Segen der Queerness

von Maximilian Pahl

Basel, 9. Januar 2018. "Je mehr Geld du hast", sagt der südafrikanische Choreograph Kieron Jina, "desto schwuler darfst du sein." Und je schwächer pigmentiert die Haut, desto ungefährlicher die Homosexualität, immer noch. Der Tänzer spricht solche Sätze inmitten einer Party, die dadurch keinesfalls abflaut – und die eine ganz kluge Performance ist: "Pink Mon€y" spielt sich in einem Nachtclub ab und so werden die Zuschauer als allererstes in einem Wartezimmer etwas verunsichert und eingereiht, bis Antje Schupp sie nacheinander durchwinkt.

Letztlich Affentheater?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 6. Januar 2018. Schon vor der Vorstellung wuseln seltsam gekleidete Menschen durchs Foyer, huschen später demonstrativ nervös durch die Zuschauerreihen, verteilen beruhigende Schokolade und wundern sich, warum so viele zum Vorsprechen gekommen sind. Klar, Shakespeare liebt das Spiel im Spiel, und der polnische Regiestar Ewelina Marciniak hat für ihre 34 Jahre zwar schon viele Auszeichnungen bekommen, aber dieser "Sommernachtstraum" am Theater Freiburg ist ihr erster Shakespeare. Gleich zu Beginn macht sie also klar, dass auch ihr die Konvention des ungestörten Zuschauens suspekt ist, und sie wird den Publikumsjoker später noch effektvoller ziehen.

Heimat ist immer woanders

von Veronika Krenn

Wien, 5. Januar 2018. Mit "Habe die Ehre", einer erfrischend unkorrekten Komödie über Ehrenmorde, erregte der syrisch-kurdische Arzt und Autor Ibrahim Amir in Wien erstmals Aufsehen. Für einen kleinen Skandal sorgte später, dass die Uraufführung seiner dystopische Komödie "Homohalal" am Wiener Volkstheater kurzfristig abgesagt wurde. Zum Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise sei eine Dystopie kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung mit dem Thema, ließ das Theater in einer Presseaussendung wissen. "Heimwärts" (hier die Nachtkritik von der Kölner Uraufführung) ist neben einem Auftragswerk das erste der beiden Stücke Amirs, die das Volkstheater stattdessen zeigt. Politisch nur halb so brisant charakterisiert es Heimat in einem bunten Roadmovie voller prekärer Identitäten als Phantasma, das sich verflüchtigt, sobald man sich ihm nähert.

Im Hinterland unserer Vorstellungswelt

von Steffen Becker

Ulm, 4. Januar 2018. "Wolfram Lotz' Theatertexte proklamieren oftmals durch nicht-umsetzbare Regieanweisungen (...) ein unmögliches Theater." Das verrät das Programmheft zur Inszenierung von "Die lächerliche Finsternis" am Theater Ulm. Regisseur und Intendant Andreas von Studnitz scheint der Herausforderung zunächst im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Weg zu gehen. Statt vor den Türen des Großen Hauses (wie angekündigt) versammeln sich die Zuschauer an einem "Meeting Point" im Foyer und verschwinden in den Katakomben. Eine Stewardess wartet mit einer Sicherheitseinweisung. Personen mit Höhenangst wird vom Besuch abgeraten.

Frühstück mit Muttermord

von Martin Pesl

Wien, 31. Dezember 2017. Am Schauspielhaus Wien umfasst die Dramaturgie auch Fachkräfte aus Bereichen wie Kostüm und Musik. Wie ein freies Kollektiv, wo alle alles entscheiden, schafft die Theaterfamilie von Tomas Schweigen seit 2015 verspielte Ereignisse, die manchmal glücken und immer besonders sind. Die diesjährige Silvesterpremiere verantwortet Jacob Suske, der Komponist unter den Dramaturgen. Sein in Luzern entwickeltes Format der "elektronischen Kammeroper" legt er in Koautorschaft mit der Lyrikerin Ann Cotten auf eine Elektro-"Elektra" um und führt selbst Regie. "Pathos ist ein legitimes Mittel", steht im Ankündigungstext des Theaters, doch dieses Mittel nutzt Suske nie. Im Gegenteil regiert zwei Stunden lang, wie der flye Untertitel "Was ist das für 1 Morgen?" ahnen lässt, überspitzte ironische Distanz.

