An den Bluttöpfen

von Jan Fischer

Hannover, 18. Oktober 2018. Das Blut fließt reichlich im Schauspiel Hannover. Beim Schlussapplaus sehen sie ganz schön zerzaust aus, die drei Lady Macbeths (Lisa Nathalie Arnold, Johanna Bantzer, Sarah Franke), die drei Macbeths (Jakob Benkhofer, Philippe Goos, Daniel Nerlich) – und König Duncan (Henning Hartmann) ist auch nicht mehr ganz frisch. Das Kunstblut klebt an den Kostümen, den roten und weißen Kleidern, der schäbigen langen Unterwäsche. Es bröckelt ihnen von Gesicht und Händen. Nur der Saxophonist Bendik Giske in seinem Mittelding aus Reizwäsche und Anzug ist einigermaßen sauber geblieben.

Es erschien so stabil

von Leopold Lippert

Wien, 18. Oktober 2018. Man kann sich wirklich spannendere theatrale Ausgangssituationen vorstellen. Am Wiener Volkstheater verspricht Regisseurin Christine Eder ein Stück über den Rechtstheoretiker und Mitautor der österreichischen Bundesverfassung Hans Kelsen (1881-1973), der sein Leben lang an verschiedenen europäischen und amerikanischen Universitäten über das Spannungsfeld von Demokratie und Freiheit gelehrt hat. Der Titel des Abends, "Verteidigung der Demokratie", ist einem Aufsatz Kelsens von 1932 entnommen, und das ist durchaus passend: Denn über weite Teile ist die Inszenierung mehr politikwissenschaftliche Abhandlung als dramatischer Dialog, mehr Thesenpapier als Figurenspiel.

Süß-sauer-bitter-süß

von Dieter Stoll

Fürth, 17. Oktober 2018. Draußen vor dem Theater auf dem Plakat wird die Aufführung mit Riesenrad, pumperndem Herzchen und perspektivisch überlebensgroß geratenem Lederjacken-Model namens Liliom beworben. Drinnen vor dem Eisernen Vorhang flirtet noch bei offener Saalbeleuchtung eine schiache Dame mit Bierdose an der Hand ins etwas irritierte Publikum, was auf den erleichterten zweiten Blick (rote Socken, haarige Beine) als Travestie zu erkennen ist. Die Karussellbesitzerin Frau Muskat, Arbeitgeberin und Dienstleistungsnehmerin für weitläufig nutzbare Talente stattlicher Mannsbilder, stürzt danach bei erster Gelegenheit ins keifende Wortgefecht mit dem Dienstmädchen Julie, das nach einer Rundfahrt mit integriertem "Abtatschen" konkurrierendes Interesse zeigt. Wer kriegt wen und warum auch nicht?

Revolution und Verrat

von Gabi Hift

Berlin, 13. Oktober 2018. Das Berliner Ensemble startet die neue Programmschiene "Fokus: Gender" mit einem Doppelpack, inszeniert von der österreichisch-bulgarischen Regisseurin Christina Tscharyiski. Zwei Stücke von feministischen Autorinnen aus zwei verschiedenen Generationen, in beiden geht es um systemimmanente sexualisierte Gewalt.

Männer, rückt mal beiseite

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 12. Oktober 2018. Es ist ein starker Abend. Was man bei der Lektüre des Textes von Lot Vekemans nicht unbedingt erwartet hätte. Denn "Momentum" ist nicht frei von Schwächen – oder genauer gesagt, es hat eine offene Flanke. Das sind die Figuren: Meinrad Hofmann, Partei- und Regierungschef in einem ungenannten Land, der in eine Depression abgleitet. Ebba, seine Frau und "First Lady", immer selbstlos an der Seite ihres Gatten, und doch zugleich voller unausgeschöpfter Energien. Dieter, der "Spin-Doctor", eine Art Herbert Wehner: zweifellos trägt er den Dolch im Gewand. Ein junger Dichter, der sich selbst mit Pablo Neruda verwechselt. Und ein ungeborenes – besser: totgeborenes – Kind von Ebba, das nur mit seiner Mutter spricht und sonst von niemandem gesehen wird.

