Auf dem Schaukelpferd in den Wortsturm

von Stefan Forth

Hamburg, 7. Mai 2021. Politik ist ein Kinderspiel. Volkes Stimmen ahnen das schon seit Beginn der Bundesrepublik. Deshalb ist es nur konsequent, dass die Regisseurin Charlotte Sprenger für das Hamburger Thalia Theater das großartige Bühnengedicht "Die Politiker" von Wolfram Lotz jetzt in ein überdimensioniertes Kinderzimmer verpflanzt hat. Für die wirkungsvolle post-pubertäre Selbstinszenierung der deutschen Demokratie dürfen dabei natürlich Kameras so oder so nicht fehlen – weshalb die Premiere als Livestream vielleicht etwas weniger schmerzt als bei anderen Produktionen.

Wiederkäuer im Eventzelt

von Claude Bühler

Basel, 6. Mai 2021. Tschechow auf Schweizerdeutsch! Zweifelsohne die Überraschung des Abends, das Theater hatte es bis zuletzt geheim gehalten, dem Premierenpublikum bleibt der exklusive Effekt vorbehalten, Tschechows Landgut-Klassiker ohne Vorgedanken plötzlich in die Deutschschweizer "Agglo" versetzt zu erleben. Man ist frappiert, wie gut das (meistenteils) klappt, ja errötet beinahe, wie treffend dem Basler Autoren Lucien Haug, verantwortlich für die Textfassung dieser Tschechow-Aktualisierung, und Regisseur Antú Romero Nunes ein Jetzt-Bild der Schweiz geglückt ist. Direkt: So genussvoll selbstmitleidig und sentimental kann man auch hierzulande sein. 

Eine Bühne den Liebenden

Von Falk Schreiber

Wien / online, 4. Mai 2021. Richard II. gilt als der schlechteste unter den vielen schlechten Königen Shakespeares. Sein Handeln ist erratisch, seine Herrschaft verschwenderisch, die Staatsfinanzen stehen vor dem Bankrott, und als echte Probleme auftreten, so etwas wie politischer Wettbewerb etwa, gibt er sofort klein bei und macht den Thron frei für einen Populisten, Heinrich IV., der den Weg zum Blutvergießen der "Rosenkriege" ebnen wird. Gleichzeitig ist Richard bei Shakespeare aber auch: ein tragischer Träumer, der überfordert ist von den Zwängen des Regierens. Ein Träumer, so inszeniert Johan Simons ihn im Wiener Burgtheater.

Karneval mit Schmiere

von Andreas Klaeui

Basel, 4. Mai 2021. Am Ende schnallt sich Philoktet den nekrotischen Fuß wie einen Phallus vor den Damenslip und holt sich einen runter. Die schmerzende, schwärende Wunde, die bei Heiner Müller noch auf einen klaffenden Riss im System verwies, weist dieses System nun als machistische Selbstbefriedigung aus. Oder so.

Genie auf Augenhöhe

von Christian Rakow

Recklinghausen, 4. Mai 2021. Alan Turing, Mathematiker, Logiker, Kryptonanalytiker, Erfinder des Turing-Tests zur Qualitätsprüfung von Künstlicher Intelligenz, Überwinder des Enigma-Verschlüsselungssystems der Nazis, "Vater der Informatik" und Wegbereiter des Computers. Mit einem Wort: Genie der Zahlen. Seit dem Film "Imitation Game" von 2014 stellt man ihn sich mit dem Gesicht von Benedict Cumberbatch vor.

Das Trauma der Verführung

von Andreas Wilink

Recklinghausen / online, 2. Mai 2021. Vielleicht können wir, mit unseren westlich geübten und getrübten Sinnen für den Sonnenaufgangs-Osten, diese Erzählung vom Begriff des Ausnahmezustands her betrachten. Dabei ist es gleichgültig, ob das im Meer schwimmende Japan die Auffassung teilt, dass jede Leidenschaft pathologischer Natur und also dem Menschen – ob Mängel- oder Überschusswesen – eingeschrieben sei. Das Werk von Yukio Mishima jedenfalls handelt vom Obsessiven, das größer ist als das, was Psychologie und kausale Logik davon verstehen, und öffnet sich hin zu anderen Räumen.

