Am großen Entfremdungskörper

von Janis El-Bira

Berlin, 16. September 2021. Von Karl Marx wird kolportiert, er sei als junger Mann gerne in den Zirkus gegangen. Wenn die Geschichte stimmt, dann dürften dem Denker die Kühnheiten von Seiltänzern und Messerwerfern wohl schön und schrecklich zugleich vorgekommen sein. Schön als Möglichkeitsschau des zur Fantasie begabten Menschen. Schrecklich aber, weil die ihrer Arbeit entfremdeten Menschmaschinen des Industriezeitalters in den scheinbar unbegrenzt strapazierfähigen Artisten-Körper schon angelegt waren. Aber das Schöne wird ja erst des Schrecklichen Anfang, wenn das Schreckliche dann da ist. Vorher ist es einfach nur schön.

Oh schöne Petromelancholie

von Leopold Lippert

Frankfurt, 16. September 2021. Es beginnt mit einer Filmpremiere. Der rote Teppich ist vorm Schauspiel Frankfurt ausgerollt, und ein klappriger Oldtimer fährt vor. Vater James Arnold Ross, Ölmagnat, Filmproduzent und bekanntes Tatort-Gesicht (Wolfram Koch), macht Impro-Klamauk mit den willigen Passant*innen am Willy-Brandt-Platz. Dem Sohn Bunny (Torsten Flassig) ist das alles peinlich. Er weiß auch schon, dass der Film scheiße ausgehen wird: Am Ende wird das ganze Öl verbrannt sein, alle wissen Bescheid, doch trotzdem spielen alle artig mit. Auch uns im Publikum bleibt keine Wahl als mitzuspielen: denn während draußen die Action passiert, sitzen wir drinnen im Saal fest, 3G-geprüft und dicht maskiert, und gucken auf die große Leinwand.

Glaube, Geld, Verkehr, Gewerke

von Martin Krumbholz

Köln, 15. September 2021. Die wundersame Menschenvermehrung haben die Rimini-Leute natürlich exzellent eingefädelt. Anfangs in der Artothek im Schatten des Kölner Doms waren wir nur zu viert. Eine Artothek ist übrigens ein Institut, in dem man Kunstwerke ausleihen kann, wie Bücher in einer Bibliothek, es soll sie in Köln schon seit Jahrzehnten geben. Andere sind in anderen Instituten gestartet, insgesamt 48 an der Zahl. Man bekam keine Kopfhörer (gottseidank). Vielmehr wurde einem von uns eine kleine orangefarbene Box ausgehändigt, die man sich umhängen konnte und die während des Parcours mit uns sprach (anfangs wurden wir sehr höflich gefragt, ob es okay sei, wenn man uns von jetzt an duzte). Und dann ging's los. ("Los geht's" ist eine Lieblingsfloskel von Rimini-Protokoll.)

Eine Frage von Treu und Glauben

von Kai Bremer

Münster, 15. September 2021. Felicia Zellers "Wirtschaftsdramatik" trifft seit einiger Zeit landauf, landab einen Nerv. Aber gerade weil sie weiß, wie Märkte ticken, dürfte ihr klar sein, dass ein erfolgreich etabliertes Label Segen und Fluch zugleich ist. Schließlich lebt der Kapitalismus von Expansion und fordert unnachgiebig regelmäßig das nächste heiße Ding, das idealerweise den Markenkern nicht aufweichen darf und trotzdem Neues bieten muss. Um es vorweg zu nehmen: "Der Geldkomplex", den Max Claessen gestern am Theater Münster inszeniert hat, erfüllt diese Anforderungen mustergültig.

Die Verpflanzung der Arten

von Gabi Hift

Wien, 14. September 2021. Es ist nicht, was Sie denken! Oder was ich jedenfalls dachte: Oh je, ein Stück über Korallen und das Sterben, das wird womöglich ein ehrenwerter, aber hölzerner Versuch, mich erzieherisch aufzurütteln. Aber es ist alles völlig anders und ein großes Vergnügen!

Zwei Schiffbrüchige, ein Wrack

von Stephanie Drees

Berlin, 12. September 2021. Eigentlich beginnt alles am Ende. Oder auch den Enden. An mindestens zwei stehen diese beiden Frauen: Ihre Beziehung muss schon bessere Tage erlebt haben, es herrscht große, in Weiß getunkte Kommunikationskälte.

Heute tanzen, morgen Kloster

von Stefan Forth

Hamburg, 12. September 2021. Fjodor Karamasow ist wirklich ein ziemlich fieser weißer alter Mann. Schon erstaunlich, dass Regisseur Oliver Frljić diesen selbstgefälligen Egoshooter am Deutschen Schauspielhaus ohne Not so lange am Leben lässt. Der Mord an dem ungeliebten Familienoberhaupt der "Brüder Karamasow" steht erst am Ende der Hamburger Neuinszenierung von Dostojewskis gleichnamigem Roman. Den Regisseur interessieren die großen Fragen nach menschlicher Freiheit, Verantwortung und Moral augenscheinlich deutlich mehr als der Krimi, der auch in der Vorlage steckt.

