Im Jubeleinsatz

Berlin, 20. Juni 2010. Die Zusammenhänge von Repräsentation und Diktatur geben ja immer mal wieder zu denken. Und die Zusammenhänge von Fußball und Theater auch. Nicht genug kann man außerdem in diese Tagen darauf aufmerksam machen, dass das Theater schon von jeher nichts anderes als praktiziertes Public Viewing ist.

Im Volksbühnen-Exil

Berlin, 14. Juni 2010. Wenn ich demnächst meine Party feiere, dann wird es schwierig, den Stefan einzuladen. Denn ich möchte gerne den Frank dabei haben. Lade ich aber den Stefan ein, dann sagt der Frank: "Wenn Du den Stefan einlädst, dann komme ich nicht!" Jetzt würde ich zwar den Stefan schon ganz gerne bei meiner Party sehen, aber eine Party ohne Frank? Schwierig, schwierig! Können die sich nicht untereinander einig werden? Aber nein, sie setzen mir die Pistole auf die Brust: "Du musst entscheiden. Wer ist dir wichtiger?"

Unsere Elf für Afrika

Berlin, 11. Juni 2010. Die WM 2010 beginnt und unsere Mannen um Neukapitän Philipp Lahm erscheinen uns als große Wundertüte: Werden alle fit sein (Marcell Jansen?) und in Form (Miroslav Klose?)? Sind sie schon hinreichend erfahren (Bastian Schweinsteiger?) oder doch zu jung (Mesut Özil?)? Kurzum: Sind sie reif für den Titel?

Eine Rose für Achim

4. Januar 2010. Achim von Paczensky ist tot. Ich habe erst gestern davon erfahren, denn die FAZ, die im Silvesterurlaub mein Fenster zur Welt war, hat es natürlich nicht gemeldet. Vielleicht hätte ich noch vor ein paar Tagen auf die Frage, was eigentlich Achim von Paczensky mache, gesagt, dass ich es nicht wisse und es mich eigentlich auch nicht interessiere. Nun aber, da er tot ist, bin ich ehrlich traurig. Denn wenn ich es recht besehe, verdanke ich Achim von Paczensky einige der schönsten Momente meiner Theaterzuschau-Karriere. Also meines Lebens.

Leiden am Osten

von Esther Slevogt

Neuhardenberg, 16. Mai 2010. Pünktlich zum Beginn der Passionsfestspiele hatte die Stiftung Neuhardenberg in ihre Residenz ins ehemalige Hardenbergschloß im ehemaligen Marxwalde im Märkischen Oderland geladen, das nun schon längst wieder heißt wie vor seiner Entfeudalisierung im Jahr 1949, die ja, wie wir wissen, ein Etikettenschwindel war. Weil die neuen Feudalherren dann die Parteifunktionäre waren. Nicht weit übrigens das Örtchen Buckow am Schermützelsee, wo Bert Brecht vor den Zumutungen des Sozialismus und der Theaterarbeit Erholung suchte und in Helene Weigels eiserner Villa noch immer der Wagen aus der legendären Mutter-Courage-Inszenierung ihres Berliner Ensembles steht, die sozusagen am Beginn des Theaterelends steht, das an diesem Sonntag in Neuhardenberg und seinen wiederhergestellten feudalen Kulissen verhandelt wurde. Eine epochale Aufführung, entstanden 1948, als nicht wenige die Hoffnung hegten, das östliche Deutschland könne zu einer Gelehrten- und Künstlerrepublik, ja gar einer Theaterrepublik werden – eine vergebliche Hoffnung, von der dieser Staat nichtsdestotrotz bis zu seinem Ende zehren sollte. Und mit diesem Ende fängt das Elend an, das in Neuhardenberg verhandelt worden ist.

Wo sind die "Verbrannten"?

Berlin, 14. November 2009. "Wo spielt Kathrin Angerer beispielsweise morgen Abend, wenn in der Volksbühne wiederum 'Ozean' läuft?", fragte User "123" am Freitagabend um 21:49 Uhr im Forum zu Castorfs Volksbühnen-Wiedereröffnungsinszenierung. "Wo? Auf welcher Bühne? Vielleicht wäre dies ja die Alternativveranstaltung." Castorf selbst hatte im Vorfeld der "Ozean"-Premiere in einem Interview gesagt, er habe "früher nie gesehen, wie sich alle abkämpfen für dieses Theater. Ich war das begabte Kind, das gespielt und seine Inszenierungen gemacht hat und nicht mitkriegt, wie sich die anderen verbrennen."

Wie kommt das?

