Wo Unheil gedeiht

von Sascha Westphal

Münster, 10. Oktober 2020. Nichts als Grauzonen. So war es schon vor über hundert Jahren, als dem Chemiker Fritz Haber zusammen mit Carl Bosch die Ammoniaksynthese gelang. Damit war der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Produktion von Kunstdünger gemacht. Die Ammoniaksynthese ermöglichte aber auch die Produktion von Giftgas und dessen Einsatz als Massenvernichtungswaffe im Ersten Weltkrieg. Habers Ehefrau, die Chemikerin Clara Immerwahr, protestierte als überzeugte Pazifistin vergeblich gegen seine Bestrebungen für einen Gaskrieg und erschoss sich schließlich im Garten der gemeinsamen Villa nach einer Party, mit der Haber den ersten erfolgreichen Einsatz von Giftgas gegen die französischen Soldaten gefeiert hatte.

Widerstreitende Identitäten

von Max Florian Kühlem

Oberhausen, 9. Oktober 2020. Saša Stanišić. Wer den Namen des Schriftstellers in einem mit deutscher Tastatur geschriebenen Text korrekt darstellen will, muss ihn von irgendwo hinein kopieren – und wird so gleich mit dem Problem konfrontiert, das ihn zu seinem vielfach (unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis) ausgezeichneten Werk "Herkunft" inspirierte: Mit diesem Namen bekommt man in nicht wenigen deutschen Vierteln keine Wohnung. Mit diesem Namen muss man ständig dieselben Frage beantworten: Woher stammt der? Woher kommen Sie denn eigentlich?

Hitler braucht einen Coach

von Andrea Heinz

Wien, 9. Oktober 2020. Es erhärtet sich der Verdacht, dass Burgtheater-Direktor Martin Kušej sich an der Ära Peymann abarbeitet: Zur Eröffnung inszenierte er letztes Jahr Kleists Hermannsschlacht. In der zweiten Saison gibt es nun, kurz nachdem Peymann drüben an der Josefstadt bei der Generalprobe der Bernhard-Dramolette Der deutsche Mittagstisch huldvoll einem verzückten Publikum zuwinkte, Taboris "Mein Kampf". Die Uraufführung erregte zu Peymanns Zeiten an der Burg die Gemüter. Hauptdarsteller Ignaz Kirchner bekam während der Proben Scheiße zugeschickt, schön verpackt in einem Demel-Karton. (Für alle Nicht-Wiener*innen: k.u.k. Hofzuckerbäcker.)

Die Ruhe der Eishaie

von Sabine Leucht

München, 8. Oktober 2020. Uff, da ist viel los auf der Bühne, keine Frage. Vor einer Wand, die wie eine Mischung aus Platine und Lochkarte aussieht, gibt es viel zu sehen, zu hören und zu dechiffrieren – viele poppige, futuristische und barocke Bilder, massig Text und etwas Tanz und Gesang. Als solle auf Teufel komm raus das Spektakel her, das einem die herrschende Corona-Lage gerade vermiest. Es ist ja schließlich Spielzeitauftakt an den Münchner Kammerspielen, wo die frischgebackene Intendantin der neuen Heimat mit Lebkuchenherzen kommt, die im Anschluss im Foyer verteilt werden. Eine freundlich-fröhliche, fast rührende Geste an die Stadt, die sich gerade noch von der Oktoberfest-Brache erholt. 

Wenn die Maxime verblüht

von Christian Rakow

Berlin, 8. Oktober 2020. Solche Reifröcke gibt es sonst nur im Historienfilm. Echte Cul de Paris, mit ausladendem Hinterteil. Eine Mode des späten 19. Jahrhunderts, die uns Kostümbildnerin Ana Savić-Gecan hier in Erinnerung ruft. Wenn schon "Gespenster" von Henrik Ibsen (aus dem Jahr 1881) auf dem Programm steht, dann eben auch richtig, dann auch mit original gespenstischen Stützvorkehrungen und Korsagen unter dem gutbürgerlichen Kostüm-Überbau. In einigen Szenen dieses Abends werden diese Vorrichtungen offengelegt. Und der Mensch darunter erscheint wie eine absonderliche Marionette oder wie ein Sklave unterdrückter Obsessionen.

