30. Juli 2011. Was soll man dazu sagen? Da nimmt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann eine Einladung ans Bochumer Schauspielhaus an, um über die internationalen Finanzmärkte zu sprechen. Ja, denkt man da. Endlich also mal einer, der etwas davon versteht. Nicht bloß immer die gleichen Empörungstexte selbsternannter Finanzexperten in deutschen Dramaturgieetagen oder von Provinzpolitikern, die schon mit der eigenen Steuererklärung überfordert sind. Aber zu früh gefreut.

Ruhrgebiet, Sommer 2010. Was mache ich hier eigentlich? Ein gelber Regenponcho unter vielleicht 15 anderen. Auf einer Halde im Ruhrgebiet morgens um fünf Uhr schutzlos Regen und Sturm ausgesetzt. Per rauschender Radioansage die Sonne mit einer Reihe von Ritualen begrüßend. Eine Sonne, die an diesem diesig-grauen Morgen nur erahnbar ist, deren Aufgang aber von den Stimmen im Ohr akustisch konsequent in kulissenreiche Szene gesetzt wird: "Die Sonne scheint für alle. Sie erleuchtet die Bergwerke und stellt die Verhältnisse auf den Kopf, wenn wir sie als Stern begrüßen."

alt

26. Juli 2011. "Das Beste am ganzen Tag, das sind die Pausen", sangen einst Roy Black und Anita. Das ist schon in der Schule so, und das ist auch bei den Bayreuther Festspielen nicht anders. Denn in der Pause, da beginnt das Pausengespräch, und das dreht sich in Bayreuth mit einer Ausschließlichkeit um die Bayreuther Festspiele, wie es andernorts bei vergleichbaren Festivals wohl nur höchst selten der Fall ist.

26. Mai 2011. Danke an openculture.com (via Perlentaucher) für dieses formidable Fundstück: Peter Sellers rezitiert A Hard Day's Night von den Beatles in der Manier des unsterblichen Shakespeare-Mimen Laurence Olivier (Richard III.):

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=zLEMncv140s}
 

21. Juli 2011. Raumer, ich möchte ihnen einen wohlwollenden hinweis geben: wenn man bestätigung in dem, wovon man träumt, sucht, darf man nicht den fehler machen, das zu negieren, was andere in der profession, von der man träumt, verwirklichen und man selber erkennen muss, da es genau da auch um mehr geht als nur um den traum davon. es geht um das wissen und das unwissen um eines der grossen geheimnisse der kunst.

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Bob Dylan © sony music/ promo

24. Mai 2011. Vor 70 Jahren erblickte er in Duluth, Minnesota das Licht der Welt, vor 50 Jahren die schummrigen Rampenlichter der Folkclubs im Village ("Hard Times In New York Town"). Vor 45 Jahren spielte er in Manchester das "Londoner Royal Albert Hall Concert" und hämmerte sein elektrifiziertes (und elektrifizierendes!) "Like A Rolling Stone" der buhenden Menge auf die Schädel. Er heiratete und ließ sich scheiden, ehe er vor 32 Jahren das Licht Gottes erblickte und Gospelsongs zum Lobpreis des Herrn für eine abermals buhende Menge rausschunkelte: "You Gotta Serve Somebody"! Vor 23 Jahren begab er sich auf die "Never Ending Tour"; sie ward, was sie versprach: unendlich, unsterblich. Ladies and gentlemen, wir gratulieren Columbia recording artist, Mr. Bob Dylan, zum 70. Geburtstag und sagen, wie es mit dem großen lonesome Hobo in den kommenden Jahren bühnentechnisch weitergehen sollte:

alt

Hannover, 26. Juni 2011. Traurig sieht er aus, dieser Mann, der im Anzug auf seinem Bett hockt und vor sich hinstarrt, als hätte nichts mehr einen Sinn. Man möchte gleich wissen, was los ist mit ihm. Und das ist schon mal wunderbar, denn, neben vielem anderen, soll es doch auch darum gehen bei so einem internationalen Festival des Theaters: Figuren, Gestalten, Charaktere. Der Mann sitzt da nun also, starrt vor sich hin, und vor ihm auf dem Schlafzimmerboden liegt ein gestrandeter Delphin. Was für ein Bild. Aber beide, Mensch und Tier, bleiben stumm, und überhaupt sind sie nur wenige Zentimeter groß. Auch ihre Bühne ist winzig, nur so eine Art Schuhkarton, und man muss sich an einen wahrlich abwegigen Ort begeben, um sie überhaupt zu finden.

