Je suis Stürmähr

von Esther Slevogt

31. März 2015. Kleines Gedankenspiel: Man stelle sich vor, im Februar 1933 hätten ein paar Inglorious Basterds eine Redaktionssitzung des "Stürmer" in Nürnberg überfallen und dort jeden umgebracht, der ihnen vor die Knarre kam. Zumindest retrospektiv, also aus der Sicht von heute, würde man angesichts der vom "Stürmer" in Umlauf gebrachten antisemitischen Hetzkarikaturen die Tat sicher mit einer gewissen Milde beurteilen. Selbst, wenn man Gewalttaten dieser brutalen Art sonst niemals billigen würde: Ziemlich wahrscheinlich würde man die "Basterds" sogar längst dafür feiern, auch ohne ein ausgewiesener Tarantino-Fan zu sein. Aber damals, also 1933, hätten die Leute gewiss den Mord an harmlosen Zeichnern und Zeitungsmenschen ebenso ruchlos und feige gefunden, wie wir den Mord an den Charlie-Hebdo-Zeichnern. Ist er ja auch. Ganz davon abgesehen, dass dieses Attentat in jenen Jahren auch gar nicht nötig war, um die Deutschen zum kollektiven Bekenntnis "Je suis Stürmähr", "Ich bin Der Stürmer" zu bewegen. Sie waren es längst.

Living in Queer Street

von Georg Kasch

23. März 2015. Kaum war meine erste "Queer Royal"-Kolumne draußen, gab's was auf die Finger (mit dem Lineal gewissermaßen, dabei wäre doch die Federboa so viel wirkungsvoller): "Theorie und Geschichte von 'queer' sollten schon bekannt sein, wenn man seine Kolumne so nennt. Nachsitzen bitte!", schrieb ein Bekannter auf Facebook. Sein Vorwurf: Ich haue unkritisch die unterschiedlichsten Dinge in einen Topf: schwul und lesbisch mit queer etwa.

Cosplay

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Cosplay auf nachtkritik.de bisher: 2 Mal

17. März 2015. Ach, Cosplay. Nur zweimal, sagt die Suchmaschine, wird der Begriff genannt auf nachtkritik.de: einmal bei Armin Petras, ahja!, und einmal in einem Artikel, der, am Rande, auf ein Stück von Gob Squad verweist: "Before your very Eyes". Worin Kinder ihr Leben antizipieren und die Rollen erproben, die sie später einmal eingenommen haben werden, so es nach den begrenzten Möglichkeiten innerhalb des "Formelvorrats" eines Menschenlebens geht. Seltsam, wenn man als Mittdreißigerin in diesem Stück im brut Wien gesessen ist, und sich angesehen hat, wie Kinder also dreißig- bis vierzigjährige Erwachsene imitieren: wie lustig ist es gewesen und wie traurig, sich darin, satz- oder gestenweise, wiederzuerkennen.

Wie ich einmal für Barbara Brecht-Schall aufstand

von Wolfgang Behrens

10. März 2015. Ich habe keine Ahnung, was die Brecht-Erben damals geritten hat. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten – wie sie's in solchen Fällen doch nun mal zu tun pflegen – die Aufführungsrechte verweigert. Es hätte dann jedenfalls eine Prügelei weniger gegeben, und ich hätte mir nicht von der Zeitschrift Theater der Zeit nachsagen lassen müssen, mich über "freien Umgang mit Text und Publikum" zu empören.

Es lebe der Beitragszahler

von Dirk Pilz

3. März, 2015. Heute das Neueste von unserem Deutschen Bühnenverein. Die letzte Wortmeldung dieser mächtigen Kölner Institution ist auf den 20. Februar 2015 datiert, zwei Wochen her. Rolf Bolwin, der Bühnenvereinsdirektor, ließ wissen: "Seit Jahren weigert sich der Gesetzgeber, die für die Theater drängenden Fragen des geltenden Urheberrechts anzugehen. Das kann so nicht weitergehen."

Missverständnis Liebe

von Esther Slevogt

24. Februar 2015. Ins Theater gehen, das war ja mal was. Ich denke nur daran, wie mein eigener erster Theaterbesuch zelebriert worden ist: Das pubertierende Kind in eine Samtbluse der Mutter gesteckt und mit dem Schauspielführer in der Hand vor der heimischen Bücherwand fotografiert. (Man traut sich kaum noch, das so aufzuschreiben). "Minna von Barnhelm" stand bevor, und ihre Zofe Franziska wurde von Ilse Ritter gespielt, in den 1970er Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus. An die Inszenierung kann ich mich kaum erinnern. Nur das Tellheims Diener Just dauernd die Treppe herunterfiel und dies mit der bewunderungswürdigen Präzision eines Stuntmans absolvierte. Die Stimmung im Theater war festlich, der Piccolo in der Pause Teil des Theaterrituals. Betreutes Trinken unter mütterlicher Aufsicht.

In der Unisex-Toilette

von Georg Kasch

17. Februar 2015. Neulich stand ich in einer Bar vor den Toiletten. Es passiert ja öfter mal, dass man wegen unklarer oder überklebter Symbole rätselt: Männlein oder Weiblein? Diesmal gab's kein Rätsel, weil keine Wahl, denn die Klos waren unisex: Man steht da schon mitten im gekachelten Labyrinth, wenn man kapiert, dass man in jede Kabine kann, die da ist. Händewaschen, quatschen, flirten geht hinterher querbeet. Nach dem Selbstversuch lässt sich vermelden: läuft.