Herrenmenschenknödel haben nicht flauschig zu sein

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 8. Oktober 2020. Beinah kommt ihm eine zärtliche Geste für seine Frau aus, im Zoo vor dem Leopardengehege. Dort haben sie sich einst kennen gelernt. "Die Liebe hat sich über uns gestülpt wie ein Kartoffelsack", sagt der um Poesie nie verlegene Karel Kopfrkingl. Drum lässt er sich von seiner Frau auch Roman nennen (steht für Romantiker). Und er heißt sie nicht Maria, sondern Lakmé, aus Liebe zur Musik. Er wird seine Gattin sogar zu Koloraturen einer Opernarie mit der Krawatte erdrosseln. Ein Schöngeist durch und durch.

Keine Kapaune, aber mit Alles

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 8. Oktober 2020. Voltaire befand, in allen Kriegen gehe es nur darum, zu stehlen. Das sieht der Dramatiker Brecht anders. Im Krieg – in jedem Krieg – gehe es darum, Geschäfte zu machen, getreu der These, der Krieg sei nur die logische Fortsetzung des Kapitalismus. Der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648), der vor allem Deutschland irreparablen Schaden zugefügt hat und die größte Katastrophe vor dem Ersten Weltkrieg war, ist in dieser Perspektive kein singuläres Ereignis, sondern ein modellhaftes: Der Zuschauer lernt daraus nichts, was er nicht aus jedem anderen Krieg lernen könnte.

Unter den Liberalen

von Andreas Klaeui

Bregenz, 4. Oktober 2020. Am Ende dieser Premiere, nach Applaus und Verdankungen auf der Bühne, wird Stephanie Gräve, die Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass man das Bühnenbild doch bitte liegenlassen und nicht klauen möge. Tausende von echten Schweizer Fünfrappenmünzen glitzern und glänzen nämlich goldfarben auf dem Bühnenboden, es sind wohl mehrere tausend Franken und jedenfalls einiges an Gewicht. Dass es Schweizer Währung ist, hat nichts damit zu tun, dass Vorarlberg als "27. Kanton" der Schweiz doch noch beigetreten wäre, auch nicht damit, dass die Schweiz ein Hort des Kapitalismus ist, zumindest wohl nicht in erster Linie, aber damit, dass diese Premiere eine Koproduktion mit dem Aargauer Theater Marie ist. Ursprünglich hätte die Uraufführung im Kurtheater Baden stattfinden und erst später hier gezeigt werden sollen. Nicht (nur) Corona, aber Verzögerungen bei Renovierungsarbeiten haben dazu geführt, dass Bregenz nun zum Vortritt kam.

Fernweh-Träume und Obsessionen

von Gabi Hift

Berlin, 4. Oktober 2020. Zweimal Glück, einmal Pech, so die Bilanz der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin. Zwei der drei von der Jury prämierten Texte konnten bei diesem (ursprünglich für Juni geplanten) Festival uraufgeführt werden. Die dritte Produktion, "Schleifpunkt" von Maria Ursprung vom Schauspielhaus Graz, musste wegen eines Corona-Falls im Team in allerletzter Minute abgesagt werden.

Micky will die Macht

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 3. Oktober 2020. Dieser Hendrik Höfgen ist weniger eine elegante Teufelsgestalt als eine Micky-Mephisto-Maus und als solche ein beschwingtes Rädchen im Theaterbetrieb der Dreißigerjahre. Mit Mephistopheles-Schwellkopf à la Gründgens und vierfingrig weißen Patschhändchen hängt er am Ende trotzdem hilflos wie eine Marionette in den Seilen. Kein schlechtes Bild, doch bis es soweit ist (nach rund 90 Minuten), spielt ihn Christoph Pütthoff als ausdauernden Springinsfeld mit totalem Willen zur Schauspielmacht.

Du sollst von Gandhi lernen!

von Steffen Becker

Karlsruhe, 3. Oktober 2020. In einer Welt im Wandel ist es irgendwie beruhigend zu wissen, dass ein*e Gött*in uns im Wesentlichen noch immer für die gleichen Dinge zur Hölle schicken wird wie unsere Vorfahren. "Die neuen Todsünden", die am Staatstheater Karlsruhe vor- und aufgeführt werden, führen mit ihrem Titel daher etwas in die Irre. Sie basieren auf den Thesen Mahatma Gandhis von 1925, mit denen er die bekannten individuellen Sünden auf Gesellschaften übertrug.

