Dressurakte in Color

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 19. Oktober 2019. "Willkommen im Paradies." Jubelte vor 40 Jahren Benjamin Henrichs angesichts von "Death, Destruction & Detroit" und beschrieb den "Sieg des Theaters über die Schwerkraft". Das Werk eines Künstlers wie des 1941 in Texas geborenen, mithin bald 80-jährigen Robert Wilson, der unseren Blick auf die Bühne neu eingestellt hat, uns Sehen gelehrt und ebenso dafür gesorgt hat, dass uns Hören verging, steht immer als monumental Ganzes neben dem jüngst Entstandenen. Stellt das Aktuelle in den Schatten oder – nach Perspektivwechsel – in scharfes Licht. Wobei es schon ans Blasphemische grenzt, bei dem Lichtzauberer Wilson diese Metapher zu benutzen.

In allmächtiger Verzweiflung

von Anna Landefeld

München, 20. Oktober 2019. Am Anfang steht die simple Frage, aber eine Antwort gibt es nicht: "hallo? hört uns jemand? kann uns jemand/ ist wer / ist wer da?" – Ja, zehn Schauspieler*innen, aufgereiht nebeneinander, die gebrochenen Sätze des/der jeweils anderen übernehmend.

Ein afrikanischer Woyzeck

von Michael Bartsch

Dresden, 19. Oktober 2019. Ein geradeaus erzählter "Woyzeck" als Sozialdrama geht heute nicht mehr. Zwar hat Georg Büchner mit dem schlichten, aber empfindsamen Soldaten Franz Woyzeck einen allzeit kompatiblen Prototypen des elendig abhängigen Menschen geschaffen. Er muss sich pseudomedizinischen Experimenten zur Verfügung stellen und seinen Hauptmann rasieren, um etwas Geld für seine geliebte Marie und ihr gemeinsames Kind hinzuzuverdienen. Aber Regisseure können und müssen sich etwas einfallen lassen, zumal Büchners Fragment keine Endfassung vorschreibt.

Verwandtschaft unter Verdacht

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. Oktober 2019. Die einen haben Leichen im Keller, die anderen hüten Schätze auf dem Dachboden. Jede Familie birgt ein Geheimnis, möglichst sorgsam. So offenbar auch die Familie von Maxim Biller. Er, der Autor, ist ein bekennender Geheimnisse-Hasser und hat wohl deshalb darüber ein Buch geschrieben. "Sechs Koffer" heißt es. Aus sechs verschiedenen Perspektiven erzählt darin ein junger Mann jüdisch-russischer Abstammung von einem Verrat. Das Opfer war der Großvater des inzwischen in Berlin lebenden Erzählers. 1960 wurde dieser in der Sowjetunion hingerichtet. Unter Verdacht steht die eigene Verwandtschaft.

Ein Hauch von Kafka

von Christian Rakow

Berlin, 18. Oktober 2019. Futureland ist eine steinerne Insel mit Hochhäusern, Magnetschwebebahnen und einem zentral aufragenden Wolkenkratzer, der entfernt an den Berliner Fernsehturm erinnert. In 3D-Animationen, geboren am Computer, breitet sich diese Betoninsel der Seligen vor unseren Augen aus. Wer sie aber bewohnen will, trifft auf digitalisiert sprechende Bildschirmcharaktere, die Asylverfahren einleiten, Schulstunden geben und Bleiberechts-Interviews anberaumen.

Männlicher Todestrieb

von Claude Bühler

Basel, 18. Oktober 2019. Draussen vor dem Theater Basel demonstrieren Kurden gegen den Überfall türkischer Soldaten auf Nordsyrien, drinnen erhält man eine Vorstellung, wie junge Männer auch ohne Dienstpflicht dazu kommen, sich zu Folter- und Tötungswerkzeugen zu machen. Der Basler René Schüpbach war Scheidungskind, Bettnässer, als "Verdingbub" auf mehreren Bauernhöfen, Anstaltsinsasse. Als 17-Jähriger floh er aus seinen verzweifelten Lebensverhältnissen in die Fremdenlegion nach Algerien. 

