Wo Polly mit dem Rhönrad kommt

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 23. Juni 2019. Wer heute "Die Dreigroschenoper" inszeniert, hat es nicht leicht. Mit ihren neunzig Jahren auf dem Buckel ist sie längst ein "Klassiker" und trifft auf berechenbare Erwartungen. Macht man eine Show daraus, zürnen die Brechtianer über die unzulässige Trivialisierung. Versucht man, ihren ursprünglichen gesellschaftskritischen Impetus zu rekonstruieren, versichern die Modernisten, der sei längst veraltet und ziele an unserer Gegenwart vorbei.

Geliehenes Glück

von Harald Raab

Ötigheim, 22. Juni 2019. Große Sprüche, große Bilder, große Kulissen, großes Gewoge von Menschenmassen, mit Pferden, einem Esel und einem Monster. Ein bunter Rausch von Kostümen, Reifröcken, Perücken, russischen und orientalischen Trachten, Musketen und einer Kanone. Es knallt und kracht, pyrotechnischer Bühnenzauber, Musik, Tanz und Gesang. Volkstheater, ausgereizt bis zum Geht-nicht-mehr. Nicht kleckern, sondern klotzen. Ein Megaspektakel im oberrheinischen Ötigheim für einen fantastischen Aufschneider, den Baron Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen. "Sein wahres Leben in 15 Lügengeschichten nach einer Vorlage von Erich Kästner". So steht's im Untertitel des Freilichttheaters auf der Volksschauspielbühne in einer ehemaligen Kiesgrube.

Etüde der Sinnzerstörung

von Gerhard Preußer

Köln, 22. Juni 2019. Sechs kleine künstliche Hamster drehen sich auf dem Modell einer Theaterbühne im Kreis, jeder in seiner geschlossenen Glaskugel. Nach draußen dringt nur das leise Klick-klick-klick der Mechanik. Hinter der Modellbühne ein umgestürzter Thespis-Karren, daneben ein Zirkuspferd im Jaguarfell, am Bühnenrand nur schwarze Raben. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler stehen auf der echten Bühne und mühen sich ab. Sie sprechen Worte, doch die kommen nicht an. Zu laut tönt die Musik aus den Boxen: Jacques Offenbachs Ouvertüren.

Publikumsbetanzung

von Jan Fischer

Hannover, 22. Juni 2019. Am Anfang ist da Widerstand, verlassen sogar einige den Saal: Zu Beginn von Nora Chipaumires Trilogie "#PUNK 100% POP *N!GGA" läuft ein souliger Basslauf in Endlosschleife, dazu Live-Gitarrengeniedel des Punkgitarristen David Gagliardi, während der Tänzer Shamar Watt das Publikum auffordert, mitzuklatschen und aufzustampfen. Wer nicht mitmacht, vor dem baut Watt sich auf. Anlehnen oder hinsetzen ist nicht erlaubt, der Bühnenboden ist Tanzfläche und aus dem Lautsprecherberg aus Sperrholz brettern Bass, Beats und die Gitarre. Aber, gut, es ist ja auch der erste Teil der Trilogie, "Punk", da ist‘s dann halt widerständig. Jedenfalls wird ein Ringelpiez mit Anpassen daraus: Wer den Saal nicht verlässt, der bewegt sich, während Watt und die Regisseurin und Choreographin Nora Chipaumire sich auf der Suche nach der Widerständigkeit von Patti Smith die Seele aus dem Leib tanzen und schreien, dass der Schweiß nur so fließt und platscht.

Aus dem Fenster des abfahrenden Zugs

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 21. Juni 2019. Acht Uhr fünfundfünfzig. Ein Bahnhofsvorsteher bläst seine Trillerpfeife. Eine Kellnerin lässt eine Kaffeetasse fallen, die in tausend Scherben zerspringt. Im Radio läuft Bette Davis Eyes. Die Szene wiederholt sich mehrmals in leicht variierter Form, wie der Refrain eines Songs. Kurz vor dem Ende fällt die Tasse wie in Zeitlupe ein weiteres Mal zu Boden. Aber sie zerspringt nicht. Ein Mann – wir ahnten es – kann sie gerade noch auffangen. "Gerade nochmal gut gegangen."

