Natürlich Krokodilstränen!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 19. September 2017. Dann hängen alle in der Luft. Der riesige Zeppelin-Käfig schwebt zwei Meter über dem Schaubühnen-Bühnenboden und acht groteske Gestalten schauen, in seine Gitterstäbe verhakelt, starren wie visionären Blicks auf uns, das Publikum, als ob sich ihnen da gerade eine neue Welt auftäte. Hui! Das ist sie, die gefühlte Ewigkeit, die die Inszenierungen von Herbert Fritsch so einzig herzaubern können.

Verbrechen und kaum Strafe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 17. September 2017. Am Ende ist es ein well-made play. Ein Krimi zum munteren Mitraten. Nicht mehr, und auch nicht weniger. Uraufgeführt ausgerechnet an einem Sonntagabend zur besten "Tatort"-Zeit. Mpumelelo Paul Grootboom hat es auf die Bühne gebracht, im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses. Der südafrikanische Autor und Regisseur inszeniert dort – und überhaupt zum ersten Mal in Deutschland – sein jüngstes Stück. "Die Nacht von St. Valentin" basiert auf dem schillernden Fall Oscar Pistorius.

Alle mit allen

von Michael Laages

Braunschweig, 16. September 2017. Nein – so richtig Karriere gemacht hat das Stück nicht; nicht mal vor drei Jahren, im Bemühen der Theater, die damals 100 Jahre zurück liegende Katastrophe des Ersten Weltkrieges für die Zeitgenossenschaft heute kenntlich werden zu lassen. Deutsche Flieger ziehen über England hin und werfen im Licht der Flak-Scheinwerfer Bombenlast ab auf das sonderbare Landhaus des einstigen Kapitäns Shotover. Der ist schon 88 Jahre alt und treibt sehr bewusst auf das Ende zu, nur noch interessiert an der letzten Erleuchtung; seine etwas wunderliche Familie treibt derweil in ziemlich endzeitlicher Todessehnsucht neben ihm her. Zwei Gäste, gebeten der eine, ungebeten der andere, sterben sogar in der finalen Bombennacht – weil sie sich retten wollten. Aber ist der Krieg Motiv genug für die Wiederbegegnung mit dem "Haus der gebrochenen Herzen"?

Vorsicht, zerbrechlich!

von Tobias Prüwer

Leipzig, 16. September 2017. Vom ersten Moment an transportiert "Kasimir und Karoline" vor allem eins: Fragilität. Zart schwingen von einer Glasharmonika melancholische Volksliedloops in den Saal. Dann öffnet sich der rote Vorhang im Schauspiel Leipzig, wo Enrico Lübbe das Krisenstück Ödön von Horváths in eine Wartehalle verlegt hat.

Unter Händlern

von Falk Schreiber

Hamburg, 17. September 2017. Wenn man auf St. Pauli die Bernhard-Nocht-Straße stadtauswärts geht, dann gerät man ungefähr auf Höhe der Hafentreppe in eine klandestine Handelssituation. Die Handelspartner versuchen, mit Blicken abzuklären, ob man ins Geschäft kommt. Bewegungen sind wichtig, Gesten, gezischte Codes. Man muss einschätzen, ob das Gegenüber ein vertrauenswürdiger Partner ist, man muss verstehen, ob die angebotene Ware ihren Preis wert ist, man muss die Umgangsformen beherrschen, man muss die Zeichen, die man empfängt, lesen können. Man begeht also einen performativen Akt, einen Tanz zwischen Dealer und Kunde. Und am Ende steht eine Transaktion, im besten Fall.

Saurer Goldregen

von Reingart Sauppe

Saarbrücken, 16. September 2017. So schlicht und ein bisschen langweilig das neue Corporate Design des Saarländischen Staatstheaters auch sein mag, so furios und mitreißend war der Spielzeitauftakt. Nach elf Jahren unter Dagmar Schlingmann führt jetzt Opernspezialist Bodo Busse das Drei-Sparten-Haus – und bot, nach einem bildstarken, temporeichen und emotional-hochgeschraubten "Guillaume Tell" im Musiktheater, mit Elfriede Jelineks die Modewelt entblößendem Text "Licht im Kasten" eine aberwitzig skurrile Inszenierung, in der das weitgehend runderneuerte Schauspielensemble seine akrobatischen, musikalischen und komödiantischen Talente vorführte. Den Eröffnungsreigen vollendeten gestern abend im Großen Haus die neuen Schauspieldirektor*innen Bettina Bruinier (Regie) und Horst Busch (Dramaturgie), die sich mit einer aktualisierten Fassung von Lessings "Nathan der Weise" dem Publikum vorstellten.

