Was Theaterkritiker tagsüber machen

von @regenbericht

23. Mai 2016. Die Stimmung in der Redaktion war schlecht, sehr schlecht. Die Geschäftsführerin hatte als Quartalsziel einen Zuwachs an Likes und Herzchen um 15 Prozent gefordert.
"Unmöglich. Für so viele Likes ist doch gar nicht genug Liebe da draußen im Netz." Der Jungredakteur hauchte ein Herzchen auf seinen Retina-Display.
"Irrtum! Ihr müsst euch nur mit eurer ganzen Persönlichkeit für unser Ziel einsetzen." Die Geschäftsführerin hatte an der Businessschool Spandau einen Kurs zur Mitarbeitermotivation belegt. Sie selbst war hoch motiviert, den letzten Tropfen Herzblut aus ihrem Team herauszuholen. "Ihr müsst innovativ sein. Ihr müsst überraschende, neue Wege gehen."

Was Sie schon immer über Theater wissen wollten und Jan Böhmermann nicht zu fragen wagten

von @regenbericht

10. Mai 2016. Das Theater versucht seit Jahrtausenden, die großen Fragen der Menschheit zu beantworten – und produziert doch immer nur noch mehr Fragen. nachtkritik.de sagt: Schluss damit. Wir haben einen Thinktank ins Leben gerufen, um Licht ins Dunkel zu bringen. Danach können wir uns endlich um andere Probleme kümmern: globale Erwärmung, der Nahostkonflikt, die Causa Hummels. Also, auf geht's! Stimmen Sie ab, wer die beste Antwort parat hat.

Nora 2.0: Das Zwitschern des Zeisigs

von @regenbericht

2. Mai 2016. Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen wird seit Jahren rauf- und runtergespielt. Sein Stück "Nora – ein Puppenheim" wurde schon in jedes denkbare Milieu versetzt. Nur auf Twitter hat es Nora bislang noch nicht geschafft. Frauen und Technik? Unsinn. Wir finden: Viel wichtiger als die Frage, was Nora uns heute noch sagen kann, ist: Was würde sie heute twittern?

Die Diva und ihre Fans

von Michael Wolf

29. Februar 2016. Eine gute Hauptdarstellerin zieht Publikum. Da kann man schonmal auf sechs Millionen Zuschauer kommen, so wie gestern abend Anne Will dank der Promi-Performance von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Komische Sicht auf eine Talkshow? Die heute erschienenen Berichte legen eine solche Perspektive nahe, denn es scheint fast so, als verdienten sich die Medienjournalisten dieses Landes montags als Theaterkritiker was dazu. 

Twitter ist keine Hamletmaschine

von @regenbericht

25. April 2016. Shakespeare war tot. Und zwar schon 400 Jahre lang. "Höchste Zeit, dass auch nachtkritik.de sich mit ihm beschäftigt", befand die Chefredakteurin.
"Shakespeare, großartig!", rief die Geschäftsführerin. "Duellkämpfe, Giftmorde, Hass und Liebe! Das schafft Herzchen!"
"Aber ich muss nicht schon wieder so einen traurigen Nachruf schreiben, oder?", fragte die Niedersachsen-Beauftragte, die so zart besaitet war wie man im Raum Braunschweig nur zart besaitet sein kann.
"Wir machen was zu Shakespeares Einfluss auf die Gegenwartsdramatiker."

Harry Potter goes Theaterbühne

Harry Potter28012. Dezember 2016. Die Jahresplanungen von nachtkritik.de schreiten voran. Aus dem Juli vom Londoner Palace Theatre winkt uns ein Ereignis heran, das wir nicht verpassen dürfen. Oder doch?

