In der Blase

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 22. Januar 2018. Knarr!, knarzt die Bewegung, klonk-klirren die Dosen, reißen drei schlumpfblaue Schlümpfe ihre Köpfe gen Nacken. Es ist wegen des Suppenkonsums: Schlürf! "Schmeckt sie dir?" Familienvater Franz bejaht. "Das Besondere an so einer Suppe ist, sich gemeinsam über den Geschmack zu freuen", betont Mama Magda. Also: "Uns geht es gut."

Rache im Remix

von Stefan Schmidt

Hamburg, 21. Januar 2018. Drei Männer stehen um eine brennende Mülltone und werfen ihre Pässe in die Flammen. "Die BRD ist eine Fiktion. Das muss man wissen", sagt einer von ihnen an diesem Premierenabend am Hamburger Thalia Theater. Der Zweite Weltkrieg sei schließlich nie beendet worden. Ganz offensichtlich handelt es sich also um so genannte Reichsbürger, jene diffuse Gruppe von rechten Staatsgegnern, die den Verfassungsschützern heute auch deshalb Sorgen bereitet, weil sie immer größer und gewaltbereiter wird. Im konkreten Fall haben wir es auf der Bühne mit den Gebrüdern Kohlhaas zu tun, ursprünglich im Import-Export-Geschäft, inzwischen im militanten Untergrund tätig. Manches spricht dafür, dass sie zu den Nachkommen des gleichnamigen rächenden Rechthaberprototypen aus Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" gehören. Wenn schon nicht biologisch, dann doch zumindest ideologisch.

Routinen des Tötens

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 20. Januar 2018. Sie treten ihm in die Nieren, würgen und quälen ihn, bis er jämmerlich heult und stöhnt und Blut spuckt: Die Crew der "Pequod" foltert einen Matrosen, ein hilfloses Mobbingopfer, denkt man zunächst. Aber da steht der Schauspieler Felix Mühlen plötzlich auf und beginnt einen dezidierten Vortrag über das Wale-Abschlachten. Während er aufgedreht von der Häutung des Walkadavers und allen weiteren Zerlegungsmaßnahmen der Walfänger doziert, wird er von den Kollegen kopfüber an einem Haken in die Luft gezogen, mit dickflüssigem Theaterblut besudelt und seines ehemals weißen Hemdes entledigt. Eine sehr eindrückliche, überraschende Szene in der neuesten Produktion des Staatstheaters Stuttgart, das jetzt eine Adaption von Herman Melvilles Roman "Moby Dick" auf die Bühne seines Kammertheaters brachte.

Schnee fällt durch die Zeit

von Simone Kaempf

Berlin, 20. Januar 2018. Ob der französische Cirque Nouveau, Zirkus- und Gauklerkunst jemals auf deutschen Bühnen bahnbrechenden Erfolg hat? Man bezweifelt es auch nach diesem Abend, der eine Lanze dafür bricht. Bereits im Foyer schlagen jungen Akrobaten ihre Flic-Flacs, ein Stelzenmensch schreitet Unterkanten-knapp durch die Tür. Auf der Bühne stemmen dann Gewichtheber mit freiem Oberkörper Menschen wie Hanteln in die Luft, Jongleure werfen Bälle und mischen sich unter die Schauspieler. Das riecht nach Jahrmarktstimmung, und marktschreierisch fällt dann auch noch der Startschuss: "Entrez! Hier ist die Wahrheit zu sehen. Entrez!" Trotz dieses szenischen Eingangstors kommt keine schlüssige Gaukler-Stimmung auf, man staunt eher, wie eng der Abend erst einmal seiner Filmvorlage folgt.

Zerbrochen und verbunden

von Tim Schomacker

Hannover, 20. Januar 2018. Ein sehr gleichmäßiges Raster aus weißen Drehstühlen auf schwarzem Bühnengrund. So geordnet geht es selten zu im Kopf des neunjährigen Oskar Schell. Vom Zuschauerraum aus sehen wir diese Ordnung (die nicht mehr ist als eine ersehnte Vorstellung), bloß für einen kurzen, späten Moment zu Beginn des zweiten Teils. Gleich wird sie wieder verwischt, Richtung Realität in Unordnung gebracht werden.

