Die Menschwerdung der Witzbolde

von Steffen Becker

Karlsruhe, 15. Dezember 2018. Gibt man "Feminismus" als Stichwort in den sozialen Medien ein, ist es vorbei mit dem ruhigen Abend: life is a battlefield, Schauplatz eines Atomkriegs, mindestens. "How to date a feminist" – so die titelgebende Frage des Stücks von Samantha Ellis – verspricht also knallig zu werden. Und beginnt bunt. Am Staatstheater Karlsruhe prallen zunächst Wonderwoman und Robin Hood aufeinander. Was würde wohl passieren, wenn der Mittelalter-Outlaw die Science-Fiction-Ikone versucht hätte, übers Pferd zu werfen. Hätte sie ihn nur angebrutzelt oder gleich ins All geschossen? Auf der Karlsruhe Bühne bittet Wonderwoman ihren Helden in Strumpfhosen dagegen, möglichst auffällig auf ihren Hintern zu starren.

Ein Händchen für den Knacks

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. Dezember 2018. Manzini heisst ein italienischer Krimiautor, aber auch ein Café in Berlin-Wilmersdorf, in dem Literaten gerne für sich ihre Literatennachmittage verleben. "Eine Chiffre für: Alles bleibt gleich", sagt ein geistreicher Connaisseur, um maliziös anzufügen: "Ein Stück Schweiz in Berlin." Mag sein, dass René Polleschs neuer Zürcher Abend deshalb hier entstanden ist (sein soll), wie Martin Wuttke jüngst dem Zürcher "Tages-Anzeiger" anvertraute. Der Gedanke wäre ja zu schön. Vielleicht aber auch nur, weil Wuttke gleich um die Ecke wohnt. Oder weil der Titel einfach so gut klingt. Die Ober im Manzini wissen jedenfalls sehr genau, was für ein Ort das ist und dass er keinen Preis hat. Im Gegensatz zu den in Zürich Auftretenden R, K und M, die weder aus noch ein wissen, Anfang und Ende durcheinander bringen und in all dem Durcheinander auch den Stücktitel völlig außer acht lassen.

Der diskrete Charme der Ost-Künstlerbohème

von Christian Rakow

Berlin, 14. Dezember 2018. Das muss er gewesen sein, der schnellste Szenenapplaus der Saison. Da sitzt man also erst und blickt ins kahle Rund der Volksbühne, enttäuscht, weil Leander Haußmann ja Schauwerte versprochen hatte und jetzt alles leer ist, aber es kann natürlich immer auch Verarsche sein. Silvia Rieger tritt aus einer Falltür hervor, und immerhin schieben Bühnenarbeiter ihr noch zwei Kabuffs heran.

Blutkörper als Spielbälle

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Dezember 2018. Ein Königsdrama. Im doppelten Sinn, nicht allein mit Blick auf sein Figuren-Kabinett, auch als Gütesiegel. Würde man einen Konstruktionsplan dieses gewaltigen Stücks – ja, Weltgebäudes – zeichnen, würde sich ein so klar gegliedertes wie komplex gefügtes Gesamtbild ergeben. Ein Bild und eine Innenbeschau, über die der Autor präzise Auskunft zu geben wusste. Denn es gab Nachfragen. Friedrich Schiller beantwortete sie 1788 in zwölf Briefen. Ein Werkstattbericht aus seiner Gedankenfabrik: planvoll durchdacht, selbstkritisch, überlegen, kühn, jedes Argument und jede Gegenrede im Voraus erwogen. Man kann neidisch werden. Man muss bewundern.

Nazi Killed The Radio Star

Von Jan-Paul Koopmann

Bremerhaven, 14. Dezember 2018. Einsam lümmelt sich Talkmaster Barry Champlain auf seinem grün bepolsterten Bürostuhl und macht sich die ganze Welt zum Feind – mit bis zum Anschlag gespreizten Beinen. Alles hier dreht sich ausschließlich um ihn. Und das ist sonderbar aufregend, obwohl dieser ultrasouveräne, kluge und dabei auch noch witzige Typ im Spotlight schon zur Halbzeit kein Geheimnis mehr hat.