Zu oll / zu doll

von Kai Bremer

Münster, 22. Dezember 2017. Es ist noch keine vierzehn Tage her, als hier der bisher letzte Kommentar in der vehement geführten Debatte um Stefan Ottenis Shakespeare-Inszenierung "Die Fremden / Der Kaufmann von Venedig" am Theater Münster erschien. In ihr ging es immerhin um den Antisemitismus in Shakespeares Drama und um nicht weniger als die Frage, ob zumindest einige Szenen der Inszenierung unreflektiert eine antisemitische Bildästhetik pflegen. Gestern nun kam am selben Haus mit Max Frischs "Andorra" (und zum Teil denselben Schauspielern) ein Stück zur Aufführung, das sich dem Thema Antisemitismus ganz eindeutig stellt.

Die Verzweiflung ganz unten

von Georg Kasch

Berlin, 21. Dezember 2017. Was ist das für eine Type! Bisschen schmal geraten, große Augen zwischen den knochigen Schultern, noch größere Klappe. Einer, der sich an den Ecken rumdrückt, einer, dessen Frustfalten sich tief um den traurig farblosen Oberlippenbart gefressen haben. Einer, der irgendwie immer im Weg steht – und aus dessen Blick Angst, Sehnsucht, gelegentlich auch Hoffnung stieren.

Krieg mit anderen Mitteln

von Maximilian Pahl

Bern, 21. Dezember 2017. So kann man einen Roman auch inszenieren: als Spiegelung aller seiner Elemente und Themen an der eigenen Achse. Genau wie Emil Nägeli, der Schweizer Regisseur und Protagonist in Christian Krachts "Die Toten", reiste die Schweizer Regisseurin Claudia Meyer nach Japan, um zu filmen. Nägeli tat es in den 1930er Jahren im Auftrag des UFA-Chefs Alfred Hugenberg, der ihn inmitten des kulturtechnischen Umbruches durch Farb- und Tonfilm mit dem japanischen Offizer Masahiko Amakasu zusammenspannte, um ästhetisch gegen Hollywood anzutreten.

Der Mensch als Provisorium

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 20. Dezember 2017. Tageslichtprojektoren, ein Holzkubus, eine hölzerne Freitreppe, ein Kleiderständer. Stefanie Dvorak zieht sich einen Babybauch und also die Rolle der Martha an. Markus Meyer bleibt als deren Ehemann Thomas Hoffmann den Abend über im Morgenmantel und kramt anfangs im Bühnen-Hinten nach Bier. Ihm antwortet Helene, das ist Marie-Luise Stockinger als jüngere Schwester Marthas, vom Bühnenrand vorne aus. Unstet lenken neue Auftritte die Aufmerksamkeit im Raum umher. Da steht eine Toilette, Michael Abendroth sitzt darauf, als Vater Egon Krause; er lobt die Pünktlichkeit seines "Morgenschisses". Naturalismus auf New Shit: Es ist die Österreichische Erstaufführung von Ewald Palmetshofers "Vor Sonnenaufgang" (das jüngst in Basel herauskam). Nach Gerhart Hauptmann. Im Akademietheater. Mit Bühne und Regie von Dušan David Pařízek.

Lang lebe Babylon Berlin

von Elena Philipp

Berlin, 17. Dezember 2017. Alles Fake: Die Möbel aus Pappe und Sperrholz, perspektivisch verzerrt oder zweidimensional wie im Comic. Wenn Türen knarren oder Korken ploppen, kommt der Sound vom Band. Kaffeekannen können singen, Bäume zwitschern wie Vögel. Und die Schauspieler*innen mit den schwarz umrandeten Stummfilmaugen chargieren, dass es eine Freude ist. Reines Als-Ob und dick ausgestellter Theaterzauber – "Alles Schwindel" ist ein Weihnachtsmärchen nach Hauptstadt-Art. Eine 86 Jahre alte Berliner Revue, die der Regisseur Christian Weise und sein Musikalischer Leiter Jens Dohle mit den Mitteln der Komödie im Gorki Theater neu auf die Bühne bringen. Die These: Ähnlich flimmernd-fragil wie damals ist Berlin auch heute.