Doppelagenten sterben einsam

von Kai Bremer

Bielefeld, 20. Januar 2018. "Blödsinn, der ist nicht echt."
- "Aber, es hat sich bewegt."
"Die setzen doch keinen echten Hasen auf die Bühne."
- "Das ist kein Hase, das ist ein Kaninchen."
"Kaninchen sind klein und gescheckt. Der da ist groß und grau-braun, wie der Hase von Dürer."
- "Aber ein Hase ist schlanker und hat lange Ohren."
"Bist du Hasen-Experte, oder was?"
- "Auf jeden Fall ist der echt."

Auf der Suche nach Zugehörigkeit

von Veronika Krenn

St. Pölten, 20. Januar 2018. Die Welt ist für Franz Tunda ein Haufen Transportkisten, in denen er liebt und lebt. Der Zufall treibt ihn wie abgefallenes Laub im Wind zuerst durch Russland, wo er während des Ersten Weltkrieges als österreichischer Oberstleutnant 1916 in Kriegsgefangenschaft gerät. Er flieht und landet im Nirgendwo am Rande der Taiga bei dem sibirischen Polen Baranowicz, der nur einmal im Jahr in die Stadt geht und Zeitungen mitbringt. Mit Verspätung erfährt Tunda so vom Ende des Kriegs, vom Zerfall der K.-u.-k.-Monarchie, dem Ende des Vielvölkerstaates und macht sich auf den Weg zurück in eine Heimat, die nicht mehr existiert.

In Textgewittern

von Tobias Prüwer

Leipzig, 20. Januar 2018. Die Axt lockt. Die Axt zieht an. Die Axt liegt im Zentrum. Drei Männer rennen plötzlich los, rasen auf die Axt zu, die in greifbarer Nähe zu den Zuschauern liegt. Dass dder brachiale Kampf ums Überleben das Thema von "Eigentlich sollten wir tanzen" ist, macht der Werkzeug-Waffen-Zwitter am Schauspiel Leipzig symbolisch deutlich. Die Axt musste Regisseur Daniel Foerster, von 2015 bis 2017 Mitglied des Regiestudios am Schauspiel Frankfurt, nicht an Heinz Helles Roman legen, um dessen 170 Seiten auf bühnentaugliche Länge zu stutzen. Das besorgte der Autor gleich selbst.

Wir hatten einen Traum

von Andreas Thamm

Erlangen, 19. Januar 2018. "The purpose of computers is human freedom." Ted Nelson, der als Erfinder des Hypertexts gilt, sagte das. Das ist über 40 Jahre her. Die Geschichte des Internet ist eng mit Utopien wie dieser verbunden. "#Meinungsmacher" von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura, uraufgeführt in Erlangen, zeigt, wie und warum daraus, zumindest auch, Dystopien wurden.

Aus Traumata wird DNA

von Christian Muggenthaler

Bamberg, 19. Januar 2018. Das Leben setzt sich zusammen aus sich ansammelnden Schichten von Mobiliar. Am Ende der Uraufführung von Bettina Erasmys Stück "Brand" am E.T.A. Hoffmann-Theater Bamberg, als eine (west-)deutsche Familiengeschichte von der Mitte der 50er Jahre bis in die Gegenwart auserzählt ist und Vater Fritz Schüller tot im Lehnstuhl sitzt, sind die Möbel aus Jahrzehnten auf einen übersichtlichen Haufen zusammengeschoben. Oben am Bühnenhimmel hängen als Sehnsuchtsebene immer noch die ewigen Sterne (Bühne: Christina Mrosek). Drunten ist eine unglückliche Familie raketengleich durch die ihr verhängten Zeiten gerast. Auf der zu Beginn so leeren Bühne trug das Ensemble Stück für Stück Möbel herbei, gruppierte sie um von Szene zu Szene. Die Wunden der Schüllers sind zwischen allen diesen Stühlen entstanden.