Was nicht erzählt wird, das verschwindet

von Jan Fischer

Hannover, 21. Juni 2019. Nach zweieinhalb Stunden tanzt auch das Publikum auf dem Balkon. Da hat es schon eine halbe Stunde flackerndes Stroboskoplicht hinter sich, untermalt von geradezu schmerzhaft brachialem Deep House und Dubstep, während sich die Figuren in Łukasz Twarkowskis "Lokis" ins Vergessen der unerzählbaren Geschichten tanzen.

Macht und Amoral

von Steffen Becker

Mannheim, 21. Juni 2019. "IM ANFANG WAR DER STEIN, DER STEIN UND DIE BAHNTRASSEN (...) UND DIE ANKUNFT VON MENSCHEN ALLER NATIONALITÄTEN, DIE ALLE DENSELBEN DIALEKT SPRACHEN: SEX-COLTAN“, schreit der Text. Auch die Menschen, die den Mannheimer Club "Disco 2" betreten, um im afrikanischen Club "Tram 83" zu landen, sind abhängig vom Erz Coltan. Zumindest, wenn sie ein Smartphone ihr Eigen nennen. Schlechtes Gewissen müssen sie trotzdem nicht haben. Denn Fiston Mwanza Mujila hat mit seinem Roman keine Anklageschrift verfasst. Sein Thema ist weniger das Coltan als der Sex.

Macht contra Leben

von Shirin Sojitrawalla

Mannheim, 20. Juni 2019. Bei Schiller steht Elisabeth am Ende in ruhiger Fassung da und bezwingt sich, wie man das von ihr kennt, bis der Vorhang fällt. In Mannheim indes rutscht Elisabeth zusehends aus dem Fokus, und Maria Stuart schiebt sich auch zum Schluss wieder ins Scheinwerferlicht, bezwungen zwar, aber ruhig, und extrem lässig zündet sie sich noch eine Zigarette an, bevor das Licht ausgeht.

Gerade oder lieber extra krumm?

von Esther Slevogt

Berlin, 20. Juni 2019. "Warum hasst uns niemand?" fragt oder singt jemand an diesem Abend irgendwann – stellvertretend für die Bauhäusler*innen. Zu hören ist es durch die Kopfhörer, die zu Beginn ausgegeben werden und unter denen man nun durch die endlosen Weiten der Berliner Volksbühne wandelt, in die Schorsch Kamerun seinen Abend zum 100. Bauhaus-Jubiläum verteilt hat: verschiedene Foyers und schließlich der große Saal des Hauses samt seiner Bühne.

Die Geburt des Blues aus dem Geist der Langeweile

von Falk Schreiber

Berlin, 20. Juni 2019. "Das kennen wir ja, was damals mit Prometheus war", rettet sich Bastian Reiber durch den Einstieg, "da müssen wir nicht weiter drüber reden". Also redet er auch nicht weiter drüber, ist ja sein gutes Recht – "Prometheus" ist die erste Regiearbeit des Schauspielers an der Berliner Schaubühne (zuvor hatte Reiber vor zwei Jahren mit "Passionsspiele" am Hamburger Schauspielhaus schon einmal einen mythologischen Stoff bearbeitet), da darf er natürlich reden, über was er möchte.

Bibel, Babel, Blasphemie

von Martin Thomas Pesl

Melk, 19. Juni 2019. Da soll also ein himmelhoher Turm draus werden, aus diesen kubenförmig angeordneten, gegeneinander verschiebbaren Stahlgerüstmodulen. Vielversprechend. Aber weil wir in Babel oder "Babylon" sind, wird es letztlich nur ein Bühnenbild. Das sich gegen das durchaus vollendete Bauwerk dahinter sowieso bescheiden ausnimmt. Denn da thront das Stift Melk über der Donau.

