Revue der wilden Natur

von Alexander Jürgs

Darmstadt, 29. April 2017. Es ist kalt am Klondyke River. Die Windmaschine pustet den Kunstschnee durch den Raum, das Licht flackert. Auf der Bühne ein Berg aus Eis. Schemenhaft erkennt man die Darsteller, die über den Bühnenboden krabbeln. Sie fauchen, sie brüllen, auf allen Vieren kämpfen sie sich den Eisberg hinauf. Da oben liegt ein Mann. Um sich zu verteidigen, zückt er die Pistole und zielt auf die Angreifer. Ein Schuss, noch einer, dann ist seine Waffe leer. Die Tiere erklimmen den Berg, machen sich über ihn her, zerfleischen den armen Tropf. Und dann fällt schon, nach kaum mehr als einer Minute, zum ersten Mal der Vorhang. Zwei Musiker treten an den Bühnenrand, mit Muppet-Show-Strubbelhaarfrisuren, im Frack, mit Fliegen in Knallrosa. "Golden green" summen sie. Dann geht der Vorhang wieder hoch.

Über Lichtbrücken musst Du gehn

von Eva Biringer

Wien, 29. April 2017. Und dann hat der Pollesch gesagt: "Bau mal ein Bühnenbild." Mit diesen Worten beschreibt Katrin Brack ihre erste Zusammenarbeit mit dem Regisseur. Das Ergebnis ist ein wenig Nebel und ein gutes Dutzend sich beständig hebender und senkender Scheinwerfer, verteilt auf mehrere Lichtbrücken. Eigentlich nicht zu übersehen und doch: Obwohl sie sich vor den gefährlich nah Richtung Boden sausenden Lichtquellen wegducken oder ihnen ausweichen müssen, sehen die vier Darsteller sozusagen den Wald vor lauter Bäumen nicht. "Mon dieu, wo ist das Bühnenbild!" rufen sie Fliege-rückend und Ballkleid-raffend und sind "völlig aus dem Häuschen".

Schlimmer geht immer

von Dorothea Marcus

Essen, 28. April 2017. Es beginnt mit nichts weniger als gleich fünf Atomexplosionen. Und einem Autounfall. Und einem von der Brücke fallenden Zug. Forced Entertainment, jene Pioniere des europäischen Experimentaltheaters, forschen auch in ihrer neuen Arbeit an der Darstellbarkeit von Welt auf der Bühne durch Sprache plus reine Imagination des Zuschauers. Das absolut Verehrungswürdige an ihnen ist: Sie schaffen es mit schlichtesten Mitteln, den medial heruntergekommenen Zustand der Gesellschaft auf den Punkt zu bringen – und philosophische Diskursfeuerwerke im Zuschauerkopf zu entzünden. In der bizarren Game-Show Real Magic, mit der sie 2017 erstmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen sind, erzählt ein Dauerloop aus sechs Dialogfetzen alles über Vergeblichkeit und die innere Gefangenschaft des heutigen Menschen, der sich zu Tode amüsiert.

Um Liebe ringen

von Willibald Spatz

München, 28. April 2017. Die Autorin wollte eigentlich nicht, dass aus ihrem Roman ein Film oder ein Theaterstück wird. Die Hauptfigur Cheryl ist 43 und damit genauso alt wie Autorin Miranda July jetzt. Und ungefähr so alt wie Maja Beckmann, die Cheryl nun doch spielen darf. Cheryl ist unglücklich verliebt in ihren zwanzig Jahre älteren Chef Phillip, der wiederum in eine 16-Jährige verschossen ist. Cheryl lebt und pflegt ihre Eigenheiten alleine. Bis zu dem Tag, an dem ihre andere Chefin ihr ihre Tochter Clee aufdrängt – nur kurz, bis sie einen Job und eine Wohnung gefunden hat. Selbstverständlich wird eine längere Geschichte draus.

Totschlagworte in La-La-Laber-Land

von Frauke Adrians

Berlin, 28. April 2017. Verrat ist so schwerwiegend, dass es ihn nicht im Plural gibt. Aber in diesem Stück passiert er ständig, als eine der leichtesten Übungen. "Verräter" ist ein politischer Kampfbegriff, besonders gern angewendet von den neuen und alten Rechten.

Sehnsucht nach Erlösung

von Sascha Westphal

Essen, 28. April 2017. "Die Stadt verschlingt Rohstoffe und Konsumgüter wie ein gefräßiger Wal. Was hinten rauskommt, ist stinkender Abfall, sind die Exkremente eines Molochs", heißt es einmal in Martina Clavadetschers Parabelstück "Umständliche Rettung" über Sodiriya, dieses moderne oder auch postmoderne Sodom irgendwo westlich des Jordans. Nicht einmal die Menschen, die ihr Leben in ihren Häusern verbringen, wissen etwas Gutes über sie zu sagen. "Drecksloch" nennt die "zufriedene Hure" Baganja ihre Geburts- und Heimatstadt und spricht damit das abschließende Urteil.

