Die Gier, das Leiden und die Lachkrämpfe

von Sascha Westphal

Bonn, 6. Dezember 2019. "Ich durchschaue mich nicht." In diesem einen kurzen Satz liegt die ganze Verzweiflung Argans. Dieser Mann, dem es an nichts fehlt, der reich ist und glücklich sein könnte, leidet unermesslich, denn er leidet an sich selbst. Er gibt sich selbst Rätsel auf, und Rätsel schaffen Zweifel und Unsicherheit. Und die machen ihn wiederum krank, zumindest in seiner Vorstellung. Die Sehnsucht, sich und damit alles zu durchschauen, ist eben auch die Sehnsucht nach dem einen, was auch Argan nicht kaufen kann, nach dem ewigen Leben.

Mitleid gegen die Wut

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 6. Dezember 2019. Das Geräusch von Bleistift auf Papier. Setzt Stephanie Mohr an den Anfang ihrer Inszenierung von Peter Handkes "Immer noch Sturm". Handke-Schreibutensilien-Fetischismus am Handke-Geburtstag vor Handke-Nobelpreisrede inmitten von Handke-Debatte. "Oh Gott!", soll es Mohr entfahren sein, als die Schwedische Akademie kurz vor Probenbeginn die Entscheidung veröffentlichte. Diese Premiere hat Rampenlicht.

Apocalypse Now Or Never

von Michael Laages

Frankfurt am Main, 6. Dezember 2019. Bis drei Wochen vor Silvester war die Position des Spitzenkandidaten im Wettbewerb um die "Silberne Zitrone" oder das "Faule Ei" des Theaters für dieses Kalenderjahr noch nicht vergeben – jetzt ist klar, wer ganz vorne liegen wird: "1994 – Futuro al dente", die "Stückentwicklung" von Nele Stuhler und Jan Koslowski fürs Frankfurter Schauspiel. Tatsächlich allerdings steht am Sekt-und-Böller-Abend Ende des Monats nicht dieses, sondern ein anderes Projekt dieser fleißigen Theatermenschen auf dem Frankfurter Spielplan: "Der alte Schinken". Mit Sicherheit gibt's da mehr zu lachen; die aktuelle Novität aus der Werkstatt von Stuhler & Koslowski wäre selbst im Delirium des Jahreswechsels nur mit ganz viel Blaumachern zu ertragen.

Sonnenschein inmitten der Misere

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 6. Dezember 2019. "Hase Hase" ist so etwas wie die Quersumme aus Nikolaus und SPD-Parteitag. Insofern liegt das Theater Oberhausen zumindest mit der terminlichen Ansetzung des Achtzigerjahre-Stücks der Französin Coline Serreau goldrichtig. Hase Hase ist ein Außerirdischer und der jüngste Sohn der Familie Hase (Serreau hat sich hier von Steven Spielbergs Blockbuster "E.T." inspirieren lassen): Der kleine Hase wurde zwar ganz normal von seiner Mutter zur Welt gebracht, aber als exterritoriales Kuckucksei (oder als Nikolaus-Präsent, wenn man so will).

Beim jüngsten Gericht

von Falk Schreiber

Berlin, 5. Dezember 2019. Eigentlich kann einem nichts besseres passieren als von hier vertrieben zu werden. Ständige Nacht prägt Nehle Balkhausens Bühne, wenn keine Nebelschwaden durch die Dunkelheit ziehen, plätschert Sprühregen, dunkler Ambient dröhnt aus Bert Wredes Synthesizern, und die Mitmenschen sind verschlossen und unfreundlich. Man möchte weg, allein, man kann nicht: "Und wenn I dann aufsteh beim jüngsten Gericht, dann steh I da, und kenn niemand, und mi kennt niemand!", klagt der todkranke Alt-Rott (Josefin Platt).

