Zweifel an der Heimatfront

von Georg Kasch

Halberstadt, 21. Februar 2019. Was machen zwei Nazis, die hauptberuflich PEGIDA-Schilder malen und rassistische Do-It-Yourself-Videos für ihren Youtube-Kanal drehen, mit einem schwarzen neunjährigen Mädchen? Auf Ebay versteigern? Verschenken? Aussetzen?

Unter Influencern und Spießern

von Steffen Becker

Aalen, 19. Februar 2019. Straight to the point: Die Internetseite des Theater Aalen weist in der Ankündigung von E.T.A. Hoffmanns "Der goldene Topf" explizit darauf hin, dass dieses Werk 2019 Abiturthema in Baden-Württemberg wird. Intendant Tonio Kleinknecht zielt offensiv auf jene Kandidat*innen einer Oberstufe, die sich sonst vor einer Romaninterpretation schnell noch mal die Verfilmung des Buchs anschauen – weil Lesen ist ja echt anstrengend und so.

Hassknechte in der deutschen Dunkelkammer

von Katrin Ullmann

Hamburg, 16. Februar 2019. Wer will hier leben? Wer will hier Kind gewesen sein? Und wer will hierher zurückkehren? In dieses Haus, das Muriel Gerstner und Selina Puorger gebaut haben? Portalfüllend steht es auf der Bühne des Schauspielhauses. Rundum, die Wände, die Decke, der Boden, schwarz. Es ist ein Haus wie ein Sarg. Nein, viel liebloser, viel rauer als ein Sarg. Düster, todverheißend. "Verwandtschaft bedeutet den Tod", heißt es bei Thomas Bernhard auch. Aber diese Figuren, diese Verwandten, diese einander ausgelieferten Hass-Geschwister sind so gar nicht totzukriegen.

Die Welt ist meine Gummizelle

von Georg Kasch

Neubrandenburg, 16. Februar 2019. Ist Neubrandenburg das Zentrum des Universums? Oder vielleicht des Jenseits? Jenny Jannowitz, titelgebender Todesengel, trägt jedenfalls einen schwarzen Faltplan mit sich herum: Auf der einen Seite leuchten weiß die Himmelssterne, auf der anderen die Straßen Neubrandenburgs.

Unendlich lebensfeindlich

von Jens Fischer

Bremerhaven, 16. Februar 2019. Unwirtlich prunkende Wartehallensitzbänke vor einer Alu-Lamellenwand. Hereingesetzt in dieses trostlose Bild: drei namenlose Figuren, ausdruckslos starrend, in sich versunken wartend. Nie wird der Ausruf erschallen, dass ein Flugzeug, Zug oder Bus zur Abfahrt bereitsteht und sie abholt aus ihrem monadisch isolierten Zustand. Den Ausweg muss das müde Trio selbst visionieren und beschreiten. Also zuerst mal klären, warum das Leben aus dem Lot ist – und dem Publikum des Stadttheaters Bremerhavens erzählen, was Alexandra Badea dazu in ihrem Stück "Extremophil" so alles mit sachlich poetischer Sensibilität notiert hat. Und das ist ein Aufstand gegen äußere Verzweiflung und innere Leere.

Digital ist doofer

von Martin Thomas Pesl

Graz, 15. Februar 2019. Das Netz gibt es hier nur analog. Es hängt über der Bühne im Haus Zwei des Grazer Schauspielhauses. Es tut so, als solle es fallende Scheinwerfer auffangen, aber so niedrig, wie es hängt, ist klar: Das wird noch runterfallen und jemanden gefangen nehmen. Solche Bilder drängen sich nun einmal auf bei einer Komödie mit der schlichten Prämisse: Stell dir vor, die ganze Digitalisierung wäre nicht Produkt komplexer technologischer Entwicklungen, sondern eine allegorische Figur namens Herr Kwant.

Geister des Maschinellen

von Maximilian Sippenauer

München, 15. Februar 2019. Neun Tonnen Stahl, hieß es im Vorfeld martialisch, seien für Ulrich Rasches "Elektra" verschweißt worden. Neun Tonnen schwarzer Stahl. Das Bühnenbild eine einzige kolossale Maschine, eine Säule Dunkelheit. Kopf dieses Gitterzylinders ist ein Käfig, der sich hebt und senkt. Darunter gefangen, auf einem meterhohen Schaft, ein gewaltiger Diskus, der sich dreht und verkantet. Auf dieser Scheibe angekettet schreitet ohne Unterlass das Ensemble in schwarz und grau, zwei Stunden lang, in monotonem Rasche-Sprech Hofmansthals Sophokles-Nachdichtung in Silben zerkauend. Begleitet von einem bombastischen Soundtrack aus Geigen und Cello, Bass und Trommeln. Wie immer bei Rasche ist auch dieses Stahlgewitter ein fragwürdiges Spektakel der Überwältigung. Denn wie immer steht und fällt auch diese Inszenierung mit der Frage: Wie gut korrespondieren Effekt und Inhalt?

