Schaut doch!

von Martin Thomas Pesl

Salzburg, 3. August 2020. Da wollte man sich schon versöhnlich zeigen mit Peter Handke. Der politisch umstrittene Nobeltreisträger legt mit "Zdeněk Adamec" ein neues Stück vor, das zwar kein Wurf ist wie "Immer noch Sturm", aber auch kein monumentaler Unfug wie sein letztes, "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rande der Landstraße", vielmehr eine klein gedachte Gedankenübung mit Thema. Doch dann tritt Handke nach der Uraufführung auf die Bühne des Landestheaters. Statt sich zu verbeugen, zupft und streichelt er seltsam an den Spieler*innen herum oder kneift ihnen neckisch-gönnerhaft in die Ohren. Das Publikum klatscht irritiert weiter.

Woo hoo!

von Sabine Leucht

München, 29. Juli 2020. Im Theater in der ersten Reihe zu sitzen, hat dieser Tage den Vorteil, dass man den nahezu leeren Zuschauerraum im eigenen Rücken fast vergisst. Dafür schreien vorn die in großzügigem Abstand voneinander aufgestellten Bänke auf Anna van Leens Bühne laut "Corona", und die Schauspieler Nina Steils, Anne Stein, Silas Breiding und Vincent Sauer verteilen sich ebenfalls brav an der Rampe. Einerseits!

Horrordokuschocktherapie

von Jürgen Reuß

Freiburg, 16. Juli 2020. Das "Ballett mit Gesang" von Bertolt Brecht und Kurt Weill "Die sieben Todsünden" baut auf einer satirischen Grundausrichtung: Der Weg zum kapitalistischen Heil führt ausgerechnet darüber, das zu überwinden, was man gemeinhin eher für den Motor des Kapitals hält – die sieben Todsünden. Brecht und Weill (B/W) führen das exemplarisch an der in Verkäuferin (Anna 1) und Ware (Anna 2) gedoppelten Figur Anna vor. Auf ihrem Weg zu ein bisschen Wohlstand jagt sie sieben Jahre quer durch die USA Reichtum und Wohlstand nach, bis sie sich am Ende ein kleines Haus in Louisiana leisten kann. Kapitalistische Operation gelungen, Seele tot.

Die Magie des Schachteltheaters

von Steffen Becker

Stuttgart, 14. Juli 2020. Ich stelle mir vor, ich wäre Überlebender einer Apokalypse. Eine Naturkatastrophe hat die Zivilisation ausgelöscht und ich spaziere alleine durch ihre noch funktionierenden Kulissen. Wie würde ich mich fühlen? Befreit vom Störfaktor "Mitmenschen"? Depressiv im Angesicht der Einsamkeit? Stefan Kaegi von der Künstlergruppe Rimini Protokoll stellt die Besucher*innen im Schauspiel Stuttgart auf die diese Probe. Seit März ist der reguläre Spielbetrieb unterbrochen. Und auch Kaegi kann diesen dem darbenden Publikum nicht bieten. Zur Betäubung des Phantomschmerzes hat er ein Phantomtheater inszeniert. Haupt- und einziger Darsteller: Ich beziehungsweise der oder die Besucherin, die er im engen Fünf-Minuten-Takt auf die Reise durchs Gebäude schickt.

Immer in der Nacht

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 13. Juli 2020. Das sommerliche Asphaltfestival, das normalerweise in einem Industrieareal in Flingern-Süd stattfindet, ist nicht ausgefallen: Es ist auf eine winzige Seebühne auf einem Teich vor dem Ständehaus, dem früheren Landtag, gewandert. Die Zuschauer sitzen dort auf gelben Liegestühlen. Für die historische Performance "Aktion: Aktion!" geht es nun zurück auf den Asphalt, auf den Hof vor dem Polizeipräsidium in Unterbilk, der nach Franz Jürgens benannt ist: einem Polizeioffizier der NS-Zeit, ein etwas dubioser Held des späten Widerstands.

