Herrschaft in der Hose

von Andrea Heinz

Wien, 22. Februar 2020. Soweit hat es das Burgtheater also schon gebracht, gut ein halbes Jahr nachdem Martin Kušej übernommen hat: "Wer weiß, ob wir uns hier noch mal was anschauen", tönt da sehr kulturstreng eine Stimme neben einem, noch bevor die Premiere von "This is Venice" überhaupt angefangen hat, "das ist jetzt wirklich die allerletzte Chance." Nun ist das Theater natürlich kein Kind und von schwarzer Pädagogik grundsätzlich abzuraten. Nur muss man leider sagen: Ein großer Wurf ist auch diese Inszenierung von Sebastian Nübling wirklich nicht.

Erschöpfter Menschen Selbstentäußerung

von Falk Schreiber

Hamburg, 23. Februar 2020. Das Saallicht flackert. Mit großem Getöse hebt sich der Vorhang im Hamburger Schauspielhaus, es wird gehämmert, gesägt, geklopft, in einer Ecke sprüht eine Flex Funken, Nebel wallen. Viktor Bodo macht, was er besonders gut kann: Mummenschanz, Grand Guignol, Überwältigung. Voilà, Bodos zweite Hamburger Kafka-Inszenierung, nach der "Verwandlung"-Überschreibung Ich, das Ungeziefer vor fünf Jahren: "Das Schloss". Schon 2016 inszenierte Antú Romero Nunes den Stoff am benachbarten Thalia Theater als Besuch eines Reisenden in einem düsteren Dorf, wo ihm geballte Fremdenfeindlichkeit ins Gesicht gespuckt wird: Josef K. in Pegida-Land. Wenn dieselbe Vorlage in derselben Stadt in verhältnismäßig kurzer Zeit zweimal auf die Bühne kommt, dann will das gut begründet sein, dann braucht man einen ganz eigenen Zugriff.

Stoff oder Papier

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 22. Februar 2020. Sie kommt nicht aus einer anderen Gesellschaftsschicht, sondern gleich aus einer anderen Galaxie. Langsam senkt sich die Rakete, und heraus stürmt Nora, so blond wie pink im Tüll-Kleidchen. Sie, die man in den 1970er Jahren in diesem Outfit vielleicht noch als Flittchen klassifiziert hätte, hätte damit in die Feminismus-Debatte gepasst wie Elfriede Jelineks 1977 geschriebenes, 1979 uraufgeführtes erstes Bühnenstück überhaupt: Selbst pessimistische Frauenbewegte dieser Ära haben sich damals nicht ausgemalt, wie schlecht Nora es in der Jelinek'schen Ibsen-Fortschreibung treffen würde. Wie schnell die eben noch scheinbar selbstbewusst ins eigene Leben aufbrechende Frau einknicken, sich als anpässlerische Gespielin wieder einklinken würde in die männerdominierte Gesellschaft.

Wo ist dieses Herz?

von Michael Wolf

Berlin, 21. Februar 2020. Es ist ein ungewöhnlicher Thalheimer-Abend. Kein Nebel, wenig Gebrüll, kaum Blut, die Bühne ist gut ausgeleuchtet. Der Stoff ist auch recht jung für einen Regisseur, der sich am liebsten an Klassikern abarbeitet. Hier, im Steinbruch des Kanons, legt er für gewöhnlich das Wesen des Menschen frei. Welches Stück er auch inszeniert, es geht bei ihm immer um das ganz große Drama der Existenz schlechthin. Bis jetzt. Denn in seiner neuen Arbeit am Berliner Ensemble wechselt Michael Thalheimer unverhofft ins politische Fach.

Mit Amüsement und Zugeneigtheit

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 21. Februar 2020. Es sind "goldene, schwüle Tage", von denen Eduard von Keyserling in seiner Erzählung "Am Südhang" berichtet. Die Hauptfigur Leutnant Karl Erdmann von West-Wallbaum kehrt darin für die Ferien auf das elterliche Gut zurück. Dort weilt auch die allseits angehimmelte Daniela von Bardow, eine geschiedene Frau, nach deren Zuneigung sich auch Karl Erdmann verzehrt. Die Erzählung begleitet die trägen Sommergäste durch ihren dekadenten Alltag, wobei es von Keyserling versteht, ihnen sachte ironisch nah zu kommen.

