Viele Stimmen, eine Kritik?

Wien, 12. März 2011.

alt Die Idee ist ja nicht schlecht: Man lädt am Morgen nach der Premiere das Publikum von gestern Abend ein, um gemeinsam eine Theaterkritik zu schreiben – mittels Mikrofon und Protokoll. Die österreichische Tageszeitung "Die Presse" probiert nun diese Form der öffentlichen Kritik anlässlich der gestrigen Premiere des neuen Botho-Strauß-Stücks Das blinde Geschehen und veröffentlicht das Kollektivurteil in ihrer morgigen Sonntagsausgabe – die anlässlich des Zeitungsjubiläums, wie genau wird noch zu sehen sein, von Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann "inszeniert" wird.

Die Sitzbuße fällt aus

10. Februar 2011. Gestern war Aschermittwoch, das Tor zur Passionszeit. Aber Fasten, Einkehr, Buße? Nicht im Theater. Hier darf, hier soll nach wie vor gelacht werden. Zumal in Düsseldorf, einer Stadt, die dem rheinischen Frohsinn gegenüber traditionell aufgeschlossen ist.

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Das Minetti-Echo im Körper

18. Februar 2011. Ja, genau so haben Thomas-Bernhard-Bühnen schon immer ausgesehen: große, leere Altbauzimmer mit wenigen, abgewohnten Möbeln darin. Blätternder Putz und Tapeten mit Wasserflecken. Verblasste Pastelltöne, gegen die dann die Schauspielervirtuosen die Eruptionen ihrer Erinnerungen umso farbiger prallen lassen konnten: an gelebtes und ungelebtes Leben gleichermaßen. Schauspielervirtuosen wie Ilse Ritter, Kirsten Dene, Bernhard Minetti oder Gert Voss, denen der Dramatiker Thomas Bernhard seine Stücke stets auf den Leib schrieb und dabei so kunstvoll die Farben des Lebens und der Kunst verwischte und ineinanderlaufen ließ, bis sie ein merkwürdiges Lebens-Kunst-Konzentrat ergaben. Und eine Reflexion über das Wesen des Theaters.

Brandstiftende Obertöne

Berlin, 22. September 2010. Hamlet für Blöde? Ein Theaterabend, mit dem man aufs Existenzielle zielte, eine Smalltalkvorlage für Besserverdienende? Klar, so etwas will keiner über sich und sein Theater lesen. Und deshalb holt Joachim Lux, Intendant des Hamburger Thalia Theaters, jetzt in seinem offenen Brief Keulen wie Volksverhetzung, Kristallnacht, Islamophobie und Verunglimpfung anderer Religionen hervor, haben die letzten Wochen schließlich gezeigt, wie man eine Öffentlichkeit gezielt aufhetzen kann.

Alt, aber gut!

Berlin, 21. Januar 2011. Nun ist es raus. Warum Claus Peymann seine Applaus-Zeiten stoppen lässt, was Harald Schmidt zusammen mit Matthias Hartmann in Unterhose auf einem Hotelbett macht und warum Gert Voss eigentlich Kameramann werden wollte.

In die Zukunft schaukeln

Heidelberg, 16. September 2010. In Hamburg ist ein Intendant zurückgetreten. In Hannover kritisiert eine Partei ein politisch inspiriertes Projekt des städtischen Theaters. In Karlsruhe soll dem Theater eine Sparte weggespart werden. In Wuppertal womöglich das gesamte Haus.

Wem die Essiggurken schmecken

Berlin, 20. Januar 2011. Gestern ereignete sich in der Volksbühne zu Berlin eine interessante Premiere. Gezeigt wurde Bertolt Brechts "Die Mutter" in der Regie von Silvia Rieger; sie übernahm auch die Titelrolle. Mit ihr auf der Bühne: Pascale Schiller, Harald Warmbrunn, Günter Zschäckel, Frank Büttner, Mex Schlüpfer und der junge Davide Scarano in der Rolle des Sohnes. Sie standen in Wollpullovern vor einer grauen Betonwand und sprachen Brechtsätze.