Sommerhaus for sale

von Martin Thomas Pesl

Wien, 5. Dezember 2019. Die meisten sind sicher seinetwegen gekommen: Otto Schenk! 89! Seit ein paar Jahren schon war der Wiener Lieblingsopa, Kammerschauspieler und Doyen des Theaters in der Josefstadt nicht mehr in einer neuen Rolle aufgetreten. Schenk als Diener Firs, der am Stock mit kleinen Schritten dahertrippelt und alte Geschichten so leise erzählt, dass alles um ihn herum pausieren muss, damit man ihn versteht: ein programmiertes Ereignis.

Blut auf dem Vogerlsalat

von Andrea Heinz

Wien, 4. Dezember 2019. Wenn man dem Burgtheater in dieser noch sehr jungen, ersten Saison unter der neuen Direktion etwas vorbehaltlos zugute halten kann, dann die Tatsache, dass es eine Autorin wie Maria Lazar auf den Spielplan genommen hat. Eine jener zumeist jüdischen Autorinnen der Zwischenkriegszeit, die ins Exil gezwungen oder ermordet wurden und nach dem Krieg nachhaltig in Vergessenheit gerieten. An der Qualität lag es nicht, das konnte man spätestens 2014 und 2015 sehen, als der Wiener Germanistik-Professor Johann Sonnleitner im Verlag Das vergessene Buch zwei Romane Lazars herausgab, "Die Vergiftung" und "Die Eingeborenen von Maria Blut". Vor allem letzterer ragt an Klarsicht, Genauigkeit, Menschenkenntnis, aber auch schriftstellerischer Könnerschaft weit heraus. Mit stupender Deutlichkeit sah Lazar schon in den 1930er-Jahren, warum genau das möglich werden konnte, wovon sich noch heute viele fragen, wie es möglich sein konnte.

All the single twins

von Martin Thomas Pesl

Wien, 3. Dezember 2019. Haben wir nicht alle einen Zwilling irgendwo? Da gab es doch mal diese Theorie. Vielleicht interessieren uns deshalb die Geschichten über Eineiige in der Literatur. Meist sind es Brüder, so auch die Ich-Erzähler, nein: Wir-Erzähler aus Ágota Kristófs Roman "Das große Heft". Dass Sara Ostertag sie mit Frauen besetzt, mag daran liegen, dass ihre Inszenierung als Koproduktion ihrer Gruppe Makemake Produktionen mit dem Kosmos Theater entstand, das Künstlerinnen fördert. Der Erzählung schadet es keineswegs, verleiht doch dafür Martin Hemmer der als Hexe verschrienen Großmutter besenschwingend eine faszinierende Genderfluidität; Simon Dietersdorfer als Polizist trägt High-Heels.

Kontinuität und Verlässlichkeit!

von Thomas Rothschild

Dornbirn, 3. Dezember 2019. Isabella, gespielt von Isabella Jeschke – die Figuren tragen in diesem Stück die Vornamen ihrer Darstellerinnen –, tänzelt mit weichen Knien in den Vordergrund und kaut Kaugummi. Kirstin (Schwab) leckt ihr die nackte Schulter. Susanne (Brandt) hält sich abseits. Zwei Männer in hochgeschlossenen schwarzen Pullis, karierten Hosen und Sicherheitsschuhen stehen, den größten Teil des Abends stumm, auf flachen Podien und klopfen sich auf die Oberschenkel. Hinten wartet die Wiener Band Dun Field Three auf ihren Einsatz, links und rechts oben sieht man in Zeitlupe klatschende Hände in Großaufnahme. Das Aktionstheater Ensemble landet seinen neuesten Coup.

Vor Einbruch der Nacht

von Michael Wolf

Berlin, 30. November 2019. In Wolf Haas' Buch "Das Wetter vor 15 Jahren" sieht der Autor als Kind mit seiner Tante fern. Immer wenn die Figuren der TV-Schnulzen allzu klischiert oder die Plots unwahrscheinlich gestrickt erscheinen, sagt die kluge Tante: "Sonst wär's kein Film." Diese Weisheit würde auch gut zu Anne-Cécile Vandalems Abend "Die Anderen" passen. Einiges an ihrer aberwitzigen Geschichte muss – und sollte – man einfach hinnehmen, um sich den Spaß nicht selbst zu verderben. Es lohnt sich.