1A Theaterabend

von Theresa Luise Gindlstrasser

Linz, 12. Oktober 2018. Ein Karussell-Dach schwebt schwer. Das "Münchener Oktoberfest, und zwar in unserer Zeit" hat zur einzigen Attraktion ein unbefahrbares Ringelspiel. Rot und blau, mit bunten Glühbirnen und vielen Neon-Röhren fungiert's halb und halb als Leuchtkörper und Sehnsuchtsobjekt, als Regenschirm, Zirkuszelt und Zeppelin. Die Drehbühne darunter dreht sich. Bühnenbildner Aurel Lenfert hat Biertische und Bänke zu einer Skulptur arrangiert. Ein großes, grünes Krokodil fährt unmotivierte Kreise. Alles ist unbrauchbar. Den Handlungszusammenhängen enthoben. Die Dinge treten in scharfer Schönheit hervor. Dazwischen schlendert Alexander Julian Meile als Kasimir und kuschelt einen weißen Tiger um seinen Körper herum.

Identitäts-Migration

von Falk Schreiber

Berlin, 12. Oktober 2018. Ein Flughafen ist ein Ort des Dazwischen. Am Flughafen ist man schon abgereist, aber noch nicht richtig weg, oder man ist schon gelandet, aber noch nicht angekommen. Ein Flughafen ist ein Transitort, und es ist kein Zufall, dass Alissa zu Beginn von Sasha Marianna Salzmanns Roman "Außer sich" an Istanbuls Airport feststeckt, um vom Zöllner misstrauisch gemustert zu werden. "Die Frau auf dem Bild sieht dir ähnlich", stellt er beim Blick in den Pass fest, nur um dann zu argwöhnen, dass der Pass gefälscht sein könnte: Das Gesicht ist anders, die Haare sind zu kurz. Alissa ist irgendwie nicht greifbar für die strengen Kategorien des Grenzregimes.

Ich hab Angst, Angst, Angst!

von Gabi Hift

Berlin, 12. Oktober 2018. Was für Draufgängerinnen, was für unerschrockene Abenteuerinnen! "Gebt mir die Volksbühne den Bundestag das Universum Und ihr werdet sehen, dass ich das bin was euch so lange schon gefehlt hat," schreibt Zelal Yesilyurt im Programmheft. Und jetzt steht der Jugendclub P14 auf der großen Bühne.

Lehren aus der Gruft

von Frauke Adrians

Berlin, 12. Oktober 2018. Wer an Claude Debussy denkt, hört helle Farben. Kaum zu glauben, dass der Franzose, der heute oft als Impressionist par excellence betrachtet wird, ausgerechnet Edgar Allan Poes "The Fall of the House of Usher" veropern wollte, eine Geschichte von Finsternis, Schuld und lähmender Furcht. Er ist daran gescheitert, die Oper blieb Fragment. Ein Musikdrama braucht Handlung und Charaktere, brütende Angst allein füllt keinen Theaterabend. Auch der Versuch, seiner "Chute de la maison Usher" mehr Plot zu verleihen, indem er den Arzt der Ushers zum handelnden Finsterling aufbaute – eine Figur, die in Poes Text nur in einer dunklen Andeutung vorkommt -, brachte Debussy nicht weiter.

In der Hexenküche

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 11. Oktober 2018. Es ist Spielzeiteröffnung im brut Wien: Unter dem Titel "Ghost Times. A Queer Journey Through Theatre" haben Gin Müller (Dramaturg, Performer und Queer-Aktivist) und Radostina Patulova (Dramaturgin) über 30 Künstler*innen und Aktivist*innen aus mehr als 15 Ländern eingeladen, die Theatergeschichte "aus einer aktuellen queeren, dekolonialen Perspektive divers zu interpretieren". DIE Theatergeschichte? Eher: eine durch Machtverhältnisse bedingte Theatergeschichte, die diese Machtverhältnisse zeigt und zementiert. DIEse Theatergeschichte wird im Rahmen des zweistündigen Abends in vier Episoden und viele Geschichten zerlegt. Dabei greift jede Episode auf Motive der vorangegangenen zurück. Edwarda Gurrola und Dariush Onghaie moderieren die Übergänge und initiieren die Zeitreisen mit rhetorischen Fragen und charmant-naiver Pädagogik. Dass sie dabei in grauen Duct-Tape-Panzern stecken, suggeriert Rüstung, Futurismus, Cyborg-Sehnsucht.