Kalt gefließte Rache

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 14. Dezember 2018. Revolutionärin? Urfeministin? Oder doch einfach nur eine rachsüchtige Kindermörderin? Der Medea-Mythos ist ein starker, vielgedeuteter Stoff und fasziniert bis heute – wie alle Märchen und Mythen, in denen es blutrünstig zugeht. Nichts scheint so sehr zu faszinieren wie Mord und Totschlag. Vor allem, wenn dann auch noch die Liebe mit ins Spiel kommt. Die Königstochter und Zauberin Medea handelt ja stets aus Leidenschaft: Riskiert für den Griechen Jason alles – und verliert. Folgt ihm mit den beiden Kindern ins Exil nach Korinth, wo er nichts anderes zu tun hat, als sich berechnend der Königstochter Kreusa an den Hals zu werfen, Medea zu verstoßen, ihr die Kinder wegzunehmen. Medea, verzweifelt, gedemütigt, benutzt die einzige Waffe, die sie noch hat: Sie tötet ihre Söhne, um sie Jasons Einfluss zu entziehen.

Dostojewski im Drehschwindel

von Maximilian Sippenauer

München, 14. Dezember 2018. Dostojewskijs "Der Spieler" wirkt wie gemacht für unsere Zeit. Erzählt die Geschichte einer russischen Gesellschaft, die im deutschen Roulettenburg noch den letzten Rubel verzockt, doch von der zerstörerischen Gier nach Geld. Illustriert einfach wie klar an der Hybris des Roulette-Spiels. Ist das nicht Europa im Endstadium seiner eigenen Dekadenz? Dazu dieser gehässig tratschige Hauslehrer, dieser wandelnde Minderwertigkeitskomplex, der so gerne mit denen oben mal mitmischte, dem es aber nie so recht gelingen will. Riecht das nicht verdächtig nach einem dieser Oberstudienräte mit AfD-Parteibuch, die sich bei aller Systemkritik am Ende doch nur mit dumpfem Nationalismen behelfen, über den verlogenen Franzmann, den kratzfüßigen Polen, den geizigen Juden schimpfen? Das alles steckt sicher drin im Stoff des "Spielers". Das alles will uns Andreas Kriegenburg in seiner Inszenierung zeigen. Und trotzdem will der Funke nicht so recht überspringen.

Häkchen-Theater

von Tobias Prüwer

Leipzig, 13. Dezember 2018. "Behinderungstheater" nennt die Berliner Compagnie Bryckenbrant ihre Arbeit. Sie wollen mit Sehgewohnheit brechen, Widerständigkeit erzeugen. Programmheftprosa jedenfalls kann die Gruppe. Und tatsächlich hintergeht "Das Massaker von New Leipzig" in der Regie von Daniel Wittkopp am Lofft Leipzig so ziemlich alle Erwartungen. Allerdings stellt es sich selbst dabei das eine oder andere Bein.

Sag mal "Plattenbau"

von Kornelius Friz

Jena, 13. Dezember 2018. Die Dialektfalle umschiffen sie auf Schwäbisch. Die Zonen-Elke in den Schimmeljeans bläst ihre Vorurteile mit süddeutsch weichen Konsonanten hinaus. Und die sind auch schnell zusammengefasst: Schiller und Goethe, der Thüringer Wald, der NSU, Klöße und Bratwurst. Das Besteck, mit dem das Kollektiv Wunderbaum unter der Leitung von Walter Bart das Eigene, das Heimische zerlegt, ist nicht besonders feingliedrig. Es ist aber durchaus geeignet, um ein touristisch-klischeehaftes Abziehbild des Landes mit thüringischen Realitäten abzugleichen und dabei das Eine dem Anderen zärtlich unterzuheben.

Sprachgymnastik

von Martin Thomas Pesl

Wien, 13. Dezember 2018. Diesen Sommer lehnte ein österreichischer Asylbeamter den Antrag eines Afghanen ab, weil dieser sich nicht "schwul genug verhielt", obwohl er behauptete, daheim wegen Homosexualität verfolgt zu werden. Der Fall könnte auch aus Shumona Sinhas autobiografisch inspiriertem Roman "Erschlagt die Armen!" stammen. Der erschien in Frankreich freilich schon 2011. Die gebürtige Inderin dröselt darin harsch und sprachgewaltig die Absurditäten des Asylwesens auf. Ihren Job als Dolmetscherin bei der Flüchtlingsbehörde, den sie aus Liebe zur "Sprachgymnastik" angenommen hatte, ist sie seither los.