Die Hölle, das ist die Gegenwart

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 30. November 2019. Für solch einen Haarschmuck aus Federn ist der Hölleneingang dann doch zu niedrig. Volker Hintermeier hat das finstere Reich als tunnelartiges Metallgerüst auf die Vorbühne des Frankfurter Schauspiels gestellt, Nebel drauf, alles schön düster, zwischendurch blinkendes Neonlicht. Anna Kubin als Estelle Rigault muss sich ordentlich abmühen, um die Form zu wahren und den Kopfschmuck nicht zu gefährden, während sie unter den metallenen Streben hindurch balanciert. Das ist witzig anzusehen. Wie sie sich vorbeugt, zurückbeugt und skeptisch dreinschaut beim Versuch, das Ganze halbwegs elegant über die Bühne zu bringen. "Mir ist komisch", seufzt sie.

Damals auf der Firmenfeier

von Jan Fischer

Göttingen, 30. November 2019. Es ist diese Geschichte, die man aus viel zu vielen Tweets kennt, eine #metoo-Geschichte. Und der Satz, der am härtesten trifft, ist dieser: "Gesetzt ist: Eine Vergewaltigung ist geschehen." Niemand, weder Vergewaltiger noch Vergewaltigte, bestreitet das. Eine Firmenfeier, beide sind betrunken, beide sind befreundet, sie verschüttet ein Getränk auf seinem Hemd, er zieht es aus, sie aus lustig-betrunkener Solidarität ihre Bluse auch, er vergewaltigt sie.

Volksfreundin unter Druck

von Shirin Sojitrawalla

Karlsruhe, 30. November 2019. Die Frauenärztin Beate Werner ist eine Feministin alter Schule wie aus dem Bilderbuch: Bequeme Hosen, flache Schuhe, weiter Pullover und grauer Kurzhaarschnitt. Der Griff zur Rotweinflasche geht ihr ebenso routiniert von der Hand wie der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft. Beate Werner ist die Hauptfigur im neuen Stück des unermüdlichen Theaterautorenduos Lutz Hübner & Sarah Nemitz. Eine Frauenärztin? Ja. Folgerichtig treten erst gar keine Männer in Erscheinung in diesem Stück, einer Auftragsarbeit fürs Badische Staatstheater Karlsruhe.

Nationalgedöns auf dem Mont Klamott

von Leopold Lippert

Berlin, 29. November 2019. In grässlich grasgrünen Glitzeroutfits, fünffacher Einheitslook, treten sie auf die Bühne. Die Campingstühle werden auf dem Kunstrasenteppich ausgeklappt, das Lächeln im Gesicht ist selig. Drei Frauen, zwei Männer (Edgar Eckert, Lorena Handschin, Holger Stockhaus, Birgit Unterweger, Regine Zimmermann): Sie sind höflich zueinander, sie strahlen einander an. Die Vögel zwitschern Idylle aus dem Off, das Licht ist warm. Und bei dieser ersten Zeile – "Da glauben wir immer, wir wären ganz außerhalb. Und dann stehen wir plötzlich in der Mitte" – möchte man gleich an die Grünen denken, an die Fridays, die jetzt Mainstream sind, an Jamaika, Kenia, und die 21 Prozent bundesweit.

Tanz der Zeittotschläger

von Esther Boldt

Mannheim, 29. November 2019. "Es ist leicht, auf dem Papier zu philosophieren. Aber wie erträgt man dieses Leben?", fragt Kostja. Für einen Moment erstarren die Gesten der Umstehenden, für einen Moment herrscht Schweigen. Dann lachen und plaudern sie weiter, als sei nichts geschehen. Dabei ist die ganze Gesellschaft bereits vergilbt, steckt in fast ununterscheidbaren, sonnengelben Anzügen und Kleidern. Der Sturm der Gezeiten hat sie wieder an diese Küste gespült, wie Strandgut. Allein, die Jahre sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen.