Ironie und Wahnsinn

von Esther Slevogt

Berlin, 11. Oktober 2018. Am Ende sitzen sie da wie die Jammerlappen, die Herren der Schöpfung, und beklagen ihr Schicksal: Der arbeitslose Investmentbanker Thomas im Rollstuhl (Andreas Döhler), der Kriminalbeamte Michael in der Feinrippunterhose (Tilo Nest), Friedrich (Samuel Schneider), Jakob (Peter Luppa) oder der ehemalige Sex-Shop-Besitzer Erik (Aljoscha Stadelmann) – von Prekarisierungsmerkmalen ebenso gezeichnet wie der Arzt Dr. Christoph Heinemann (Martin Wuttke), dessen teurer Mantel jetzt nur noch an ihm schlabbert wie an einer Vogelscheuche.

Die Unruhe vor dem Sturm

von Jan-Paul Koopmann

Bremen, 7. Oktober 2018. Als zum Ende der Sturm losbricht, ist die Katastrophe längst passiert. Da mögen sich die Bäume noch so bedrohlich neigen, Dinge wortwörtlich durch die Luft fliegen und bald auch Menschen sterben – in Alize Zandwijks Inszenierung von Storms Novelle "Der Schimmelreiter" ist die Naturgewalt zwar schrecklich-schön anzusehen, aber doch nicht die Hauptsache.

Der Zufall als Freiheit

von Harald Raab

Darmstadt, 7. Oktober 2018. Darmstadt schlägt Berlin. Vor vier Jahren inszenierte Àlex Rigola an der Berliner Schaubühne die deutschsprachige Erstaufführung des über 1000-seitigen Romans "2666" von Roberto Bolaño – und brauchte viereinhalb Stunden. An den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt hat Claudia Bossard jetzt nur zwei benötigt. Ihr Erfolgsrezept: Sie verzichtet auf eine sklavische Folge des literarischen Narrativs, nimmt freizügig Textpassagen, montiert sie neu und komponiert daraus eine eigene, sehr dichte Bühnengeschichte mit autonomem Rhythmus.

Schlagwortwolke der Niedertracht

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. Oktober 2018. Im antiken Theater ist der Chor der Begleiter des Stücks. Der Chor kommentiert, er erklärt und beschreibt, aber er agiert nicht selbst. In "Chor des Hasses" ist der Chor vor allem ein Pöbler. Ein Pöbler, ein Leserbriefschreiber, ein Internettroll, der Politikern Hassmails schickt, mal an den Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir (Grüne), mal an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), an Außenminister Heiko Maas (SPD) und an Andreas Hollstein, CDU-Bürgermeister des sauerländischen Städtchens Altena, der vor knapp einem Jahr von einem Rechtsradikalen mit einem Messer attackiert wurde.

Mehr als nur Theater

von Maximilian Sippenauer

München, 6. Oktober 2018. Der große Irrtum des Klassizismus bestand in der Annahme, dass die Antike in hehrem Weiß geleuchtet habe. So marmorn, erhaben, apollinisch. Auch wenn heute jeder weiß, dass diese Vorstellung Quatsch ist, haftet sie nach wie vor als Stigma einer ebenmäßigen Heiligkeit an allem Altgriechischen, am meisten aber an unserem Verständnis von antikem Theater. Wenn Nils Kahnwald für seinen Prolog zu Christopher Rüpings Antikenprojekt in Jeans und Pulli auf die Bühne tritt, sich eine Zigarette ansteckt und auf eine Raucherbank verweist, wo es auch jedem Zuschauer gestattet sei, während des Stückes szenisch zu rauchen, dann tut er das, um diese Ehrfurcht vor den marmorverstaubten Versen ganz schnell loszuwerden.