Eine Jahrmarkt-Liebe

von Andreas Thamm

Ingolstadt, 18. Oktober 2019. Ein Flatterband trennt die beiden Familien und flattert auch noch zwischen den Zuschauerrängen. Rechts lungern die Capulets in ihrem Wohnwagen, links die Montagues, im Hintergrund Bauzäune, ein angedeutetes Riesenrad mit bunt leuchtenden Speichen. Verona ist ein Jahrmarkt, die Familien grimmig messerwetzende Schausteller. Das Szenenbild erinnert vielleicht an die frühen Sechzigerjahre, die ausufernden Frisuren eher an die Achtzigerjahre. Bunt und wild soll die Ingolstädter Romeo und Julia-Inszenierung der neuen Oberspielleiterin Mareike Mikat werden, so viel zumindest ist klar.

BlutKriegNazisKommunismus

von Esther Slevogt

Berlin, 17. Oktober 2019. Eine rasende Collage wird auf den enormen Bühnenbau projiziert, den Andreas Achenbach für Claudia Bauers Heiner-Müller-Adaption "Germania" auf die Drehbühne der Volksbühne gesetzt hat: von der einen Seite eine Art Hallenfassade mit vereinzelten Fensteröffnungen. Wenn er sich dreht, wird ein verschachteltes Raumsystem sichtbar, mit Heiner Müllers sprichwörtlich gewordenen Neubau-"Fickzellen" etwa, Toiletten und einer Bar. Im Verlauf des Abends werden sich darin immer wieder kammerspielhafte Szenen aus Müllers beiden collagenhaften Deutschland-Dramen "Germania Tod in Berlin" und "Germania 3. Gespenster am Toten Mann" ereignen und von der Livekamera in Übergröße auf die Fassade übertragen.

Die Hölle auf Erden: ein Büro

von Gabi Hift

Wien, 17. Oktober 2019. Freilich, wie soll das alles gehen: Der Teufel kommt in die Stadt in Begleitung einer riesigen sprechenden Katze, mischt die korrupte Gesellschaft aus feigen Duckmäusern auf, die alle behaupten, es gäbe keinen Gott. In Gestalt des schwarzen Magiers Mr. Woland treibt er sie ins Irrenhaus, in die Verzweiflung, er feiert den jährlichen Satansball mit allen Mördern der Weltgeschichte und bringt dem Liebespaar, dem verbotenen Dichter "Meister" und seiner Geliebten Margarita, die auf dem Besen zum Ball reitet, die Erlösung. Dazwischen noch der Roman über Pontius Pilatus, den der Meister geschrieben hat. Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita": ein Buch, das den Kopf beim Lesen so berauscht, dass manche Russen es noch mehr lieben als den Wodka, sagt man, und viele können es auswendig. Kann eine Theateraufführung daran überhaupt herankommen?

Minimalismus im Maximalen

von Janis El-Bira

Berlin, 13. Oktober 2019. Der spektakulärste Transfer der Theatersaison wird an diesem Abend nach etwa 15 Minuten Spielzeit eingewechselt: Vollelastisch wie ein Flummi hüpft Joachim Meyerhoff in kleinen Sprüngen von hinten links nach vorne rechts auf die Bretter der Schaubühne. Im Kostüm von Victoria Behr sieht er dabei ein bisschen aus wie ein Asterix-Römer, mit einem Federbusch auf dem Goldhelm, der jedem Prachtgockel zur Ehre gereichen würde. Hummerrot sein Wams, pludrig die Hemdärmel. Man braucht einen kurzen Moment, bis man sicher ist: Da ist er. Und sich freut. Denn was bloß, hebt dieser Meyerhoff-Sosias sogleich an, hat sein Herr Amphitryon sich nur dabei gedacht, ihn zu pechschwarzer Nachtstunde loszuschicken? Hätte die Mitteilung von der siegreichen Schlacht an Amphitryons Gattin Alkmene nicht noch bis zum Tagesanbruch warten können? Schlimmer noch: Wie soll er, Sosias, von Gemetzel, Tod und Teufel berichten, wo er doch gar nicht wirklich dabei war, das Geschehen eher aus sicherer Entfernung betrachtet hat?

