Weil ihr es wert seid

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Januar 2017. Dass ich das noch erleben darf, in meinem bürgerlichen Heldenleben! In einer Stadt geht dieser Tage einer der spektakulärsten und schönsten Bauten der letzten Jahre ans öffentliche Netz, und es ist kein Büro- und Luxuswohnungsturm, der sich in schwindelerregende Höhen windet, kein güldener Tower, keine Shoppingmall, mit der zum x-ten Mal den üblichen verdächtigen globalen Marken eine glitzernde Lokalumrandung gegönnt wurde. Vielmehr handelt es sich um einen Ort, der schon fast anachronistisch schien in unseren Zeiten, in denen man lieber Theater schließen oder abreißen will (siehe Düsseldorf, siehe die Berliner Ku'dammbühnen) statt neue Orte des öffentlichen Kunstgenusses zu eröffnen: einen Bau, den man im Wesentlichen nur betritt, um dort friedlich einem Konzert zu lauschen. Oder ist da doch noch mehr?

Warum nicht im Theater?

von Wolfgang Behrens

13. Dezember 2016. Als ich noch ein Zuschauer war, lauschte ich einmal einer Podiumsdiskussion in der Berliner Akademie der Künste, bei der sich verschiedene Musiker über die Lehrbarkeit ihres Metiers austauschten. Der Komponist Frank Michael Beyer erzählte damals, er habe einmal einen Kompositionsschüler gehabt, der mit leuchtenden Augen zu ihm gekommen sei und verkündet habe: "Herr Beyer, ich möchte ein Stück für Schlagzeug komponieren. Ja, für Schlagzeug! Aber es soll ein besonderes Stück sein, denn es soll gar nicht wie Schlagzeug klingen." Beyer will darauf geantwortet haben: "Na, dann schreiben Sie doch erst einmal ein Stück für Schlagzeug, das so klingt wie Schlagzeug!"

Die hässliche Wirklichkeit

von Dirk Pilz

6. Dezember 2016. Heute noch einmal kurz zu Tim Renner. Nein, nicht zu seiner umstrittenen Entscheidung für Chris Dercon als Nachfolger Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne. Dazu ist einstweilen alles gesagt, auch wenn die Debatte damit naturgemäß längst nicht zu Ende ist. Sondern zu zwei Sätzen, die Renner aus Anlass seines morgigen Abschieds vom Amt des Berliner Kulturstaatssekretärs in einem Interview mit der B.Z. geäußert hat: "Berlin droht die soziale Spaltung. Unsere Kultur-Institutionen müssen deshalb raus aus ihrer Komfort-Zone und auf die Leute zugehen."

Fliegen

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Fliegen auf nachtkritik.de bisher: 440 Mal

29. November 2016. Man soll Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, hieß es bei uns in der Schule im Mathematikunterricht. Dabei gilt für die literarische Arbeit vielleicht gerade das Gegenteil: gerade Äpfel soll man mit Birnen vergleichen, denn übers Vergleichen – Abweichung und Ähnlichkeit – erklären und erfinden wir uns die Welt.

Schutzraum Theater

von Georg Kasch

Berlin, 17. November 2016. Neulich war ich bei der Premiere der NSU-Monologe im Heimathafen Neukölln. Überall zwischen den vielen Menschen stand auffällig Sicherheitspersonal herum, breitbeinige Typen in Schwarz. Zuerst mutmaßte ich, dass parallel ein Konzert stattfindet mit irgendeinem Sternchen, das sich zu wichtig nimmt. Dann stellte ich fest, dass die "NSU-Monologe" im Großen Saal stattfinden, die Sicherheitsleute also die Premiere beschützten. War dieser Sicherheitsaufwand nicht ein bisschen überdimensioniert?

Ein digitaler Raum, was sonst?

von Esther Slevogt

8. November 2016. Unsere Theater verstehen sich gerne als die letzten Schauplätze bürgerlicher Öffentlichkeit, die noch nicht von marktorientiertem Denken geprägt und von Wirtschaftsinteressen privatisiert worden sind. Unter diesem Denken hören Orte nämlich auf, öffentlich zu sein; nur merkt man es manchmal nicht gleich. Privatinteressen (und nichts anderes sind Wirtschaftsinteressen) drohen inzwischen alles platt zu machen, was nicht unmittelbar monetarisierbar ist beziehungsweise einer Monetarisierung im Wege steht. Auch staatliche Einflusssphären werden unter diesem Druck zunehmend aufgeweicht.

Ob das mal stimmt!

von Wolfgang Behrens

1. November 2016. Als ich noch ein Zuschauer war, erzählte mir einmal ein Pianist, warum er seine Konzertkarriere aufgegeben habe. Ein Freund von ihm habe nämlich ein Konzert aus Krankheitsgründen kurzfristig absagen müssen, was freilich den für dieses Rezital vorgesehenen Zeitungskritiker nicht beirrte. Zwei Tage später erschien also eine ausführliche Kritik des ausgefallenen Konzerts. Ich muss zugeben, dass mir das durchaus Respekt vor der Fantasie des Kritikers abnötigt – den Pianisten indes, der mir diese Anekdote erzählte, ließ es am Konzertbetrieb verzweifeln.