Verschweigen wir den Titel

von Valeria Heintges

Zürich, 2. Oktober 2020. Wahrscheinlich wird man dem Abend am besten gerecht, wenn man vergisst, welchen Titel er trägt. Wenn man hingeht und schaut, was einem da geboten wird. Und das ist eine Menge. Sieben Jugendliche, die sich die Seele aus dem Leib spielen. Die sich – mit Ensembleschauspieler Matthias Neukirch an ihrer Seite – zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate ein Stück in den Schädel und den Körper gepaukt haben, das sie dann – Laien allesamt – im ehrwürdigen Pfauen des Zürcher Schauspielhauses aufführen. Sie hatten die Sache nämlich schon mal fertig. Dann kam der Lockdown, später die Abstands- und Hygieneregeln. Neukirch verkörpert jetzt als einziger Profischauspieler "die Erwachsenen". Denn seine Kollegen Thelma Buabeng und Thomas Wodianka wurden von Corona von der Bühne vertrieben – zu viele Schauspieler auf zu kleinem Raum. Zu sehen ist daher eine Inszenierung mit viel Distanz und Orgien voller Desinfektionsmittel.

Obacht vorm Schwedischen Odem!

von Stefan Forth

Hamburg, 2. Oktober 2020. Irgendwann ist Schluss mit lustig. In "Maß für Maß" erzählt William Shakespeare von einer Gesellschaft, die gezwungenermaßen umstellen muss von liberaler Lebenslust und Laster auf aseptische Askese und Kontrolle. Verlorene Handlungsfreiheit, strengere Vorschriften. Da kann der Reiz groß sein, Analogien zu eingeschränkten Freizeitfreuden während der Coronapandemie zu suchen. Zumal Shakespeare bekanntlich auch noch in Pest-Zeiten lebte. Am Hamburger Thalia Theater sind Regisseur Stefan Pucher und "Maß für Maß"-Umdichter Thomas Melle dieser Versuchung erlegen. Leider.

Friedrich Engels war auch nur ein Hipster

von Georg Kasch

Wuppertal, 2. Oktober 2020. Wer eine Imagekampagne braucht, hat meist Dreck am Stecken. Das Unternehmen XXX zum Beispiel: Der an Amazon angelehnte Konzern hat im Wuppertaler Opernhaus ein Logistikzentrum errichtet und ist offenbar der größte Arbeitgeber vor Ort. Wenn der einen Trailer voranschickt, in der zur penetrant fröhlichen Musik Angestellte und Bürger*innen versichern, dass XXX ein toller Arbeitgeber ist und Wuppertal – anders als erwartet – besser macht als erwartet, ist Skepsis angebracht. Wie sich auf der Bühne mit ihren Paketstapeln, Sackkarren und Transportregalen schnell zeigt: Das Unternehmen lebt von der Ausbeutung seiner Mitarbeitenden, überwacht sie per Kamera, schikaniert sie, und entlohnt sie mies. Ein weiteres Video zeigt, wie Thomas Braus' alter Baumert mit den Paketen durch die Stadt hetzt und auf dem Heimweg wehmütig John Lennons "Working Class Hero" mitsingt.

Monologe über sterbende Eltern

von Elske Brault

Berlin, 2. Oktober 2020. Dabei sein war alles vor 22 Jahren. Premierenkarten erschlich ich mir, indem ich beim Rundfunk Vorab-Berichte oder Porträts der Regisseure ablieferte. So begann ich meine Karriere als Theaterkritikerin. Dabei sein ist auch jetzt wieder alles: Sehr kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen, buche ich extra eine Zugreise um, mit Kosten, die mehr als die Hälfte meines Honorars ausmachen. Was würde ich nicht tun für meine erste Theater-Premiere nach dem Lockdown! Meine einzige Möglichkeit, das Stück überhaupt zu sehen: Die nächsten fünf Termine sind bereits ausverkauft.