Mutter, Sohn und verfluchter Heiliger Geist

von Jan Fischer

Hamburg, 12. Oktober 2019. Es ist einfach, etwas "Drogentrip" zu nennen, und bei "Neverland", Antú Romero Nunes' dunklem Versuch über Peter Pan, läge das nahe. Aber es wäre unfair, weil Drogentrip immer auch heißt: Dies ist mit dem konventionellen Bewusstsein nicht zu erfassen oder zu beschreiben, weder währenddessen, weil Droge, noch danach, weil das Bewusstsein dann schon längst wieder eingerastet ist und sich nur noch traumhaft an verblassende Bilder erinnert.

Der Gotteskrieger vom Fjord

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 12. Oktober 2019. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel nennt das Stück einen "wahren Brocken", und er hat natürlich recht. Für seine Prosaübersetzung hat er Henrik Ibsens mehr als 5000 Verse auf 105 Seiten runderneuert, von denen Roger Vontobel und seine Dramaturgin Marion Tiedtke noch 57 übrig lassen, um vom Leben und Sterben Brands zu erzählen.

Der Maler und seine Spitzel

von Verena Großkreutz

Esslingen, 12. Oktober 2019. Gespenster der Vergangenheit bändigen: Für Siggi Jepsen, den 20-jährigen Ich-Erzähler in Siegfried Lenz' Bestsellerroman "Deutschstunde", ist das die Triebkraft des Schreibens. In einer Nachkriegs-Erziehungsanstalt, in einer Zelle, versucht er im Rahmen einer Strafarbeit zu kanalisieren, was ihn kaputt gemacht hat. Manisch schreibt er Heft für Heft voll.

Theatermachen. Kämpfen. Sein.

von Frank Schlösser

Greifwald, 12. Oktober 2019. Das Programmheft setzt Greta Thunberg gegen Donald Trump. Denn natürlich ist nicht nur im Staate Dänemark etwas faul. "Die Zeit ist aus den Fugen" beschreibt den globalen Normalzustand. Doch kein Grund zur Sorge: auf dem Theater bereitet nur der Partyhit zur Hochzeit von Gertrud und Claudius Bauchschmerzen wegen der brutalen Dummheit des Refrains und seiner martialischen Bässe. Die Hochzeitsgesellschaft danct durch die Festung am Meer – oder durch den Bauch eines Kreuzfahrtschiffes. Willkommen bei Shakespeare, willkommen in Helsingör, willkommen im Hier und Jetzt.

Ein Raum voller Geister

von Cornelia Fiedler

Dortmund, 12. Oktober 2019. Das Schlimmste ist: "wenn man hier steht, liefern soll und weiß es ist SCHEIßE!" Bettina Lieder, eben noch Tschechows Nina Saretschnaja im kanariengelben Gutelaune-Kleid, stürmt von der Bühne, stürmt, von Tobias Hoeft mit der Livekamera verfolgt, durch einen engen Gang, der aussieht wie ein LSD-Trip, stürmt aufs Klo und schimpft und wütet und zetert und schreit und flucht zwischen Spiegeln, Fliesen und Toilette minutenlang, absolut hinreißend und ohne Atempause.