Man muss raus aus dem Hausalt

von Sarah Heppekausen

3. April 2011.

 

"acht karohemden auf einem ubahngleis!

mindestens

jetzt alle in blaufarben

mit tasche

slightly kreativ

geisteswissenschaftler wahrscheinlich

andere träumen noch davon…

mal was mit kunst machen oder so…

und am ende landen wir alle wieder hier."

Wo denn? Im U-Bahnschacht? In irgendwelchen Projekten? Oder doch im Stadttheater?

24. Juni 2011. So was gibt's ja oft, dass ein Open-Air-Spektakel wegen Unwetter abgebrochen wird. Dass es aber in einer Justizvollzugsanstalt geschieht, wo man plötzlich von blaugewandeten Beamten in eine vergitterte Halle eskortiert wird, hat dann noch mal eine andere Qualität. Sie verstärkt den leichten Grusel, der einen von Anfang an erfasste: metallene Eingangsschleusen, Schließfächer, in denen selbst die Kaugummis hinterlegt werden müssen, Ganzkörpervisitationen, Passfotovergleich mit strengem Blick.

altFrames und Markierungen statt Form

von Sarah Heppekausen

2. April 2011. "Das hat bestimmt ein Praktikant geschrieben", frotzelt Mark Terkessidis. Der Migrationsforscher und Publizist ist alles andere als einverstanden mit dem "Wording" des Heimspiel-Programmbuchs. Er beschwert sich über Formulierungen wie "Einblick in eine fremde Kultur" oder die Festsetzung der Randgruppenidee. "Wenn ich so etwas läse, dann würde ich doch lieber nicht kommen."

Berlin, 11. Juni 2011. Sarrazin wird Schullektüre – und am Heimathafen Neukölln abermals Theaterstoff. In Nurkan Erpulats Clash schwebte "der Meister" in Puppengestalt von Zeit zu Zeit aus dem Schnürboden herab und flüsterte den machthabenden "Affen" seine Dogmen ein. Auch eine 8. Hauptschulklasse der Neuköllner Alfred-Nobel-Schule nutzt "Deutschland schafft sich ab" nun als Vorlage für ein "Theaterstück zur Integrationsdebatte". Pappnase und Brillengestell - fertig ist der falsche Sarrazin (der echte sagte ab, und so liest ein Schüler aus dem Pamphlet). Die Szenenfolge "Arab Queen & Thilo Sarrazin", die sie am Heimathafen zeigen, haben die Schüler selbst entwickelt. Und außerdem den Roman "Arab Queen" von Güner Balci gelesen, zusammen mit Maike Plath, Lehrerin für Darstellendes Spiel.

2. April 2011. Nachts am Brüsseler Platz in Köln. Vor der katholischen Pfarrkirche St. Michael sind Bierbänke aufgebaut. Es sitzt kaum jemand. Man steht. Der Platz ist menschenvoll, lautes, Bier trinkendes, aufgekratztes Volk. Man feiert, dass gefeiert wird. Es braucht keinen weiteren Grund. Es ist Wochenende, es ist die erste warme Nacht. Man hat sich zur knallfröhlichen Demonstration des unbedingten Willens zum Vergnügen eingefunden. Das ist Deutschland im April 2011.

10. Juni 2011. Ja, die sozialen Netzwerke im Internet sind schon eine merkwürdige Angelegenheit: Man befreundet sich mit Menschen, die man zum Teil kaum kennt, man (ver)folgt andere, schreibt ihnen öffentlich einsehbare Kommentare an die Wand. Und dennoch sind alle dabei. Schnell haben Künstler den alltäglichen Netz-Wahnsinn kommentiert. Nun hat's sogar die von Haus aus trägere Oper erwischt, und die English National Opera, Londons pfiffiges Zweit-Musiktheater, hat einen ziemlich lässigen Trailer entwickelt, um Nico Muhlys und Craig Lucas' neues Werk Two Boys zu propagieren. Darin geht's zwar ordentlich zur Sache zwischen Avataren und "Verstörendem Cybersex" (die Oper warnt auf ihrer Homepage: Some elements of this production may be unsuitable for those under 16 years of age), das Video nimmt's aber eher von der komischen Seite.

