Balanceakte des Weiblichkeitsdiktats

Jens Fischer

Bremen, 20. Februar 2020. Alles auf Anfang: Wie schon bei "Nana ou est-ce que tu connais le bara?" vor einem Jahr tänzeln auch für die Fortsetzung der Doppelpass-geförderten Kooperation die typisierten Verkörperungen des Personals von Émile Zolas "Nana"-Roman auf die Bühne des Theaters Bremen, angepriesen erneut von Matthieu Svetchine, dem Conférencier und Live-Übersetzer der französischen, englischen und spanischen Äußerungen des Abends. Im Work-in-progress-Design verknüpft Regisseurin Monika Gintersdorfer gedankliche und körperliche Fundstücke aus den Probenarbeiten.

Schweiß und Tränen sind dasselbe

von Maximilian Pahl

Basel, 20. Februar 2020. Es gibt ein Video, von dessen Existenz ich erst neulich erfuhr. Dabei spiele ich darin die Hauptrolle. Unter Dutzenden anderer Clips aus meiner Kindheit schlummert es auf irgendeiner Video-8-Kassette. Die ganzen frühen 90er hindurch muss diese verdammte Kamera gelaufen sein, für mich Grund genug, um eine intrinsische Skepsis gegenüber dem Medium Video zu entwickeln. Das entstandene Archiv übt heute einen gewissen Druck auf mich aus, gerade weil es Bewegtbild ist und bei jeder Betrachtung eine neue Zeitlichkeit behauptet, anders als Fotos. 

Tragödie ohne Konsequenzen

von Sascha Westphal

Moers, 19. Februar 2020. Auf der Facebook-Seite des WDR 3 findet sich gegenwärtig eine Umfrage, die die Frage stellt: "Darf man ein Theaterstück über die Katastrophe machen?" Gemeint ist die Katastrophe, die sich am 24. Juli 2010 bei der Love Parade in Duisburg ereignete und 21 Menschenleben forderte. Außerdem wurden damals weit über 600 Besucher teils schwer verletzt.

Müll, überall Müll

von Frauke Adrians

Berlin, 19. Februar 2020. Auf Tauris ist etwas faul. Die Strände sind übersät mit Plastikmüll, eine Pest, ein Fluch wie der, der die Nachkommen des Tantalus heimsucht, auch Iphigenie. Es ist, als würde sie ihre Exil-Insel mit den Altlasten ihrer Familie besudeln. Aber möglicherweise haben die Abfallberge ja auch einen ganz anderen Ursprung.

Horatier und Kuriatier auf Skype

von Sabine Leucht

Augsburg, 16. Februar 2020. Da kommen zwei Männer aus Berlin nach Augsburg, suchen sich zwei freie Gruppen vor Ort und zwei Regisseure, die möglichst weit von der Fuggerstadt wie voneinander entfernt leben. Sagen wir: Die eine in Amerika, der andere in Russland. Es geht um Brecht, deshalb denkt man den Kalten Krieg gleich mit. Und da war doch noch was mit Radio-Theorie: Brecht mochte dieses Senden in eine Richtung nicht. Sondern eher so was Zweigleisig-Dialogisches wie das heutige Internet. Bingo! Warum nicht die Augsburger Gruppen mit ihren Regisseuren via Videostream und Skype arbeiten lassen? Kosten darf es nichts. Also gibt es kein Bühnenbild und nur knapp eine Woche gemeinsamer Endproben ohne WWW-Prothese. Und fertig ist die "Lehrstückzentrale".

Der Meese-Mama-Komplex

von Martin Krumbholz

Dortmund, 15. Februar 2020. Gegen Ende seiner zehnjährigen Intendanz bat Kay Voges den weltberühmten Maler und Performancekünstler Jonathan Meese, den schrägsten, durchgeknalltesten, abgefucktesten und unverschämtesten Theaterabend zu kreieren, den Dortmund und die Welt je gesehen haben. Der ließ sich das zwar zweimal sagen, denn er stellte Bedingungen: Nur wenn er in Nazi-Uniform auf die Bühne gehen dürfe, sei ihm eine solche Theaterkreation möglich; aber schließlich wurden die Herren sich einig, der Künstler durfte ein paar Schauspieler mitbringen, die das zweiköpfige Dortmunder Ensemble verstärkten. Und das Abenteuer – es bekam, und dafür gibt es keine Gründe, den Titel "Lolita" – ging los. Und wie!

Jetzt und in der Stunde unseres Todes

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 15. Februar 2020. Selbst ist die Frau: Vidina Popov greift zum Fake-Bauch und schnallt ihn sich um. Licht aus, Licht an, und sie ist die schwangere Maria. Mit der aus der Bibel hat sie in dem Stück von Simon Stephens nicht viel gemeinsam. Beide sind zwar wahrscheinlich ungefähr gleich alt (18), beide kriegen Kinder, von denen nicht ganz klar ist, wer der Vater ist. Aber weder ist Stephens' Maria noch Jungfrau ("Äh – nein?") noch ist sie eine stille Zuhörerin, die die Worte der Männer "in ihrem Herzen bewegt" (Bibel) – ganz im Gegenteil quatscht sie unbeirrbar alle an die Wand, die in ihr Leben treten, denn sie hat es satt, "dass mir Männer dazwischenreden und mir erzählen, was ich wahrscheinlich sagen werde" (Stephens).

