Der Teufel aus der Maschine

von Jan-Paul Koopmann

Kiel / Online, 14. November 2020. Die Gänsehaut kommt schon deshalb unerwartet, weil die Premiere seit ein paar Stunden vorbei ist: Der Rechner fährt zum Schreiben nicht wieder hoch, irgendein Problem am BIOS – vorher nie gehabt – ausgerechnet jetzt und ausgerechnet auf eben jenem Gerät, mit dem wir unter der Ritualanleitung der Kieler Theaterleute vorhin einen digitalen Teufel beschworen hatten. Zum Spaß natürlich, aber in einem Gruseltheater-Stream, der offenbar doch auch echte Ängste geschürt, oder immerhin Misstrauen geweckt hatte: vor dem abgeklebten Auge der Webcam nämlich und vor dem Mikrophon, das ja eigentlich nicht mithören kann, solange die kleine rote Diode nicht leuchtet... 

Theatergemeinde am tröstenden Lagerfeuer

von Valeria Heintges

Zürich, 14. November 2020. Die Lage ist trostlos. Die Theater in Deutschland – geschlossen. Die Theater in Österreich – geschlossen. Nur ein kleines Land mit unbeugsamen Helvetiern leistet Widerstand und lässt seine Bühnen geöffnet, allerdings mit Auflagen: Nur 50 Zuschauer dürfen in der Schweiz in den Vorstellungen sitzen. Eine bedrückende Sache, wenn in einem Saal, in dem sonst 700 Kinder und Erwachsene johlen und jubeln dürfen, nur noch 50 Verstreute hocken. Aber auch der Hort des Widerstands wankt: Nur wenige Minuten vor dem Beginn der Premiere von "Versammlung für einen Frosch" lässt die Corona-Taskforce der Schweiz verbreiten, dass sie für eine weitere Verschärfung des hiesigen Soft-Lockdowns wäre. Das hieße: Wenn der Bundesrat der Empfehlung dieses Expertengremiums folgt, dann wären auch in der Schweiz die Theater dicht. 

Gespenster im Wiener Wald

von Katrin Ullmann

Hamburg / Online, 7. November 2020: Eine Art "Geistervorstellung" kündigt Karin Beier zu Beginn des Livestreams an. Eine Premiere aus dem Deutschen Schauspielhaus, dessen Intendantin sie ist, zwar live gespielt und live gestreamt, doch ganz ohne Publikum im Saal. Und tatsächlich entwickelt diese Aufführung gleich zu Beginn eine geisterhafte Stimmung. Minutenlang lässt Regisseurin Heike M. Goetze die Darsteller*innen still durch ihren kargen Bühnenraum streifen. Dort hängen ein paar fast vollständig entlaubte, dürre Bäume von der Decke und stehen ein paar schlichte Holzbänke herum, ein Waschbecken und ein WC. Von irgendwoher beißt sich immer wieder, hinterhältig und hartnäckig, ein Kichern über die leise knisternde Soundkulisse (Musik: Fabian Kalker). Brennt dieser Wiener Wald? Züngelt hier irgendwo ein nicht sichtbares Feuer? Langsam, fast unmerklich, aber stetig?

Geschichtsdrama als Volksstück

von Thomas Rothschild

Pforzheim, 7. November 2020. Unsere an virenbedingten Improvisationen nicht arme Zeit kann noch mit Überraschungen aufwarten. Wir kennen mittlerweile ein Publikum ohne Theater, ein Theater mit abgezählten Zuschauern auf Distanz, auch ein Theater im virtuellen Raum. Aber eine Premiere ohne Publikum: das ist neu. Wenn auf der Bühne gespielt wurde und kein Publikum anwesend war, sprach man bisher von Probe. Was sich am 7. November in Pforzheim ereignet hat, war jedoch tatsächlich eine seit langem geplante und in bestem Glauben vorbereitete Premiere.

