Rausch der Reptition

von Sarah Heppekausen

Berlin, 6. März 2021. Ja, das geht gut zusammen. Diese Pulsschläge, die sich einhämmern in Ohr und Hirn, die sich durch Variationen und neue Muster zu einem weitschweifigen Klanggewebe knüpfen. Und dann die Bewegungen der Tänzer*innen, die sich entsprechend wiederholen, ineinander übergehen, sich überkreuzen, voranschreiten und wieder denselben Rhythmus finden. Mal ist es ein Fingertrommeln am Hals, mal sind es Drehungen und Sprünge. Musik und Tanz begeben sich gemeinsam in einen Rausch der Repetition.

Ich bin ein Dreck

von Jorinde Markert

Augsburg / online, 27. Februar 2021. Der schöne Satz im Titel entstammt einem Brecht-Gedicht aus dem "Lesebuch für Städtebewohner". Neben den Erzeugnissen des Big B (dem Einfluss auf die Hip Hop Kultur nachgesagt wird, weshalb man ihm wohl durchaus einen Nickname mit street cred verpassen darf), sind in dem Abend "Ich bin ein Dreck" bei der digitalen Edition des Brechtfestivals Texte von Margarete Steffin, Helene Weigel und Inge Müller zu hören; Schauspielerinnen, Intendantinnen, Schriftstellerinnen, darunter eine Geliebte und die Ehefrau des Big B.

Tiefer Fall ins Dunkle

von Verena Großkreutz

Mannheim / online, 27. Februar 2021. 2017 beging die 14-jährige Britin Molly Russell Suizid. Ihre Eltern gaben Instagram eine Mitschuld. Ihre Tochter sei über das Netzwerk und seine Algorithmen mit Suizid-Communitys in Kontakt gekommen. Ob auch die 19-jährige Else am Ende stirbt, bleibt nicht nur in der Instagram-Live-Performance des Mannheimer Nationaltheaters, sondern auch im Original am Ende offen: in  Arthur Schnitzlers Monolog-Novelle "Fräulein Else".

Beschissen von den Überlebenden

von Max Florian Kühlem

Augsburg, 26. Februar 2021. Beim Brechtfestival in Augsburg ist dieses Jahr laut offizieller Verlautbarung "...nicht der Namensgeber des Festivals der Star, sondern die, die ihm zu seinem Ruhm verholfen haben. Frauen, die mit Brecht im Kollektiv gearbeitet haben, namentlich Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Ruth Berlau sowie weitere Persönlichkeiten, Künstlerinnen und Frauenfiguren, die in Beziehung zu Bertolt Brecht und seinem Werk stehen: Etwa Carola Neher, Marieluise Fleißer, Simone Weil und Inge Müller."

Im globalen Dreiländereck

von Falk Schreiber

Dresden / Essen / online, 26. Februar 2021. Wo befinden wir uns? In Dresden, eindeutig. Die Kamera fährt auf das Festspielhaus Hellerau zu, man sieht junge Menschen im Eingangsbereich, dann ist man auf der Bühne, auf die Cheng Ting Chen einen Parcours gebaut hat, ein Küchentisch, Bastmatten, sogar eine kleine Bar, an der Bubble Tea verkauft wird. Ein kleines Vietnam scheint hier in Sachsen nachgestellt zu werden, aber bevor man sich auf die Illusion eingelassen hat, springt die Kamera, ist plötzlich im echten Vietnam, und dann ist sie in Taiwan.

Pandemischer Biedermeier

von Steffen Becker

Nürnberg, 26. Februar 2021. Ein Stück über eine Pandemie, dessen erste Aufführung an einer Pandemie scheiterte. "Isola" – von Philipp Löhle für das Staatstheater Nürnberg geschrieben – entstand ab April 2020, wurde im Dezember abgesagt und erlebt nun als neu gestalteter Theaterfilm eine Streaming-Premiere – und "spiegelt die neue Lebensrealität in der Pandemie", wie es Schauspieldirektor und Regisseur Jan Philipp Gloger beschreibt.

Let's Flausch

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 21. Februar 2021. "Cotton Candy, Marshmallow, Kittens", setzt Claire Lefèvre mit ihrer Aufzählung ein. Mit der langen Liste ihrer "Favorite Things" perforiert Lefèvre mit sonorer Stimme das Lullaby-Dröhnen von Soundkünstler*in Zosia Hołubowska. Beide sitzen in geblümten gepolsterten Jacken am Bühnenboden vom Studio brut. Ich, im Einführungsgespräch dazu eingeladen es mir beim Videoschauen bequem zu machen, am Sofa zuhaus. So wie schon letzten Sonntag und am vorletzten auch. Weil: Unter dem Titel "Sunday Screenings" macht das brut Wien im Februar jede Woche eine Onlinepremiere, insofern bis jetzt drei. Lauter Filmversionen von im Winter abgesagten Live-Projekten, alle frei verfügbar bis zum Sommer.

