Gespräche über Bäume

von Esther Slevogt

Berlin, 24. November 2015. Wahrscheinlich ist das auch ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben: dass man in Zeiten wie diesen den Rat der alten Meister sucht. Von Bertolt Brecht zum Beispiel, der, als seine eigenen Zeiten immer radikaler wurden, auch von der Kunst Parteinahme gefordert hat. Der fand, ein Gespräch über Bäume beispielsweise könne ein Verbrechen sein, weil es das Schweigen über so viele Untaten einschließen würde. Zwischen 1933 und 1938 war das, als dieses berühmte Gedicht "An die Nachgeborenen" entstand, aus dem die berühmte Zeile von den berühmten Bäumen stammt. In diesen Jahren war Brecht schon im Exil. Geflohen aus einem Land, in dem sein Leben und das seiner Familie nicht mehr sicher war. Aus diesem Land.

Hosenrolle

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Hosenrolle auf nachtkritik.de bisher: 14 Mal.

17. November 2015. Ich will zurück nach Iowa. "Ach, geh doch zurück nach Iowa!" Nein, Wien ist eh auch gut, sagt die ZEIT in der aktuellen Ausgabe ihres Magazins. Hinzugefügt werden darf, dass die Stadt Wien ja aus mehreren Dörfern besteht. Was bloß heißt, dass es uns Bewohnern leicht fällt, einander geografisch aus dem Weg zu gehen. Das macht es auch einfacher, hier in Wien an seinem sogenannten Roman zu arbeiten, anstatt dort, in Iowa, ständig davon abgelenkt zu werden.

Livrierte Halbgötter

von Wolfgang Behrens

10. November 2015. Kann sich noch jemand an Christian Diaz erinnern? An jenen Billeteur, der vor gut zwei Jahren während eines Theaterkongresses der Weltöffentlichkeit ins Bewusstsein rief, dass der Publikumsdienst am Wiener Burgtheater längst outgesourct ist – und zwar an eine Firma mit zumindest zweifelhaftem Leumund. Christian Diaz wurde in der Folge rausgeschmissen, ein paar Monate später wurde dann auch Burgintendant Matthias Hartmann geschasst (wenn ich mich recht erinnere, aus anderen Gründen) – und über den Fall Diaz wuchs Gras.

Unter Glaubenskriegern

von Dirk Pilz

3. November 2015. Gehöre ich zur Lügenpresse? Zum ersten Mal wurde ich vor drei Jahren als Lügenjournalist bezeichnet. Damals schrieb ich zur Debatte um das Recht auf Beschneidung und wehrte mich gegen einen ahnungslosen Atheismus, der seine Weltanschauung zur Norm erhebt und dabei die eigenen Glaubensannahmen ausblendet. Das erschien mir bedrohlich für eine demokratische Gesellschaft, weil sich mit Ahnungslosen so wenig wie mit Fundamentalisten streiten lässt: Sie haben keine Argumente, sondern zu Dogmen erhobene Meinungen.

Danke, liebe Flüchtende!

von Georg Kasch

27. Oktober 2015. Es ist an der Zeit, danke zu sagen. Danke, liebe Flüchtende! Danke dafür, dass Ihr uns die Augen geöffnet habt: Unsere Konservativen in Deutschland sind gar nicht so, wie wir immer dachten. Sie ehren, schätzen und verteidigen die Frauen- und Homorechte genauso wie wir! Wer hätte das gedacht. Ute Eilig-Hüting etwa fordert: "Allen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, müssen auch unsere grundlegenden Werte vermittelt werden. Dazu gehört neben Demokratie, Meinungs- und Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und vielem mehr auch das moderne Frauenbild." Die Dame ist Leiterin der Arbeitsgruppe Frauen der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag. Vermutlich war die Sache mit der Herdprämie nur ein Ablenkungsmanöver, um unter der Hand den Sieg des Weißwurscht-Feminismus vorzubereiten.

Im Meinungstsunami

von Esther Slevogt

20. Oktober 2015. Heute bin ich wieder dran mit der Kolumne. Ich muss jetzt also irgendetwas meinen. Dabei ist das Meinen eigentlich uninteressant. Oder zumindest selten sachdienlich. Dem Meinungstsunami, der die Welt täglich unter sich begräbt, kann man ja kaum noch entkommen. Aber verstehen wir die Welt deswegen besser? Eher doch nicht. Der eine meint, dass man die Bundeskanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik aufhängen sollte. Der nächste meint, eine OB-Kandidatin abstechen zu dürfen, für – ja, wofür eigentlich? Für unsere Kinder oder so. Wieder ein anderer meint, er hätte irgendetwas zu sagen. Ich ja leider manchmal auch.

Homecoming

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Homecoming auf nachtkritik.de bisher: einmal. Mit heutigem Eintrag: öfter.

13. Oktober 2015. Noch weile ich in der Ferne. In Iowa City, Amerika, habe ich soeben das "Homecoming Weekend", halb feiernd, halb staunend, hinter mich gebracht. Und Cyndi Lauper, nein, die "Chvrches" haben gespielt, bei freiem Eintritt auf dem Rasen des Pentacrest, einer Ansammlung von Gebäuden rund um das Old Capitol, dem Nullpunkt im orthogonalen Straßennetz der Stadt. Schwarz-gold gewandete Studentinnen und Studenten sind im Takt dazu gehüpft, am Nachmittag vorher gabs Paraden und Umzüge, tags darauf das Football-Spiel Iowa vs. Illinois. "Go, Hawks!"