Allein in ihrem Kampf

von Andreas Klaeui

Zürich, 5. November 2020. Whistleblowerin / Elektra – Der Titel des Abends ist sein dramaturgisches Programm: Yasmine Motarjemi ist Wissenschafterin und Spezialistin für Lebensmittelsicherheit. Sie arbeitete für die Weltgesundheitsorganisation WHO, bis Nestlé sie abwarb als Verantwortliche für die Lebensmittelsicherheit des Konzerns. Bekannt wurde Motarjemi, weil sie einen Mobbingprozess gegen Nestlé angestrengt und schließlich gewonnen hat.

Es werde violett

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 31. Oktober 2020. Sie sind immer da, die Erdgeister, die Hexen und Mephisto. Sie schleichen, posieren, tänzeln und stelzen allezeit um Faust herum. Der knallt derweil Pinselstriche in die Luft, die digital und überdimensional groß an die Bühnenwände geworfen werden. Tobias Hoeft hat entsprechend dafür einen schlichten Ausstellungsraum gebaut. Für einen exzessiven Künstler, der seinen Rausch kurz unterbricht, um seinen Habe-nun-ach-Frust über die Studiererei aufzuklären. Faust giert nach Mehr, fühlt sich zu Höherem bestimmt. Zeigt er da mit seinen Fingern das menschenverachtende Zeichen für White-Power? Um es gleich vorweg zu sagen: Faust ist es, der in Mizgin Bilmens Dortmunder Inszenierung gehörig an Macht einbüßt. Er darf nicht einmal auf den Brocken zur Walpurgisnacht.

TikTok zum Todesurteil

von Frauke Adrians

Berlin, 30. Oktober 2020. Himmel, was kann ein Trauerspiel doch Spaß machen. Und das trotz bevorstehendem Corona-Lockdown. Die Premiere der "Maria Stuart" schaffte es gerade noch auf die Bühne, bevor auch das Deutsche Theater wieder schließen muss; nur drei Aufführungen sind Maria und ihrer Gegenspielerin Elisabeth bis auf Weiteres vergönnt, und das ist sehr schade. Denn obwohl Regisseurin Anne Lenk die Tragödie weder dekonstruiert noch radikal umdeutet, gewinnt sie den beiden Königinnen und den sie umkreisenden Männerfiguren doch einige ungeahnte Schattierungen ab – und eine erstaunliche Menge Komik.

Zurück aus dem Wasser

von Andrea Heinz

Wien, 30. Oktober 2020. Ein großes Verdienst der neuen Burgtheater-Direktion ist es ganz sicher, selten bis gar nicht gespielte (Exil-)Autorinnen auf die Bühne zu bringen. Vergangenes Jahr war es Maria Lazars Stück Der Henker, das am Akademietheater aufgeführt wurde, heuer ist es Anna Gmeyners "Automatenbuffet". Das Stück ist nicht unbedingt eine Entdeckung, eher eine Wieder-Entdeckung: 1932 geschrieben, hatte es zu seiner Zeit durchaus einigen Erfolg, wurde in Hamburg, Berlin und Zürich gespielt, dort mit Therese Giehse in der Hauptrolle. Wie für Stücke dieser Zeit durchaus nicht unüblich, beginnt es mit einer jungen Frau, die ins Wasser geht.

Dieser Chor kann sowas wie Jesus sein

von Dieter Stoll

Nürnberg, 30. Oktober 2020. Es ist Tag 2 nach dem Nürnberger Kulturhauptstadt-Schock. Auf der Bühne des Schauspielhauses rennen die jungen Frauen eines 14-köpfigen Sprechchors, der extra für René Polleschs Uraufführung "Take the Villa and Run!" gegründet wurde, wohlgeordnet kreuz und quer und rundherum durch den Raum. Erst jungfräulich weiß mit Rüschen, später knallbunt mit Cowboyhüten im Nacken. Bei genauem Hinhören kann man sogar die Munitionsgürtel klappern hören.