O Himmel, dieses Morden!

Ein Harald-Schmidt-Drama, entstanden zu Berlin im September 2010.

KOGEL: Die schönen Tage beim WDR
Sind nun zu Ende. Eure königliche Hoheit
Verlassen ihn nicht heiterer. Wir sind
Vergebens hier gewesen. Brechen Sie
Dies rätselhafte Schweigen.

Denken Sie an die Triolen!

Berlin, 16. Januar 2011. Gestern während der Premiere von Manfred Karges "Hanns-Eisler-Revue" am Berliner Ensemble (von der nicht weiter zu sprechen ist, weil mit platten Illustrationen und Verdeutlichungen der kommunistische Meister-Komponist entschärft und ins Schiebermützen-Milljöh verbannt wird): Gegen Ende der Pause stellte sich die legendäre Eisler-Interpretin Gisela May zwischen Bühne und Publikum, klein und unscheinbar, wehrte dem Scheinwerfer-Spot, der sich auf sie richten wollte und sprach: "Liebe Freunde".

Seid getrost

Berlin, 21. August 2010. Der Tod macht sprachlos. Der Tod macht geschwätzig.

Christoph Schlingensief ist gestorben.

Es werden jetzt lange, traurige Nachrufe erscheinen. Es wird in Superlativen gesprochen werden. Schlingensief, der provokanteste und freundlichste, der frommste, hinterlistigste, unbegreiflichste aller deutschen Gesamtkunstwerker. Er hat polarisiert und vereinnahmt. Er hat Rätsel aufgegeben. Er hat die Eindeutigkeit gesucht.

Lord of Lord!

21. Dezember 2010: Ist das Theater? Ein Happening? Eine postspektakuläre Performance vielleicht? Am 13. November diesen Jahres ist es in einer Shopping Mall in San Francisco zum plötzlichen Auftritt einer Sanges- und Spielgruppe gekommen. Dankenswerterweise wurde das Ereignis filmisch festgehalten.

Frischblut tanken beim Theater

20. August 2010. Es gab eine Zeit, da war Pop das Fluidum, mit dem sich das deutschsprachige Theater seine erschlafften Adern füllte. Legendär Peter Zadeks "Die Räuber" in Wilfried Minks Roy-Lichtenstein-Bühnenbildern in Bremen, Hans Neuenfels' "Medea" mit Dildo-Einsatz in Frankfurt, auch Klaus Michael Grübers postmodern collagierte "Winterreise" in Berlin. Befreiungsschläge, die nachhallen. Bis heute, wo viele Inszenierungen popkulturellen Zitatspielwiesen gleichen, oft als Konzeptmäntel übergeworfen einem Kaiser, der nackt bleibt. Neuer Wein in entkräfteten Schläuchen? Eher umgekehrt.

Böser Mann setzt selber Klassengesellschaft fort

17. Dezember 2010. Noch vor vier Tagen hatte sich der Berliner Theaterkritiker Peter Laudenbach sehr angetan vom Chor der Frauen in Lulu - Die Nuttenrepublik gezeigt, als er in der Süddeutschen Zeitung Volker Löschs Inszenierung an der Schaubühne rezensierte. Er schrieb von "Feinheit der Form" und "empfindlichen Tönen" von "vielschichtigen, reflektierten, ehrlichen" Texten, die sich "klischierten Opferzuschreibungen" entzögen. Den fünfzehn Frauen des Chores hatte Laudenbach "gespannt, wach und voller Respekt" zugehört.

Äpfel, Birnen, Pflaumen – und eine schrumpelige Zitrone

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 16. August 2010. Wie am Schnürchen hätte das laufen sollen: Daniel Richter ist in Salzburg und hat dort nicht nur eine Ausstellung im Museum der Moderne und eine weitere beim prominenten Galeristen Thaddäus Ropac. Er malte auch das Bühnenbild für Alban Bergs Oper "Lulu". Künstler-Kollege Jonathan Meese stattete die zu Festspielbeginn uraufgeführte Oper "Dionysos" von Wolfgang Rihm aus.