Dabeisein war alles

von Michael Stadler

München, 11. Juli 2020. Vielleicht ist ja ein guter Intendant wie ein Gärtner, der mit ruhiger Hand die zarten Pflänzchen in seinem Garten zum Wachsen bringt, der seine Bühnen, großen Rasenflächen gleich, wässert und gepflegt hält, mit Umsicht und Übersicht, aber auch Lust an tollen Wucherungen und neuen Kreuzungen, mit einem grünen Theaterdaumen sozusagen, inklusive blumigen Farbtupfern. Ach, so ein orangenes oder grünes T-Shirt macht sich doch wunderbar, gerade im anzugsgrauen München.

Die Macht der Kaffeemaschine

von Elisabeth Maier

Esslingen, 12. Juli 2020. Die Vorrede verblüfft: "Wir möchten Sie bitten, Ihre Mobiltelefone nicht auszuschalten. Nur so ist es uns möglich, Daten über Ihr Zuschauerverhalten zu erfassen." Im Schauspielhaus der Württembergischen Landesbühne stimmt Ansager Benjamin Janssen das Publikum auf Philipp Löhles Netzweltkomödie "Die Mitwisser" ein. Deren Protagonisten leben im totalen Überwachungsstaat. In Zeiten von Daten-Klau und gläsernen Menschen sind auch die Zuschauer nicht weit von dieser Wirklichkeit entfernt.

Schweinereien in Brüssel

von Jan Fischer

Göttingen, 10. Juli 2020. Wenn Schweine fliegen könnten, ja, dann wäre die EU womöglich auch ein postnationaler Staatenverbund, in dem die Partikularinteressen der einzelnen Mitgliedsstaaten kaum eine Rolle spielten. So sieht es jedenfalls in Niklas Ritters Adaption von Robert Menasses Roman "Die Hauptstadt" aus.

Unheimliche Vermählung

von Tobias Prüwer

Leipzig, 7. Juli 2020. Ein Comic ist sequentielles Erzählen. In Wort und Bild wird der Inhalt vermittelt, das Lesetempo kann man selbst bestimmen. Diesen Vorteil hat das Publikum beim vorgetragenen Wort nicht. Zudem sind bei einem reinen Vortrag die darstellerischen Möglichkeiten begrenzt. Dennoch entschieden sich Lina Majdalanie und Rabih Mroué, ihr Recherche-Stück zur polnischen Geschichte "Last but not last" am Schauspiel Leipzig nach dem Prinzip Comic-Vorlesen zu gestalten.

Wir müssen unserem fragilen Planeten entkommen!

von Elisabeth Maier

Konstanz, 4. Juli 2020. Im Garten des Konstanzer Münsters sitzen die Zuschauer mit Mund- und Nasenschutz und warten auf den Einlass. Alles ist anders bei der Uraufführung von Christoph Nix' Abschiedsinszenierung von "Hermann der Krumme oder die Erde ist rund" bei den Münsterfestspielen des Theaters Konstanz. Das historische Spektakel über den körperlich schwer behinderten Gelehrten aus dem 11. Jahrhundert (1013 bis 1034), der bei den Bendiktinermönchen auf der wenige Kilometer entfernten Insel Reichenau am Bodensee seine universellen Theorien entwickelte, zeigte das Theater vor 250 Zuschauern (so viele lassen die Corona-Verordnungen in Baden-Württemberg zu). Gemeinsam mit der Choreografin Zenta Haerter und mit Jung-Regisseur Lorenz Leander Haas hat der scheidende Intendant das historische Stück auf die Freilichtbühne gebracht.

Die Mietgroschenoper

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. Juli 2020. War früher der Einlass ein anarchischer, dem Publikum weitgehend selbst überlassener Akt, werden zurzeit auch die Theatergäste unter strenger Regie inszeniert. Zunächst in die Maske, dann vorgeschriebene Laufwege und feste, locker im Raum verteilte Positionen. Nie mehr als zwei nebeneinander. Erst wenn die Akteure auf der Bühne übernehmen, darf das Publikum die Maske fallen lassen. Treten die nach dem Applaus ab, muss das Publikum wieder ran zur umgekehrten Choreographie. Gewöhnungsbedürftig, aber dafür geht die Show weiter.