Die Liebe zum Detail

von Andreas Klaeui

Bern, 15. Februar 2020. "Ist das nicht bemerkenswert?", staunt Willy Loman am Ende: Sein Sohn Biff, der ihm, dem "Chef", gerade zünftig die Leviten gelesen hat, nichts als Fake war sein Leben, Lüge, Prahlerei – er liebt ihn! Hat ihn immer geliebt. Es ist die einzige Spur richtigen Lebens im falschen, die Arthur Miller zulässt. Auch Biffs Bruder Happy wird den Fake perpetuieren. Aber kurz leuchten Lomans Augen, einen kostbaren Moment lang lässt Gerd Heinz den Schauspieler Jürg Wisbach aus tiefer Seele strahlen, bevor er sich aufmacht zum Opfertod für die Familie als Versicherungsbetrüger.

Auf gepackten Koffern

von Frank G. Kurzhals

Hildesheim, 15. Februar 2020. Es mutet schon rührend an, wenn Sinan Ünel im Rückblick auf sein 1997 in New York uraufgeführtes Stück "Pera Palas" schreibt: "Vielleicht war es damals naiv von mir zu glauben, dass mein Stück wie ein Olivenzweig fremde Welten versöhnen könnte. Aber eigentlich denke ich das heute noch. Ich glaube noch immer an die heilende Kraft der Kunst." Und daran scheint auch Bettina Rehm zu glauben, die das selten gespielte Stück nun für das Hildesheimer Theater für Niedersachsen inszeniert hat.

Monster, von der Theorie gezähmt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Februar 2020. Ein Duett der Vokale und Konsonanten, des lullend Weichen im Dialog mit dem anstößig Stöhnenden, ein Zungenspiel als erotischer Sprechakt ist, womit Nabokov seinen Humbert Humbert das Lo-li-ta-Hohelied anstimmen lässt. Mit dem Namen und Wesen Lu-lu verhält es sich nicht anders. Auch sie – Kindfrau und Projektion der Männer, ihres Begehrens, ihrer Demütigung und Scham, ihrer Angstlust. Ein Phantasiegeschöpf aus Bibel-Tagen (Lilith – noch so eine Labial-Existenz), antiker Mythologie ("Die Büchse der Pandora") und archaischem Muttergrund ("Der Erdgeist"). Dafür muss niemand Freud gelesen oder Weiningers Nächte durchbebt haben, um zu verstehen, was gemeint ist: "der Ursprung der Welt" – das Geschlechtliche.

Unruhe im Fleisch

von Claude Bühler

Basel, 14. Februar 2020. Ein biederer Staatsanwalt, der plötzlich als axtschwingender Graf Öderland durch das Land zieht und eine diffuse Revolte anzettelt: 2015 brachte Volker Lösch mit Max Frischs Moritat die Pegida-Demos auf die Bühne. Das fast vergessene Stück "Graf Öderland" (1951/56) hält aber noch weitere Angebote für Theaterleute mit Sinn für tagesaktuelle Bezüge bereit: etwa der sinnlose Mord eines Bankangestellten, einfach weil ihn die Arbeit langweilte. Aber am Theater Basel verweigert sich Stefan Bachmann nun allem vordergründigen Thematisieren. Vor allem folgt er konsequent der Bezeichnung "Moritat": makaber, aber nicht realistisch, und gebrochen mit Frischs Dialogwitz. Und die 95 Minuten verfliegen in einem hypnotischen Bilderrausch.

Gelblicht! Rotlicht! Getröte!

von Leopold Lippert

Berlin, 13. Februar 2020. Die Sause ist schon in vollem Gange, als die Zuschauer*innen ins Neue Haus des Berliner Ensembles geschleust werden. Ein Musikertrio spielt beherzt Jahrmarktmusik – Trompete, Schlagwerk, Klavier – , und das Ensemble stapft fuchtelnd und chipsmampfend durch eine Szenierie der häuslichen Verwahrlosung. Abgeranzte Möbelstücke, zerschlissene Blumenmustertapeten, Essensreste, leere Coladosen, Chips, Chipstüten, und noch mehr Chips. Die Outfits ausgewaschen, dreckbeschmiert, und – nach einem beißfreudigen "Sexspielchen" gleich zu Beginn – blutüberströmt.

Lesbos, weitergedacht

von Max Florian Kühlem

Düsseldorf, 13. Februar 2020. In Sabrina Rox‘ Bühnenbild stehen Sandstrand und Himmel nicht für Weite, Öffnung und Freiheit, sondern für Enge und Abgeschlossenheit. Der Himmel ist eine breite Holzwand und läuft spitz auf den Sandboden zu. Dazwischen ist gerade so viel Platz, dass die Figuren der Uraufführung von Thomas Freyers neuem Stück "letztes Licht. Territorium" im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses gebückt stehen können. Sie werden erdrückt von ihrer verdrängten Vergangenheit wie das Stück von seiner Symbollast.