Fannys Blick

von Kai Bremer

Bielefeld, 15. September 2017. Lange Zeit herrscht kein Zweifel, wer die beste schauspielerische Leistung an diesem Abend unter dem Dach vom Theater am Alten Markt in Bielefeld abliefert. Autor und Regisseur Bonn Park hat sich in "Das Knurren der Milchstraße", das den Werkauftrag des diesjährigen Stückemarkts beim Theatertreffen 2017 gewonnen hat, gleich selbst zur Figur gemacht: Die elf, zwölf Jahre alte Asaia Jucquois darf den 'wütenden Bonn Park aus der Zukunft' geben und souverän seinen Monolog sprechen. Das macht sie textsicher wie amüsant, weil ihre beiden geflochtenen Zöpfe an zwei heliumbefüllte Luftballons geknotet sind, so dass sie sich immer wieder sanft gen Decke heben. Schöner und sphärischer kann man den Weltraum – wir befinden uns in einem schrottigen Raumschiff, in dem Leitungen und Kabel von der Decke hängen (Bühne und Kostüme von Julia Nussbaumer) – nicht darstellen. Und als Asaia anmutig einige Ballett-Pirouetten zu tanzen beginnt und Henriette Nagel, die die Figuren weit weniger anmutig nachtanzt, mit irritierten Blicken straft, ahnt man, dass auch die Zukunft schöne wie komische Momente bereithalten wird.

Hausmeister-Hack

von Falk Schreiber

Hamburg, 15. September 2017. Nacht. Eine Tür knarrt, ein Wasserhahn tropft, jemand schnarcht. Und ein Huhn gackert. Das Huhn ist ein Problem. Alte Regel: Sobald ein lebendes Tier auf der Bühne steht, ist das Publikum unkonzentriert, achtet nur noch darauf, was das Tier so anstellt. Es spricht jedenfalls für Karin Beiers Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus, dass man sich nach einer Weile vom Federvieh losreißt und schaut, was die Handlung von "Tartare Noir" so hergibt.

Im mitleidlosen Räderwerk

von Claude Bühler

Basel, 15. September 2017. Wer sich gerne von Theater im Spektakelformat, etwa einer "Pink Floyd, The Wall"-Show, hinreißen lässt, der dürfte bei Ulrich Rasches Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" auf seine Kosten kommen. Hier wie dort: ein etwas kranker Isolierter, misshandelt von Autoritätspersonen, ausgesetzt einer übermächtigen Bühnenmaschinenwelt, wird zum Missetäter, und sein Schicksal wird unausgesetzt von einer mal schaurigen, mal anrührenden, vor allem aber vorantreibenden Klangwalze moderiert.

Good Girl Gone Bad

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 15. September 2017. Wie entsteht Gewalt? Sie wird gelernt, in der Familie. Beruht auf Missachtung, die es dort, aber auch in der Gesellschaft gibt. Gewalt hat vielfältige Ursachen und Formen. Analysieren kann man das soziologisch. Oder man kann es in einem Roman zeigen. Das hat Fatma Aydemir getan mit ihrem Erstling "Ellbogen", in dem sie die vielfältigen Ursachen von Gewalt zeigt und ihre Wirkung bündelt auf eine Figur: Hazal Akgündüz, ein junge Deutschtürkin auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Kühn ist das, weil Aydemirs Roman auf weibliche Jugendliche fokussiert, nicht auf junge migrantische Männer. Und weil nicht, wie sonst so oft, am Ende die Reue oder der Untergang steht, sondern die Scham. Scham ist die Krise des Selbstwertes, die Abwertung der eigenen Person. Sie ist Ursache von Gewalt und ihre Folge. So ist es bei Hazal. Die Dinge liegen nicht einfach.