Du musst ein Stein sein in dieser Welt

von Jan Fischer

Hannover, 21. Februar 2020. Es ist ein Kuddelmuddel, das Kevin Rittberger zeigt. Es treten auf: Lianenartiges Seilgeflecht, das sich über die Bühne rankt. Eine Gruppe "Kompostisten" in verschiedensten Stufen der Irgendwas-Werdung, mittendrin Camille I bis V, Monarchschmetterlingin und Mensch. Ein sowjetisches Arbeiterparadies auf dem Mars. Alexander Bogdanov, proto-sojwetischer Naturwissenschaftler, Science-Fiction-Autor, Lenin-Freund und -gegner. Donna Haraway, postmodernistische Feminismus-Theoretikerin und Cyborg-Netzwerkerin.

Wie wir es gespielt haben, bleibt in der Luft

von Gerhard Preußer

Münster, 21. Februar 2020. Väter werfen Schatten, stehen im Licht und verdunkeln diejenigen, die nach ihnen kommen. Martin Heckmanns’ Vater Jürgen Heckmanns hat als bildender Künstler Figuren gestaltet, giacomettiartige Papiermenschen, deren Schatten ebenso zu ihnen als Kunstwerk gehören, wie ihre aus vergänglicher Materie gestaltete Form. Martin Heckmanns hat nun ein Requiem geschrieben für seinen Vater, nicht nur für ihn, für alle deutschen Väter seiner Generation. Aus dem Schatten dieses im letzten Jahr gestorbenen Künstlervaters ist der Dramatiker Heckmanns längst herausgetreten, so kann er souverän mit ihm umgehen. Der autobiographische Kontext ist in dem nun in Münster uraufgeführten Text spürbar, aber nicht dominierend.

Der Schwejk-Komplex

von Willibald Spatz

Augsburg, 21. Februar 2020. Ein Abend über Schwejk auf einem Brechtfestival sollte besser scheitern, um zu gelingen. Denn Brecht selbst ist an Schwejk gescheitert. Brecht versuchte schon in der 1930er Jahren eine Dramatisierung des Romans von Jaroslav Hašek, wurde in den 1940er richtig unglücklich darüber und gab das Fragment bis zu seinem Tod nicht zur Uraufführung frei. Die passierte 1957 erst posthum in Warschau. Und die Kritiker verrissen sie damals enthusiastisch.

Balanceakte des Weiblichkeitsdiktats

Jens Fischer

Bremen, 20. Februar 2020. Alles auf Anfang: Wie schon bei "Nana ou est-ce que tu connais le bara?" vor einem Jahr tänzeln auch für die Fortsetzung der Doppelpass-geförderten Kooperation die typisierten Verkörperungen des Personals von Émile Zolas "Nana"-Roman auf die Bühne des Theaters Bremen, angepriesen erneut von Matthieu Svetchine, dem Conférencier und Live-Übersetzer der französischen, englischen und spanischen Äußerungen des Abends. Im Work-in-progress-Design verknüpft Regisseurin Monika Gintersdorfer gedankliche und körperliche Fundstücke aus den Probenarbeiten.

Schweiß und Tränen sind dasselbe

von Maximilian Pahl

Basel, 20. Februar 2020. Es gibt ein Video, von dessen Existenz ich erst neulich erfuhr. Dabei spiele ich darin die Hauptrolle. Unter Dutzenden anderer Clips aus meiner Kindheit schlummert es auf irgendeiner Video-8-Kassette. Die ganzen frühen 90er hindurch muss diese verdammte Kamera gelaufen sein, für mich Grund genug, um eine intrinsische Skepsis gegenüber dem Medium Video zu entwickeln. Das entstandene Archiv übt heute einen gewissen Druck auf mich aus, gerade weil es Bewegtbild ist und bei jeder Betrachtung eine neue Zeitlichkeit behauptet, anders als Fotos. 