22 Arten von Störmoment

Valeria Heintges

Zürich, 11. September 2021. Das Schauspielhaus versah die Ankündigung der Inszenierung von Yana Ross' "Kurze Interviews mit fiesen Männern. 22 Arten der Einsamkeit" mit dem Hinweis: "Inhaltliche Warnung: verbale Gewalt, Live-Sex". Gleichzeitig machte die Meldung die Runde, erstmals an Theatern im deutschsprachigen Raum sei mit Kasia Szustow ein Intimacy Coach engagiert worden, um mit den Akteuren über ihre Grenzen bei der Darstellung von Sexualität zu reden. Die #Metoo-Debatte lässt die Theaterleitungen vorsichtig werden. Zumal dann, wenn wie in diesem Werk mit Texten nach David Foster Wallace, die toxische Sexualität von Männern das Thema ist.

Der schönste Weltuntergang

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 11. September 2021. In einem im Programmheft zur Uraufführung von "Bambi & Die Themen" veröffentlichten Interview spricht Bonn Park, der Autor und Regisseur der Inszenierung, auch kurz über den berühmten Disney-Zeichentrickfilm. Seine Anmerkungen schließt er mit der erst einmal irritierenden Beobachtung, "dass das, was hängenbleibt, die Katastrophe ist." Es stimmt schon. Kaum etwas brennt sich derart eindringlich in die (kindlichen) Erinnerungen ein wie die Szene, in der Bambi seine Mutter verliert und der Wald in Flammen aufgeht.

Diese Worte

von Sascha Westphal

Bochum, 10. September 2021. Lange Zeit bleibt das Saallicht an. Auch das Licht auf der Bühne hat nichts Theatralisches. Es ist nüchtern, demokratisch wie das Licht, in dem das Publikum sitzt. Es gibt keine Übergänge, keine vierte Wand. Spieler:innen und Zuschauer:innen sind einträchtig vereint. Während sich der Saal nach und nach füllt, führen William Cooper, Anna Drexler, Damian Rebgetz und Anne Rietmeijer ganz hinten an der Brandmauer sitzend genauso wie einzelne Theaterbesucher:innen private Gespräche. Was sie sagen ist nicht zu verstehen, aber die Situation ist entspannt. Sie scherzen, lachen miteinander und zeigen immer mal wieder in den Saal.

Gedoppelt, gespiegelt, gebrochen ...

von Valeria Heintges

Zürch, 10. September 2021. Die Hauptrolle spielt der Spiegel. Riesengroß bedeckt er fast die gesamte Rückseite der Schiffbau-Box. Leicht gekippt hängt er da – und zeigt alles, was auf der Bühne stattfindet, nochmal. Doppelt die vier Lichtlinien am Rand, die in der Mitte ein großes, schwarzes Quadrat lassen. Doppelt später den Kreis, zu dem sich das Quadrat rundet. Doppelt auch dann den schwarzen Punkt, bis auch der verschwindet und nichts mehr undurchdringlich in der Mitte wabert. Doppelt auch später die Unterwelt, die sich öffnet in dieser "Orpheus"-Inszenierung von Wu Tsang und ihrer Gruppe Moved by the Motion in der Schiffbau-Box des Zürcher Schauspielhauses.

Woher kommt der Hass?

von Matthias Schmidt

Dessau, 11. September 2021.  Das Erste, was auf der riesigen Dessauer Bühne zu hören ist, sind Zeilen von Wolf Biermann: Du, lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit. Das Letzte, was zu hören sein wird, ist wieder dieses Biermann-Lied. Das vor zu viel Hass warnt, vor Verbitterung, und für mehr Heiterkeit wirbt. Man kann das, falls man im Theater danach sucht, als die Botschaft der Inszenierung von Milan Peschel begreifen.

Neues Denken gegen alte Theorie

von Gerhard Preußer

Bonn, 11. September 2021. Wenn es darauf ankömmt, die Welt zu verändern, muss man sie erstmal neu denken. Maja Göpel ist Transformationsforscherin, also Expertin für Weltveränderung. Ihr Angriffsziel ist die einflussreichste Denkrichtung der Gegenwart: die neoklassische Wirtschaftstheorie. Aber Theoriekritik ist als Veränderungshebel unwirksam, solange es beim Disput der Experten bleibt. Popularisierung und Vermittlung sind entscheidend. Deshalb hat Maja Göbel nach ihrem wissenschaftlichen Werk "The Great Mindshift" einen Bestseller geschrieben: "Unsere Welt neu denken", eines der erfolgreichsten Sachbücher des letzten Jahres. Und folgerichtig landet das Buch auch im Theater wie schon Yuval Hararis Kurze Geschichte der Menschheit. Gute Argumente muss man überall verbreiten, aber mit welchen Mitteln?