Hallo, Welt!

von Jan Fischer

Braunschweig, 5. Juli 2020. Mit brachialer Gewalt ballt sich ein Sturm zusammen, knallen Wellen gegeneinander, brechen, es knackt und rattert und rauscht und der Himmel wird immer dunkler: Eine Naturgewalt, gegen die sich ein Mensch nicht durchsetzen kann, sondern einfach nur zuschauen und machtlos das Beste hoffen. Voldemārs Johansons Arbeit "Thirst" kommt einem fast vor wie eine Allegorie auf dieses verflixte Jahr 2020. Dabei ist sie denkbar einfach: Auf eine Leinwand im großen Haus des Staatstheater Braunschweig wird ein Loop eines Sturmes mitten im Atlantik projiziert, dazu kommt sein wuchtiger Sound so laut aus Lautsprechern, dass es rumort im Bühnengebälk. Aber dennoch: Die Gewalt des Sturmes und der rauen See sind durchaus hypnotisch, es ist schwer, sich von dieser Installation loszureißen.

Ein Käfer, gefangen in der Blase

von Verena Großkreutz

29. Juni 2020. Ein merkwürdiges Monster amöbt sich da im Schneckentempo einmal quer über den Kunstrasen. Seine Außenhaut besteht aus unzähligen Stofftieren aller Größen – doch nicht aus niedlichen Plüsch-Käfern, wie man es – wenn schon, denn schon – im Fall von Kafkas "Verwandlung" erwarten würde, sondern aus Teddybären. Solche, die man sich auf der Kirmes schießen kann. Manchmal reckt sich eine menschliche Hand heraus aus dem unförmig wabernden Kuschelmeer, hangelt ein bisschen am Hinweisschild "Bitte bis hier vorfahren!", saugt sich an den Betonsäulen des Parkhauses fest. Ein hübsches, freundlich wirkendes Monster ist das, aber was sollen die Teddybären? Verweis auf die ödipale Phase, die Gregor Samsa nie überwinden konnte? Es bleibt stumm, das Schmuse-Monster. Denn es dient nur als bildlicher Kontrapunkt zum Text, den das Ensemble Lokstoff dramatisch befeuert und farbig durchleuchtet artikuliert und in Szene setzt.

2020 – Odyssee im Theaterweltraum

von Karin E. Yeşilada

Paderborn, 28. Juni 2020. Endlich wieder eine Uraufführung der Westfälischen Kammerspiele! Wie aber wird das Aufeinandertreffen von Theaterleuten und ihrem Publikum nach wochenlanger Zwangstrennung ausfallen? Überraschend. Denn Katharina Kreuzhages Uraufführung der Erzählung "Bericht über eine unbekannte Raumstation" von James Graham Ballard, zunächst als Online-Produktion geplant und nach Aufhebung des Lockdowns blitzschnell zur Live-Produktion umgearbeitet, wird zu einer Wiederbegegnung der dritten Art, in der Schauspieler und Publikum elliptisch umeinanderkreisen und schließlich als Supernova miteinander verschmelzen. Ein Abend, der nicht nur emotional bewegt.

Mehr Vulkan geht nicht

von Verena Großkreutz

Zürich/online, 27. Juni 2020. Was für ein starkes Bild. Warum träumen, warum erwachen? Gerade räsonierte die Conférencière über die Möglichkeit, die coronabedingte "Lücke in der Zeit" sinnvoll zu nutzen, erscheine doch zuvor Unveränderbares plötzlich veränderbar, da switcht die Kamera zu den Außentreppen des Züricher Opernhauses: zu Tenor Iain Milne, der sich dort niedergelassen hat, um sich der Arie "Pourquoi me réveiller?" aus Massenets "Werther" hinzugeben. Irgendwann zieht es den Singenden zum Bauzaun, der ihn vom Vorplatz der Oper trennt, wo sich eine kleine Gruppe ZuhörerInnen eingefunden hat. Er schaut und singt sehnsüchtig zu ihr hinüber. Social Distancing lässt grüßen, aber es steht auch die Antwort auf die betonisierende gesellschaftliche Frage im Raum: Wer gehört wohin?

