Statistiken des Schreckens

von Falk Schreiber

Hamburg, 20. April 2017. Männer links, Frauen rechts: Am Eingang zur Kampnagel-Halle wird man segregiert. Was von einem Geschlechterdualismus ausgeht, die dem halbwegs gendertheoretisch beschlagenen Zuschauer etwas unterkomplex vorkommen mag. Zumindest bis er in der testosteronschwangeren Publikumshälfte zu verstehen beginnt: Bei "Portrait Explosiv", Branko Šimićs Eröffnung des Hamburger Krass-Festivals, geht es um genau diese Unterkomplexität. Thema des Abends ist Gewalt, und Gewalt fragt nicht nach Vielschichtigkeiten, Gewalt ist einfach da und ebnet alle Differenzen ein.

Skandalnudel al dente

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 19. April 2017. "Mir fehlt der Wandverbau in meinem seelischen Wohnzimmer." Und Wandverbau heißt Lebenshilfebücher und heißt Normalität. Stefanie Sargnagels Erzähl-Ich erlebt sich einerseits als Defizit. Nicht zielstrebig, nicht fit, nicht kommunikativ genug. Behauptet andererseits das Defizit als Plus. Von Beisl zu Tschocherl zu Milieuerfahrung, saufend den Tag verschleißen. Produktivität erstens und Unproduktivität zweitens werden drittens in einer selbstreflexiven Geste verschlungen: "Als Künstler nennt man es ja Research." Und allmählich verfertigt sich im Text der Text für die Lesung beim Bachmann-Preis, der der Text selber ist. Sargnagel erhielt 2016 für "Penne vom Kika" den Publikumspreis der 40. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Im Juli erscheint ihr neues Buch "Statusmeldungen" bei Rowohlt.