Escape Room des Schreckens

von Sabine Leucht

Memmingen, 2. Oktober 2020. Die Suche nach dem Schlüssel oder Code, der sie des unbekannten Rätsels Lösung näherbringt, beginnt in Zimmer Nummer eins: "Dem Anschein nach ein vollgepacktes und mit Dingen aus aller Welt angefülltes Wohnzimmer, in völlig unterschiedlichen Stilen und Farben, wie ein Filmset von Almodóvar", heißt es bei Maya Arad Yasur. Auf der Bühne des Landestheaters Schwaben blinkt einem dagegen ein penibel dekoriertes Tortenstück entgegen. Ein fettes Tortenstück immerhin, ein ganzes Drittel vom vollen Drehbühnenrund – "angefüllt" mit nur wenig Mobiliar – und ganz und gar schlagsahneweiß. Valentina Pino Reyes hat drei solcher Räume gebaut und die zwei in ihnen eingesperrten Figuren in ebenfalls weiße Wäsche gesteckt.

Die rostende Revolution

von Frauke Adrians

Potsdam, 2. Oktober 2020. Ein Stück mitten aus dem Leben der wiedervereinigten Nation, uraufgeführt zum 30. Jahrestag: Ein Denkmal soll errichtet werden, um an die friedliche Revolution und ihre mutigen Revolutionäre zu erinnern. Zur Auswahl stehen drei Denkmalsentwürfe auf riesigen Papierbahnen, einer dämlicher als der andere. Nun muss eine Jury entscheiden, welches Modell dem Geist des zu feiernden Weltereignisses am ehesten entspricht. Die Plexiglasbox, in die der Bürger seine Zettelchen mit guten Wünschen einwerfen darf? Der undefinierbare Bronzefladen, gestaltet von einem hawaiianischen Weltkünstler und garniert mit viel verbalem Ethno-Schwurbel? Oder die 30 Meter hohe Eisenstele, die binnen 30 Jahren symbolträchtig verrosten und sich auflösen soll?

Der Steuermann lässt laufen

von Michael Wolf

Berlin, 1. Oktober 2020. "Nach Aischylos" steht unter dem Stücktitel, was an diesem Abend doppeldeutig zu verstehen ist. Denn Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson geht in der Berliner Volksbühne nicht nur sehr frei mit der "Orestie" um, bei ihm kommt nach Aischylos auch Edward Albee. Zu Beginn fährt aus dem Bühnenboden eine naturalistisch eingerichtete Wohnung. Sólveig Arnarsdóttir und Sebastian Grünewald spielen darin Martha und George aus dem Ehedrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Sie streiten sich, hassen einander mit Inbrunst, reizen sich aufs Blut, bis es tatsächlich fließt, Grünewald – streng nach Corona-Regeln – ein Plexiglas-Visier aufsetzt und Arnarsdóttir einen roten Drink ins Gesicht schüttet. Später kommen weitere Farben hinzu, schlägt er sie noch grün und blau.

Verdammt noch mal Menschenleben retten!

von Cornelia Fiedler

Düsseldorf | Online, 1. Oktober 2020. Wir sind's, das Nerd- und Streber*innen-Team: Auf dem Schulhof hätte keine*r mit uns gespielt, weil wir mit unserer Klugscheißerei genervt hätten, was wir wiederum mit einer altklugen Bemerkung über Massenpsychologie und Faschismus kommentiert hätten, wofür wir dann endgültig aufs Maul bekommen hätten…  Aber wir sind ja unter uns, Hannes, Fabian und ich. Also dürfen wir ruhig mal angeben: Heroische 90 Minuten anstatt der vom Game-Theater-Kollektiv machina eX veranschlagten 120 Minuten – und der Fall ist gelöst: Game Over, level accomplished, zack feddich.

Reißt ihm den Rucksack voller Privilegien runter!

von Matthias Schmidt

Meiningen, 1. Oktober 2020. Einen unterhaltsamen Umgang mit einem so gar nicht unterhaltsamen Thema, das versprachen die vier Schauspieler*innen anfangs für diesen Abend. Sagten es. Und taten es. Sie legten los, einheitlich gekleidet in eine weiße Showmaster-Garderobe, als würde es ein Leichtes, Konstantin Küsperts als ironische Szenencollage getarnte Kampfansage an "das System" zu einem flotten, kapitalismuskritischen Erlebnis werden zu lassen.