Quark auf Probe

von Matthias Weigel

Berlin, 8. Dezember 2010. Die Probe erlebt einen Boom. Als Gegenstand in der Theaterwissenschaft wird sie vielleicht der neue Trend dieses Jahrzehnts, es geht um die "Medialität der Probe" oder die "Diskursgeschichte der Probe". Unternehmen, Schulen und Selbsthilfegruppen haben den pädagogischen Wert des gemeinsamen Probenprozesses schon längst erkannt – ein Brainstorming von Managern ist auch nichts anderes als eine Probe. Über Frank Castorf heißt es ja bekanntlich, er schaue sich seine Premieren nicht mal mehr an, da die eigentliche Theaterarbeit dann schon vorbei ist.

Der Ressentiment-Kritiker

9. August 2010. Adorno hat in seiner 1961/62 gehaltenen Vorlesung "Einleitung in die Musiksoziologie" eine mindestens so berüchtigte wie berühmte Hörertypologie entworfen, von der ich mir nie sicher war, ob sie nicht doch mit einem Hang zur Satire ausgestattet ist. Wunderbar plastisch ausgepinselte Karikaturen lässt der Philosoph der Neuen Musik da vor unserem geistigen Augen vorbeiziehen: den Bildungshörer etwa ("er hört viel, unter Umständen unersättlich, ist gut informiert, sammelt Schallplatten"), den emotionalen Hörer ("jedenfalls ist sein musikalisches Ich-Ideal dem Cliché des heftig zwischen Aufwallung und Melancholie hin- und herpendelnden Slawen nachgebildet") oder den Unterhaltungshörer ("er applaudiert als Gast von Rundfunkveranstaltungen begeistert auf Lichtsignale, die ihn dazu animieren").

Ein Zeichen gegen die kulturpolitischen Marodeure

Berlin, 7. Dezember 2010. Nun wird also auch das Schlosspark Theater in Berlin-Steglitz Geld vom Berliner Senat erhalten. 1,2 Millionen Euro für die nächsten beiden Jahre bekommt Theaterchef Dieter Hallervorden aus Lottomitteln, über die traditionell ein kleiner Club Berliner Spitzenpolitiker entscheidet.

Im Sintflut-Regen

Erlangen, 3. August 2010. Ist es schon Wahnwitz, hat es doch Methode: Die Stadt Erlangen, eine der wohlhabenderen Kommunen der Republik, streicht mal wieder bei ihrer ohnehin nicht eben beispielhaft geförderten Kultur. Das ging schon einmal gut: Im Februar hatte die Mehrheit von CDU und FDP die Förderung für das renommierte Internationale Figurentheaterfestival so drastisch gekürzt, dass es 2011 hätte ausfallen müssen – wenn nicht einmalig ein Sponsor eingesprungen wäre.

Stadtheater kann total geil sein manchmal

von Sarah Heppekausen

Essen, 27. November 2010. Ballettmeister Egon Madsen würde sie lieber vertanzen statt verlesen. Choreograf Ismael Ivo wohl auch, und zwar im Bananenrock von Josephine Baker. Moderatorin Tita von Hardenberg nutzt sie, um endlich einmal sagen zu können, was für sie das wichtigste beim Theater ist, nämlich Bühne und Kostüme. Und Klaus Zehelein, der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, verteidigt in ihr die Landestheater gegen landesweite Vorurteile und das Zeit-Dossier "Der Kulturkampf" von Konstantin Richter.

Hitzefrei für's Sommertheater

Dessau, 10. Juli 2010. Das Wort Sommer-Theater sagt es eigentlich schon: Bühnenkunst unter freiem Himmel, raus aus dem Haus, rein in den Park, Natur statt Klimaanlage. So sollte sich auch in Dessau Botho Strauß' Komödie "Der Park" mit Andreas Gryphius' Schimpfspiel "Herr Peter Squenz" treffen, zu einem Sommer Nacht Traum, dem das Shakespearesche "s" absichtsvoll fehlt… Regie Andrea Moses.