Das, was nicht stimmt, ringt hier um Worte

von Gabi Hift

Wien, 30. Oktober 2020. Riesig ist das Federbett, das über der ganzen Bühne liegt. Als es gelüftet wird, zeigt sich darunter ein typisches Wohnzimmer aus den 80ern: Schrankwand des Grauens, Servierwagen, Standuhr, Marienstatue und ein noch verpackter Weihnachtsgartenzwerg (Bühne: Lili Anschütz). An einem Bord an der Wand erscheint, live getippt, eine Schrift: "Also. Anfangen. Warum muss sich das so schwer anfühlen." Ewelina Benbeneks "Tragödienbastard" ist der Gedankenstrom einer Frau, die zu immer neuen Erklärungen ansetzt und immer wieder ins Rechtfertigen rutscht. Gegenüber ihrer Großmutter in Polen, die wissen will, ob sie schon einen Mann gefunden hat, gegenüber den Eltern, die sich ein Leben lang einen deutschen Pass gewünscht haben, den sie, die Tochter nun hat. Erfolg hat sie, ein Studium abgeschlossen, aber „Was, wenn da das Gefühl bleibt, you know? Das Gefühl von Struggle, obwohl doch alles gut ist"?

Rasend und freundlich

von Georg Kasch

Dessau, 30. Oktober 2020. "So", sagt Athene, zündet sich eine Zigarette an und blickt skeptisch ins Publikum. Da sitzen wir, das Volk von Athen, und scheinen die Göttin nicht so recht zu überzeugen. Eben erst hat sie die Demokratie erfunden und die Manipulation unerfreulicher Ergebnisse gleich mit. Außerdem konnte sie von Athen schlimmste Gefahr abwenden, indem sie die Erinnyen, die antiken Rachegöttinnen, so lange bequatschte, bis aus ihnen die freundlichen Eumeniden wurden. Jetzt bauen sich die neuen Schutzgeister als Freiheitsstatuen auf mit Gesetzbuch und Fackel. Klar, die USA, älteste noch existierende Demokratie der Welt, ist in denkbar schlechter Verfassung. Athenes finaler Blick scheint zu sagen: Das hat man jetzt davon, das Mutterrecht für die Volksherrschaft zu opfern. Am Ende kommt immer ein Macho und macht alles kaputt.

Vom Recht auf Angst

von Gerhard Preußer

Bochum, 30. Oktober 2020. Fünf zu zehn. Das Corona-Virus bringt alle Verhältnisse durcheinander: Fünf Schauspielerinnen und fünf Schauspieler stehen vor fünf Zuschauern. Das ist eher die Situation einer Jury ohne Auftrag als ein öffentliches Kunstereignis. Aber nur so konnte der Abschlussjahrgang des Schauspiel-Studiengangs der Folkwang Universität der Künste seine Produktion zeigen. Die Zuschauerzahl in der Nebenspielstätte des Bochumer Schauspielhauses, der ehemaligen Waschkaue der Zeche Eins, war durch das Hygienekonzept auf fünf reduziert. Nach der Absage im März hat die Inszenierung nun haarscharf vor der erneuten Theaterschließung noch die Premiere erreicht.

Flieg auf, kleine Tränenfee!

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 29. Oktober 2020. Wie er da liegt, der Träumer! Hingestreckt gleich einem toten Heldenbildnis, selbst eine erotische Wunscherfüllung, aber unerlöst und auch ein verzweifelter, von seinen Geistern heimgesuchter Grübler. Träumt er von ihr? Will nicht, muss. Will nicht, muss. Will nicht, muss.

Etwas Entwicklungshilfe gefällig?

von Elena Philipp

Berlin, 29. Oktober 2020. Ach, diese Lücken, diese entsetzlichen Lücken! Gender Pay Gap: 21 Prozent. Gender Pension Gap: 52 Prozent. Gender Care Gap: in den Babymonaten unmögliche 110,6 Prozent! Wie kann das sein? Geringere Bezahlung, weniger Rente, ungleich verteilte Fürsorgearbeit, außerdem kaum weibliche Unternehmensvorstände – und alle drei Tage wird hierzulande eine Frau von ihrem (Ex-)Partner umgebracht: Schlecht steht Europas Musterstaat Deutschland da im internationalen Vergleich, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht.

