Verbrechen und Vaterland

von Esther Slevogt

21. März 2014. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, hat Paul Celan befunden. Nein, Paul Celan war kein "Tatort"-Kommissar, sondern ein deutscher Dichter, der trotzdem wusste, wovon er schrieb. Doch die ARD-Krimiserie, die Ende 1970 zuerst auf Sendung ging, hat diesen berühmten Satz auf das Schönste popularisiert. Auf ihre Art wurde sie DER deutsche Heimatfilm schlechthin. An der Hand regionaler Gesetzeshüter konnten die Nachkriegsdeutschen die Städte und Landschaften ihres schuldbefleckten Vaterlandes neu entdecken. Über das Verbrechen (worüber sonst?!), das jede dieser TV-Entdeckungsreisen natur- und genregemäß grundieren musste, eroberten sich die Deutschen die Provinzen ihrer geschundenen Heimat zurück.

(K)ein Gespräch über den abwesenden Herrn Hartmann

17. März 2014. In der Frankfurter Allgemeinen findet sich heute ein bemerkenswertes Gespräch, das Irene Bazinger mit Wolfgang Engel und Enrico Lübbe geführt hat. Die beiden werden darin als Vorgänger bzw. Nachfolger auf dem Posten des Leipziger Schauspielintendanten angesprochen, was ja grundsätzlich nicht falsch ist, allerdings unterschlägt, dass zwischen den beiden noch jemand Drittes diese Position inne hatte. So ist denn auch das Bemerkenswerteste an dem Gespräch, dass die Fügung aus den beiden Wörtern "Sebastian" und "Hartmann" nicht ein einziges Mal verwendet wird.

Der eiserne Trojaner

von Christian Rakow

Berlin, 15. März 2014. Die großen Ablenkungsmanöver der Menschheit: das trojanische Pferd, ganz sicher. Oder Hermann der Cherusker alias Arminius. Der hatte auch einige Finten drauf, um die römischen Legionen von Varus anno 9. n. Chr. im Teutoburger Wald zu übertölpeln. Und die US-Regenten natürlich. Die machen schon mal Shakehands mit Angela Merkel am Strand von Heiligendamm und lauschen hinten rum ihr Handy ab.

Peter & Paul ohne Mary

von Nikolaus Merck und Christian Rakow

Berlin, 13. Dezember 2013. Wir fragen uns anlässlich der heutigen Nachtkritik aus Freiburg, ob Peter Alexander in seinem schönen Anzug nicht als etwas seriöserer Bruder von Paul McCartney im ganz ähnlichen Gewande im Beatles-Film "A Hard Days Night" durchgehen könnte.

"Wenn Sie wollen ..."

Berlin, 13. März 2014. Claus Peymann, der mit "früher Burgtheaterdirektor" unterzeichnet, hat dem abdankenden Late Night-Talker Harald Schmidt, als dessen "letzten Fan" er sich bezeichnet, was wohl kaum übertrieben sein dürfte, in einem Kondolenzschreiben zur "unwiderruflich" letzten Harald Schmidt Show auf dem Bezahlsender Sky einen Vorschlag unterbreitet.

Manierlich

von Christian Rakow

Berlin, 28. November 2013. Das war eigentlich nicht zu erwarten, dass man den legendären Kreuzberger Szene-Club "SO 36" mal in einem Atemzug mit dem Berliner Ensemble von Claus Peymann nennen würde.

Hartmann-Nachfolger am Burgtheater steht fast fest

von Matthias Weigel

Wien, 12. März 2014. Einen Tag nach der fristlosen Entlassung des Burgdirektors Matthias Hartmann ist seine Nachfolge endlich so gut wie geklärt. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge gilt es inzwischen als sicher, dass Frank Baumbauer, Karin Beier, Herman Beil, Sven-Eric Bechtolf, Luc Bondy, Klaus Maria Brandauer, matthias-hartmann2 280Fragezeichen-Foto: Der neue Nachfolger war nur noch nicht beim Fotografen.Barbara Frey, Maria Happel, Sebastian Hartmann, Martin Kušej, Frie Leysen, Thomas Oberender, Claus Peymann, Peter Simonischek oder ein anderer bekannter Theatermacher die Leitung des Burgtheaters übernimmt.

