Die Systemkritik ist tot

Bern, 29. Mai 2020. In der Berner Zeitung Der Bund polemisiert Michael Marti gegen die Kulturszene, die sich gerade für die Wiedereröffnungen warmläuft. Seine Thesen:

1. Zu lange hat die Kunst das Publikum ignoriert, das es nun gerade entdeckt.

2. Kunst fehlt den Menschen? Die Hälfte der Bevölkerung sieht das anders.

3. Die Reaktionen der Kultur auf Corona waren konformistisch – jedes illegale Fußballspiel besitzt mehr Sprengkaft.

4. Die Kunst versteckte sich während Corona zu lange im Netz, statt ihre physische Kraft zu mobilisieren.

5. Statt auf Systemkritik setzt die Kultur auf handzahme Systemrelevanz.

6. Dass die Theater jetzt vor Mini-Gruppen spielen wollen, ist nicht radikal.

(Der Bund / geka)

 

Lokal gedacht

1. Mai 2020. Die Corona-Krise trifft fest angestellte Künstler*innen weniger hart als Akteur*innen der Freien Szene. Sie könnten auch nach der Krise aufgrund von Sparmaßnahmen in ihrer beruflichen Existenz bedroht bleiben. Stefan Rosinski – scheidender Geschäftsführer der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (Saale) – unterbreitet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Paywall) einen Vorschlag, wie man der Bedrohung der Freien Szene strukturell begegnen könnte.

"Das beleidigt meine bürgerliche Erziehung"

28. April 2020. Regisseur Frank Castorf übt in einem Interview mit dem Spiegel (€) heftige Kritik an den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus. "Wenn das Robert Koch-Institut klar sagen könnte, dass wir ohne drakonische Maßnahmen in wenigen Wochen 600.000 bis 1,5 Millionen Tote hätten, würde ich sofort einsehen, dass wir einen Ausnahmezustand haben. Aber angesichts der jetzigen Sterblichkeitsrate und der Zahl von bisher weniger als 6000 Corona-Toten sage ich: Es ist immer traurig, wenn ein Mensch stirbt, auch ein alter Mensch. Aber es ist der Lauf der Dinge, den wir akzeptieren müssen."

Sind sie sich zu fein?

22. April 2020. Im Kulturausschuss des Deutschen Bundestags kritisierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters heute die Corona-Hilfen der Bundesländer, wie der Tagesspiegel berichtet. Sie sehe "einen unerfreulichen Flickenteppich unabgesprochener Maßnahmen".

Wessen Kampagne?

19. April bis 9. Mai 2020. Mehrere Medien untersuchen und kommentieren die Ankündigung des kamerunischen Historikers und Professors an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg Achille Mbembe als Eröffnungsredner der Ruhrtriennale und die Kritik daran, angeführt vom kulturpolitischen Sprecher der FDP im NRW-Landtag, Lorenz Deutsch und vom Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus Felix Klein.

"Die Angst ist groß"

19. April 2020. Der Spiegel interviewt eine Juristin und eine Psychologin von der im Mai 2018 gegründeten Vertrauensstelle für Betroffene von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung im Kulturbereich Themis – Maren Lansink und Marina Fischer berichten nach einer Evaluation der bisherigen Fälle erstmals in der Öffentlichkeit von der Arbeit der Vertrauensstelle.

Phantome nicht nur der Oper

30. März 2020. Auf Deutschlandfunk Kultur berichtet Jörn Florian Fuchs von Streit über weiter andauernde Proben an der Bayerischen Staatsoper in München.

Undeut(sch)lich

6. März 2020. Die Mitteldeutsche Zeitung (MZ) berichtet über einen Änderungsantrag der AfD-Landtagsfraktion zum Haushaltsplan 2020/2021 für Sachsen-Anhalt (hier hinter Paywall). Darin fordere die AfD, die Unterstützung der Theater in kommunaler Trägerschaft drastisch zu kürzen: um 18 Millionen Euro (in 2020) bzw. um 19 Millionen Euro (in 2021) gegenüber den von der Regierung vorgesehenen rund 38 Millionen Euro. Aus der Begründung des AfD-Antrags zitiert die MZ folgende Passagen: Die Spielpläne seien "politisch höchst einseitig orientiert", und weiter: "Insbesondere werden kaum deutsche Theaterstücke auf die Bühne gebracht."

"Muss die Zukunft unserer Bühnen wirklich Milliarden kosten?"

24. Januar 2020. Diese Frage stellt ein einigermaßen entnervter Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.1.2020) angesichts der hohen Kosten, die sowohl für den Neubau (809 bis 874 Millionen Euro) als auch für eine mögliche Sanierung (826 bis 918 Millionen Euro) von Oper und Schauspiel Frankfurt gestern bekannt gegeben wurden.