Der Blondinen-Quäler

von Dominique Spirgi

Basel, 27. Oktober 2020. Wenn einem zu diesen Zeiten Vorstellungsabsagen mitgeteilt werden, denkt man natürlich an Corona. Das Theater Basel hat vor gut zehn Tagen zwei Vorstellungen der Schauspiel-Eröffnungsproduktion der neuen Ära unter Benedikt von Peter wegen einer Covid-19-Erkrankung im Ensemble absagen müssen. Das Konzert Theater Bern hat vor wenigen Tagen auf Anordnung des Kantons die Schotten komplett dicht gemacht. Und am vergangenen Freitag verkündete wiederum das Theater Basel, dass die auf Samstag angesetzte Premiere von "Hitchcock im Pyjama" nicht stattfinden werde. Allerdings nicht wegen Corona, sondern weil man für diese Uraufführung noch drei weitere Tage Probenzeit benötige.

Vier Untote hassen das System

von Esther Slevogt

Berlin, 24. Oktober 2020. Der Titel deutet es an: Diesmal wird in Moll gezetert, gesungen, gestampft und an Rollenbildern gerüttelt. "Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden" ist der Abend überschrieben – letzter Teil der Theaterserie von Sibylle Berg, die furios im November 2013 mit Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen begann, 2015 mit Und dann kam Mirna  weiterging, 2017 kam dann Nach uns das All. Immer von Sebastian Nübling inszeniert. Immer chorisch. Die vom Kapitalismus formatierte Gesellschaft kennt ja keine Individuen mehr, sondern nur noch Konsument*innen. Wobei die Chöre natürlich stets ihre Wucht aus der solistischen Virtuosität ihrer Mitglieder bezogen, überwiegend Frauen. Denn um Frauen geht's schließlich jedes Mal, beziehungsweise das, was die Gesellschaft aus und mit ihnen macht.

Nonsens statt Konsens

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 24. Oktober 2020. Gruppensex auf der Bühne in Corona-Zeiten? Trotz Abstandsregeln? Nach der kollektiven Entkleidung treibt man's einfach laut stöhnend im Dunkeln. Und das Publikum denkt sich seinen Teil. Auf der Bühne den Totschläger spielen? Das Opfer verschwindet hinterm Tisch, während der Täter sichtbar mit einer Metallplatte auf die arme Frau eindrischt.

Wunde auf und Pflaster drauf

von Georg Kasch

Cottbus, 24. Oktober 2020. "Die NSU-Morde – unser 11. September!" Eine Mädchengang brüllt diesen Satz, wieder und wieder, während MG-Salven sie niedermähen. Die Toten verschwinden im Loch des riesigen schwarzen Trichters, der die Bühne beherrscht, Rückzugshöhle all derer, die sich nicht mit dem Gestern auseinandersetzen wollen.

Es war einmal

von Falk Schreiber

Hamburg, 24. Oktober 2020. Ganz kurz schleicht sich die Gegenwart ein ins Spiel von Wolfram Koch. Mit der lächerlichen blonden Perücke, die ihm irgendwann verrutscht. Mit der sich überschlagenden Stimme. Mit dem Wunsch "Ich will, dass ihr in Panik geratet!" Ganz kurz also stellt die Inszenierung da eine Verbindung her, Boris Johnson – Donald Trump – Greta Thunberg, das ist politisch ein wenig naiv, aber es gibt zumindest eine Ahnung, dass dieser Abend womöglich irgendwohin möchte. Eine Ahnung.

Dicke runde Null

von Martin Krumbholz

Köln, 24. Oktober 2020. Ein monströses Stativ ziert die Rampe im Depot 1 am Schauspiel Köln: Wir befinden uns im hell ausgeleuchteten Studio eines Foto-Shootings, bald läuft ein knappes Dutzend "Models" auf, posiert kurz vor der Kamera, während das geknipste Bild auf Screens erscheint, verschwindet, dem nächsten Platz macht. Robert Borgmann hat für seine Ibsen-Überschreibung das soziale Umfeld der Vorlage ein wenig umorganisiert, den Plot in die Gegenwart verlegt; so ist der Bankier Torvald Helmer ein Modefotograf, eben aufgestiegen zum "Creative Director" einer bedeutenden Agentur, seine Frau Nora ein Model – durchaus kein trällerndes Püppchen, das abwechselnd Lerche und Eichhörnchen gerufen wird, sondern sich selbstbewusst in Szene setzendes Subjekt, gespielt von Sophia Burtscher.