Revolutions-Zertrümmerung

von Martin Pesl

St. Pölten, 15. September 2017. Auch in Österreich herrscht Wahlkampf. Bis 15. Oktober erläutern Politikmenschen mithilfe aller erdenklicher Medien in mehr oder weniger geschliffenen Phrasen, warum was gut war oder wäre oder was die anderen schlecht gemacht haben. Argumente fliegen durch die Gegend und aneinander wie am Wahlvolk vorbei. Obwohl es in Alia Luques Fassung von Georg Büchners Historienstück "Dantons Tod" an einer Stelle heißt: "Siehst du hier irgendwo Volk?", läuft das hier ganz ähnlich ab, nur dass anno 1789 Enthauptungen noch ein heiß diskutiertes Pro-oder-Kontra-Thema waren.

Freigeister deluxe

von Christian Rakow

Berlin, 14. September 2017. Es ist nicht so, dass man dieses Wow-Gefühl vom Gorki nicht kennt: dieses Wechselbad zwischen aufbrodelndem Statement-Theater und eiskalt pointierendem Witz, diese schlagende Direktheit und dann wieder die boulevardesken Finten. Und die Tränen, wenn ein Bekenntnis unvermittelt nah ans Herz rückt. Besonders in Abenden von Yael Ronen. Die israelische Regisseurin hat das Spiel mit sentimentalen und hoch reflexiven Erzählmomenten perfektioniert und ist damit so etwas wie die Gallionsfigur des Berliner Gorki-Theaters geworden, die Protagonistin eines Volkstheaters neuen Typus: gedankenscharf, postmodern reflektiert und zugleich erzählerisch konkret.

In der Verwertungskette

von Christoph Fellmann

Zürich, 14. September 2017. Die Pointe hätte Bertolt Brecht, dem alten Humoristen, vermutlich gefallen. Dass nämlich die "Dreigroschenoper", seine Ballade von der Korruption jeder Gemeinschaftlichkeit, jeder menschlichen Regung und damit auch jeder Kunst, zu einem Profit-Center des bürgerlichen Stadttheaters geworden ist. Das Stück aus dem swingin' Armutsmilieu in London erlaubt erbauliche, in die nötigen Merksätze gerahmte Einsichten in den Kapitalismus – und klingt außerdem dank der Musik von Kurt Weill auch noch gut. Und am Ende der Verwertungskette entsteht dann ein so kulinarischer Theaterabend wie jetzt in Zürich, in dem Brechts politische Reime aufpoppen wie lustige Memes aus pittoresker Vorkriegszeit.

Schläge in die Magengrube

von Geneva Moser

Bern, 14. September 2017. Endlich kommen sich die beiden näher. Eine zögerliche Berührung, zaghafte Zärtlichkeit. Ein Versuch von Intimität. Und dann ein Schlag. Ein weiterer. Ein Knall. Kinnhaken, ein Kuss, Knie in die Magengrube. Bei Penthesilea und Achilles geraten sie gehörig durcheinander: Kampf und Lust, Liebe und Krieg. Cihan Inans Inszenierung von Kleists Penthesilea am Theater Bern wird nicht müde, diese Grenze verstörend zu verwischen.

Auf der Suche nach dem historischen Moment

von Elena Philipp

Berlin, 10. September 2017. Verrückt vor Volksbühne. So fühlt man sich in Berlin seit mehr als zwei Jahren. Castorf raus, Dercon rein. Altes zerschlagen, Neues wagen (frei nach Kulturstaatssekretär a.D. Tim Renner). Daraufhin Theaterstreit bis -kampf: Pro. Kontra. Kontra. Pro. Zwei Fronten, unversöhnlich. Verrückt. Wenn dann doch die Kunst in diesen Kontext kommt – wie soll man sie bitte schön noch lesen? "Objektiv" womöglich? Ein hoffnungsloser Selbstversuch: Boris Charmatz eröffnet mit seinem Tanzfest "Fous de danse. Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof" die Spielzeit der "neuen" Volksbühne Berlin unter Chris Dercon und Marietta Piekenbrock.