Untergang, live und in Farbe

von Andrea Heinz

Berlin / Online, 19. Februar 2021. Fangen wir gleich damit an: Mit "Anthropos, Tyrann (Ödipus)" ist der Volksbühne ein richtig großer Wurf gelungen. Gemeinsam mit dem Theater des Anthropozän der Humboldt Universität, mit der Meeresbiologin Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven (AWI) und Mitverfasserin der Stellungnahme "Klimaziele 2030: Wege zu einer nachhaltigen Reduktion der CO2-Emissionen" der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, und dem Dramaturgen Frank Raddatz verkündet Regisseur Alexander Eisenach "die Wiederauferstehung der Tragödie". Wobei die ja streng genommen nie tot war, ist unsere Gegenwart doch eine einzige Tragödie: Wir schauen, "live und in Farbe", wie es im Stück einmal heißt, zu beim Untergang, aber laufen lieber sehenden Auges hinein, als ernsthaft etwas dagegen zu unternehmen. Wie Menschen halt so sind.

Verlogene Toleranzattitüde

von Verena Großkreutz

Genf / Online, 19. Februar 2021. Das Herz macht sich gut. Wie eingefroren steht es da. Gegossen in Glas. Ausgestellt als Kunst. Das Herz bleibt als griffiges Bild omnipräsent in Milo Raus Genfer Inszenierung von "La Clemenza di Tito", Mozarts letzter Oper, einer Seria, komponiert 1791, in Zeiten der Französischen Revolution, für die Prager Kaiserkrönung Leopolds II. Das Herz, das gleich zu Beginn einem kräftigen Mann aus dem Körper gerissen wurde, geht im Verlauf des Abends auf der Bühne von Hand zu Hand. Eine blutige Metapher für alles Leid dieser Welt, das durch die Kunst in bare Münze verwandelt wird.

Lost in Adaptation

von Martin Thomas Pesl

Wien, 18. Februar 2021. Die erste Szene ist stark. "Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?", fragt die Frau im blütenweißen Hosenanzug den ebenso strahlend gekleideten Mann. Sie flüstert ihm etwas ins Ohr, wie Bill Murray einst Scarlett Johansson in "Lost in Translation", wir hören nicht, was. Seine Miene verdüstert sich. "Ist vielleicht auch besser so", sagt er. Das ist geheimnisvoll, ein Vorgriff mit Spannungspotenzial. Hernach wird man sehen, wie die Beteiligten nach und nach bis hierher kamen. Am Ende erlebt man die Szene noch einmal, nur ergibt sie da plötzlich keinen Sinn mehr.

TKKG – Das Musical

von Falk Schreiber

Chur / online, 18. Februar 2021. "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich", verspricht Artikel 8 der Schweizerischen Bundesverfassung. Schöne Worte sind das, die aber zugleich vereinbar zu sein scheinen mit obszönem Wohlstand Weniger, beunruhigender Diskretion und teils zweifelhaftem Geschäftssinn.

Willkommen im Zeitalter der seltenen Erden, Ihr Kackbratzen!

von Elena Philipp

Berlin / Online, 12. Februar 2021. Die Schöpfung beginnt auf der Hinterbühne. Ratzfatz geht sie voran, noch bevor der Abend richtig beginnt: Textbuch zwischen die Zähne geklemmt, Handtasche übers Handgelenk, das Chaos gelichtet, die Erde in den Raum gehängt und die Gebirge aufgetürmt: "Stille! Was ist das hier für ein permanentes Hintergrundgemurmel?", raunzt Katja Gaudard als Gott in die letzten Handgriffe vor Vorstellungsbeginn. "Ich versuche etwas zu erschaffen." Goldenes Zeitalter, bam! Zeugung des Menschen – zack! Und schon stürzen die Spieler*innen durch eine Schwingtür auf die Vorderbühne: Das Spiel nimmt seinen Lauf.

Zoom verleiht Flügel!

von Gabi Hift

Wien, 12. Februar 2021. "Guten Abend! Wir glauben nicht daran, dass es jemals wieder Live Theater geben wird." So begrüßt die Moderatorin Pia Hierzegger ihre schaudernden Gäste zur Zoom-Session. "Deshalb haben wir ins Theater Fernsehstudios eingebaut. Und einmal im Monat hüpfen wir aus unseren Pyjamas und machen für Sie eine Show."

Kreuzberg nach der Apokalypse

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 12. Februar 2021. Der Fahrradbote klingelt – und er bringt ein ganzes Theater nach Hause, sprich: die deutschsprachige Erstaufführung von "Krasnojarsk" von dem norwegischen Autor Johan Harstad. Man bekommt, wohl verpackt in einer stoßsicheren Box, eine VR-Brille, einen Controller (eine Kreuzung aus Maus und Lichtzeiger zum Ans-Handgelenk-Hängen) und ein USB-Kabel zum Nachladen. Es könnte ja der Strom ausgehen, bevor man die Weltuntergangsgeschichte hinter sich oder, schlimmer noch, bevor man die Virtual Reality überhaupt ins Laufen gebracht hat.