Signale aus der Filterblase

von Lukas Pohlmann

Chemnitz, 28. April 2017. Der Sound ist schon da als das Publikum die kleine Bühne im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses betritt. Eine säuselnde Stimme aus dem Off begrüßt die Zuschauer und dankt ihnen für ihre Anwesenheit. Trotz der widrigen Bedingungen. Widrige Bedingungen? Es gibt doch einen tollen Anlass! Der Förderverein des Theaters stiftet seit einigen Jahren einen Preis für Junge Dramatik inklusive Uraufführung. Gewinner diesmal: InnerOuterCity von Azan Garo. Untertitel: "Dramatische Anrisse einer allgemeinen Verunsicherung in 29 Szenen." Die Verunsicherungen werden Programm.

Aber ich bin nicht ich!

von Gerhard Preußer

Bonn, 27. April 2017. Warum ist ein Theaterabend interessanter als ein Wikipedia-Artikel? Dumme Frage! Weil die Subjektivität des Autors, des Regisseurs, der Schauspielerinnen und Schauspieler die versammelten Subjektivitäten der Zuschauer in Schwingung bringen, weil der Abend in einer konzentrierten Gemeinschaft erlebt wird. All diese Vorteile verspielt Simon Solbergs Stückentwicklung "BND – Big Data is watching you" in den Bonner Kammerspielen.

Die Leiber zerschmettern

von Willibald Spatz

München, 27. April 2017. In Heiner Müllers "Mauser" geht es viel ums Töten und getötet werden. Wer andere umbringt, wird zwangsläufig selbst umgebracht, weil er irgendwann seinen Wert verloren hat – ein ständiger Kreislauf, von dessen Unterbrechung erst mal nicht die Rede ist. Revolutionär A will als Henker zurücktreten, nachdem er seinen Vorgänger hat hinrichten lassen. Die Partei lehnt seine Bitte ab. Da wird er zum lustvoll Mordenden – und soll am Ende seiner eigenen Auslöschung zustimmen.

Harter Regen des Abschieds

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 27. April 2017. Fast zum Schluss sitzen sie tatsächlich ums Lagerfeuer herum, und der offene nackte schwarze Bühnenraum ist maximal romantisch aufgeladen, als hätten sich alle besten Momente aus den Hit-Inszenierungen zusammengetan, die Leander Haußmann in den letzten paar Jahren auf die Bühne des Berliner Ensembles gezaubertrickst hat. Das Feuer flackert, zehn Bob-Dylan-Doubles kehren uns den Rücken zu, singen das lange lange lange Lied A hard rain's gonna fall und wärmen sich an dem, was sie in den vergangenen anderthalb Stunden beschworen haben, der schönen heilen Welt des Theaters.

Wahrheit erspielen

von Simone Kaempf

Berlin, 27. April 2017. In den letzten Minuten versagt die Übertitelung aus dem Arabischen. Vielleicht hat Regisseurin Laila Soliman die Übersetzung auch bewusst abgeschaltet, und am Ende spricht nur noch die Musikerin, die ihre Geige zupft und mit dem Fuß immer langsamer aufstampft. Die Botschaft ist an dem Punkt eh' unmissverständlich: in ihrem Ringen um eine historische Wahrheit haben die Frauen auf der Bühne keine Chance. Was bleibt, sind melancholisch-atmosphärische Klänge und die bange Frage einer der Frauen, wie man allein auf sich zurückgeworfen mit den widersprüchlichen Erinnerungen denn nun umgehen wird.

Kann süchtig machen

von Martin Krumbholz

Dortmund, 23. April 2017. Oper? Eher nicht. Die Minimal Music basiert auf der quasi unendlichen Fragmentierung und Wiederholung relativ einfacher Klangfolgen. Die Musik treibt nicht nach vorn, entwickelt sich nicht, scheint auf der Stelle zu treten. Was nicht heißt, dass die so produzierten "durchschaubaren" Klangwellen den Hörer schnell ermüden würden. Im Gegenteil: Je länger man zuhört, desto betörender ist die Wirkung.

Die blaue Blume, genormt

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 23. April 2017. Er ragt nach einem kurzen Vorspiel an der Bühnenrampe einen halben Meter und transparent in der Kulisse hoch: der blaue Würfel, den der Titel ankündigt. Singend wollen die Personen des Stücks wissen: "Was ist das für ein Würfel?", und die Zuschauer im Heidelberger Theater wüssten es auch zu gerne.