Brandwalzen mit Wuschel

von Valeria Heintges

Zürich, 2. Mai 2021. Wo sind wir hier? Vordergründig ist die Frage leicht zu beantworten: Wir sind mit 50 Menschen in der Schiffbau-Box und sehen "Afterhour", die einzige Premiere, die das Zürcher Schauspielhaus in dieser Spielzeit noch zeigen wird. Regisseur: Alexander Giesche. Hintergründig sieht die Sache komplizierter aus: Denn dies ist kein Abend nach Motiven von, wie bei Giesches Großerfolg Der Mensch erscheint im Holozän, nach Max Frischs Erzählung. Wir wissen schon, dass keine durchgängige Geschichte serviert wird. Man solle, rät das Programmheft vor- und fürsorglich, "nicht nach logischen Verläufen" suchen, sondern "spekulativ assoziativ" bleiben.

Lyrischer Verdauungsapparat

von Jorinde Minna Markert

Bochum/ online, 2. Mai 2021. Im die 1950er Jahre reminiszierenden Foyer des Bochumer Schauspielhauses ist Zauberer-von-Oz-mäßig eine Wellblechhütte eingeschlagen. Ursprünglich von Anna Viebrock für die Ruhrtriennale entworfen, soll die "WeltHütte" neuer Spielort des Schauspielhauses und "kalkulierter Fremdkörper" sein. Zwei Streampremieren, Sivan Ben Yishais "LIEBE – eine argumentative Übung" in der Regie von Zita Gustav Wende und Sibylle Bergs "Viel gut essen", inszeniert von Anna Stiepani, eröffnen nun.

Inzidenz nahe null

von Gabi Hift

Berlin / online, 1. Mai 2021. Die großen psychologischen Rätsel sind und bleiben doch das Spannendste am Theater. Hier ist es eines hinter den Kulissen: Was hat den Regisseur Sebastian Hartmann dazu gebracht, bei der Umarbeitung seiner Inszenierung für den Livestream ausgerechnet den Epilog, Wolfram Lotz‘ "Die Politiker" bis zur Unkenntlichkeit zusammenzustreichen? Jenen Teil, der in sämtlichen Kritiken in höchsten Tönen gelobt wurde. Den auch die Nachtkritik damals "funkelnd und unvergesslich" fand. Welcher Teufel hat ihn geritten? Trotz? Jedenfalls ist man höchst verblüfft und enttäuscht, sobald die bejubelte Stelle kommt und vom Text kaum noch zehn Prozent übrig sind.

Natürlich ist man glücklich!

von Anna Landefeld

Heidelberg / online, 30. April 2021. Sie sind zwei Gefangene: Ruth und Ivan. Wahrscheinlich könnten sie auch ganz anders heißen, wahrscheinlich könnten sie auch ganz woanders sein. Aber dieses einstige und immer noch Liebespaar, Ruth und Ivan, hat Regisseur Ron Zimmering nun einmal in einen dunklen Raum auf eine viereckige rostige Plattform gestellt, kippelig wie eine Wippe. Würden die beiden, Katharina Ley und Friedrich Witte, aufeinander zugehen, sie würden hinunterfallen.

Das Erhabene und das Elende

von Andrea Heinz

Landestheater Linz / ORF, 30. April, 2021. So ein Nestroy geht in Österreich immer. Nicht unbedingt einen der am häufigsten gespielten hat sich Georg Schmiedleitner für seine Inszenierung am Landestheater Linz gewählt, die im Rahmen der ORF-Reihe "Wir spielen für Österreich" ihre TV-Premiere hatte: "Der Böse Geist Lumpazivagabundus oder das liederliche Kleeblatt". Eine Zauberposse, vordergründig zumindest, mit hartem Zug ins Realistische, fast schon Brutale, mit einem kleinen Schuss Besserungsmoral, die aber gleich wieder ironisch abgeräumt wird.

