Archiv für Extremisten

von Esther Slevogt

Berlin, 2. Februar 2016. In gewisser Weise ist der höfliche Dschihadist mit dem Mittelscheitel vielleicht auch ein verhinderter Bürger, der von einem Heldenleben träumt. Wie er da so mit seinem Konfirmandenanzug vor die Kamera tritt und Deutschland droht: "Entscheidet sich das deutsche Volk für den Krieg, hat es sein eigenes Urteil gefällt", spricht er freundlich aber bestimmt wie zu einem ungezogenen Kind, dem ungezogenen Kind Deutschland. Es geht um Deutschlands Beteiligung an Nato-Einsätzen in Afghanistan, damals, im Jahr 2009. Hinter dem jungen Mann glüht rot eine Art Theatervorhang.

"Wir sind doch nicht im Puff!"

von Wolfgang Behrens

Berlin, 26. Januar 2016. Natürlich hasse ich Claus Peymann. Wie auch nicht? Er weiß ja selbst, dass er der Antipode des relevanten zeitgenössischen Theaters ist, das hochzuhalten der Theaterkritik ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste aufgegeben ist. Ruft Claus Peymann einen Kritiker an – ja, das kommt vor! –, dann meldet er sich schon mal mit den Worten: "Hier spricht der Todfeind!" Da Peymann zudem der Ansicht ist, Kritiker seien grundsätzlich dämlich, bleibt mir auch gar nichts Anderes übrig, als ihn zu hassen.

Mit der Pumpgun

von Esther Slevogt

Berlin, 18. Januar 2016. Eigentlich bin ich mit den Tatortkritikern nie einer Meinung. Finden sie eine Folge gut, bin ich garantiert beim Gucken eingeschlafen. Wird kübelweise Häme ausgegossen, war ich bis zum letzten Moment gespannt und habe mich gut unterhalten gefühlt. Der spät-ibsenianische Polizeiruf am vergangenen Sonntag zum Beispiel, der auch in die Tatort-Family gehört. Die Kritik ist ergriffen. Ich schlief schon nach einer Viertelstunde ein. Weil mich der ganze verquälte Psychokram vom Mörder, der endlich als Mörder bestraft werden will, die Willy-Brandt-Frisur von Matthias Brandt und das Christoph-Waltz-Getue von Karl Markovics nicht die Bohne interessierten. Und ich das Menschenbild dahinter eher ätzend fand. Immer diese wilden jungen Frauen, die dann vergewaltigt und ermordet werden. Rape Culture auf öffentlich-rechtlich.

Hört David Bowie!

von Georg Kasch

12. Januar 2016. Was ist das nur mit der Menschheit und der Welt? Kriege, Katastrophen, Flüchtende, die Nacht von Köln und die unsäglichen Reaktionen darauf. Was soll man glauben? Und vor allem: woran? Nun ist zu allem Überfluss auch noch David Bowie tot. Dabei schien er unsterblich, ewig jung, wie von einem anderen Stern. Er, der den Pop revolutionierte und queerness mainstreamfähig machte, vollkommen unabhängig davon, mit wem er letztlich ins Bett stieg.

Prophezeiung

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Prophezeiung auf nachtkritik.de bisher: 32 Mal

5. Januar 2016. Angesichts der Lektüre eines aktuellen Interviews mit Bob Wilson im britischen Guardian kann ich nicht anders, als das neue Kolumnenjahr auf nachtkritik.de mit einem Close Reading zu eröffnen. Nachdem Bob Wilson in diesem Interview selbst die Kunst der Prophezeiung praktiziert, möge Folgendes nun mit dem Habitus des Ausblicks aufs noch frische Jahr gelesen werden. Vorausgeschickt sei allerdings, dass die mediale Berichterstattung mitunter dazu neigt, Aussagen ihrer Interviewpartner verkürzt oder vereinfacht darzustellen – freilich als Serviceleistung für den Leser und die Leserin, die "in unserer schnelllebigen Zeit" komplexer Inhalte gar nicht mehr habhaft werden können –, wir wissen also nicht, ob Bob Wilson tatsächlich so geweissagt hat, als er, in Linz/Oberösterreich seine Inszenierung von Verdis "La Traviata" probend, den Guardian an der Strippe hatte. Doch womöglich hielt er sich, auch eingedenk der Telefonkosten, an den Neujahrsvorsatz: "Keep it simple."

Heiner Müller aber schmunzelt

von Wolfgang Behrens

Berlin, 8. Dezember 2015. In drei Wochen, am 30. Dezember 2015, wird Heiner Müller 20 Jahre tot sein. Doch richtig tot ist er ja Gott sei Dank noch nicht, denn er lebt natürlich weiter in den Anekdoten derer, die jedwede ihrer Äußerungen mit den Worten einleiten: "Der Heiner hat einmal gesagt ...". Als ich noch ein Zuschauer war und Müller noch lebte, da gab es nämlich als ständige scharwenzelnde Begleiterscheinung um den Dramatiker herum eine kleine Traube von Leuten, die gebannt an seinen Lippen hingen.

Hässliche Frauen?

von Georg Kasch

1. Dezember 2015. Sind sie nicht süß, die bigotten Konservativen? Die CDU zum Beispiel: Einerseits wird es beim Bundesparteitag Mitte Dezember einen Antrag geben, der alle Zuwanderer verpflichten will, unter anderem die Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie Homo- und Heterosexuellen anzuerkennen. Gleichzeitig spricht sich ein weiterer Antrag des Parteivorstands dafür aus, das bestehende Eheverbot für lesbische und schwule Paare aufrechtzuerhalten.