Angst sells

von Stefan Schmidt

Hamburg, 22. April 2017. Erschreckende Dinge erfahren wir an diesem Abend im Hamburger Thalia Gaußstraße: Wenn etwa der Boden der Studiobühne nachgeben würde, könnte am Ende das gesamte Ensemble samt Publikum sechs Meter hinab in die Tiefe stürzen. Denkbar ist das. Ein Statiker hat die Nebenspielstätte jedenfalls angeblich schon lange nicht mehr durchgeprüft. Alternativ könnten wir von einem Scheinwerfer erschlagen werden. Oder eine Möwe könnte hereinfliegen und jemandem ein Auge aushacken. Es gibt schließlich Möwen in Hamburg.

Wie man mündig wird

von Kai Bremer

Münster, 22. April 2017. Als Joël Pommerats "Wir schaffen das schon" wenige Tage nach den Pariser Attentaten im November 2015 erstmals inszeniert wurde, zog es umgehend die Aufmerksamkeit des Theaterpublikums der französischen Hauptstadt auf sich. Ein Stück über die Anfänge der Französischen Revolution ganz in der Gegenwartssprache gehalten und ohne historistischen Kitsch? Davon versprachen sich offenbar viele Pariser Antworten auf drängende Fragen. In der aktuellen Spielzeit haben sich gleich mehrere deutsche Theater des Revolutionsdramas angenommen, Dortmund zunächst, gestern – am Vorabend des ersten Wahlgangs in Frankreich – Münster.

Wunden, lange nicht verheilt

von Kornelius Friz

Dresden, 22. April 2017. Alle reden davon, dass die Badeanstalt wieder aufmacht. Und wenn es am Sonntag noch immer so warm ist, können Emma und ihre Freundinnen endlich schwimmen gehen. Wobei, im Grunde hat Emma gar keine Freundinnen. Sie ist neu in der Stadt, nachdem eine krude Alte sich als ihre Oma ausgab und sie aus dem Waisenhaus abgeholt hatte. Dreizehn Jahre alt ist die Protagonistin Emma, aushalten muss sie jedoch eine Menge. Ceaușescu wurde vor kurzem gestürzt, und ihre Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Die Schuld hierfür gibt Emma natürlich sich selbst.

Loriot in der Spiegelphase

von Georg Kasch

Berlin, 22. April 2017. Wo ist der Hügel? Also jener Erdhaufen, in dem Winnie anfangs bis zur Hüfte, später bis zum Hals steckt und der ikonografisch geworden ist für Samuel Becketts "Glückliche Tage"? Sonst ist doch alles da, die Zahnbürste, der Sonnenschirm, die Spieluhr, der Revolver, hervorgeholt aus den Untiefen einer Sack genannten Tasche. Warum also fehlt gerade der Hügel?

Der perfekte Sturm

von Sascha Westphal

Mülheim an der Ruhr, 21. April 2017. Das Spiel beginnt fast unbemerkt. Die Lichter im Saal sind noch an, überall gedämpfte private Gespräche. Aber in das allgemeine Gemurmel mischt sich irgendwann ein Heulen wie von einem starken Sturm und zieht immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Etwas kündigt sich an, vielleicht ein Unwetter, vielleicht aber auch etwas, das weitaus folgenschwerere Konsequenzen hat. Schließlich verlöschen alle Lichter.

Lost in Polyethylen

von Cornelia Fiedler

Köln, 22. April 2017. "Das Einzige, was uns retten kann", proklamieren die drei Theatermacher im Manifest "Für ein Theater der Reise", "ist die "Bewegung, die zum Verlassen der eingeübten Perspektive führt". Mag sein, dass wir Social-Media-Fuzzis glaubten, mit der ganzen Welt vernetzt zu sein. Das helfe aber nicht, einfach weil der Mensch vor dem Computer mit der Welt nur "konfrontiert" werde, sich aber nicht "mit ihr verbinde". Also raus aus dem Theater, rein ins Unberechenbare, und dann ab auf die Bühne mit dem Erlebten.

Dösigkeit für alle!

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 21. April 2017. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Auch pralle Metaphern können so humpelnd daher kommen wie die Kurgäste, die jeden Morgen aufs Neue anheben zum Einstieg ins Thermalwasserbecken. "Ich werde mich doch eher in Ruhe lassen", befindet dann regelmäßig einer, worauf man wieder den geordneten Rückzug antritt Richtung Liege im Ruheraum. Die "Pumpernickelplattenverschiebung" im Magen ist Grund für auffällige Geräusche. Mit tektonischen Unwägbarkeiten ist eben zu rechnen in einer Thermenregion.