Zuschauer ist kein Ausbildungsberuf

von Michael Wolf

3. Dezember 2019. "Kritiker sollten sich nicht zu sehr für Theater interessieren. Es schadet mehr, als dass es nützt." Ein erfolgreicher Kollege hat das einmal zu mir gesagt. Je länger ich als Kritiker arbeite, umso klüger finde ich diesen Rat. Natürlich muss ein Rezensent "Bescheid wissen", er braucht "Seherfahrung", er muss kontextualisieren und argumentieren können. Und doch ist er am Ende des Tages nur ein informierter Zuschauer, der Ihnen von seinem Erlebnis eines Theaterabends berichtet. Es ist nicht förderlich, wenn Kritiker zu stark die Perspektive der Produzenten einnehmen. Sie sollten nicht auf Premierenpartys über das Buffet herfallen. Und sie sollten auch nicht zu sehr vom Kunstwerk her denken, davon, was da oben ist oder sein könnte, sondern was unten im Saal ankommt. Mehr als dem Kunstwerk ist der Kritiker den Lesern, dem Publikum verpflichtet.

Überall Monokulturen

von Şeyda Kurt

26. November 2019. Liebe Leser*innen! Ich suche nach Utopien der Liebe auf Theaterbühnen. Ich nehme Sie mit auf die Reise. Sie beginnt an einem Novemberabend in einer Stadt, in der vor rund neun Jahren meine frühjugendlichen Vorstellungen von Beziehung und Romantik zerschellten: in Wuppertal. Meine erste mehrmonatige Beziehung mit einem Wuppertaler endete in Tränen, dann in Ohrfeigen, das letzte Mal fuhr ich im Jahre 2011 in die Stadt, das war für eine Gerichtsverhandlung. Ich brauche also eine neue Erzählung von diesem Ort und von der Liebe sowieso, aus Berufsgründen, weil Sie ja etwas Gescheites lesen wollen in dieser Kolumne.

Mit der Wünschelrute

von Esther Slevogt

21. November 2019. Die Frage, wie die flüchtige Theaterkunst der Nachwelt überliefert werden könnte, tauchte neulich wieder einmal auf Twitter auf, als die Medienwissenschaftlerin und Ex-Piratin Tina Lorenz auf Defizite in der Debatte verwies und zu Protokoll gab, wie viel weiter als die Theater hier beispielsweise Museen seien. Dabei ist das Thema so alt wie das Theater selbst. Nicht nur Mimen beklagen schon lange, dass die Nachwelt ihrer ephemeren Kunst keine Kränze flicht; dass sich diese Kunst nur im Moment ereignet und kaum Spuren in der Zeit hinterlässt. Die Erfindung von Film und Fotografie stellte im 20. Jahrhundert eine Weile eine Lösung des Problems in Aussicht. Beispielsweise hat Bertolt Brecht schon sehr früh diese Medien genutzt, um seine Inszenierungen zu dokumentieren, ja in Modellbüchern geradezu zu zementieren.

Aufmucken? Verstören!

von Lara-Sophie Milagro

12. November 2019. Als im Sommer letzten Jahres Nicht-Weiße von Nazis durch die Straßen von Chemnitz geprügelt wurden und die Presse ernsthaft darüber debattierte, ob nun "Jagd", "Hetze" oder "Hetzjagd" der angemessene Ausdruck dafür sei, stand man als (wie auch immer) in diesem Land beheimateter Mensch wieder einmal vor der Frage: Was tun? Wie etwas dagegen setzen, wirkungsvoll Widerstand leisten, auch und gerade als Kunstschaffende?

"Bitte bevorraten Sie sich!"

von Wolfgang Behrens

29. Oktober 2019. Als ich noch kein Kritiker sondern nur ein Zuschauer war, erlebte ich einmal mit meiner Cousine C.... in Peter Steins "Kirschgarten"-Inszenierung einen Theatermoment, den wir beide fortan zu unseren komischsten zählen sollten. Was allerdings nichts mit Peter Stein oder Tschechow zu tun hatte. Vielmehr trug sich zu, dass C.... und ich, die wir als Student*innen auf den billigen Plätzen saßen, vor der Pause zwei freie Sitze in der ersten Reihe erspäht hatten, die wir nun am Beginn des dritten Aktes einzunehmen trachteten.

Spielmacher gesucht

von Michael Wolf

23. Oktober 2019. Es gibt viele Argumente gegen Adaptionen: Sie dienen als Publikumsköder, setzen nur auf Wiedererkennung eines prominenten Originals, versperren jungen Dramatikern den Zugang zu großen Bühnen und so weiter. All das stimmt, ist aber noch kein Grund, sie mittels einer Quote für Gegenwartsdramatik von den Bühnen zu verbannen, wie es die Lektoren des Fischer Theater Verlags kürzlich rührend hilflos in der FAZ vorschlugen. Anstatt ihr Produkt attraktiv zu bewerben, fordern sie die Einführung der Planwirtschaft, ein ästhetisches Argument gegen Adaptionen bleiben sie schuldig.

Die doch immer dagewesen sind

von Esther Slevogt

15. Oktober 2019. Es ist in diesen Wochen viel von der Deutschen Einheit die Rede. Das dreißigste Jubiläum des sogenannten Mauerfalls naht. Am 2. und 3. Oktober wurde unter der Überschrift "Mut verbindet" in Kiel bereits der 29. Tag der Deutschen Einheit begangen, die per 3. Oktober 1990 in Kraft getreten ist. Es gab also Volksfest, Sonntagsreden und "Einheitsbuddeln". Ja: Einheitsbuddeln. Damit war eine bundesweite Baumpflanzaktion gemeint, um Klimaschutz und Deutsche Einheit zu verbinden. Zwar sollen im Zuge der Aktion insgesamt über 90.000 Bäume gespendet bzw. gepflanzt worden sein. Das deutsche Klima ist trotzdem mieser denn je.