 

 

 

 

 
 

Der ganz große Coup / Sibylle Berg im Interview

von @regenbericht

18. April 2016. Aufregung in der Redaktion! @SibylleBerg hatte sich kurzfristig zu einem Interview bereit erklärt.

"Wer?", fragte der Heiner Müller-Experte?
"Na, Sibylle Berg. DIE Sibylle Berg.“
"Macht die Theater?"
"Halbtags", sagte die Chefredakteurin. "Vor allem ist sie ein Social-Media-Star, ein richtiger Klickgarant. Die hat fast 50.000 Follower auf Twitter und eine Spiegel-Kolumne. Und sie schreibt immer über ganz heikle Themen."
"Über die Unverzichtbarkeit der Utopie des Sozialismus? Oder die Funktion der Kunst als Unmögliches der Wirklichkeit?“, fragte der Heiner Müller-Experte.
"Nein, meistens über weiße, dumme Männer."
"Und worüber will sie mit uns sprechen?"
"Sie will ihr erstes Gedicht promoten.“

Aus dem NS-Phrasenpool

von Georg Kasch

Berlin, 21. Januar 2016. Der Schock muss wirklich tief sitzen. Sowohl bei der Berliner Volksbühne, deren Tage gezählt sind. Als auch bei ihren Fans. Wer immer der Urheber dieses Aufklebers ist, der im Dezember gleich mehrfach in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gesichtet wurde – er (oder sie) hat einen echten Hass auf die Entscheidung, dass nach 25 Jahren der Intendanz Frank Castorfs Schluss ist. Und dass Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner nicht etwa Sebastian Hartmann, René Pollesch oder Herbert Fritsch zum Nachfolger bestimmte. Sondern Chris Dercon, München- und London-erfahrenen Kultur-Manager, dem man neoliberalistisches Verwalten und ein internationales Allerlei vorwirft.

Wer tot ist, geht auf die Nerven

von @regenbericht

4. April 2016. Im Gegensatz etwa zu Redakteuren können Dramatiker ihre Karrieren nicht im jugendlichen Alter von Mitte sechzig beenden. Nein, der Schriftsteller muss weiter arbeiten, unaufhörlich inspirieren, wirken und nachwirken.

Einmal durchgreifen, bitte!

von Georg Kasch

15. Dezember 2015. In Hannover ist die Welt noch in Ordnung. Denn wo gibt es ihn noch, den unbedingten Glauben an die Macht des Theaters? Dort, wo man sich gegen sie zu wehren versucht. An der Staatsoper Hannover hat Kay Voges, Schauspiel-Intendant in Dortmund, gerade eine Inszenierung von Carl Maria von Webers "Freischütz" herausgebracht. Es ist seine zweite Operninszenierung, in die – wie Elmar Krekeler in der Welt berichtet – "beinahe alles hineinpasst, was irgendwie mit dem Deutschen in Geschichte und Gegenwart in Verbindung gebracht werden kann".

Keine Liebe! Nirgends!

von @regenbericht

28. März 2016. Es war #Frühling und wie jedes Jahr zu dieser Zeit wagte nachtkritik.de einige vorsichtige Schritte in die Offline-Welt, um die vornehme Netz-Redakteurs-Blässe mit einem Hauch UV-Licht zu akzentuieren oder lang vermisste Ehepartner wieder zu sehen. Auch an den Theatern beschränkte sich der Spieltrieb überwiegend darin, Eier im Kostümfundus zu verstecken.

Bert Neumanns letzter Raum

von Esther Slevogt

Berlin, 6. November 2015. Vielleicht ist ein Schlüssel das Gemälde Der tote Christus im Grabe von Hans Holbein (d.J.). Der 1497 in Augsburg geborene Maler lässt darauf in das Grab Christi wie in ein Terrarium blicken, in dem ein elendig ausgemergelter, toter Körper mit ersten Verwesungsmerkmalen liegt. Seht, scheint das Bild zu sagen: auf dieses Stück Sterblichkeit habt ihr Menschlein eure Erlösungshoffnung gerichtet. Eine Reproduktion des Gemäldes taucht wie ein Kassiber in den fast sechs Stunden, die dieser Abend dauert, immer wieder auf. Und es prangt auch hoch oben über der Volksbühne. Am Ende trägt es Alexander Scheer, der in Frank Castorfs Adaption der "Brüder Karamasow" den mittleren Bruder Iwan spielt (und dabei dem Holbein'schen Christus erschreckend ähnlich sieht), als eine Art megalomanes Selfie mit sich herum.

