Seht her, ein Arschloch!

von Michael Wolf

24. September 2019. Bei manchen Theaterabenden ahne ich schon vor dem Besuch, dass ich sie für schwach befinden werde. Für diese Fälle habe ich eine Regel. Ich schreibe keine Kritiken über diese Inszenierungen und überlasse das lieber meinen Kollegen. Von meiner Zurückhaltung profitieren alle Beteiligten: die Künstler, die Leser, ich selbst.

Böse Buzzwords

von Esther Slevogt

17. September 2019. Wer schon mal bei einem Popkonzert war, bei dem die Stars ihr Publikum flüsternd aufgeheizt hätten, bitte melden. Denn normal ist eher, dass die Stars ihr Publikum brüllend, tobend und aufreizend adressieren. Selbst in meinem bürgerlichen Heldenleben war das bisher so. Denn so macht das auch der Kasper im Kasperletheater, wenn er mit der Pritsche drohend sein Publikum mit dem Ruf hinter sich zu versammeln sucht: "Seid ihr alle da!?" That’s Entertainment.

Mehr Kunst wagen

von Michael Wolf

25. Juni 2019. Am letzten Donnerstag las ich kurz hintereinander zwei Interviews: René Pollesch sprach mit dem Freitag, Jens Harzer mit der Neuen Zürcher Zeitung. Beide sind sie gefeierte Theatermacher auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, und doch könnte man meinen, sie wären in völlig anderen Branchen tätig. Polleschs Lieblingsvokabeln: "Arbeit", "Arbeitsweise", "Arbeitspraxis". Das Wort Kunst nimmt er nicht ein mal in den Mund. Jens Harzer hingegen nennt seinen verstorbenen Kollegen Gert Voss einen "Theatergott", spricht vom Spielen als "Nichteinverständniserklärung mit der Welt", von Verwandlung als einem "emanzipatorischen Akt", vom "Urgefühl Angst".

"Die was zu mir nett san, die hab ich gern"

von Andrea Heinz

28. Mai 2019. Dummdreiste Machtgeilheit, Gier und Machogehabe. Das Ibiza-Video hat gezeigt, was eigentlich alle schon die längste Zeit wussten. Die ganze Geschichte hat aber noch eine andere Annahme bestätigt: In Österreich und erst recht in Wien schätzt man eine gute Inszenierung auch abseits der Bühne. Sei es die zweifelsohne durchdachte Dramaturgie der Ibiza-Tapes (schon jetzt ein Klassiker), sei es der Auftritt des Bundespräsidenten vor samtener Tapete und Maria-Theresien-Bildnis ("Bis zum nächsten Mal"). Der Übergang von Politik zu Theater ist ja ohnehin oftmals ein fließender, und bei der Bernhard’schen Frage, "Ist es eine Komödie? Ist es eine Komödie?", weiß man auch nie so genau, was er da eigentlich gemeint hat. Politik? Theater? Wahrscheinlich beides.

Silbriger Dramaturgenglanz

von Wolfgang Behrens

Berlin, 21. Mai 2019. Als ich noch ein Kritiker war, hielt sich mein Beliebtheitsgrad unter Theaterleuten sicherlich in Grenzen – man war ja schließlich ein Kritiker und als solcher ein Feind des Theaters –, aber ich stand zumindest unter keinem Legitimationsdruck. Wenn ich erwähnte, welcher Profession ich nachging, hatten die Menschen in der Regel so ungefähr eine Ahnung, was ich tue.

Was tun mit den Arschlöchern?

von Lara-Sophie Milagro

14. Mai 2019. Während meines Gesangsstudiums begrüßte mich Herr Professor B. jedes Jahr zu Semesterbeginn mit demselben Kalauer: "Na junge Frau, haben Sie sich nicht in der Abteilung geirrt? Dies ist der Fachbereich Operngesang, die Jazz-Abteilung ist im Gebäude nebenan". Ich habe immer brav gelacht über Herrn Prof. B., Humor ist ja bekanntlich Ansichtssache. Klassische Gesangstechnik folgt da schon klareren Regeln: Entweder du triffst das hohe C oder nicht. Kein Interpretationsspielraum, kein "ich fänd h aber besser". Natürlich gibt es unendlich viele Möglichkeiten, einen Ton zu gestalten, ihm Farben und Nuancen zu verleihen. Aber C ist C und eine gute Oper ist eine gute Oper, das war für mich nie verhandelbar.

Das Star-Bakterium

von Esther Slevogt

8. Mai 2019. Ich war immer gegen eine Frauenquote, weil ich stets peinlich berührt dachte: ich will doch nichts geschenkt bekommen, bloß weil ich eine Frau bin. "Ja", sagte meine Freundin B. eines Tages. "Aber du möchtest auch nichts weggenommen bekommen deshalb." B. ist eine hochkarätige Wissenschaftlerin und leitet ein renommiertes Forschungsinstitut. "Obwohl ich eine Frau bin und Kinder habe", sagt sie immer.