Fleisch geworden

von Georg Kasch

Berlin, 28. November 2013. Gestern in den Sophiensälen: Ausgerechnet "inkarnat" steht schließlich auf dem Unterarm einer jungen Frau, Fleisch geworden. Sie war ebenso wie ich Gast beim "Social Muscle Club". Ob sie den spontanen Entschluss heute bereut? Ich würde es. Schließlich ist das Ergebnis, eingestochen unter die Haut, dauerhaft, nur mit größtem Aufwand wieder entfernbar. Inkarniertes Ergebnis eines performativen Akts.

Was das Theater (nicht) ermöglichen sollte

von Georg Kasch

6. März 2014. Das Theater ist – bestenfalls – ein Ort der Auseinandersetzung, der Diskussion, der Verständigung. Muss es sein, damit es nicht zur Kunst(gewerbs)maschine verkommt. Aber was muss es an Thesen und Argumenten aushalten? Alles? Um diese Frage ging es gerade erst beim Streit darum, ob das Berliner Ensemble den Berliner Ex-Senator, Bestsellerautor und Stammtischthesendrescher Thilo Sarrazin zum Podiumsgespräch hätte einladen dürfen, obwohl viele Passagen seiner Bücher sehr mit einer menschenverachtend rechtspopulistischen Ecke flirten.

Sie sind wieder da!

von Christian Rakow

Berlin, 22. November 2013. Nach der Reunion der Beatles, die ich mir nicht sinnvollerweise wünschen konnte, weil ich noch im Kindergarten war, als John Lennon ermordet wurde, ist das die Reunion, die ich am meisten ersehnte: die der Monty Pythons. Den wiedervereinigten Pythons fehlt natürlich auch Graham Chapman (der Brian aus "The Life of Brian"). Aber – ohne jetzt Ringo Starr und den seligen Gitarrenzauberer George Harrison zurücksetzen zu wollen – eine Fünfer-Line-up mit John Cleese, Terry Gilliam, Michael Palin, Terry Jones und Eric Idle hat allemal einen so hohen Lennon/McCartney-Faktor, dass das wahrscheinlich schon noch hinhaut: das mit der Wiederkehr der Legende.

Freiheit für Mely Kiyak!

von Dirk Pilz

2. März 2014. Ich lese eine Kolumne von Mely Kiyak für das Berliner Gorki Theater und denke, so ist das also bei uns. Da regt sie sich auf, dass in Deutschland Rechtsradikale vierzehn Jahre lang unbehelligt raubend und mordend durch Deutschland reisen können, dann fliegt das Mordtrio auf, und das Leben geht wie gewohnt weiter.

... Vegard Vinge?

von Matthias Weigel

Berlin, 20. November 2013. Manchmal, wenn man abends am Prater der Volksbühne vorbei spaziert, sieht man noch Licht brennen. Ob Vegard Vinge gerade für sich allein seine 179. Vorstellung spielt, halbverhungert, in einem Meer aus Pisse und Kunstblut? Draußen auf den Eingangstüren verwittert jedenfalls trotzig die große, weiße "12", letzter Überrest des unrühmlich zu Ende gegangenen 12-Spartenhauses.

30. September 2015: Die Wahrheit über sozialkritisches Theater

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23. September 2015: Die Wahrheit über erfolgreiche Regisseur*innen

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16. September 2015: Die Wahrheit über die gute alte Zeit

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12. September 2015. Die Wahrheit über Auslastungszahlen am Stadttheater

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9. September 2015: Die Wahrheit über Klassiker-Diskussionen

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2. September 2015: Die Wahrheit über Programmheft-Zitate

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31. Juli 2015: Die Wahrheit über Klassikerinszenierungen

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22. Juli 2015: Die Wahrheit über Spielzeitmottos.

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15. Juli 2015: Die Wahrheit über Adrenalinschübe im Theater

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8. Juli 2015: Die Wahrheit über Entschuldigungen am Theater

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1. Juli 2015: Die Wahrheit über Inszenierungsbudgets

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24. Juni 2015: Die Wahrheit über den Doppelpass-Fonds der Kulturstiftung des Bundes

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17. Juni 2015: Die Wahrheit über Unentschiedenheit im Theater

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10. Juni 2015: Die Wahrheit über beliebte Heiner-Müller-Texteinspeisungen

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4. Juni 2015: Die Wahrheit über deutsche Theaterleitungen

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27. Mai 2015. Die Wahrheit über Theatermacher – aus Autokorrektur-Sicht

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20. Mai 2015. Die Wahrheit über Reaktionen auf Theaterkritiken