Die traurigen Lieder der Ausweglosigkeit

von Jan Fischer

Lübeck, 30. April 2021. Ein einsamer, einarmiger Mann klettert in Rollschuhen die Bühne hinauf. Rollt vor der Projektion einer leeren Bühne in Richtung eines Plattenspielers. Zehn Tage nach seiner letzten Theater-Vorstellung, erzählt er, "wurde das Ghetto liquidiert". Und aus dem Plattenspieler dringt ein trauriges Lied.

Mit Raubtieren reden

von Sascha Westphal

München / online, 27. April 2021. Michel Decar beschreibt seinen Monolog "Rex Osterwald" nicht nur als "Stück für einen T-Rex". In seinen Regieanweisungen wird er sogar noch deutlicher. "Ein T-Rex ist mindestens 3,70 groß und hat 60 Zähne", heißt es dort. Und an diese Beschreibung soll sich das Theater halten, das diesen Text zur Aufführung bringen möchte. Sonst gäbe es halt keine Aufführung. Das ist natürlich nicht ernst gemeint. Dennoch sollte man die Forderung nicht einfach als Scherz abtun. Sie deutet ein Spiel mit dem Möglichen wie mit dem Unmöglichen an, das einen zu einer tieferen Wahrheit führt.

Nur ein Ich

von Jürgen Reuß

Basel, 24. April 2021. Ein Schiff, eine Mannschaft, ein Wal, eine Welt – ein Mann. Eine Farbenlehre, eine Eroberungsideologie, eine Todessehnsucht, ein Massenwahnsinn. Ein blutiges Handwerk, ein Aufbegehren gegen die eigene Zugehörigkeit zur Natur, ein Arbeitsalltag an Bord, ein Konkurrenzklamauk der Nationen – ein Mann. Nennt ihn Jörg Pohl. Wow! Normalerweise wartet man mit dem Applaus bis zum Schluss, aber das Baseler Moby-Dick-Solo gehört definitiv zu den Theaterereignissen, die im Gedächtnis bleiben werden. Und sollte es diese Spezies, denen Texte im Internet nach dem ersten Absatz immer schon zu lang werden, tatsächlich geben, sollen auch die noch mitkriegen, dass das eine Inszenierung ist, die sie sich auf jeden Fall anschauen müssen.

Das Kind in ihm und ihr

von Andreas Wilink

Bochum, 24. April 2021.Peer! Was für ein Peer? So könnte er aussehen. Ein widerspenstig-wirrer blonder Lockenkopf mit weit geöffneten Kulleraugen, dessen Gestalt im Nirgendwo schwebt. Dieser grob skizzierte Peer Gynt würde von Paul Klee stammen. Müsste man in diesen Tagen Ibsens Maulhelden, Weltenbummler, Teufelskerl, Glücksspieler und schließlich Heimkehrer in den Schoß der mütterlichen Frau nicht von Walter Benjamins "Angelus Novus" her verstehen, der seine Figur in der Zeichnung von Paul Klee vorgebildet fand? Ibsens Held als Prototyp des männlichen Projekts Egomanie, Machtstreben und Rücksichtslosigkeit wird bei der Streaming-Premiere im Schauspielhaus Bochum von einer Frau, der Schauspielerin Anna Drexler, verkörpert. Kein Widerspruch und keine Betonung des geschlechtlichen Prinzips durch sein Gegenteil. Das – etwa im Ausprobieren und Präsentieren viriler Haltungen aus der Differenz – tut hier wenig zur Sache.