Tragödie ohne Konsequenzen

von Sascha Westphal

Moers, 19. Februar 2020. Auf der Facebook-Seite des WDR 3 findet sich gegenwärtig eine Umfrage, die die Frage stellt: "Darf man ein Theaterstück über die Katastrophe machen?" Gemeint ist die Katastrophe, die sich am 24. Juli 2010 bei der Love Parade in Duisburg ereignete und 21 Menschenleben forderte. Außerdem wurden damals weit über 600 Besucher teils schwer verletzt.

Müll, überall Müll

von Frauke Adrians

Berlin, 19. Februar 2020. Auf Tauris ist etwas faul. Die Strände sind übersät mit Plastikmüll, eine Pest, ein Fluch wie der, der die Nachkommen des Tantalus heimsucht, auch Iphigenie. Es ist, als würde sie ihre Exil-Insel mit den Altlasten ihrer Familie besudeln. Aber möglicherweise haben die Abfallberge ja auch einen ganz anderen Ursprung.

Horatier und Kuriatier auf Skype

von Sabine Leucht

Augsburg, 16. Februar 2020. Da kommen zwei Männer aus Berlin nach Augsburg, suchen sich zwei freie Gruppen vor Ort und zwei Regisseure, die möglichst weit von der Fuggerstadt wie voneinander entfernt leben. Sagen wir: Die eine in Amerika, der andere in Russland. Es geht um Brecht, deshalb denkt man den Kalten Krieg gleich mit. Und da war doch noch was mit Radio-Theorie: Brecht mochte dieses Senden in eine Richtung nicht. Sondern eher so was Zweigleisig-Dialogisches wie das heutige Internet. Bingo! Warum nicht die Augsburger Gruppen mit ihren Regisseuren via Videostream und Skype arbeiten lassen? Kosten darf es nichts. Also gibt es kein Bühnenbild und nur knapp eine Woche gemeinsamer Endproben ohne WWW-Prothese. Und fertig ist die "Lehrstückzentrale".

Der Meese-Mama-Komplex

von Martin Krumbholz

Dortmund, 15. Februar 2020. Gegen Ende seiner zehnjährigen Intendanz bat Kay Voges den weltberühmten Maler und Performancekünstler Jonathan Meese, den schrägsten, durchgeknalltesten, abgefucktesten und unverschämtesten Theaterabend zu kreieren, den Dortmund und die Welt je gesehen haben. Der ließ sich das zwar zweimal sagen, denn er stellte Bedingungen: Nur wenn er in Nazi-Uniform auf die Bühne gehen dürfe, sei ihm eine solche Theaterkreation möglich; aber schließlich wurden die Herren sich einig, der Künstler durfte ein paar Schauspieler mitbringen, die das zweiköpfige Dortmunder Ensemble verstärkten. Und das Abenteuer – es bekam, und dafür gibt es keine Gründe, den Titel "Lolita" – ging los. Und wie!

Jetzt und in der Stunde unseres Todes

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 15. Februar 2020. Selbst ist die Frau: Vidina Popov greift zum Fake-Bauch und schnallt ihn sich um. Licht aus, Licht an, und sie ist die schwangere Maria. Mit der aus der Bibel hat sie in dem Stück von Simon Stephens nicht viel gemeinsam. Beide sind zwar wahrscheinlich ungefähr gleich alt (18), beide kriegen Kinder, von denen nicht ganz klar ist, wer der Vater ist. Aber weder ist Stephens' Maria noch Jungfrau ("Äh – nein?") noch ist sie eine stille Zuhörerin, die die Worte der Männer "in ihrem Herzen bewegt" (Bibel) – ganz im Gegenteil quatscht sie unbeirrbar alle an die Wand, die in ihr Leben treten, denn sie hat es satt, "dass mir Männer dazwischenreden und mir erzählen, was ich wahrscheinlich sagen werde" (Stephens).

