"Ich komme aus der Zeit der Lichterketten ..."

13. Januar 2011. In der Wochenzeitung Die Zeit schreibt Nina May, auch Theaterkritikerin der Leipziger Volkszeitung, ein Portrait der Regisseurin Jorinde Dröse, die bei Andreas Kriegenburg hospitierte, bei Manfred Brauneck studierte und bei Ulrich Khuon avancierte und in drei Tagen am Maxim Gorki Theater in Berlin mit "Nora" Premiere feiern wird.

Kindisches Workshop-Theater

5. Januar 2011. Im Deutschlandfunk nörgelt Christian Gampert nach dem Besuch des Festivals IsraDrama über deutsch-israelische Theaterkooperationen: "Wenn die nächste Intifada dräut, oder der nächste Krieg, wird wieder kein Mensch nach Israel fahren, jedenfalls kein Deutscher, und die Strände und Hotels bleiben leer. Jetzt, in den halbwegs guten Zeiten, schimpfen Kulturschaffende gern auf den Gazakrieg, nutzen aber dessen Ergebnis, die relative Ruhe, gern zu ausgiebigem Kulturaustausch."

Bizarres künstlerisches Selbstverständnis

5. Januar 2011. Die Finanz- und Existenzkrise der Theater liegt nicht nur in den Sparzwängen der Kommunen begründet, sondern ist auch hausgemacht, konstatiert Martin Eich in der Welt, nachdem er einer Tagung von Intendanten und Dramaturgen in der Evangelischen Akademie Hofgeismar beiwohnte (oder zumindest in der Zeitung so tat, als habe er die Tagung besucht. Inzwischen - 17. Januar 2011 - scheint es so, als habe Eich zwar über die Tagung berichtet, als sei er dort anwesend gewesen, nach unseren neuesten Informationen aber scheint er keinen Moment an dieser Tagung teilgenommen zu haben): "Mancherorts wurde gewirtschaftet, als gälte es, amerikanischen Investmentbankern oder griechischen Politikern nachzueifern", was peinlich sei "für eine Szene, deren Für- und Lautsprecher sich sonst gebetsmühlenartig über Rettungsschirme für Banken echauffieren."

Die nächsten 20 Jahre Umbau

28. Dezember 2010. "Das Ende des Pappenstiels" ist ein Interview überschrieben, das Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung mit Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Bundes-Kulturstiftung des Bundes, geführt hat. Die Stiftung kann sich über eine Mittelerhöhung von zwei Millionen Euro freuen. Aber damit, sagt Völckers, könne der Bund einer drohenden Erosion der Kulturlandschaft nicht begegnen. "Auch wenn es mehr wäre, mit einer einmaligen Finanzspritze lässt sich ein strukturelles Problem nicht lösen."

Alles findet auf der Bühne statt

18. Dezember 2010. In der Berliner Zeitung spricht Sophie Rois, interviewt von Petra Ahne und Ulrich Seidler, anlässlich ihrer Rolle in Tom Tykwers Drei nicht nur über Beziehungsdinge, sondern auch über ihr Dasein als Schauspielerin. Und es gibt auch einige Sätze zum besseren Verständnis der Arbeit an der Berliner Volksbühne.

"Der Wille zum Entertainment, das Volkstheaterhafte, nach vorn spielen, nicht so tun, als wäre der Zuschauer nicht da. Was mich umgehauen hat an der Volksbühne: Das da oben auf der Bühne fand wirklich statt, die waren wirklich da. Das hatte die Konkretheit eines Dr.-Feel-Good-Konzertes (...) Nirgends sonst könnte ich so arbeiten, der ganze Angang, die Denke, ein Grundverständnis von Theater, das ich absolut teile."

Die Freien und das Stadttheater

15. Dezember 2010. "Öffnet die Theater!", forderte Jochen Sandig, Leiter des Radialsystems in Berlin, "klassische Erbhöfe sind anachronistisch!" Andere wollten gleich die Schließung der Stadttheater (eine Forderung, die auch hier in den Diskussionen auf nachtkritik.de immer mal wieder erschallt). Zum ersten Mal seit seinem zwanzigjährigen Bestehen hat der Bundesverband Freie Theater einen Kongress ausgerichtet, und Adrienne Braun fasste ihn für die Süddeutsche Zeitung (15.12.2010) zusammen. Obwohl es eigentlich um Schlachtpläne ging, einen Unternehmerstammtisch und Dramaturgie-Blogs, die die rund 300 Theaterleute über Coaching und Cross-Marketing, mehrsprachiges Theater und Landfluchtdebattierten, kamen sie immer wieder auf ein Thema zurück, "das gar nicht das ihre ist: die Krise der Stadttheater."