Arbeit am Abbau des Mythos

von Andreas Wilink

Bochum, 11. Oktober 2019. Das Feuer mit flackernder Flamme wird zum Erlöschen gebracht und ersetzt durch eine Stehlampe, eine ziemlich scheußliche. Das Licht, das Prometheus den olympischen Göttern stahl und den Menschen brachte, ist gedimmt zum kleinbürgerlichen Requisit. Auf der Bühne der Bochumer Kammerspiele weht kein Wind vom Paradiese her und es stürmt auch nicht durch die Geschichte. Die Windmaschine blättert vielmehr sacht durchs Werk des 1995 gestorbenen Dramatiker-Dichters, dessen letztes Stück "Germania 3 Gespenster am toten Mann" an der Bochumer Königsallee posthum uraufgeführt worden war. "Mach's leicht", soll der Autor dem Regisseur Leander Haußmann geraten haben.

Zwei-Fäuste-Slalom

Von Christian Muggenthaler

Bamberg, 12. Oktober 2019. Johann Wolfgang von Goethes "Faust 2", dieses Nagelbett des Bildungsbürgertums, ist in seiner Vielschichtigkeit eine reichhaltige Herausforderung für jede Regie. Der Text ist ein weitschweifiger Tanz auf einem Erkenntnis-Erntedankfest, das tatsächlich Ergebnis jener Universalgelehrtheit ist, der Goethe sich lebenslang unterzogen hat und die sein Faust zu Beginn des ersten Teils noch ziemlich frustriert verdammt. Am E.T.A-Hoffmann-Theater in Bamberg erklären Regisseurin und Theaterleiterin Sibylle Broll-Pape und der Dramaturg Remsi Al Khalisi diesen zweiten Teil nun für besonders brisant und visionär und bürsten ihn auf: indem sie einerseits auf der Bild-Ebene aktuelle Bezüge einflechten und ihn andererseits mit der Handlung von "Faust 1" gegenschneiden und eng verflechten.

Die Sprache der Mächtigen

von Elisabeth  Maier

Baden-Baden, 12. Oktober 2019. Mit der Weinflasche in der Hand redet sich der Dorfrichter Adam um Kopf und Kragen. In einem Gerichtsgebäude, das ganz und gar mit weiß-blau gemusterten Delfter Kacheln gefliest ist, dekonstruiert Nicola May die Macht eines Mannes, der das Recht mit Hilfe eines Lügengebäudes beugen will. Dabei kitzelt die Intendantin des Theaters Baden-Baden nicht nur das komische Potenzial aus Heinrich von Kleists Text aus dem Jahr 1808 heraus. Auf dem Hintergrund der #MeToo-Debatte gewinnen die Übergriffe des mächtigen Dorfrichters, der die junge Eve erpresst, eine beklemmende Aktualität.

Zu viel Wahrheit

von Gerhard Preußer

Oberhausen, 11. Oktober 2019. "Was ist Wahrheit?", fragte Pilatus, erhielt keine Antwort und beging einen der folgenreichsten Justizirrtümer der Weltgeschichte. Was die Wahrheit auf dem Theater ist, weiß man trotz aller Authentizitätsdebatten auch nie. Das Theater ist die Mischmaschine, die Wahrheit und Lüge zu einer ganz neuen Farbe mischt. Also ist die Biographie einer Frau, in der sich Täuschung, Übertreibung, Lüge und Erfindung aufs Schönste mischen, ein passender Theaterstoff.

Wenn der Baseballknüppel tanzt

von Jürgen Reuß

Freiburg, 11. Oktober 2019. Zu Jubiläen lässt man Vergangenes Revue passieren, 30 Jahre nach dem Mauerfall also das Jahr davor und das danach: "89/90". Den Vorher-Nachher-Effekt mit der Coming-of-age-Geschichte einer Ostanarcho-Clique zu verknüpfen, ist als Theateridee verlockend, hat ja auch schon einmal gut funktioniert: Claudia Bauer kam mit ihrer Leipziger Bühnenversion von Peter Richters "89/90" zum Berliner Theatertreffen 2017.