Die Liebe zum Detail

von Andreas Klaeui

Bern, 15. Februar 2020. "Ist das nicht bemerkenswert?", staunt Willy Loman am Ende: Sein Sohn Biff, der ihm, dem "Chef", gerade zünftig die Leviten gelesen hat, nichts als Fake war sein Leben, Lüge, Prahlerei – er liebt ihn! Hat ihn immer geliebt. Es ist die einzige Spur richtigen Lebens im falschen, die Arthur Miller zulässt. Auch Biffs Bruder Happy wird den Fake perpetuieren. Aber kurz leuchten Lomans Augen, einen kostbaren Moment lang lässt Gerd Heinz den Schauspieler Jürg Wisbach aus tiefer Seele strahlen, bevor er sich aufmacht zum Opfertod für die Familie als Versicherungsbetrüger.

Auf gepackten Koffern

von Frank G. Kurzhals

Hildesheim, 15. Februar 2020. Es mutet schon rührend an, wenn Sinan Ünel im Rückblick auf sein 1997 in New York uraufgeführtes Stück "Pera Palas" schreibt: "Vielleicht war es damals naiv von mir zu glauben, dass mein Stück wie ein Olivenzweig fremde Welten versöhnen könnte. Aber eigentlich denke ich das heute noch. Ich glaube noch immer an die heilende Kraft der Kunst." Und daran scheint auch Bettina Rehm zu glauben, die das selten gespielte Stück nun für das Hildesheimer Theater für Niedersachsen inszeniert hat.

Monster, von der Theorie gezähmt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Februar 2020. Ein Duett der Vokale und Konsonanten, des lullend Weichen im Dialog mit dem anstößig Stöhnenden, ein Zungenspiel als erotischer Sprechakt ist, womit Nabokov seinen Humbert Humbert das Lo-li-ta-Hohelied anstimmen lässt. Mit dem Namen und Wesen Lu-lu verhält es sich nicht anders. Auch sie – Kindfrau und Projektion der Männer, ihres Begehrens, ihrer Demütigung und Scham, ihrer Angstlust. Ein Phantasiegeschöpf aus Bibel-Tagen (Lilith – noch so eine Labial-Existenz), antiker Mythologie ("Die Büchse der Pandora") und archaischem Muttergrund ("Der Erdgeist"). Dafür muss niemand Freud gelesen oder Weiningers Nächte durchbebt haben, um zu verstehen, was gemeint ist: "der Ursprung der Welt" – das Geschlechtliche.

Unruhe im Fleisch

von Claude Bühler

Basel, 14. Februar 2020. Ein biederer Staatsanwalt, der plötzlich als axtschwingender Graf Öderland durch das Land zieht und eine diffuse Revolte anzettelt: 2015 brachte Volker Lösch mit Max Frischs Moritat die Pegida-Demos auf die Bühne. Das fast vergessene Stück "Graf Öderland" (1951/56) hält aber noch weitere Angebote für Theaterleute mit Sinn für tagesaktuelle Bezüge bereit: etwa der sinnlose Mord eines Bankangestellten, einfach weil ihn die Arbeit langweilte. Aber am Theater Basel verweigert sich Stefan Bachmann nun allem vordergründigen Thematisieren. Vor allem folgt er konsequent der Bezeichnung "Moritat": makaber, aber nicht realistisch, und gebrochen mit Frischs Dialogwitz. Und die 95 Minuten verfliegen in einem hypnotischen Bilderrausch.

Gelblicht! Rotlicht! Getröte!

von Leopold Lippert

Berlin, 13. Februar 2020. Die Sause ist schon in vollem Gange, als die Zuschauer*innen ins Neue Haus des Berliner Ensembles geschleust werden. Ein Musikertrio spielt beherzt Jahrmarktmusik – Trompete, Schlagwerk, Klavier – , und das Ensemble stapft fuchtelnd und chipsmampfend durch eine Szenierie der häuslichen Verwahrlosung. Abgeranzte Möbelstücke, zerschlissene Blumenmustertapeten, Essensreste, leere Coladosen, Chips, Chipstüten, und noch mehr Chips. Die Outfits ausgewaschen, dreckbeschmiert, und – nach einem beißfreudigen "Sexspielchen" gleich zu Beginn – blutüberströmt.