Wider die Immersion

von Martin Thomas Pesl

Salzburg, 17. Juni 2019. Salzburg hat – also bei jüngeren Menschen von anderswo – jetzt nicht sooo den guten Ruf: museal, kitschig, teuer, ein aalglattes Disneyland der "Sound-of-Music"-Freaks. Dass es auch hart und dreckig kann, zeigte Adrian Goiginger 2017 im Kinofilm "Die beste aller Welten". Liebevoller schaut jetzt die bewährte lokale Performance-Gruppe ohnetitel gleich in sehr viele Alltagsecken dieser Stadt, in der, wer hätte das gedacht, auch vor und nach den Festspielen echte Menschen leben und arbeiten. Die mehrtätige unkonventionelle Stadtrundfahrt hat große literarische Vorbilder: James Joyce, dessen Protagonist Leopold Bloom 24 Stunden lang durch ein ganz normales Dublin streifte, und Homer, dessen "Odyssee" wiederum Joyces Roman "Ulysses" seinen Namen gab.

Im Garten der Geister

von Sascha Westphal

Amsterdam, 17. Juni 2019. Das längst verlorene Paradies ist eine hölzerne Plattform, nur ein paar Zentimeter hoch. Wer sie betritt, kommt in einer anderen, dem Untergang geweihten Welt an. Ringsum liegt Kunstrasen. Im Hintergrund erhebt sich ein Rundhorizont, auf den mal Negativbilder kahler Bäume, mal das Panorama einer von Strommasten und -Leitungen durchzogenen Landschaft projiziert werden. Aber das Herzstück dieser Szenerie ist und bleibt die kleine Holzbühne, auf der die Tschechowschen Figuren ganz zu sich selbst finden und sich gerade deshalb verlieren. Hier kann der Kaufmann und Aufsteiger Steven von seiner Jugend träumen, in der er sich in die für ihn unerreichbare Gutsbesitzerin Amanda verliebt hat, und dann eben diesen Traum mit der Wirklichkeit verwechseln.

Zur Gehorsamkeit verdammt

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 16. Juni 2019. Auch wer nicht wüsste, dass Johanna Wehner die Regisseurin des Abends ist, könnte es merken: An der Art, wie die Schauspieler*innen zuweilen ihren Körper nach links und rechts biegen, an den tropfenden Geräuschen, der Unwirtlichkeit und Düsternis der Bühne, am splitterndem Text sowie am trostlosen Gestus des Ganzen. Für Weltuntergangsstimmung auf dem Theater scheint Johanna Wehner ein Faible zu haben.

Die schwebende Schwere

von Andreas Wilink

Bochum, 15. Juni 2019. Der Geist spricht nicht mit Hamlet. Er spricht aus ihm. Hamlet im Dialog mit sich selbst. Sein vielfach wiederholtes "Du bist hier" wird zur um Bestätigung ringenden Selbstbefragung. Hamlet, die wund laufende Denkmaschine. "Mein Gehirn ist eine Narbe", sagt er mit Heiner Müller, aus dessen knappen Stückseiten hier im Schauspielhaus Bochum, das gegenüber vom William-Shakespeare-Platz liegt, einiges dem Text beigefügt wird.

Unglücklichster Tag des Lebens

von Anna Landefeld

München, 15. Juni 2019. Eine Kopie von einer Kopie von einer Kopie. Eine steril-grell ausgeleuchtete Erinnerung im leeren Raum an etwas, was man sich immer wieder und solange erzählt hat, bis nichts übrig bleibt außer Abgeklärtheit, Nüchternheit. Toderzählt. Ein Protokoll über nichts weiter als den Untergang der Welt, aufgefüllt mit Detailfetzen, die einem halt so sinnlos hängen bleiben im Gedächtnis: über etwas in seiner ganzen so unheimlichen Unvorstellbarkeit und ja, auch in seiner ganzen unheimlichen Schönheit. Felix Rothenhäusler distanziert sich mit seiner Bühnenfassung von "Melancholia" größtmöglich von Lars von Triers bildüberwältigender Film über die weltentrückte Justine, die sich die Kollision des blauen Planeten Melancholia mit der Erde herbeisehnt, die Erlösung im Tod – getragen von Richard Wagners leitmotivisch verwendetem Vorspiel zu "Tristan und Isolde". Bei Rothenhäusler ist das nur noch ironischer, gesprochener Kommentar, ein netter Fakt, für alle die den Film mal gesehen haben.

