfalls fürs Publikum. Auch der geschätzte Kollege Michael Wolf ließ sich vor einigen Wochen in seiner Kolumne dahingehend vernehmen, als er forderte: "Mehr als dem Kunstwerk ist der Kritiker den Lesern, dem Publikum verpflichtet."

Sei lieber nicht du selbst

von Michael Wolf

28. Januar 2020. Der Schauspieler Lars Eidinger zog kürzlich einen Shitstorm auf sich. Zur Bewerbung einer von ihm designten Tasche hatte er sich in einer abgetragenen Jacke vor Schlafplätzen von Obdachlosen fotografieren lassen. Die Reaktionen reichten von "geschmacklos" über "zynisch" bis "schlicht dumm". Im Interview mit der SZ verteidigte sich Eidinger denn auch mit stupender Einfältigkeit. Vor den Schlafsäcken der Obdachlosen hätte er sich nur ablichten lassen, weil die eben auf seinem Heimweg lägen und mit der Jacke laufe er immer rum, ist halt sein Look.

Ist es Schicksal?

von Şeyda Kurt

14. Januar 2020. Ein Samstagabend im Januar. Ich bin in der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin: Köln. Ich bin verkatert. Eigentlich ist es schön, verkatert ins Theater zu gehen. Meine Sinne sind geschärft. Denn sie trauen meinem Urteilsvermögen nicht mehr. Sie sind auf der Lauer, ein wenig verängstigt, ein wenig verwundert über die anhaltende Schnelllebigkeit der Welt. Und neugierig.

Elf Regeln soll'n es sein

von Wolfgang Behrens

10. Dezember 2019. Ein zentraler Moment des Theaterlebens, der mir zwangsläufig verschlossen blieb, als ich noch ein Kritiker war, ist das Vorsprechen der Schauspielabsolvent*innen an den Häusern, an die sie engagiert zu werden hoffen. Dabei ist das ein für alle Beteiligten höchst aufregender, weil naturgemäß berufs- und karriereentscheidender Vorgang. Und zugleich ein sehr seltsames Ritual: Eine bis in die Haarspitzen motivierte Bewerberin (oder ein Bewerber) entblößt sich emotional vor einigen wahlweise neugierig, semi-aufmerksam oder eisig blickenden Intendanten-, Hausregisseurs- und Dramaturgengesichtern, die sich am Ende meist ein routiniertes "Danke. Wir melden uns!" abringen.

Zuschauer ist kein Ausbildungsberuf

von Michael Wolf

3. Dezember 2019. "Kritiker sollten sich nicht zu sehr für Theater interessieren. Es schadet mehr, als dass es nützt." Ein erfolgreicher Kollege hat das einmal zu mir gesagt. Je länger ich als Kritiker arbeite, umso klüger finde ich diesen Rat. Natürlich muss ein Rezensent "Bescheid wissen", er braucht "Seherfahrung", er muss kontextualisieren und argumentieren können. Und doch ist er am Ende des Tages nur ein informierter Zuschauer, der Ihnen von seinem Erlebnis eines Theaterabends berichtet. Es ist nicht förderlich, wenn Kritiker zu stark die Perspektive der Produzenten einnehmen. Sie sollten nicht auf Premierenpartys über das Buffet herfallen. Und sie sollten auch nicht zu sehr vom Kunstwerk her denken, davon, was da oben ist oder sein könnte, sondern was unten im Saal ankommt. Mehr als dem Kunstwerk ist der Kritiker den Lesern, dem Publikum verpflichtet.