Der Leib brennt und erfriert

von Sabine Leucht

Nürnberg / Online, 23. April 2021. Als Phädra die Nachricht vom Tod ihres Mannes Theseus überbracht wird, steigt Ulrike Arnold langsam aus ihren Schuhen. Sei es aus Angst davor, dass das Schwanken auf hohen Absätzen ihren inneren Aufruhr verraten könnte. Sei es, weil jener Aufruhr nur diese eine legitime Handlungsoption findet. Bald wird Phädra die Schuhe wieder anziehen, denn Theseus kommt bekanntlich doch noch heim. Und das bringt sie dann wirklich zum Schwanken, hat sie doch zwischenzeitlich ihrem Stiefsohn Hippolyt ihre Liebe gestanden – und nun zerfällt ihr alles unter dem Gewicht der Schande und des antizipierten Blicks der anderen auf sie.

Ich im Netz

von Claude Bühler

Basel, 23. April 2021. TikTok ist nur eine der Berühmtmacher-Maschinen der Weltjugend. Mit der App kann man kurze Clips erstellen und verbreiten. In China sollen 2017 pro Tag durchschnittlich 68 Millionen solcher Videos eingestellt worden sein. Was tut das mit einem, wenn man mit dem Eindruck erwachsen wird, dass die eigene Existenz von der Netzpräsenz abhänge? Dieser Frage ging das junge theater basel nach und erarbeitete mit dem Choreographen Ives Thuwis-De Leeuw und dem Regisseur Sebastian Nübling in acht Probewochen Tanztheater-Szenen. Das Publikum betritt eine düstere Welt aus Ängsten, der Vereinzelung, aber auch des Empowerments.

Hinter jeder Fassade ein Riss

von Katrin Ullmann

Kiel, 23. April 2021. Für die einen ist es das Sofa von Ikea, für die anderen das Abtauchen in einer Gute-Laune-Badekugel oder der Duft nach frischen Küchenkräutern: Zuhause. Darum (und um die Sehnsucht und Suche danach) geht es in Ingrid Lausunds Stück "Bin nebenan". Neun Monologe umfasst das Stück, in Kiel wurden sie nun im Rahmen des Modellprojekts Schleswig-Holstein auf die Bühne gebracht. Live. Analog. Und für eine sehr überschaubare Anzahl von zuvor negativ auf Corona getesteten Zuschauern.

Metaphysischer Autounfall

von Andreas Klaeui

22. April 2021. Wie gern hätte ich einmal eine Rezension mit dem Kalauer überschrieben: "Lieder ohne Forte". Aber es geht wieder nicht. Denn das Fortissimo kommt ganz am Schluss doch noch – und dies dann überraschenderweise auf komplett abgedunkelter Bühne. Der Anfang des Abends jedoch ist licht und sanft und ganz im Piano. Das ist wörtlich zu nehmen: Mathias Weibel stellt sich an selbiges – ans Piano – und drückt die Tasten, nur kommt kein Laut heraus. Die Töne bleiben im Instrument gefangen. Erst durch einen unverkennbar Thom Luz'schen Bühnenzaubertrick befreien sie sich dann aus einem Lautsprecher am entgegengesetzten Ende der Bühne. Ein Suchscheinwerfer hat seinen blau gebündelten Strahl darauf gerichtet, das hat den Ausschlag gegeben.

Zu Gast im eigenen Leben

von Valeria Heintges

St. Gallen, 21. April 2021. Regisseur Olivier Keller weiß selbst nicht recht, was er produziert hat. "Ein Theaterstück, erzählt für Bildschirm und Kopfhörer" lautet die offizielle Genrebezeichnung. Ein Film, der sich ein Theaterstück zur Grundlage nimmt. Ein wenig Hörspiel ist auch dabei, wenn Stimmen zu hören sind und dazu Gesichter, die den Mund nicht bewegen. Und doch ist es für einen Film zu viel Text und zu wenig Berührung.