Koma to go 

von Dorothea Marcus

Detmold, 11. Februar 2021. Erst eine Runde Schnick Schnack Schnuck spielen, dann losrasen, egal, wohin. In eine beliebige Lebenslotterie gewürfelt sind die Drei aus "Wasted", jenem ersten Theaterstück der britischen Ausnahmepoetin, die früher Kate Tempest war und sich heute non-binär identifizieren und Kae Tempest nennen. Gar nicht so einfach, das korrekt zu gendern, Tempest selbst jedenfalls wollen in der 3. Person Plural "sie" genannt werden, was sich grammatikalisch schwierig anfühlt, aber hiermit versucht wird. 

Homunkulus' schöne neue Welt

von Falk Schreiber

Freiburg / Online, 10. Februar 2021. Faust ist ein Wanderer. In "Der Tragödie zweitem Teil" wandert der Held durch Romantik und Klassik, durch deutschen Wald und griechisches Gebirge, durch Mittelalter und Moderne, durch Antike und Gegenwart. Bei Krzysztof Garbaczewski wandert Thieß Brammers Faust durch das Theater Freiburg: durch den leeren Saal, durch Pfützen auf der Bühne, schließlich über eine höhlenartig dunkle Hinterbühne und durch schmucklose Verbindungsgänge. Um irgendwann im virtuellen Raum zu landen, den man auch in Südbaden als pandemiesicheren Rückzugsort fürs Theater erkannt hat.

Derselbe fucking Planet

von Martin Thomas Pesl

München / Online, 7. Februar 2021. Ganz richtig fühlt sie sich noch nicht an, die derzeitige Normalität, in der es möglich ist, in Wien an einer Premiere im Werkraum der Münchner Kammerspiele teilzunehmen. Es ist mind-blowing und verstörend und irgendwie auch Gegenstand jenes Stückes, das hier eigentlich zur Uraufführung kommen sollte, nun aber stattdessen vorerst gestreamt, verfilmt, verlivetheaterfilmt wird: "Flüstern in stehenden Zügen" von Clemens J. Setz handelt von diesen Firmen, die E-Mails mit bedrohlichen Szenarien – Stromabschaltung, Computerviren – und einer Telefonnummer verschicken. Die Nummer führt in ein Callcenter, wo sich jemand als "Ulrich Müller" vorstellt und in gebrochenem Deutsch oder Englisch die Behebung des Problems infolge einer monetären Transaktion verspricht.

Weil der Nazigeist weiterlebt

von Thomas Rothschild

Salzburg / Online, 6. Februar 2021. "Am liebsten würden sie / wenn sie ehrlich sind / uns auch heute genauso wie vor fünfzig Jahren / vergasen / das steckt in den Leuten / ich täusche mich nicht". An diesem Satz muss nur die Zahl korrigiert werden. "Wie vor achtzig Jahren" muss es heißen. Ansonsten hat der Befund, den Thomas Bernhard seinem Professor Robert Schuster in den Mund legt und den eine beharrliche Konvention als "Übertreibung" zu relativieren versucht, nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt.  August Zirner spricht ihn, die linke Hand in der Manteltasche, in der rechten ein verwelktes Herbstblatt, fast beschwörend zu seiner Nichte Olga, die auf der Straße bespuckt wurde, aber die Wirklichkeit nicht wahr haben möchte.

Etwas ist faul am Status Quo

von Georg Kasch

Leipzig / Online, 5. Februar 2021. Kategorien, Einordnungen, Schubladen? Helfen kaum weiter, wenn es um Menschen geht. Und doch labeln wir alle, jeden Tag: unterscheiden zwischen Mann und Frau, groß und klein, hässlich und schön. Nach eigener Erfahrung, Prägung, Bauchgefühl. Und dann passiert es, dass wir zum Beispiel Menschen mit Behinderung entweder als unzulänglich entwerten oder als Helden mystifizieren. Weil sie im Rollstuhl sitzen. Weil ihr Körper nicht der Norm entspricht. Und weil sie "trotzdem" ihr Leben leben.

Die Sklaven der Dinge

von Christian Rakow

Villach / Online, 5. Februar 2021. Nach Kärnten bin ich nie gekommen. Und mithin nie zur Neuen Bühne im 62.000-Seelenort Villach. Erst dieser zweite Corona-Lockdown macht es möglich, jetzt da Theater in wachsender Zahl auf Onlinepremieren ausweichen: gestreamt aus leeren Sälen, für Zugeschaltete von irgendwo. In meinem Falle aus Berlin.