(In-)Glorious Avengers!

von Şeyda Kurt

12. Januar 2020. "You are beautiful, but you will always remind me of violence." – Otobong Nkanga 

Im Juni schrieb ich eine Kolumne über einen kurdischen Schauspieler, seinen toten Hund und meine Mutter, die jeden Abend vor dem Fernseher von der Karibik träumt. Ein Leser kommentierte: "Tja! Wieso geht ihre Mutter nicht in das Theater?!" Prompt kochten meine Komplexe hoch, die viele Kinder von migrantischen Eltern aus der Arbeiter*innenklasse kennen dürften. Das Gefühl, dass solche beiläufigen, vermutlich gar nicht böse gemeinten Fragen als demütigender Tadel meine, unsere Unzulänglichkeit adressieren.

Dein ist mein ganzes Herz

von Wolfgang Behrens

5. Januar 2021. Als ich noch ein Zuschauer war, war ich das, was man einen harten Fan nennt. Andere waren unbelehrbare Anhänger von Fußballclubs wie Manchester United, Bayern München oder Westfalia Herne, ich hingegen war ein unbelehrbarer Anhänger des Theaterregisseurs Einar Schleef. Als solcher ging ich natürlich zu allen Heimspielen in meinen damaligen Wohnorten Frankfurt und Berlin – und wie es sich für einen harten Fan gehört, fuhr ich auch, koste es, was es wolle, zu den Auswärtsspielen nach Wien oder Düsseldorf.

Nationalneurotisches Konstrukt

von Esther Slevogt

22. Dezember 2020. Die Bauzäune sind weg, das vergiftete Weihnachtsgeschenk ist ausgepackt. Da steht es also jetzt, das funkelnagelneue Schloss, das kein Schloss sein darf, sondern Humboldtforum sein soll. Humboldt, das schmeckt nach Wissenschaft, nach Weltläufigkeit und Universalgelehrtentum. Und klingt natürlich besser als Hohenzollern, fängt aber trotzdem mit H an. Weil um Gotteswillen keiner den Deutschen nachsagen soll, sie hätten aus ihrer Geschichte nichts gelernt, wenn sie jetzt die Residenz der kriegerischen preußischen Könige und deutschen Kaiser wieder aufgebaut haben, die (bombengeschädigt, aber durchaus rekonstruierbar) 1950 von der jungen DDR als Symbol des fehlgeleiteten, imperialistischen Deutschland geschleift worden war. Und nun als Symbol für die allerbesten Absichten dieses wieder mal neuen Deutschlands wiederaufgebaut worden ist. Auch, um der DDR nicht das letzte Wort auf diesem Ground Zero der deutschen Geschichte zu überlassen. Die hatte hier 1976 ihren Palast der Republik eingeweiht.

Ein beinahe wärmendes Erlebnis

von Janis El-Bira

15. Dezember 2020. In den vielen theaterlosen Monaten dieses elenden Jahres habe ich das Theater selten mehr vermisst als dort, wo es ganz nah schien. Wo alles wirkte, als ginge es jetzt gleich los oder würde doch wenigstens aufhören. Man also hoffen konnte, bald mit einem Fußtritt aus der unseligen Vorstellung entlassen zu werden, in die man sich hier verirrt hatte. Etwa so wie damals in Köln, als ich nach einem vielstündigen Signa-Exzess, schlecht riechend und mit allerlei Flüssigkeiten an der Kleidung, wieder auf der Straße stand, während die Performance-Zombies zum Abschied von innen an der gläsernen Einlasstür kratzten. Sie würden vielleicht auf alle Zeit dort drinnen und in meinem Gedächtnis bleiben, aber ich war wieder frei – so viel war sicher.

No more feministische Mogelpackung!

von Lara-Sophie Milagro

8. Dezember 2020. Gegen "Arielle, die Meerjungfrau", "Vaiana – Das Paradies hat einen Haken" und "Küss den Frosch"-Prinzessin Tiana hatte ich mich erfolgreich zur Wehr gesetzt und mich geweigert, meiner 4-Jährigen Tochter Haarspangen, T-Shirts oder Bettdecken zu kaufen, die, egal ob in der (B)PoC oder in der weißen Variante, das immer gleiche, mandeläugige Kindchenschema als weiblich an den Mann bzw. das Mädchen bringen. Schließlich möchte ich meinem Kind ein progressives Frauenbild mitgeben: Stark und selbstbewusst soll sie ins Leben schreiten, ihr Potential entfalten und ihren Körper weder einer Hungerhaken- noch einer Knackpo-Doktrin unterwerfen.

Vielleicht mal beten

von Michael Wolf

1. Dezember 2020. Vor kurzem habe ich "Gott" gesehen, die TV-Adaption des Stücks von Ferdinand von Schirach (am Theater uraufgeführt in Berlin und Düsseldorf). Ich halte den Film für solide Fernsehunterhaltung, gestört hat mich nur der Titel. Denn es geht hier natürlich kein bisschen um Gott, sondern um die Frage, wie man die Tatsache des Todes gesellschaftlich am besten managt. Folgerichtig ist der Text als Gerichtsdrama angelegt. Das ist das Erfolgsrezept des Autors. Schirach bricht die ganz großen Themen auf ihre juristische Ebene herunter, leitet einen so gleichsam an einem schützenden Geländer entlang immerhin in Sichtweite existenzieller Abgründe. Und das ganz ohne transzendenten Schwindel, jeder Zweifel erübrigt sich hier, sicher führen die Argumente zum Ziel, am Schluss einer 90-minütigen Erörterung ist die Antwort auf eine weitere Frage nach Sein oder Nichtsein auch schon wieder geklärt.

Gemeinsame Geschichte(n)

von Şeyda Kurt

25. November 2020. Sie haben es sicherlich schon mitbekommen. 2020 war kein ideales Jahr, um eine Theaterkolumne zu schreiben. Vor mehr als zehn Monaten begab ich mich erstmals auf die Suche nach neuen Visionen von Intimität, Freund*innenschaft, Familie, Verbündung und Solidarität auf den Bühnen. Manchmal verließ ich eine Theatervorstellung mit einer neuen Idee, einem unausgefüllten Gefühl, einem vagen Zusammenhang, einem Widerspruch. Dann dachte ich mir: Das vertiefe ich im nächsten Monat. In der nächsten Kolumne. Ich arbeite an dem Gedanken. Ich verdichte ihn. Dann schlossen wieder die Theater. Dann zerstreuten sich die Gedanken.