Im Streik gegen die Wirklichkeit

von Michael Wolf

Berlin, 8. Dezember 2019. Kommt ein Cowboy in einen Saloon. So beginnen Witze, so beginnt dieser Abend. Mit Hut und Trenchcoat betritt Harald Baumgartner die New Jersey Bar, verlangt ein Bier und beschwert sich, es schmecke wie Urin. Keine Pointe. In dieser kurzen Szene ist bereits die Poetik des Stücks enthalten.

Iphigenies Freiheit

von Jens Fischer

Hannover, 8. Dezember 2019. Warum spendiert Iphigenie ihren Körper mit stolz behaupteter Freiwilligkeit der Schlachtbank, dem Opferaltar der Artemis? Die ist stinksauer, dass des Mädchens Vater Agamemnon eine Hirschkuh in ihrem Hain geschossen hat und verweigert daraufhin der griechischen Flotte den Wind, den sie zum Auslaufen gen Troja braucht. Erst nach dem Tochteropfer würden Lüfte wieder die Segel blähen. Da Regisseurin Anne Lenk hinter den Kulissen des Tragödienpersonals der Motivation Iphigenies nachspüren will, hat sie Euripides' "Iphigenie in Aulis" als familiäres Psychodrama hergerichtet. Motto des Abends könnte das am Schauspielhaus Hannover in großen Leuchtlettern funkelnde Zitat aus dem Stück sein: "Lebe und rette".

Einmal Ego, immer Ego

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 7. Dezember 2019. Ein junger Peer Gynt, einer in der Mitte des Lebens und schließlich der Alte – drei Peer Gynt-Darsteller wären so originell nicht. Aber wie viele Peers brauchte es wirklich, nähme man diesen Egomanen beim Wort, wie er, um "er selbst" zu sein, so aberwitzig irrlichtert und spintisiert: ein Dutzend vielleicht? Viktor Bodó kommt im Wiener Volkstheater trotzdem mit dreien aus, er bleibt auch bei der Zuschreibung an die Lebensalter. Aber diese drei Peer Gynts sind meist miteinander, nebeneinander auf der Bühne. Drei Seelen wohnen offenbar in seiner Brust.

Die Eisunheiligen

von Andreas Wilink

Köln, 7. Dezember 2019. Alle Wetter! Lange rieselt der Schnee. Winde heulen und jachtern, mit allem Zick und Zack, Bim und Bam orgelt die Tonspur. Gewitter krakeelt. Das Käuzchen ruft. Ersan Mondtag erhebt den Arm: Der arge deutsche Märchenwald erwacht und hat die Reihen fest geschlossen.

Die Spur der Gene

von Stefan Forth

Hamburg, 7. Dezember 2019. Wenn Ibsen, Shakespeare und Strindberg zusammen einen "Mittwochsfilm im Ersten" hätten schreiben sollen, wäre dabei möglicherweise so etwas herausgekommen wie diese Geschichte. Vermutlich hätten die drei alten Herren etwas weniger Pathos in ihren Entwurf gelegt als der libanesisch-frankokanadische Autor und Theatermacher Wajdi Mouawad in seinen Erfolgstext "Vögel". Am Hamburger Thalia Theater lässt sich jetzt eindrucksvoll besichtigen, wo die Stärken und Schwächen dieses Konstrukts um Wahrheit und Lüge, genetische Herkunft und soziale Identität, um Gefühl und Vernunft, Liebe und Feindschaft liegen.

Mehr Inhalt, weniger Kunst!

von Falk Schreiber

Rendsburg, 7. Dezember 2019. Der Morgen nach der Party ist ein seltsamer Morgen. Die Wohnung ist verdreckt, die Glieder schmerzen, der Schädel brummt. Es riecht nicht gut. Man wacht auf, hat man überhaupt geschlafen? Und was sind das für Menschen? Die Hand gleitet unschlüssig über fremde Haut, man dämmert wieder weg.

Zum Irrewerden

von Frauke Adrians

Berlin, 7. Dezember 2019. "Ich habe erreicht, was eine Frau erreichen kann", sagt Johanna ihrem Kind. Eine stolze Lebensbilanz, aber Johanna spricht aus dem Grab, sie wurde vergast, 1940 oder 41. Was sie erreicht hatte, schon in jungen Jahren, das machte sie nur verdächtig: geschäftlicher Erfolg, ein schnelles Auto, eine Villa, zwei uneheliche Kinder. "Sie prasst, sie lebt wie ein Mann", gab die Nachbarin eilfertig zu Protokoll.

Die Gier, das Leiden und die Lachkrämpfe

von Sascha Westphal

Bonn, 6. Dezember 2019. "Ich durchschaue mich nicht." In diesem einen kurzen Satz liegt die ganze Verzweiflung Argans. Dieser Mann, dem es an nichts fehlt, der reich ist und glücklich sein könnte, leidet unermesslich, denn er leidet an sich selbst. Er gibt sich selbst Rätsel auf, und Rätsel schaffen Zweifel und Unsicherheit. Und die machen ihn wiederum krank, zumindest in seiner Vorstellung. Die Sehnsucht, sich und damit alles zu durchschauen, ist eben auch die Sehnsucht nach dem einen, was auch Argan nicht kaufen kann, nach dem ewigen Leben.