Schwestern der Schöpfung

von Frauke Adrians

27. Juni 2020. Dieses doofe Virus. Nicht nur, dass es Festivals killt und Uraufführungen ins Internet verbannt, jetzt löst es auch noch eine Art Schein-Schlafkrankheit aus. Im neuen kainkollektiv-Stück, das für die diesjährigen Ruhrfestspiele gedacht war und nun als überwiegend vorproduzierter Graphic-Novel-, Video- und Zoom-Mix auf YouTube Premiere hatte, beschließen alle Kinder der Welt, sich auf unabsehbare Zeit schlafend zu stellen. Sie haben keine Lust, die Fadenspiele der Erwachsenen weiterzuspinnen, die die Generationen und Länder verbinden. Sie entziehen sich, vielleicht, um die Erwachsenen zur Vernunft zu bringen.

Das Kind beim rechten Namen nennen

von Steffen Becker

Baden-Baden, 25. Juni 2020. Aus den Boxen dringt ein Billy Joel-Klassiker: "I haven't been there for the longest time". Die Darsteller tanzen dazu ausgelassen (aber mit Abstand) über die Bühne des Theaters Baden-Baden. Lange waren sie nicht mehr da und sie haben es offenkundig vermisst. Aber der Eingangssong hat auch etwas zum Stück "Der Vorname" von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte zu sagen. "And the greatest miracle of all / Is how I need you / And how you needed me too / That hasn't happened for the longest time". Die Protagonisten verbringen gemeinsam einen Abend, den sie so noch nicht erlebt haben. Sie erfahren, dass sie noch auf ganz andere Arten miteinander verbunden sind, wenn auch nicht so, wie es Billy Joels Fröhlichkeit nahelegt.

Vor dem Mord bitte Hände waschen

von Thomas Rothschild

Tübingen, 19./20. Juni 2020. Nein, das hat sich das Landestheater Tübingen nicht extra für die Wiedereröffnung nach der erzwungenen Vorsommerpause ausgedacht, und es wurde auch nichts verschoben. Streng nach Spielplan gab es zwei auf einander folgende Premieren, die geradezu modellhaft die Spannweite dessen abstecken, was Theater in jenen zweieinhalb vordigitalen Jahrtausenden bedeutet hat, die manche unter dem Eindruck gegenwärtiger oktroyierter Entwicklungen auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgen wollen – zwischen einem der ältesten Dramen der europäischen Antike und einem zeitgenössischen Stück, das in den 24 Jahren seit seiner Uraufführung auf schlechterdings beängstigende Weise an Aktualität gewonnen hat.

"Hey, Ihr im Westen!"

von Martin Pesl

Berlin / Wien / Online, 21. Juni 2020. Kommt ein Wiener nach Oberösterreich und geht dort ins Deutsche Theater Berlin. Dort sieht er sich Inszenierungen aus Russland, Polen, Georgien an. Der Witz unserer absurden Corona-Zeit ist, dass das eben kein Witz ist. Es geht, es ist gratis, und niemand wundert sich, wenn diese Konstruktion ein Festival genannt wird. Während die Autorentheatertage des DT 2020 de facto abgesagt sind und den eingeladenen Autor*innen stattdessen Stückaufträge erteilt wurden, bietet das seit 2018 veranstaltete Eröffnungswochenende "Radar Ost" auch in diesem Jahr volles Programm – im Internet. Produktionen aus osteuropäischen Ländern, teilweise in Kollaboration mit Berliner Künstler*innen, wurden von Birgit Lengers, der Leiterin des Jungen DT, sorgsam kuratiert. Ihr Mann Björn platzierte sie in einer Art Graphic-Novel-Version des ehrenwerten Berliner Hauses, abrufbar über dessen Webseite.

Die magische Hand der Zeit

von Christian Rakow

Berlin | Online, 20. Juni 2020. Ich denke, ich lege mal los. Es ist weit nach Mitternacht an diesem längsten Tag der Nordhalbkugel, und Gob Squad wollen noch bis in die Morgenstunden Mitsommer feiern. Aber die Klänge aus "Good Night" von den Beatles, die an diesem Abend zu jeder vollen Stunde erklingen, locken immer sirenenhafter in die Kissen.