18. April 2010. Es geht mir seitdem Werner Schroeter gestorben ist nicht aus dem Kopf, dass in seiner letzten Inszenierung die Figuren immerfort am Abgrund entlang taumelten. Mir schien Schroeters Quai West bei der Premiere im März seltsam bleiern, schwerfällig; und ich glaubte, das liege auch an Bernard-Marie Koltès' Text, der für mich nicht mehr jene Kraft und Dichtheit besaß, die ihn einst offenbar ausgezeichnet hat.

Kommt ein Vollidiot zum Nobelitaliener ...

Berlin, 28. Oktober 2009. Am Mittwoch, um 19:52 Uhr, tauchte im Forum zu andere über nachtkritik.de wieder einmal die Frage auf, warum nachtkritik.de manche Kommentare gar nicht oder nur in Auszügen veröffentlicht. "Wie isses denn nu?", fragte ein User namens "Zensierter", der wissen wollte, ob es tatsächlich so sei, dass "ihr Kommentare mitunter für ungeeignet haltet (weil zu wenig intelligent, zu beleidigend, zu am-Thema-vorbei, zu what ever...) und sie deshalb nicht veröffentlicht". Hier die Antwort des Redakteurs Wolfgang Behrens:

Adams Geist

Berlin, 11. April 2010. Heute Abend haben wir in Berlin Sarah Viktoria Frick gesehen. In Adam Geist von Dea Loher, ein Geist, der aber doch viel mehr von David Bösch war als von Dame Loher. Also war der Geist kitschig und musik-überschwappt, so dass wir immer genau wussten, was wir zu fühlen hatten. Aber das war alles nicht so wichtig. Auch der gut aussehende Hauptdarsteller war - nicht wirklich entscheidend.

Das Prinzip Berlusconi

Berlin, 27. Oktober 2009. Veline, so nennt man in Italien die strahlenden Mädchen, die die Fernsehprogramme des Berlusconianischen Mediaset-Imperiums bevölkern. Sie geben sitzend oder kniend den hübschen Rahmen der berühmten Comedy-Sendung Striscia la notizia ab, sie reichen dem Talkmaster die Karteikarten oder ziehen bei Gewinnsendungen das Los aus der Trommel. In den allermeisten Fällen bleiben sie stumm, tanzen viel und lächeln immer, haben lange Haare und sind ziemlich leicht oder zumindest enganliegend bekleidet. Übrigens findet sich diese allgegenwärtige erotische Zier auch schon im Vorabendprogramm.

Unsinn is the new Sinn

18. März 2010. Elf Onkel, das klingt erstmal nicht sehr nach Shakespeare, sondern sehr nach Klamotte. Charleys Tante und seine elf Onkel vielleicht. Oder die Geschichte der verschollenen Brüder von Tante Jutta aus Kalkutta. Und es ist natürlich auch eine Klamotte. Aber es ist auch Shakespeare, Hamlet sogar. Zumindest beinahe. Denn der Programmzettel nennt als Urheber jenen dänischen Mönch, der unter dem Namen Saxo Grammaticius im 12. Jahrhundert eine mehrbändige Geschichte der Dänen schrieb, wo auf der Schwelle zwischen Mythos und Historie auch die Urform jenes Plots zu finden ist, aus dem Shakespeare etwa 300 Jahre später sein berühmtes Drama machen würde: "Amleds Rache" nämlich.

Wenn die Riesin erwacht

Berlin, 2. Oktober 2009. Zuletzt waren die Riesen omnipräsent. Wenn ich im ICE das Faltblatt zur Hand nahm, um die Anschlüsse zu studieren, schauten sie mich stumm an. Wenn ich U-Bahn fuhr, waren sie auf Plakaten mit dabei. Wenn ich in mein E-Mail-Fach hineinschaute, luden sie mich nahezu täglich zu Pressekonferenzen oder sonstigem Flitter ein. Wenn ich die Zeitung aufschlug, fiel eine Riesen-Beilage heraus. Und selbst im virtuellen Raum gab es kein Entrinnen: Die Riesen waren allda – per Werbebanner.

Niemand schläft

8. März 2010. Im Schweiße unseres Angesichts: "Sie schlafen, wir schreiben", lautet das Motto von nachtkritik.de seit den Anfangstagen im Mai 2007. Auch wenn es inzwischen als teilweise widerlegt gelten darf. Denn die Nachtschichtarbeiter der Kritik teilen sich die Stunden vor dem Morgengrauen längst mit den Aktivisten des nachtkritik-Forums, mit den Lurchis, Rosas und Jeanne d'Arcs, mit 123 und – when will we meet again? – mit Alias "Sebastian Hartmann". Alle schreiben. Niemand schläft.