In der Pfefferminz-Hölle

von Martin Krumbholz

Dortmund, 16. Dezember 2017. Die Fünfzigerjahre sind, natürlich infolge des Weltkriegs, ein Jahrzehnt gruseliger Dystopien. Den Auftakt machte 1948 George Orwell mit "1984", 1953 folgte Ray Bradbury mit der Geschichte des naiven Feuerwehrmanns, der Bücher verbrennt, statt Feuer zu löschen – "Fahrenheit 451". Max Frischs Parabel "Biedermann und die Brandstifter" von 1958 ist damit verglichen schon fast eine behagliche Beschreibung präfaschistischer Zustände, und man merkt Gordon Kämmerers Inszenierung zur Wiedereröffnung des Dortmunder Schauspiels an, welche Anstrengung es kostet, dem Text eine gewisse markige Farbigkeit zu verpassen.

Odyssee der Gefühle

von Dieter Stoll

Nürnberg, 16. Dezember 2017. Die Drehbühne führt bei diesem kleinteilig großspurigen Stück mit jeder Runde vorbei an der beschworenen Patenschaft von Schnitzlers "Reigen", dem Sittenbild von vorgestern. Schlaue Dramaturgen haben auch Ingmar Bergman und seine "Szenen einer Ehe" zum näher liegenden Zweit-Gutachter für "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" erklärt, Joël Pommerats Zwischenbilanz von heute. In der Nürnberger Inszenierung, der vierzigsten und letzten von Klaus Kusenberg als Schauspieldirektor von 18 Spielzeiten, mag man es jenseits solcher Behauptungen etwas rätselhafter.

Vampire unter sich

von Jürgen Reuß

Freiburg, 16. Dezember 2017. In der Mitte eine eher sanft ausgeleuchtete, erhöhte quadratische Plattform wie ein Boxring ohne Seile oder eine Festungsinsel oder eine bunkerartige Grabplatte. Der Rest der kahlen Bühne verschwindet im Dämmerlicht. Am rechten hinteren Seitenrand des Spielfeldquadrats steht ein Heizkörper. Dazu Edgar, der Hauptmann dieses militärischen Inselreichs, der es nie zum Major geschafft hat und sein kleines Reich mit misanthropischem, egomanem Missmut terrorisiert. Und seine Frau Alice, die es ihm nie verzeiht, dass sie sich von ihm aus ihrer eingebildeten Karriere als Schauspielerin herausblenden lassen hat.

Von Bechern und Fässern

von Melanie Huber

Rendsburg, 16. Dezember 2017. Fünfzehn mit Wasser gefüllte Plastikbecher stehen aufgereiht am Bühnenrand, am rechten äußeren Ende kniet Neele Frederike Maak, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Ihr blondes Haar steht wirr nach allen Seiten ab, ihr Blick ist starr, angstverzerrt. Sie ist Pip, der Schiffsjunge der "Pequod", von dem es in Herman Melvilles Roman "Moby Dick" heißt, er sei dem Wahnsinn verfallen – in jedem Fall ist dieser Pip hier stummer Leidtragender einer Geschichte, die auch von Machtmissbrauch und Ausbeutung erzählt.

Chaos mit rotem Faden

von Frank Schlößer

Rostock, 16. Dezember 2017. Vor sechzig Jahren starb eine Straßenköterin aus Moskau. Weshalb erinnert man sich noch heute daran? Es ist der Ort ihres Todes: Erdorbit, Sputnik 2. Wir sind Laika dafür dankbar, dass sie am 3. November 1957 über fünf Stunden dafür brauchte. Denn ihr Flug zeigte: Wenn Hündinnen den Orbit überleben können, dann können das echte Männer – wie zum Beispiel Juri Gagarin. Braves Hündchen, hat sie doch was gemacht aus ihrem Leben!