Hopsa!

von Elena Philipp

Berlin, 19. Januar 2018. Dublin brennt! Feuer, Schwefelflammen, dichter Rauch. Im Flackern roter Bühnenportal-Neonröhren zählt Linda Pöppel, lässig im Leder-Look, lächelnd Lamentables auf: Galopp von Hufen. Kommandos und Kanonen. Sterbende, die schreien. Tote, die wiederauferstehen. Pandämonium, Apokalypse, Weltenbrand! Macht aber nix. Falls Dublin mal von der Erde verschwände, erklärt Szenen später ein Joyce-Zitat Pöppels glattkalte Verbindlichkeit, könne man's doch anhand seines "Ulysses" rekonstruieren. Selbstsicher formulierte der Autor so die Poetik seines welterschaffenden Totalromans. Alltagsprall, ideensatt und fleischeslustig ist er, elegant und gewitzt. Ein pochend-monströser Sprachkörper, bekanntlich handlungsarm: die Fährnisse des modernen Menschen in 18 Kapiteln. Ein Tag im Leben des Leopold Bloom, 38 Jahre alter Anzeigenakquisiteur und kultivierter Allerweltskerl. Wie bringt man so was auf die Bühne? Sebastian Hartmann, prosaerprobt, wagt's am Deutschen Theater Berlin.

Todesschatten der Blankverse

von Kornelius Friz

Dresden, 19. Januar 2018. Maria steigt aus dem Dunkel des Unterbodens auf die Bühne. Auf halber Höhe bleibt sie stehen und schaut ins Parkett. Lange tut sie keinen Schritt weiter, steht unbeweglich einfach da. Hinter Maria Stuart liegt der Kerker, vor ihr die Rampe, von der aus sie in den nächsten Abgrund sieht: ins Publikum. Um sie herum kreisen die Männer wie ferne Planeten. Sie alle versuchen, an die unglückselig Gefangene heranzukommen. Doch kaum einmal schaut sie einen von ihnen wirklich an: nicht Paulet, ihren Wächter, nicht dessen Neffen Mortimer, den jugendlichen Eiferer und später auch nicht den Grafen von Leicester (Ahmad Mesgarha), von dem man nie weiß, ob er seine Intrigen zu ihren Gunsten spinnt oder ob er zu seiner Liebhaberin Elisabeth hält und wie alle anderen sehen will, dass Marias Kopf rollt.

Ein Land mit Herz und Regeln

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. Januar 2018. Ein Perspektivwechsel: Das Publikum sitzt im Halbkreis auf der Bühne, während Bühnenbildner Michael Köpke den Zuschauerraum mit einem großen Glaskasten überbaut hat, und dazwischen lagern die Darsteller um ein Rednerpult, offen, kommunikativ, freundlich. Man wird kurz taxiert, als man den Raum betritt, sie registrieren schon, wer heute zuschaut, aber interessanter ist doch das Gespräch untereinander. Ein schönes Einstiegsbild hat Gernot Grünewald für seine Recherche "Performing Embassy of Hope" konstruiert, ein Bild, das ebenso Ankommen beinhaltet wie Unsicherheit, was einen erwartet.

Jesus im American Diner

von Shirin Sojitrawalla

Stuttgart, 19. Januar 2018. Im Anfang ist es wow! Weihrauch und Bachs Matthäus-Passion schwängern die Luft. Ringsherum rot strahlende Lichter tauchen alles in Feierlichkeit. Kathedralenstimmung, halb ehrfürchtig, halb ungläubig. Nicht viel später sehen wir Maria, wie sie Jesus unter Schmerzen gebiert, ganz so, wie es die Bibel den Frauen weissagt. Währenddessen zählt sie den Stammbaum Jesu auf, ganz so, wie es das Matthäus-Evangelium will: "Abraham zeugte Isaak, und Isaak zeugte Jakob, und Jakob zeugte Juda (...)". Und schon bald presst sie ein blutig schleimiges Etwas hervor: Der Heiland ist geboren. So grandios unverblümt hat man das noch nie gesehen, und als es Zeit ist, die Nabelschnur durchzuschneiden, ruft der Regisseur einfach "Cut!“.