Liebenswert schräge Vögel

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 29. November 2019. Solange Menschen einander Tiernamen an den Kopf werfen oder den Vogel zeigen, hat die Fabel als literarische Form nicht ausgedient. Und wenn dann erst so drollige Vögel sich versammeln wie in Caren Jeß' "Bookpink"! Noch bevor dieses Stück erstmals auf die Bühne kam – im Schauspielhaus Graz ist es jetzt so weit – haben der Bookpink (plattdeutsch für Buchfink) und seine gefiederten Freunde durch ihr gar Menschen-nahes Gezwitscher auf sich aufmerksam gemacht: Die 1985 in Schleswig-Holstein geborene Autorin erhielt dafür 2018 den Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik (Residency). Bookpink wurde zum Heidelberger Stückemarkt 2019 eingeladen und im Stückeparcours der Autorentheatertage 2019 am Deutschen Theater Berlin szenisch gelesen.

Diagnose Burn-Out

von Steffen Becker

Karlsruhe, 28. November 2019. Woyzeck – aber als Frau. Reicht schon als Trigger. Die Klassiker-Umarbeitung der Dramatikerin und Regisseurin Anne Habermehl hat mit ihrem Ansatz Aufmerksamkeit sicher. Also auf ans Staatstheater Karlsruhe – um dann im Begleitheft zu lesen: "Woyzecks ständiger Konflikt zwischen Leben und Tod hin- und hergerissen zu sein, hat eben nichts mit dem Geschlecht zu tun." Warum dann der Geschlechtertausch? Die Frage schwebt über der ganzen Vorstellung. Sie bleibt bis zum Ende offen.

Oh Abgrund

von Gabi Hift

Wien, 28. November 2019. Fernseh-Krimi-Einschaltquoten beweisen es: Menschen wollen in die Abgründe des Menschseins schauen, es gibt ein Bedürfnis nach einer Intensität des Grauens. Und Heinrich von Kleist, der Fanatiker des Monströsen, kann es befriedigen. Dennoch ist es ein Wagnis, Kleists "Hermannsschlacht" zu inszenieren. Als Propagandastück gegen die napoleonische Besatzung, als das Kleist es geplant hatte, war es unbrauchbar, erst in der Nazizeit wurde es viel gespielt, der Aufruf zum totalen Vernichtungskrieg passte. Gegen diese Historie muss Martin Kušej als neuer Burgtheater-Direktor nun antreten – und gegen die legendäre Aufführung, die Claus Peymann seinerzeit zum Einstand seiner Burgtheaterintendanz aus Bochum mitbrachte. Bestimmt hat Kušej genau das gereizt, dass man, egal was kommt, erst einmal sagen würde: "Der Kerl traut sich was!"

Dem Mann kann geholfen werden

von Maximilian Sippenauer

München, 23. November 2019. Über der Bühne lastet bühnenfüllend groß eine dicke, alles erdrückende Cumulus-Wolke. Schietwetter im Räuberwald. Davor fünf Frauen germanisch abenteuerwillig beschuht, also Wollsocken in Treckingsandalen, gerüstet, um ein paar ungeklärten Fragen dieses gewittrigen Schiller-Dramas nachzugehen.

Leichen pflastern seinen Weg zum Ich

von Verena Großkreutz

Heilbronn, 23. November 2019. Was? Gretchen "ist gerichtet"? Fehlt da nicht noch was? Am Heilbronner Theater spart sich Malte Kreutzfeldt Gretchens finale Erlösung durch Gott. Mephisto behält das letzte Wort. Eine "Stimme von oben" meldet sich nicht. Stattdessen fällt von dort ein riesiges weißes Leichentuch herunter und bedeckt den Großteil der Bühne. Das letzte einer Reihe suggestiver, überraschender Bilder, die Kreutzfeldts textlich gestraffte "Faust I"-Inszenierung so stark, so brillant macht.