Der Boden ist los

von Gabi Hift

Wien, 10. September 2017. Nach vier Tagen Aufschub (die Premiere sollte usprünglich am 6. September stattfinden) geht der Lappen doch noch hoch – und wir sehen "Pyramus und Thisbe". Leander Haußmann hat die Szene zu einem hochkomischen, tieftraurigen Juwel gemacht. Jeder kennt die Geschichte: Eine Laientheatertruppe bestehend aus reifen Herren probt im Wald ein Stück für eine Hochzeit – mit Liebe, Tod, Mond und einem Löwen. Mitten im Dialog wird Zettel, der Hauptdarsteller, von einem Waldgeist entführt, in einen Esel verwandelt und beglückt die Elfenkönigin mit seinem Eselsschlong. Am nächsten Morgen hält er's für den seltsamsten Traum seit Menschengedenken.

Susi, Mimi und ich

von Dorothea Marcus

Bonn, 9. September 2017. Die Fakten sind haarsträubend und stellen Bauskandale um BER, Elbphilharmonie, Kölner Oper und Stuttgart 21 locker in den Schatten. Eine Provinzstadt sucht, weil sie ihren Hauptstadtstatus verloren hat, neuen Glanz im internationalen Kongresswesen und braucht dafür ein repräsentatives Haus. Sie findet einen Investor, der den gleichen Namen wie ein bekannter Autokonzern trägt, dessen Initialen "SMI Hyundai" allerdings lediglich seine Frau (Susi), seine Tochter (Mimi) und sich selbst (I) bezeichnen und dem jegliches Eigenkapital fehlt. Die Baukosten explodieren bald von einst 140 auf 300 Millionen Euro, davon sind die Projekt- und Planungskosten rund fünfmal höher als die Baukosten, die Stadt bürgt entgegen aller Versprechungen vollständig. Windige Investoren mit Sitz in Steueroasen steigen ein, im September 2009 ist Baustopp, alle beteiligten Firmen gehen insolvent, es folgen Razzien, Ermittlungen, Anklagen – nur niemals gegen Bedienstete der Stadt Bonn.

Abgang auf blutigen Knien

von Shirin Sojitrawalla

Koblenz, 9. September 2017. "König Lear" ist ein Stück über das Alter, den Wahnsinn, den Undank und die Gemeinheit in Reinnatur. Ein Stück über vieles und über das Nichts. Daneben ist diese Familientragödie von jeher ein Stück über die Täuschung, das Schau-Spielen, die Ent-Täuschung. Der Schriftsteller und Dramaturg John von Düffel betont diesen Aspekt, indem er in seiner Bearbeitung einige wichtige Figuren zwar streicht, aber doch spielen lässt, nur eben von anderen Figuren. Gloster und seine zwei ungleichen Söhne Edmund und Edgar sind so eigentlich gestrichen und doch präsent, weil Tochter Cordelia auch Edgar spielt und der Narr auch Edmund und Kent auch Gloster.

Schlachtfelder der Kapitalismuskritik

von Leopold Lippert

Wien, 9. September 2017. Mit blonder Langhaarperücke und einer dicken Schicht Goldfarbe im Gesicht erzählt Sabine Haupt im Wiener Akademietheater vom Ende der Welt. Nicht apokalyptisch, mit Erdbeben und Sintflut, sondern bloß nüchtern naturwissenschaftlich. Von der Sonne, die sich im Laufe der nächsten Millionen Jahre immer weiter aufblähen wird, und von der Erde, die dann aus heißer Lava bestehen wird, ohne jedes Leben. "Wir werden verschwunden sein", resümiert sie trocken. Und hinter ihr macht eine Wand aus hunderten Glühlampen (Bühne: Thea Hoffmann-Axthelm) überdeutlich, wie das dann sein wird: erst ein matter Glühfadenschein, schließlich hell strahlend mitten in die überforderten Zuschauer*innenaugen hinein.

Odysseus auf der Balkanroute

von Veronika Krenn

Wien, 8. September 2017. Die Windräder stehen still. Kein Lüftchen kräuselt das Wasser, in dem ein paar zersprengte Griechen sich die Füße kühlen, während sie auf die Meeresoberfläche stieren. Grillen zirpen, Odysseus, knietief im Wasser, lässt seine Muskeln spielen. Federnd sprintet er, das Nass unter den Sandalen verdrängend, an die Bühnenrampe, schüttelt lässig die Tropfen von seiner Neopren-Leggings. "Licht" schreit er ins Publikum und es ward hell.