Mitleid gegen die Wut

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 6. Dezember 2019. Das Geräusch von Bleistift auf Papier. Setzt Stephanie Mohr an den Anfang ihrer Inszenierung von Peter Handkes "Immer noch Sturm". Handke-Schreibutensilien-Fetischismus am Handke-Geburtstag vor Handke-Nobelpreisrede inmitten von Handke-Debatte. "Oh Gott!", soll es Mohr entfahren sein, als die Schwedische Akademie kurz vor Probenbeginn die Entscheidung veröffentlichte. Diese Premiere hat Rampenlicht.

Apocalypse Now Or Never

von Michael Laages

Frankfurt am Main, 6. Dezember 2019. Bis drei Wochen vor Silvester war die Position des Spitzenkandidaten im Wettbewerb um die "Silberne Zitrone" oder das "Faule Ei" des Theaters für dieses Kalenderjahr noch nicht vergeben – jetzt ist klar, wer ganz vorne liegen wird: "1994 – Futuro al dente", die "Stückentwicklung" von Nele Stuhler und Jan Koslowski fürs Frankfurter Schauspiel. Tatsächlich allerdings steht am Sekt-und-Böller-Abend Ende des Monats nicht dieses, sondern ein anderes Projekt dieser fleißigen Theatermenschen auf dem Frankfurter Spielplan: "Der alte Schinken". Mit Sicherheit gibt's da mehr zu lachen; die aktuelle Novität aus der Werkstatt von Stuhler & Koslowski wäre selbst im Delirium des Jahreswechsels nur mit ganz viel Blaumachern zu ertragen.

Sonnenschein inmitten der Misere

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 6. Dezember 2019. "Hase Hase" ist so etwas wie die Quersumme aus Nikolaus und SPD-Parteitag. Insofern liegt das Theater Oberhausen zumindest mit der terminlichen Ansetzung des Achtzigerjahre-Stücks der Französin Coline Serreau goldrichtig. Hase Hase ist ein Außerirdischer und der jüngste Sohn der Familie Hase (Serreau hat sich hier von Steven Spielbergs Blockbuster "E.T." inspirieren lassen): Der kleine Hase wurde zwar ganz normal von seiner Mutter zur Welt gebracht, aber als exterritoriales Kuckucksei (oder als Nikolaus-Präsent, wenn man so will).

Beim jüngsten Gericht

von Falk Schreiber

Berlin, 5. Dezember 2019. Eigentlich kann einem nichts besseres passieren als von hier vertrieben zu werden. Ständige Nacht prägt Nehle Balkhausens Bühne, wenn keine Nebelschwaden durch die Dunkelheit ziehen, plätschert Sprühregen, dunkler Ambient dröhnt aus Bert Wredes Synthesizern, und die Mitmenschen sind verschlossen und unfreundlich. Man möchte weg, allein, man kann nicht: "Und wenn I dann aufsteh beim jüngsten Gericht, dann steh I da, und kenn niemand, und mi kennt niemand!", klagt der todkranke Alt-Rott (Josefin Platt).

Sommerhaus for sale

von Martin Thomas Pesl

Wien, 5. Dezember 2019. Die meisten sind sicher seinetwegen gekommen: Otto Schenk! 89! Seit ein paar Jahren schon war der Wiener Lieblingsopa, Kammerschauspieler und Doyen des Theaters in der Josefstadt nicht mehr in einer neuen Rolle aufgetreten. Schenk als Diener Firs, der am Stock mit kleinen Schritten dahertrippelt und alte Geschichten so leise erzählt, dass alles um ihn herum pausieren muss, damit man ihn versteht: ein programmiertes Ereignis.

Blut auf dem Vogerlsalat

von Andrea Heinz

Wien, 4. Dezember 2019. Wenn man dem Burgtheater in dieser noch sehr jungen, ersten Saison unter der neuen Direktion etwas vorbehaltlos zugute halten kann, dann die Tatsache, dass es eine Autorin wie Maria Lazar auf den Spielplan genommen hat. Eine jener zumeist jüdischen Autorinnen der Zwischenkriegszeit, die ins Exil gezwungen oder ermordet wurden und nach dem Krieg nachhaltig in Vergessenheit gerieten. An der Qualität lag es nicht, das konnte man spätestens 2014 und 2015 sehen, als der Wiener Germanistik-Professor Johann Sonnleitner im Verlag Das vergessene Buch zwei Romane Lazars herausgab, "Die Vergiftung" und "Die Eingeborenen von Maria Blut". Vor allem letzterer ragt an Klarsicht, Genauigkeit, Menschenkenntnis, aber auch schriftstellerischer Könnerschaft weit heraus. Mit stupender Deutlichkeit sah Lazar schon in den 1930er-Jahren, warum genau das möglich werden konnte, wovon sich noch heute viele fragen, wie es möglich sein konnte.