Ritt auf der Retrowelle

von Tobias Prüwer

Leipzig, 15. Juni 2019. "We can be heroes just for one day / We can be heroes..." Licht aus. Der halbe Saal steht, der ganze jubelt. Licht an und auf der Bühne zeigen sich erleichterte Gesichter. Das Ensemble meistert David Bowies "Lazarus" mit handwerklicher Bravour. Hubert Wild gibt einen zünftigen Regieeinstieg in Leipzig. Und das Schauspiel hat sein eigenes Pop-Musical. Alle Erwartungen wurden erfüllt, tschaka, und gemeinsam klatschen Publikum und Schauspielende zum Schlussbild rhythmisch mit, ein Pärchen schwingt Bowie-Shirts wie Fahnen über den Köpfen: Helden für einen Tag.

Die schweigende Mehrheit

von Jens Fischer

Bremen, 14. Juni 2019. Aus einer rassistischen Überzeugung heraus mehr als zehn Jahre unbehelligt Überfälle, Sprengstoffanschläge, Morde begehen. Wie ist das möglich in einem Rechtsstaat? Aus welchem fruchtbaren Schoß krochen die Täter des NSU? Wer machte wie, warum mit, und was hat das mit uns zu tun, die wir lauthals anders denken? Der NSU-Terror lässt das Theater Bremen nicht los. Nurkan Erpulat brachte mit der Dramatisierung des Fatih-Akin-Films "Aus dem Nichts" dem Publikum Selbstjustiz gegen Neonazis wie Beate Zschäpe nahe. Das hat nach ihrem (immer noch nicht rechtskräftigen) Lebenslang-Urteil keinen Deut an Brisanz verloren. Die Verteidigung kündigte Revision an – und gerade gestern publizierte das Hamburger Abendblatt: "Nicht zu fassen – 500 gesuchte Rechtsextreme auf freiem Fuß".

Bewegtes Stillleben

von Gabi Hift

Wien, 13. Juni 2019. "Missing people" – das sind etwa 250 Obdachlose, mit denen Béla Tarr bei den Wiener Festwochen zusammengearbeitet hat. Es sind dem sozialen Leben Verloren Gegangene - und wir, die Besucher werden sie am Ende vermissen. "Missing people" kann ja auch ein Gefühl bedeuten: "How are you?" "I am sad. Missing people". Und dann ist auch Béla Tarr selbst jemand, der von Vielen schmerzlich vermisst wird. Er, der als einer der wichtigsten Filmemacher seiner Generation gilt, hat 2011 verkündet, dass sein Film "Das Turiner Pferd" sein letzter gewesen sei.

Oh solitude!

von Martin Thomas Pesl

Wien, 14. Juni 2019. Der Anfang folgt dem Titel der Festwochen-Frühabendpremiere: Missing People. Während allmählich das Saallicht gedimmt wird, weht Operngesang von irgendwoher, brandet im Hintergrund ein leises Wummern auf, klimpert ein Glockenspiel. Wenn dann noch langsamer ein paar Deckenlampen und Neonröhren angehen, ist Zeit, das verspielte Bühnenbild von Christian Friedländer zu studieren: Drei ganze und zwei halbe Kuben sind da, die Drehtüren mit transparenten Farbfolien bespannt. Sie bergen kleine Universen: einen Dschungel aus Topfpflanzen etwa, einen traurigen Souvenirshop, in dem sogar der Postkartenständer leer ist, einen Einkaufswagen, in den ein ganzes Obdachlosenleben passt. Die fünf Menschen, einer für jede Kabine, tauchen erst auf, wenn Klang und Bild voll zur Geltung gekommen sind.