Neonröhren royal

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. Januar 2018. Der eine ist voller Tatendrang, der andere voller Heuchelei, der eine will Maria Stuart befreien, der andere will sie besitzen. Es ist eine der stärksten Szenen des Abends, wenn Neffe Mortimer und Graf Leicester einen irgendwie gemeinsamen Plan schmieden – angetrieben aus ganz unterschiedlichen Motiven.

Das Blut an unseren Händen

von Elisabeth Maier

Basel, 18. Januar 2018. Mit bloßen Händen drischt die Tochter auf ihre Mutter ein. In ihren glänzenden Stöckelschuhen strauchelt die Konzernchefin. Schmutz befleckt ihre Designerbluse. Der adrett frisierte Haardutt löst sich. "Bist Du eine Mörderin?", will die junge, zornige Dokumentarfilmerin von der Geschäftsfrau wissen. In Dominik Buschs Stück "Das Recht des Stärkeren" liefern sich die junge Lisa Stiegler und Carina Braunschmidt ein erbittertes Duell. Blut klebt an den Händen der Unternehmerin, die Rohstoffe und Menschen in Kolumbien für ihren Profit gnadenlos ausbeutet. Ihre Macht zelebriert die Schauspielerin dennoch virtuos.

Spiel mir den Europa-Blues

von Maximilian Pahl

Zürich, 18. Januar 2018. Für ein nachnationales Europa! Und vor allem: Nie wieder Auschwitz! Und dass sich das erste aus dem zweiten herleitet, hat der österreichische Schriftsteller Robert Menasse schon vergangenen März in seiner Rede zum 60. Jubiläum der Römischen Verträge gesagt. Und im wunderbaren EU-Roman "Die Hauptstadt" literarisch verstrickt, wofür er den Deutschen Buchpreis 2017 erhielt.

Am Puls der Zeit

von Esther Slevogt

Berlin, 18. Januar 2018. Zuerst wird der etwas aus der Welt gefallen klingende Titel erklärt. Er stammt nämlich aus dem neutestamentarischen Buch des Evangelisten Lukas. "Even the hairs of your head are all numbered", heiße es da in Kapitel 12, Vers 7, sagt der Co-Regisseur und Miterfinder des Abends Chris Kondek. Und dann: "Fear not!" Was hier natürlich bedeutet: die Behütung der Menschenwesen durch den Allerhöchsten ist so umfassend, dass wir nichts fürchten müssen. Im Laufe des Abends sollen wir dann erfahren, dass die Zähl- und Datenerhebungswut des Digitalzeitalters die Lage grundlegend verändert hat. Ins ausgesprochen Furchterregende nämlich.

Ist das autobiografisch?

von Geneva Moser

Bern, 17. Januar 2018. "Ich bin glücklich", schreit sie, die süßliche Musik übertönend, und dreht sich liebestaumelnd um sich selbst. Glaubwürdig ist er keinesfalls, dieser ekstatische Ausbruch. Dafür ist uns zu viel über das Unglück dieser Frau bekannt: Ingeborg Bachmanns Roman "Malina", Teil der geplanten Todesarten-Trilogie, seziert schonungslos die Mechanismen, mit denen Menschen sich zugrunde richten. Ist das autobiografisch? Sicherlich ist das autobiografisch. Teilweise, abstrahiert und fiktionalisiert, natürlich. Aber eben doch: Die so schmerzhaft ambivalent glückliche, taumelnde Ich-Erzählerin im Roman ist auch sie, die Autorin Ingeborg Bachmann. Und Ivan. Und Malina.

Jenseits von Brüssel

von Hermann Götz

Graz, 17. Januar 2018. Es ist ganz offensichtlich: Ausstatterin Prisca Baumann hat sich besonders von den ersten Sätzen inspirieren lassen. "All they require is access to high-speed internet", heißt es da. Und auf der Bühne häufen sich Meter von europa-blauem Kabelschlauch. Darunter ein käse-gelbes Plastiketwas (gut: der Käse kommt erst später im Text), das bestimmt noch nie Hüpfburg war – aber atmet.