All the single twins

von Martin Thomas Pesl

Wien, 3. Dezember 2019. Haben wir nicht alle einen Zwilling irgendwo? Da gab es doch mal diese Theorie. Vielleicht interessieren uns deshalb die Geschichten über Eineiige in der Literatur. Meist sind es Brüder, so auch die Ich-Erzähler, nein: Wir-Erzähler aus Ágota Kristófs Roman "Das große Heft". Dass Sara Ostertag sie mit Frauen besetzt, mag daran liegen, dass ihre Inszenierung als Koproduktion ihrer Gruppe Makemake Produktionen mit dem Kosmos Theater entstand, das Künstlerinnen fördert. Der Erzählung schadet es keineswegs, verleiht doch dafür Martin Hemmer der als Hexe verschrienen Großmutter besenschwingend eine faszinierende Genderfluidität; Simon Dietersdorfer als Polizist trägt High-Heels.

Kontinuität und Verlässlichkeit!

von Thomas Rothschild

Dornbirn, 3. Dezember 2019. Isabella, gespielt von Isabella Jeschke – die Figuren tragen in diesem Stück die Vornamen ihrer Darstellerinnen –, tänzelt mit weichen Knien in den Vordergrund und kaut Kaugummi. Kirstin (Schwab) leckt ihr die nackte Schulter. Susanne (Brandt) hält sich abseits. Zwei Männer in hochgeschlossenen schwarzen Pullis, karierten Hosen und Sicherheitsschuhen stehen, den größten Teil des Abends stumm, auf flachen Podien und klopfen sich auf die Oberschenkel. Hinten wartet die Wiener Band Dun Field Three auf ihren Einsatz, links und rechts oben sieht man in Zeitlupe klatschende Hände in Großaufnahme. Das Aktionstheater Ensemble landet seinen neuesten Coup.

Vor Einbruch der Nacht

von Michael Wolf

Berlin, 30. November 2019. In Wolf Haas' Buch "Das Wetter vor 15 Jahren" sieht der Autor als Kind mit seiner Tante fern. Immer wenn die Figuren der TV-Schnulzen allzu klischiert oder die Plots unwahrscheinlich gestrickt erscheinen, sagt die kluge Tante: "Sonst wär's kein Film." Diese Weisheit würde auch gut zu Anne-Cécile Vandalems Abend "Die Anderen" passen. Einiges an ihrer aberwitzigen Geschichte muss – und sollte – man einfach hinnehmen, um sich den Spaß nicht selbst zu verderben. Es lohnt sich.

Die Hölle, das ist die Gegenwart

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 30. November 2019. Für solch einen Haarschmuck aus Federn ist der Hölleneingang dann doch zu niedrig. Volker Hintermeier hat das finstere Reich als tunnelartiges Metallgerüst auf die Vorbühne des Frankfurter Schauspiels gestellt, Nebel drauf, alles schön düster, zwischendurch blinkendes Neonlicht. Anna Kubin als Estelle Rigault muss sich ordentlich abmühen, um die Form zu wahren und den Kopfschmuck nicht zu gefährden, während sie unter den metallenen Streben hindurch balanciert. Das ist witzig anzusehen. Wie sie sich vorbeugt, zurückbeugt und skeptisch dreinschaut beim Versuch, das Ganze halbwegs elegant über die Bühne zu bringen. "Mir ist komisch", seufzt sie.

Damals auf der Firmenfeier

von Jan Fischer

Göttingen, 30. November 2019. Es ist diese Geschichte, die man aus viel zu vielen Tweets kennt, eine #metoo-Geschichte. Und der Satz, der am härtesten trifft, ist dieser: "Gesetzt ist: Eine Vergewaltigung ist geschehen." Niemand, weder Vergewaltiger noch Vergewaltigte, bestreitet das. Eine Firmenfeier, beide sind betrunken, beide sind befreundet, sie verschüttet ein Getränk auf seinem Hemd, er zieht es aus, sie aus lustig-betrunkener Solidarität ihre Bluse auch, er vergewaltigt sie.

Volksfreundin unter Druck

von Shirin Sojitrawalla

Karlsruhe, 30. November 2019. Die Frauenärztin Beate Werner ist eine Feministin alter Schule wie aus dem Bilderbuch: Bequeme Hosen, flache Schuhe, weiter Pullover und grauer Kurzhaarschnitt. Der Griff zur Rotweinflasche geht ihr ebenso routiniert von der Hand wie der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft. Beate Werner ist die Hauptfigur im neuen Stück des unermüdlichen Theaterautorenduos Lutz Hübner & Sarah Nemitz. Eine Frauenärztin? Ja. Folgerichtig treten erst gar keine Männer in Erscheinung in diesem Stück, einer Auftragsarbeit fürs Badische Staatstheater Karlsruhe.