Zickenkrieg mit Flüchtling

von Henryk Goldberg

Meiningen, 13. Dezember 2018. Spiegelglatt, laborrein die gelbe Fläche, Lamellen die Wände, kühl und praktisch. Im Dunkel flimmern Lichtpunkte, ein Kosmos. Dann kommen sie, deren Kosmos das ist. Drehen Runde um Runde, ein lebendes Laufrad. "Hier sind WIR, Wir sind viele …" Die sind das Volk. Die sind auch: Barbara und Mario. Die Fläche, auf der sie stehen, neigt sich, wippt: Aha, sie stehen auf schwankendem Grund. Dann die neuen Nachbarn. Prosecco und Rose, und vom unentkalkten Wasser bekommen die Babys einen Seifenstuhlgang. Paul ist eine arme Sau und Linda eine dumme Zicke, sie führt sich auf, als würden sie die Schweine beißen. Und kein Aas weiß warum.

­Fröhliche Einführung in Waffenkunde

von Sabine Leucht

München, 12. Dezember 2018. "Ceci n'est pas un public" steht in René Magritte-Schrift über einer Ansammlung flacher Pressspan-Gesellen. Sie sind hübsch paritätisch hell, dunkel und mitteldunkel gefärbt und in der Kammer 3 in den Stuhlreihen platziert. Dort, wo sonst das Publikum sitzt, während wir auf der Bühne thronen. Und nun wird an diesen Nicht-Zuschauern ein Massaker verübt, das zwar mit viel musikalischem Donner und Lichtgewitter daherkommt, aber kein Blutbad hinterlässt und nicht einmal Späne. Denn das Theater ist das Theater und nicht das Leben. So einfach – und so banal!

Der Tod soll scheißen gehen

von Andrea Heinz

Wien, 12. Dezember 2018. In Deutschland wird derzeit dem "mordenden Krankenpfleger" Nils Högel der Prozess gemacht, der wohl mehr als 100 Menschen auf dem Gewissen hat. Viel ist da die Rede vom Pflegenotstand, den Zuständen in Krankenhäusern und davon, wie monströs, monströser noch als die Banalität dieses Bösen, das Desinteresse der Leute an den vielen Opfern ist, weil sie vermeintlich ohnehin alt, krank oder dem Tode geweiht waren. In Wien gab es einen ähnlichen Fall in den 1980-Jahren. Die "Todesengel von Lainz“, auch bekannt als "Lainzer Mordschwestern", töteten eine große Anzahl an Menschen, angeblich aus Mitleid, eher aber aus anderen Gründen. "War es die Tat wahnsinniger Einzelgängerinnen oder ein Symptom für den wachsenden Altenhaß in der modernen Gesellschaft?", fragte der Spiegel damals besorgt – und konnte sich den reißerischen Titel "Wo die Traudl is, wird kräftig gsturbn" dann doch nicht verkneifen.

Wie herrlich klingt das!

von Katrin Ullmann

Hamburg, 12. Dezember 2018. Es gibt sie immer wieder, diese Wortkaskaden. Auf Partys, in Foyers, auf Raucherbalkonen. Aus dem Nichts flirren sie los, prasseln auf einen ein. Sie sind voll kundiger Anspielungen, angefüllt mit Subtexten und Verweisen. Intelligent scheinen sie zu sein und irgendwie vielschichtig. Oft wird mit schneller, erregter Stimme gesprochen. Ohne Pausen, ohne Innehalten oder Aushalten. Doch wenn das Rauschen verebbt, stellt man fest, dass eigentlich nichts wirklich gesagt wurde. Zurück bleibt eine fragende Leere.

Heimweh nach dem Traurigsein

von Valeria Heintges

Zürich, 11. Dezember 2018. Mit Motorradhelm und weißem Seidenanzug sieht Musiker Ambrosius Huber aus wie ein Astronaut. Auch die drei Schauspielerinnen – in Rot, in Gelb, in Blau – sind nicht von dieser Welt. Sie reden von der Vergangenheit. Weißt du noch – virtual reality? Weißt du noch – selbstfahrende Busse? Weißt du noch – exklusive Marsfahrten? Sie bewegen sich eckig, sprechen mechanisch wie Roboter, erstarren nach jeder Bewegung. "Ich hab' so ein Ziehen und Drücken in der Brust", sagt eine. Brustkrebs? Herzinfarkt? Nein. "Sehnsucht". "Willst du sagen, du hättest ein Gefühl?" Ungläubiges Staunen. Ja, sie hat ein Gefühl.