(Georg Kasch)

 

Bedrückend hohe Selbstmordrate

von Sarah Heppekausen

31. März 2011. Laien, Experten des Alltags, Echtheitszertifikat-Träger – wie auch immer sie betitelt sein mögen, diese normalen Menschen bringen nicht nur ein Höchstmaß an Wirklichkeit auf die Bühne, sondern auch eine gewisse Unsicherheit. Sitzt der Text? Stimmt der Einsatz? Und dann folgt die Erleichterung. Manchmal spürt selbst der Zuschauer, wie dem echten Menschen da der Rampenlicht-Stein vom Herzen fällt. Puh, geschafft. Nächste Szene.

6. Juni 2011. Man fragt sich ja schon, warum der Aufruf zum Widerstand, gar zur Revolution heutzutage zum Spezialgebiet alter Männer geworden ist. Zu Gast im Fernsehen in der Harald Schmidt Show sprach der 80jährige Rolf Hochhuth gestern: "Das ganz große Verhängnis der EU ist, dass sie zugunsten der Wirtschaft den Einzelnen immer mehr entrechtet. Das ist wahrscheinlich das Hauptproblem unserer Epoche, und das kann nur auf einem gewaltsamen Wege revidiert werden, das heißt durch eine Revolution und nicht durch parlamentarische freundliche Beschlüsse, die immer liebenswürdig sind und niemals etwas bringen."

(jnm)

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=zHPnL7q-XDM}

Schuld ist nur der Pillermann

von Georg Kasch

31. März 2011. Es gibt meist gute Gründe, warum das ein oder andere Stück nicht uraufgeführt wird. Zum Beispiel Rolf Hochhuths Gasherd und Klistiere von 2002. Erstens: Es ist schlechte Literatur. Zweitens: Es jongliert so gefährlich freihändig mit historischen Fakten und Küchenpsychologien, dass man von Geschichtsklitterung sprechen muss. Drittens: Es bietet keine Rollen, sondern Sprachrohre, die Worthülsen und Fußnoten vor sich herschieben müssen.

Berlin, 29. Mai 2011. Jubel brandet auf, als Showcase Beat le Mots "Burnout-Man" im Lunapark knisternd in sich zusammenstürzt. Funken stieben wie Goldregen durch die Luft, illuminieren geheimnisvoll die Dämmerung, schweben als glühende Sternentaler zu Boden.

Sie sollten mir kein Vertrauen schenken

von Sarah Heppekausen

30. März 2011. Diese Bühne gehört Rabih Mroué. Nicht die im Schauspielhaus, sondern die im Kölnischen Kunstverein. Denn nicht im Stadttheater, sondern im Riphahn-Bau "Die Brücke" wird das Festival Heimspiel eröffnet. Ein Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst, für Performances, Medienkunst, Filme und Konzerte. Schließlich geht die Förderung der Kulturstiftung des Bundes seit 2006 an Theaterprojekte, die übergriffig werden, die sich mit anderen Kunstformen, anderen Orten, mit der Stadt und ihren Bewohnern auseinandersetzen: Raus aus dem Theater, rein in die Realität.

Leipzig, 29. Mai 2011. Freie Platzwahl: Die Eintrittskarte verkündete noch eine gewisse Sitzordnung, doch der – physischen wie intellektuellen – Positionierung lässt dieser Abend im Leipziger Centraltheater völlig freien Lauf: Guillaume Paolis und Manuel Harders Zuschaueraufstellung "Das schwarze Loch". Auf der Hinterbühne versammeln sich die Schaulustigen und sehen erst einmal nichts anderes als sich selbst an.

Wenn Wünsche in Erfüllung gehen

27. März 2011.

altNein, das war nix. Jedenfalls kein Theaterabend. Nur Fernsehen, sympathisches. Womit immerhin einer der vielen Wünsche der ko-moderierenden Johanna Schall in Erfüllung ging: Das Theater wurde durchs Internet nicht ersetzt, ergo gemeuchelt. Kein Medium kann die gleichzeitige körperliche Anwesenheit von Schauspielern und Zuschauern ersetzen.