Bumm Bumm im Terrarium

von Christian Muggenthaler

Würzburg, 13. Februar 2020. Kristin sitzt ganz ruhig in der Küche auf ihrem Stuhl und wartet auf ihren Verlobten, der ihr einen Tanz versprochen hat beim Mitsommernachtsfest. Sie sitzt da, wie schon zu Beginn des Stücks, eine geraume Weile, völlig unbeeindruckt von dem Bumm-Bumm-Bumm der Tanzmusik aus dem Hintergrund, der wie eine orgiastische Parallelwelt ihren Verlobten Jean und die gemeinsame Herrin verschluckt hat und sie später halbnackt ausspuckt. Diese Kristin, in der feinen Unbewegtheit ihrer stoischen Gradlinigkeit sehr präzise dargestellt von Julia Baukus, ist der Kiel in August Strindbergs halbpanischer Untergangsvision des Konservativen, im Kammerspiel "Fräulein Julie".

Dieser Teufelskerl!

von Janis El-Bira

Berlin, 12. Februar 2020. Beinahe hätten sich alle Einwände und Zweifel, die man gegen diese Kunstsause unter großen Berliner Jungs vorzubringen wild entschlossen war, schon vor Beginn zerschlagen. Lars Eidinger habe sich, so eine Ansage ans versteinerte Publikum, just heute bei der Probe einen Finger abgeschnitten. Charité, Operation, dann aber: Entwarnung. Eidinger könne spielen, die Premiere stattfinden. Allerdings stehe er unter der Einwirkung stärkster Schmerzmittel.

Der Mythos bröckelt

von Valeria Heintges

Aarau, 12. Februar 2020. Im Bewerbungszeugnis stünde wohl: Die fünf Männer haben sich sehr bemüht. Das haben sie nämlich wirklich. Sie wollten dieses Stück aufführen, von Don Juan, dem "größten Liebhaber aller Zeiten", der alles kann und jede kriegt. Und der den Frauen sogar im Dunkeln klarmachen kann, dass er nicht Don Juan ist, sondern ihr Verlobter, den sie erwarten. Haben die Frauen das echt nicht gemerkt?

Das Theater spielt sich selbst

von Jeff Thoss

Luxemburg, 11. Februar 2020. Ein "zersprungenes Irgendetwas" kündigt der Chor zu Beginn von Dea Lohers "Das letzte Feuer" an. Anna-Elisabeth Fricks Luxemburger Inszenierung wird bestimmt von der Frage, wie sich das auf die Bühne bringen lässt, ohne dass der Abend dabei selbst zerspringt. Der Unfalltod eines Kindes stellt den abwesenden Mittelpunkt von Lohers Stück dar. Chorische Passagen wechseln sich mit kurzen Szenen ab, in denen eine Nachbarschaftsgemeinde den Unfallhergang umkreist und Verluste beklagt – eines Sohns, des Gedächtnisses, Verlust von Arbeit, von Körperteilen, der allgemeinen Sicherheit und Ordnung.

Amour fatale

von Alexander Jürgs

Mainz, 9. Februar 2020. Ist dieser Albert vielleicht doch gar nicht so ein besonnener Langweiler? Der Griff jedenfalls, mit dem er sich Werthers Schenkel nähert, hat etwas Frivoles, Forderndes. Zu dritt vergnügen sich Lotte, Albert und Werther auf einem Baustellengerüst, von oben filmt die Kamera das Ganze, wirft die Projektion überlebensgroß auf die hintere Bühnenwand. Da verknoten sich die Körper, da wird geschmust, da wird es unübersichtlich. 

Die Logik des Kapitals

von Frank Schlößer

Schwerin, 8. Februar 2020. Die Studiobühne im E-Werk Schwerin ist eine Spielfläche, auf die das Publikum hinunterblickt: Ein großes Hintergrund-Prospekt mit Bäuerinnen vor einem allzu weiten Feld bietet nicht nur räumliche Tiefe, sondern auch einen Blick auf das Thema des Abends – das Leben auf dem Lande.

Schwarze Erziehung, brutale Ordnung

von Elena Philipp

Berlin, 8. Februar 2020. Was ist tief, dunkel und gefährlich? Ein Abgrund. Oder: die deutsche "Seele". Wer besitzt den Mut, hinein zu blicken, ohne zu blinzeln? Heiner Müller und Laibach! Hier der Dramatiker und Dichter, der Deutschlands düstere Deformationen in Worte fasste, dort Sloweniens Konzeptkunstklangkörper mit Hang zu Totalitarismen und Ambivalenz. Passt, fand die Journalistin Anja Quickert, die auch Geschäftsführerin der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft ist und nun Regisseurin von "Wir sind das Volk" im HAU.