Der Artgenosse als Rätsel II

Hamburg, 17. September 2009. In meinem Hamburger Hotel saß heute ein Mann am Frühstückstisch, der gestern auch die Peer Gynt-Premiere besucht hatte. Er sah das Programmheft neben dem Teller liegen, und wir sprachen ein bisschen über Jens Harzer, die Pappkartons und die Menge der Zigaretten, die Karin Neuhäuser geraucht hat. Wahrscheinlich waren es zwanzig.

Nur am Rande

10. Februar 2010. Heute hat uns Talea Schuré geschrieben. Aus dem Ballhaus Ost. Von Berlin nach Berlin. Noch klangen uns die Ohren von der merkwürdigen Liebesverdammung, die Falk Richter in einem Blog, den er für einen Verlag schreibt, der jetzt auch im Netz aktiv ist, über uns ausgesprochen hatte: "Nachtkritik ist Bürgerkrieg ... und das ist AUCH GUT SO denn sonst wär der Spaß ja komplett raus aus DIESER PARALLELWELT HIER".

... und zum Blutbad sich ergieße ...

Berlin, 15. September 2009. Man könnte die Kritik von Marius von Mayenburgs Nibelungen statt mit dem Anfangsbild auch mit dem Schlussbild beginnen. Wieder wäre man bei der großen Treppe, auf der die Akteure – wie die wild gewordenen Besenstiele in Goethes Gedicht Der Zauberlehrling – Eimer um Eimer Blut die Stufen hinunter gießen. Ferngesteuerte Knechte einer außer Kontrolle geratenen Gewaltspirale, die sie selbst in Gang gesetzt haben: weil sie einmal so cool sein wollten, wie die Helden ihrer Fiktionen. Seien es nun Filmhelden oder Counterstrike-Avatare. Die, um diesem Bild entsprechen zu können, erst mit Täuschung und dann, um die Täuschung aufrecht zu erhalten, mit Gewalt operieren und am Ende eine Kränkung die nächste zur Folge hat.

Die Fab Ten

8. Februar 2010. Florian Fiedler hat es mit seiner Umsetzung des legendären Weißen Albums der Beatles am Schauspiel Frankfurt soeben auf den Punkt gebracht: Wenn im Theater jemand die Gitarre zückt oder die Tonkonserve anwirft, dann kann man sich mit einiger Wahrscheinlichkeit gleich auf den guten alten Klassikpop gefasst machen. Aber was bleibt hängen? Die nachtkritik-Redaktion hat sich zusammengefunden, um die zehn unvergessenen Beatles-Momente im jüngsten (und nicht mehr ganz so jungen) Theater zu versammeln. Take it away, John:

Der Artgenosse als Rätsel

Wien, 6. September 2009. Es hat geregnet an jenem Tag, als Matthias Hartmann die Stadt von jahrzehntelanger "Faust"-Entbehrung erlöste. Aber Regen tut nix, sie haben wieder einen Faust in Wien, also kamen die Wiener in freudiger Goethe-Großkunst-Erwartung herbeigeeilt. Da putzt man sich raus, da zeigt man sich her. Es ist immer ein Ereignis, die Wiener beim Theatergang zu erleben, manchmal ist es fast das einzige, was es an der Burg überhaupt zu erleben gibt. Wie beim "Faust" jetzt, aber lassen wir das.

In der Burgtheater-Beifallsbrandung

Wien, 9. Januar 2010. Autsch, was für ein Abgang. Beim Premierenapplaus zu seinem "Richard II.", als Claus Peymann wieder abgehen wollte, ist er gegen eine Wand gelaufen. Hat ein schwarzes Bühnenelement in der Wand mit einer Tür verwechselt, im schwarz-weißen Achim-Freyer-Bühnenbild.

Murmler und Rauner

4. August 2009. Das ist doch lustig. Daniel Kehlmann hat eine Rede gehalten. Über Theater. Gegen das Regietheater. Für seinen Vater. Jeder weiß, dass diese Rede niemand interessieren würde, wenn Kehlmann nicht viele Bücher verkauft und die Salzburger Festspiele ihm nicht die Plattform geboten hätten. Weil Kehlmann aber ein Erfolgsschriftsteller ist und die Salzburger Festspiele, sommer- und promibedingt, alljährlich viel Aufmerksamkeit erheischen, meint (fast) jeder, zu dieser Rede was sagen zu müssen. Aber gut, so funktioniert das eben.