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20. Mai 2015. Die Wahrheit über die Außenwahrnehmung von Dramaturg*innen

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6. Mai 2015. Die Wahrheit über die meistgesagten Theatertreffen-Sätze

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28. April 2015. Die Wahrheit über die jungen Jungs von Claus Peymann

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14. April 2015. Die Wahrheit über anonyme Kommentare

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7. April 2015. Die Wahrheit über Claus Peymanns Inszenierungen

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 31. März 2015. Die Wahrheit über Intendanten und Berufseinsteiger

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24. März 2015. Die Wahrheit über Frank Castorfs Ruhestand

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17. März 2015. Die Wahrheit über Theaterkritiker*innen

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10. März 2015.Die Wahrheit über Premierenglückwünsche
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3. März 2015.Die Wahrheit über Antworten bei Publikumsgesprächen

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24. Februar 2015.Die Wahrheit über Meldungen bei Publikumsgesprächen

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17. Februar 2015. Die Wahrheit über Inszenierungen von Christoph Marthaler

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10. Februar 2015.Die Wahrheit über die ewig wiederkehrende Standttheaterkrise

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3. Februar 2015.Die Wahrheit über die Jury des Theatertreffens

 

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23. Dezember 2014: Wie man sich Weihnachten mit Vegard Vinge vorzustellen hat

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16. Dezember 2014:Die Wahrheit über Frank Castorf, Langzeit-Chef an der ollen, tollen Volksbühne, die gerade ihren 100. Geburtstag feiert

 

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9. Dezember 2014.Bestimmungshilfe Theaterautoren: Wer schreibt wie darüber, wenn in China ein Sack Reis umfällt?

 

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2. Dezember 2014.Die Wahrheit über die Beschäftigungsmöglichkeiten für Claus Peymann ab 2017

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25. November 2014. Die Wahrheit über Premieren-Sitzordnungen

 

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18. November 2014.Die Wahrheit über das Getwitter der Theater

 

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11. November 2014.Die Wahrheit über leere Zuschauerreihen

 

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4. November 2014. Die Wahrheit über Bühnenmusik

 

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28. Oktober 2014. Die Wahrheit überaus der Mode gekommene Theatermittel

 

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21. Oktober 2014. Die Wahrheit über Intendanten-Dienstperiode

 

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14. Oktober 2014. Die Wahrheit über Randplätzebesetzer

 

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7. Oktober 2014. Die Wahrheit über ideale Kooperationen

 

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30. September 2014. Die Wahrheit über das Pausengespräch

 

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23. September 2014. Die Wahrheit über Provokation auf der Bühne

 

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16. September 2014. Die Wahrheit überleere Bühnenbilder

 

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9. September 2014. Die Wahrheit über Twittern im Theater

 

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2. September 2014. Die Wahrheit über Theatergrenzgänger

 

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 17. Juni 2014. Die Wahrheit über Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit im Theater

 

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 10. Juni 2014. Die Wahrheit über den Sprachschatz der Theaterkritik

 

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PS: Zur näheren Erläuterung des Begriffes Bullshit-Bingo

 

 

3. Juni 2014. Die Wahrheit über Theater-Deutschlands Sicht auf Europa

 

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27. Mai 2014.Die Wahrheit über freie Theaterschaffende II

 

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20. Mai 2014. Die Wahrheit über Pistolenschüsse auf der Bühne

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13. Mai 2014.Die Wahrheit über das Theatertreffen-Logo

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6. Mai 2014.Die Wahrheit über die Besetzung der Theatertreffen-Jury

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3. Mai 2014.Die Wahrheit über das Theatertreffen

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29. April 2014. Die Wahrheit über Theaterregisseure und Kapitalismus

 

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22. April 2014. Die Wahrheit über Theaterhomepages & Corporate Design

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15. April 2014: Die Wahrheit über Regietheater-Hass

 

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8. April 2014: Die Wahrheit über freie Theaterschaffende

 

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1. April 2014: Die Wahrheit über Theaterblut

 

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25. März 2014: Die Wahrheit über Claus Peymann

 

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18. März 2014: Die Wahrheit über Sprechchöre

 

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11. März 2014: Die Wahrheit über Zuschauerreihen-Sichtverhältnisse

 

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4. März 2014: Die Wahrheit über Spieldauer und Zuschauspaß

 

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25. Februar 2014: Die Wahrheit über die Peinlichkeit von Nackten auf der Bühne

 

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18. Februar 2014: Die Wahrheit über das Pausengetränk