Tuntschi 2.0

von Andreas Klaeui

Bern, 10. September 2021. Das "Sennentuntschi" ist eine der grauslicheren Sagen aus dem Alpenraum. Einsame Bergsennen basteln sich in der sexuellen Not eine Frauenpuppe aus Holz und allem, was halt da ist, Stroh, Weinflaschen, Menschenhaar, und animieren sie. Sie setzen sie zu sich an den Tisch, füttern sie, treiben ihre derben Späße mit ihr, haben Sex mit ihr. Vor dem Alpabzug soll sie entsorgt werden, aber da kommt die Stunde der Vergeltung: Die Puppe erwacht wirklich zum Leben und rächt sich. Sie zieht einem Sennen die Haut ab und spannt sie vor der Alphütte auf.

Last Woman Standing

von Falk Schreiber

Bremen, 10. September 2021. Nach einer knappen Stunde "Marquise von O." fragt Judith Goldberg, ob man vielleicht vorspulen wolle. Dann schmeichelt sich mit Dieses Mädchen von der Hamburger Band Die Heiterkeit ein geschmackssicher ausgewählter Popsong in die Inszenierung: "Dieses Mädchen bin ich / mit einem anderen Gesicht / mit einem anderen Namen / und mit anderen Haaren." Und auf der Hinterbühne geht es zur Sache. Jemand wird abgeschlachtet, zu melancholischem Indiepop.

Gestrandet in der Teflon-Welt

von Matthias Schmidt

Weimar, 9. September 2021. Flüchtende, die ihre Abreise herbeisehnen. Die wissen, dass sie vielleicht bald nicht mehr möglich sein wird. Die sich verzweifelt um ein Visum bemühen. Die Angehörige suchen, nicht wissend, ob diese noch am Leben sind oder bereits dem Krieg zum Opfer gefallen. – Wie inszeniert man einen Roman, dessen Handlung täglich in den Nachrichten vorkommt, quasi in Echtzeit?

"Deutsche Helden töten selber"

von Georg Kasch

Guben, 9. September 2021. Was macht der Tesla auf der Bühne? Ist natürlich kein echter, trotz Lebensgröße. Aufgeblasen steht er rum, bis Brünnhilde die Luft ablässt. Zuvor aber skandieren die Spieler "Autos statt Wälder" und singen ein Loblied auf das Lithium und auf Elon Musk, der gar nicht so weit weg von hier gerade seine "Gigafabrik" baut.

Monster ohne Geheimnis

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 9. September 2021. Am Ende wird’s apokalyptisch. Der olle Jabe Torrance, von Thomas Wittmann in bester Splatter-Movie-Manier mit blutunterlaufenen Augen als Erzschurke auf die Bretter gestellt, hat, obwohl todkrank, spitzgekriegt, dass seine Frau mit dem dahergelaufenen Nichtsnutz Valentine Xavier ins Bett geht; er knallt sie ab, wirft dem verdutzten Val die Knarre hin, simuliert einen Raubüberfall; die Polizei gibt auch dem Liebhaber den Rest. Und als wäre es mit dieser Ballerei nicht genug, lässt Regisseur David Bösch die einsame, tapfere Carol Cutrere sich selbst die Kugel geben. Die Guten sind tot, die Bösen gehen einen trinken – so sieht’s aus.

Hand in Hand im Hafermilchland

von Stephanie Drees

Berlin, 4. September 2021. Zeit für das "Geteilte", das "Wir". Zumindest eine Form des "Wir". Zeit im künstlerischen Möglichkeitsraum, in dem vermeintliche Gewissheiten und Besserwissereien von der Kraft des Konjunktivs übertrumpft werden. All das kann Theater sein, wenn man dem Schriftsteller, Dramatiker, Regisseur und Dramaturgen Lukas Bärfuss glaubt. Und klar: Man möchte ihm glauben, nicht nur aufgrund der Emphase in Schweizer Singsang, mit der er seine Eröffnungsrede der Langen Nacht der Autor:innen am Deutschen Theater ausstattet, sondern auch, weil das Dramatiker:innen-Festival wacker durchgehalten hat. Selbst letztes Jahr gab es eine Ausgabe der "Autor:innentheatertage", leicht verwundet von der Pandemie (eine Uraufführung musste kurzfristig abgesagt werden), aber eben keine Absage. 

Auf Irrwegen

von Frank Kurzhals

Hamburg, 4. September 2021. Kann Schönheit die Welt retten? Und ist Wahrhaftigkeit eine akzeptable Form von Schönheit, die auch in Form von unverbildeter Naivität daherkommen kann? Die einer verrohenden und nur noch auf Geld als universelles Tauschmittel ausgerichteten Gesellschaft einen Spiegel vorhalten kann, ihr zeigt, wie unmenschlich sie geworden ist, dass Liebe und Zuneigung nicht käuflich sind?