Wir hauen zusammen

von Sascha Westphal

Köln, 15. Dezember 2017. Der Anfang ist furios. Die Augen suchen nach Orientierung: Rechts ist ein Boxring, hinten ein großer Spiegel, vor dem eine Videokamera steht, links hat Anne Ehrlich einen Kasten hingestellt, der Wohnung und Krankenhauszimmer zugleich ist. Ein paar Fenster und ein Türdurchgang gestatten Blicke in sein Inneres, wo zwei Schaufensterpuppen dem Raum eine melancholisch-düstere Aura verleihen. Doch es bleibt einem gar nicht die Zeit, all diese Eindrücke zu einem größeren Bild zusammenzusetzen.

Tummelplatz menschlicher Nöte

von Veronika Krenn

Wien, 15. Dezember 2017. Gott ist tot. Die Menschen sind als einsame, einander bekämpfende Spezies sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Die steinernen Tafeln mit zehn Geboten, die Gott einst den Israeliten mit auf den Weg gab, wurden längst durch ein modernes Rechtssystem ersetzt. Kaum jemand kräht mehr nach ihnen. Gott ist tot, seine Gebote vergessen.

Gesellschaft im Verzug

von Alexander Jürgs

Mannheim, 15. Dezember 2017. Die Stimme kommt aus dem Dunklen. Sie klagt, sie zeigt die Angst. Es ist ein Sohn, der da spricht, ein Sohn, dessen Vater sich, aus welchem Grund auch immer, selbst angezündet hat, ein Sohn, der sich nun nicht in dieses Krankenhauszimmer traut, in dem der Vater liegt. Eine Hautpartikelwüste nennen die Ärzte den Körper des Mannes. Verbrannt auf Stufe drei. Während David Müller den Monolog dieses Sohnes spricht, entzündet er Streichholz um Streichholz. Das Feuer lodert, erhellt sein Gesicht.

Wedekinderparty

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Dezember 2017. Fangen wir anders an. Nicht mit dem Naheliegenden wie am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo man Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" das Pubertier aufbindet. Dabei liegt ein anderer Gedankensprung nicht fern: zwischen der Friedhofsrede des sich selbst aus der Welt schießenden Moritz Stiefel und der namenlosen Künstlerfigur in Rainald Goetz’ "Jeff Koons", die von der Clubnacht müde und im Herzen wund, zeigt, dass Irre-Sein und Ekstase nur ein anderer Ausdruck sind für die Verführung zur Verneinung. Beide schürfen im "Bergwerk der Seele" (Goetz). Beide sind Untote eines Nachtgesangs. Nahezu ein Jahrhundert trennt die jeweils zeitdiagnostischen Stücke, die wiederum ihr erbitterter Humor eint. Eine Woche trennt die Inszenierungen beider Stücke am Düsseldorfer Schauspielhaus. So funktionieren dramaturgische Dialoge.

Das letzte Leuchten der Macht

von Esther Boldt

Mainz, 15. Dezember 2017. Jetzt geht es doch um ihn. Der anfangs dachte, der Tod ziehe tatenlos an ihm vorüber. Jetzt sind die Schicksalsknoten entwirrt, obgleich so viele sich dagegen sträubten – und Ödipus die Entwirrung beharrlich vorantrieb. Jetzt fällt er bäuchlings auf das königliche Lasterbett, liegt wie ein gestürzter Baum. Jetzt bebt sein Verzweiflungskichern aus den Laken, und rotwangig stößt er aus: "Mutter, freu dich! Ein neuer Sohn kommt dir hinzu!" Seine Krone, sein Goldlorbeer ist ihm da längst vom Haupt gefallen. Sein Kostüm wird er, dessen Welt in einen fundamentalen Taumel geraten ist, ablegen wie seine Privilegien, den Goldmantel, den Fellkragen.