Luft raus

von Cornelia Fiedler

Köln, 6. Oktober 2018. "Error 404" lautet das Schlusswort. Aus tausenden von LEDs leuchtet diese Null-Information auf die verwaiste Bühne des Schauspiel Köln herab, und auf die drei Frauen ganz vorn am Bühnenrand. 404, das ist der Klassiker unter den HTTP-Codes im Netz und heißt, 'Ja, die Anfrage' – in diesem Fall der finale Stoßseufzer von Olga, der ältesten der "Drei Schwestern" – 'ist beim Server angekommen'. Und: 'Nein, das passende Dokument' – sprich die Antwort auf die Frage "wofür wir leben, wofür wir leiden" – 'konnte nicht gefunden werden'. Damit ist die größtmögliche Reduktion von Text und Handlung erreicht, eine Reduktion, auf die die Inszenierung von Regisseurin Pınar Karabulut konsequent zusteuerte.

Ein Leben gegen die Wand

von Steffen Becker

Heilbronn, 6. Oktober 2018. "Diese Momente, in denen ich darauf gewartet habe, dass mein Leben beginnt. Da habe ich nicht auf mein Leben gewartet, das war mein Leben." Sagt die Mutter zu ihrer Tochter Harper Regan, der Titelfigur im Stück des englischen Erfolgsautors Simon Stephens. Diese Harper – in Heilbronn auf die Bühne gebracht von Uta Koschel – erkennt sich in den Sätzen wieder. Zum Zeitpunkt des Gesprächs liegen allerdings bereits einige Momente hinter ihr, in denen sie nicht einfach nur gewartet hat.

Heym nach Chemnitz

von Tobias Prüwer

Chemnitz, 6. Oktober 2018. Die Stadt ist unlängst zur Chiffre geworden für rassistische Gewalt, für den Aufmarsch von radikalen Rechten im Mix mit Bürgern, die partout nicht rechts sein wollen. Chemnitz, diese Chiffre platzte mitten hinein in die Proben der Figurentheaterarbeit "Wenn mich einer fragte ...". Darin untersucht Christoph Werner das Leben des Schriftstellers Stefan Heym nach Chemnitzer Spuren – und muss sich brisanter Aktualität stellen. Erst einen Tag vor der Premiere fand wieder eine rechte Demonstration unweit des Theaters statt.

Auswege aus dem Ehekäfig

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 6. Oktober 2018. Eingezwängt in Petticoats sitzt Nora in ihrer Puppenstube und träumt sich in eine heile Welt. Für die eigenen Kinder hat sie kaum Zeit, nur über die nostalgischen Plastikwesen hat sie die Macht. Anna Bergmann, neue Schauspieldirektorin des Staatstheaters Karlsruhe, liest Henrik Ibsens Dramen auf dem Hintergrund heutiger Frauengeschichten neu. "Nora, Hedda und ihre Schwestern" heißt die Bearbeitung der Dramatikerin Ulrike Syha, die 2018 für Ihr Stück "Drift" mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet wurde.

Die Eleganz der Intriganz

von Christian Muggenthaler

Memmingen, 5. Oktober 2018. Historische Stoffe stehen seit längerem schon nicht unbedingt im Zentrum der Arbeit von Dramatikern. Da haben vermutlich zu lange zu viele Menschen an jener Historismus-Grütze gelitten, in der Inhaltliches blubbernd unterzugehen pflegte. Aber wenn man dann aus der Premiere des Dramas "Margarete Maultasch" von Christoph Nußbaumeder kommt, das jetzt Uraufführung am Landestheater Schwaben in Memmingen hatte, fragt man sich: Wieso eigentlich diese Zurückhaltung? Nußbaumeder erzählt vermittels einer historischen Figur und ihrem Schicksal davon, dass vieles an ihr und ihrer Geschichte absolut gegenwärtig ist. Das geht von der immerwährenden Maßlosigkeit der Liebe bis zur Frage, was einem Staat gut tut: Abschottung und Dogma oder Offenheit und Durchlässigkeit.