Die blanke Gier nach Leben

"Wenn ich ehrlich bin: ich übe nicht meinen Traumberuf aus. Der war Ärzte ohne Grenzen", sagt Karin Beier laut einem Text von Martin Eich (Die Welt, 14.12.2010). Momentan laufe sie hochtourig: "Ich habe die Kerze an beiden Ende angezündet." Und das halbiere nicht deren Lebensdauer: "Das gibt ein schöneres Licht". Es sind bildgewaltige, blitzende Sätze wie diese, die viel über Karin Beier und ihr Theaterverständnis verraten.

"Tiefgefroren", sei die Politik ihr gegenüber, dass sie "die Pläne nicht nur des Oberbürgermeisters durchkreuzte, das denkmalgeschützte Schauspielhaus durch einen Neubau zu ersetzen und sich diesem Strom aus Geschmacks- und Geschichtslosigkeit entgegen stemmte, verübelt man ihr heute noch", schreibt Eich. Sie sagt: "Ich würde auf jeden Fall noch einmal so handeln. Selbst wenn sie mich hinausgeworfen hätten." (hier eine Chronik der Debatte um Neubau oder Sanierung des Kölner Opern-Theater-Komplexes am Offenbachplatz)

Sie treibe "die blanke Gier nach Leben, nach Intensität" an, sagt Beier. Und: "Es wird mir zu viel über das Theater geredet. Man sollte es einfach machen." Auch den Tagungen der Intendantengruppe des Bühnenvereins bleibe sie fern: "Ich war da noch nie. Und ich will da auch nicht hin." Der Umgang innerhalb der Theaterszene sei "schmallippig und eng", dem wolle sie sich nicht aussetzen. "Ich empfinde es als hochgradig unangenehm, wenn bei Preisverleihungen die ganze Mischpoke zusammenkommt. Das ist ein missgünstiger, Lust tötender Brei. Man muss aufpassen, vom Betrieb nicht kontaminiert zu werden."

Sie stelle deshalb auch ernsthafte Überlegungen an, "in absehbarer Zeit" den Beruf zu wechseln. "Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mir damit nicht etwas in die Tasche lüge. Aber man ist doch immer auf der Suche." Deshalb überlege sie, ein Medizinstudium zu beginnen.

Ende November schon hat die Frankfurter Rundschau Karin Beier besucht und doppelseitig über das Schauspiel Köln berichtet. Hier die Presseschau vom 26. November 2010.

(dip)

 

Blankes Entsetzen

Köln, 13. Dezember 2010. Daniel Kehlmann meldet sich mal wieder zu Wort. Auch zum Thema Theater in Deutschland. In einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger geht er unter anderem auf seine Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele 2009 ein: "Die Hysterie der Reaktionen hat mich überrascht und belustigt. In jedem anderen Bereich ist Kritik eher möglich als in diesem semitotalitären Theater-Milieu. Es herrschte ja blankes Entsetzen unter Intendanten und vielen Theaterkritikern, während die Öffentlichkeit keineswegs entsetzt war." Zur Unterstützung zitiert er Milan Kundera und zieht einen gewagten Vergleich: "Es gibt in Deutschland wirklich noch zwei totalitäre Submilieus, in denen sich DDR-Strukturen halten. Das eine ist die Deutsche Bahn und das andere das Theater."

Der Irrtum Werktreue

"Woher kommt diese mimosenhafte Empfindlichkeit?", fragt Jürgen Flimm in seinem Werktreue-Vortrag, den die Berliner Morgenpost (9.12.2010) abdruckt. Wie kommt es, dass Theater- oder Opernbesucher bisweilen die Neugier zu Hause lassen, "der Status quo ist ein sicherer Begleiter, wie ein treuer Hütehund".