 

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11. Februar 2014: Die Wahrheit über klassische Musik 

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4. Februar 2014: Die Wahrheit über Programmhefte

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Codewort: Fabelhaft

von Christian Rakow

Berlin, 17. November 2013.Als kurz vor Schluss der Kinder- und Jugendchor der Berliner Staatsoper fidel über die Bühne sprang und sang "There's no business like showbusiness" und silberner Flitter rieselte, da war man dann aber doch noch einmal auf eine echte Probe gestellt. Und als anschließend Maestro Daniel Barenboim am schwarzen Flügel eine Sonate von Franz Schubert (there's no business like Schubert-business!) präsentierte, von der riesigen Kinderschar pastoral umhockt, praktisch Hirte und Herde. Das war die letzte Süßlichkeitsprobe für die Kritiker in den hinteren Reihen des Saals, für Berliner Kritiker, wohlgemerkt, von denen Moderator Peter Jordan schon zum Auftakt gesagt hatte: Sie kämen nur ins Theater, um sich am Schlechtfühlen gut zu fühlen. Er sagte es mit Theodor Fontane: Der Berliner lauert auf Fehler des Schauspielers wie der Jäger auf den Kopf des Kaninchens. Da zeigt er sich, und peng! Auch so ein süßliches Bild, irgendwie, so vor der Massentierhaltung.

Schreiben für Heilbronn!

19. Januar 2014. Na sieh an: das Theater Heilbronn ruft alle Theaterlustigen, Theatersüchtigen und Theaterabstinenten zu einer Blogparade zum Thema "Alles 'nur' Theater!?" auf. Ranschmeiße, Audience Development, Marketing-Trick? Ja, bestimmt von allem etwas. Aber eben auch ein Versuch, Menschen für das Theater zu interessieren, die eher scheu reagieren auf das Gebaren der Stadttheater in diesen unseren drei deutschzüngigen Landen.

Spoiler!

Ab 9. Juni 2013. Über Theaterschauspieler im "Tatort" – warum Theatergänger beim Sonntagskrimi-Gucken benachteiligt sind und warum der "Tatort" ohne Theater gar nicht auskommen würde. Kleines Twitter-Geplänkel, ausgelöst vom Bremer "Tatort" "Er wird töten" am 9. Juni 2013.

Der Rechtsraum ist schwarz-weiß

von Sophie Diesselhorst

8. Januar 2014. Der NSU-Prozess passt nicht in unsere kurzspannige Aufmerksamkeitsökonomie. Er ist einfach viel zu lang. Am 6. Mai 2013 hat er begonnen, und es sind, nach aktuellem Stand, weitere 118 Verhandlungstage bis zum 18. Dezember 2014 angesetzt. Wann ein Urteil fällt, ist bisher völlig unklar.

Berlin, 18. Dezember 2011. Gestern vor der Premiere von Marlowes Edward II. in der Berliner Schaubühne hätte ich beinahe an die Wiederauferstehung geglaubt. Als nämlich plötzlich durch die Tür ein Mann mit englischem Jacket und rotem Schal geschlendert kam, in dem ich einen Moment lang den Anfang November verstorbenen Theaterkritiker Lorenz Tomerius zu erkennen glaubte. Komisch, dachte ich dann, dass manche Menschen einem erst zu denken zu geben beginnen, wenn sie real nicht mehr anwesend sind.

Aaaaaah, mmmmmh, OOOH!

von Matthias Weigel

Berlin, 18. Dezember 2013. "Nymphomaniac"! Lars von Trier sorgt für Furore mit einem neuen Sex-Film, der bald herauskommt. Und auch mit der zugehörigen Plakatkampagne, die alle Hauptdarsteller in eindeutiger Pose zeigt:

17. August 2011. Nicolas Stemann hat bei den Salzburger Festspielen Faust 1 & 2 inszeniert; es ist ein Faust-Marathon, acht kurze Stunden lang. Ich habe es so gesehen, dass Stemann hier die ganze vermaledeite Dialektik der Freiheit durchbuchstabiert. Faust, der Teufel, Gretchen, Kaiser, Helena: Allesamt ins Drama der Freiheit verwickelt. Die heikle Frage ist, wo Freiheit aufhört, wo sie anfängt, ob sie Grenzen, Kriterien, bedarf, wie sie sich zur Moral verhält und was sie mit den Menschen tut. Das ist, glaube ich, die große, grobe Linie des Abends.