Twitter ist so traurig

von @regenbericht

21. März 2016. Unser Redakteur hatte eine harte Woche. Am Ende wünscht er sich sogar, Sibylle Berg zu sein. Alles sehr traurig. Aber lesen Sie selbst.

Dünne Frauen im Rock

30. September 2015. Es kommt hin und wieder vor, dass auch so ein niederes Wesen wie eine Theaterkritikerin einen Telefonanruf von einem Theaterintendanten erhält. Zwar gelten Kritiker*innen meist als eher minderbemittelte Kreaturen, die kaum in der Lage sind, ein Kunstwerk zu beurteilen. Trotzdem ist es den hohen Vertreter*innen der Zunft immer wieder wichtig, uns bei nachtkritik.de wortreich davon zu überzeugen, dass an ihren jeweiligen Häusern gerade einmal wieder eine weltbewegende Arbeit im Entstehen begriffen ist.

Bitterfelder Ausweg

15. März 2016. Bitterfeld in Sachsen-Anhalt ist DIE Hochburg der Alternative für Deutschland (AfD). 32 % der Stimmen bei der Landtagswahl am Sonntag. Was nun, Bitterfeld?

Kritikerleben mit Peymann. André Heller-Palimpsest I. Eine Elegie

von Nikolaus Merck

Berlin, 27. September 2015. Versteigerung im Berliner Ensemble, Peymann räumt den Fundus aus. "Zum vierten oder fünften Mal", sagt der Mann mit Zylinder, Frack und Lesebrille ("Ich kann das hier gar nicht lesen ...", - klopft die Taschen seines Fracks vergeblich ab - "Mann, jetzt habe ich keine Lesebrille", - an die Hilfstruppler hinter der Bühne gewandt: "Wo ist meine Brille ...?"). Bin ich hingegangen.

Pollesch guckt bei Bohlen ab

von @regenbericht

14. März 2016. Die Berliner Schaubühne präsentiert stolz ihren Blutvorrat, René Pollesch sucht Inspiration bei RTL und Konstantin Küspert zeigt seine Wunden. Unsere Zusammenfassung der Woche in den sozialen Netzwerken:

Ist das noch Kunst oder ist das schon Sozialarbeit?

Berlin, 2. September 2015. Leide wie ein Flüchtling! Ruft das Bochumer Schauspielhaus und stellt auf seinem Gelände ab heute einen LKW auf, in den das Publikum sich zusammenpferchen darf. Anlass ist der tragische Fund eines Lasters mit 71 Leichen Ende August in Österreich. Am Tag nach dem Unglück habe das Theater ein Anruf des Spediteurs Gerard Graf erreicht, der in seinem Fuhrpark einen LKW des gleichen Typs besitze, verkündet es in einer Pressemitteilung: "Gerard Graf war so schockiert und betroffen, dass er sich mit der Bitte an das Schauspielhaus Bochum wandte, eine Aktion in die Wege zu leiten, die nachvollziehbar macht, was Menschen bereit sind für ein Leben in Sicherheit in Kauf zu nehmen."

Die Verhältnisse – sie sind nicht so?

von Nikolaus Merck

5. März 2016. In einem Gespräch mit dem Norddeutschen Rundfunk hat der Schauspieler Edgar Selge, einer meiner großen Schauspielhelden, einen Satz gesagt, der einerseits enorm hoffnungslos, andererseits enorm befreiend wirkt. Selge: "Du findest einen großen Trost in diesen Theaterfiguren, die mit ihrer großen Verzweiflung dir die Hände herreichen und sagen: Komm, das Leben ist so."

Die zehn maßgeblichen Ereignisse der Saison 2014/2015

von Christian Rakow

Berlin, 27. Juli 2015. Spardebatten, neuer Aktivismus, politische Kundgebungen allerorten, Aufhörer und Rückkehrer, und natürlich der Berliner Theaterstreit. Das war die Saison 2014/2015.