Die nackte Angst vor der eigenen Existenz

von Grete Götze

Wiesbaden, 8. Dezember 2018. Das muss man sich erstmal trauen, Molières gerne auf Boulevardbühnen gespielte Komödie "Der eingebildete Kranke" von einer Pariser Wohnung in ein dunkles Loch zu verlegen. In Hessen kennt man das Stück aus dem siebzehnten Jahrhundert auch von lauen Sommerabenden im Höchster Bolongaropalast, in Mundart von Michael Quast vorgetragen. Auf der kleinen Bühne des Wiesbadener Staatstheaters dagegen schlurft der titelgebende Hypochonder Argan nun fast wie ein Obdachloser, gekrümmt und seine schmalen Schultern mit einem alten Schlafsack bedeckend, durch das einem Keller ähnelnde Bühnenbild, dessen einzige Hoffnung eine Treppe nach oben zu sein scheint. Kaum verständliche Laute murmelnd, kniet er sich schließlich über eine Öffnung in der Bühnenmitte und schreit "Ich muss kacken!" 

Stationengehumpel

von Gerhard Preußer

Castrop-Rauxel, 8. Dezember 2018. Mit Wanderberichten ist es wie mit Kochshows: Wer nicht kocht, sieht Kochshows. Wer nicht wandert, liest Wanderbücher oder lauscht Wanderhörbüchern beim Autofahren oder noch besser: sieht Wanderfilme im Kino, am besten: sieht die Bühnenversion des Wanderfilms des Wanderbuchs von einem, der gewandert ist. Das Theater steht am Ende der Verwertungskette der Unterhaltungsindustrie. Und den letzten beißen die Hunde.

Horror, Horror, Wahnsinn!

von Dieter Stoll

Nürnberg, 9. Dezember 2018. An Kronen mangelt es nicht in dieser gespenstischen Versammlung von gierigen Häuptern, wie sie Regisseur Philipp Preuss am Nürnberger Schauspielhaus für seine Inszenierung von William Shakespeares "Macbeth" organisiert hat. Letztlich darf, ja soll jeder Anwesende auf der Bühne einmal danach greifen. So wie er auch die vorübergehend verfügbare Titelrolle kurzzeitig instandbesetzen kann. Zum späteren Gruppenbild der sechs konkurrierenden Akteure hat die Königsdramen-Requisite dann sowieso hochkarätige Kopfbedeckungen für alle.

Ein suizidaler Ziegenhirt

von Steffen Becker

Memmingen, 7. Dezember 2018. Als "Ein ganzes Leben" für die Hauptfigur Andreas Egger bereits dem Ende entgegengeht, verdingt sich der Alpenbewohner als Fremdenführer. Das Geschäft läuft gut in den 50ern und 60ern des vergangenen Jahrhunderts. Schon damals suchen viele Menschen in den Bergen, was sie glauben, verloren zu haben: Ruhe, das einfache, vorhersehbare Leben. Andreas Egger hat ein solches Leben scheinbar geführt. Aus seinem Dorf ist er fast nie herausgekommen. Robert Seethalers Roman kommt im Stil denn auch so daher, als sei er an einem plätschernden Gebirgsbach geschrieben worden. Dass die Bühnenfassung im idyllischen Allgäu, am Landestheater Schwaben, uraufgeführt wird, ist da nur konsequent. Hier wird einem der Hauptdarsteller zum Schlussapplaus statt Blumen eine Fleischwurst zugeworfen (über die er sich freut). Alles sehr urig.

Kunst zweiter Ordnung

von Willibald Spatz

München, 7. Dezember 2018. Wenn ein Regisseur ein Stück angreift, sollte man meinen, dass er zumindest weiß, ob er etwas damit anfangen kann, ob es irgendetwas gibt, was er einem Publikum mit seiner Version einer alten Geschichte erzählen will. Der Regisseur in der "Macbeth"- Umschreibung an den Münchner Kammerspielen hat am Anfang durchaus eine Ahnung. Am Ende ist er ratlos und steht ohne Stück und ohne Ensemble da. So kann es gehen, wenn man sich zu weit aus seiner Komfortzone wagt.