Das Barbie-Syndrom

von Gerhard Preußer

Dortmund, 15. Februar 2019. Was dabei herauskommen kann, wenn die Mädchen zu viel mit Barbie-Puppen spielen: Dann heiraten sie einen gesichtslosen Ken, werden unglücklich und böse. Das ist vielleicht nicht die Wahrheit über Hedda Gabler oder über das Verhältnis von Schönheit und Moral, aber eine Wahrheit über die Spielzeugindustrie. Im Theater geht es allerdings nicht um Wahrheit, sondern um Fiktion, oder um Original und Abbild. Oder um das, was irgendwo zwischen den beiden steckt. Und mit dieser Zwischenwelt zwischen Präsenz und Absenz treibt Jan Friedrichs Dortmunder Inszenierung von Ibsens oft gezeigtem Drama so ihr Spiel.

Zerfallende Familie, bröselnde Identität

von Alexander Jürgs

Wiesbaden, 15. Februar 2019. Pennsylvania, die gleiche Pension wie vor zehn Jahren. Und wieder teilen sie sich einen Joint. Nur der Sex, der funktioniert nicht mehr. Damals, da mussten sie sich nur anschauen und sind schon gekommen. Keine Finger, keine Zunge, bloß gucken. Heute läuft auch trotz Berührungen nichts. Jacobs Rücken rebelliert, dann gehen sie aufeinander zu, verknoten sich, rutschen ab. Ungelenk und ungeschickt. Es hat etwas von Slapstick, wie Adina Vetter und Tom Gerber die Szene spielen. "Es liegt nicht an dir", sagt Gerber als Jacob. "Nett, dass du das sagst", antwortet Vetter in der Rolle der Julia.

Schwitzen und Schwadronieren

von Kornelius Friz

Bautzen, 15. Februar 2019. Um toxische Männlichkeit geht es nicht. Ganz im Gegenteil: Hier wird jegliches Gift ausgeschwitzt. Diese Männer sind höchst hygienisch. Ihre Körper und Seelen pflegen sie in der Männersauna. Sogar der Feuerwehrmann, das Ferkel unter lauter Schweinen, lässt sich zumeist überreden, doch noch vor dem ersten Aufguss zu duschen.

arthalergrütze für Selbstverzehrer

von Falk Schreiber

Hamburg, 16. Februar 2019. Christoph Marthaler gilt als Spezialist für stillen, hintergründigen Humor. Nun ja. In seiner Hamburger Inszenierung von Johann Nepomuk Nestroys Posse "Häuptling Abendwind" jedenfalls werden zunächst fröhlich Überbiss-Scherze gerissen, bis dann als Höhepunkt des Abends ein Menü folgt. Es gibt unter anderem: "Gauländer Pilzragout auf einem Schaum von tausendjährigem Vogelschiss." "Söderhoden auf Eichelkäse gratiniert." "Gepökelte Bandscheibe vom Weidel-Rind." Wohl bekomm's.

Krimi mit Untergrund

von Jan-Paul Koopmann

Bremen, 14. Februar 2019. Als zum Ende die Schredder anlaufen, ist die Trennschärfe eh längst dahin. Es ist ein Chaos, das da zu melancholisch-schöner Musik in den Aktenvernichtern landet: Zettel mit den Namen der NSU-Opfer Mehmet Turgut, Enver Şimşek oder Theodoros Boulgarides. Auf anderen finden sich die Schlagworte der Migrationsdebatte: "Deutschland schafft sich ab" etwa, oder schlicht "Chemnitz". Auch ein Foto von Otto Schily wird gehäckselt, dazu diverse Dokumente, auf denen das Relevante längst schon in dicken Balken geschwärzt wurde. Es ist eine der stärksten Szenen in Nurkan Erpulats "Aus dem Nichts" Inszenierung, wie da minutenlang nur Schnipsel fliegen – aber auch ihr entlarvendster.

Ist nur Theater!

von Andrea Heinz

Wien, 14. Februar 2019. Ein Stück wie Karl Schönherrs "Glaube und Heimat", das ist in ideologisch aufmunitionierten Zeiten wie diesen erstmal keine schlechte Wahl. Soll niemand glauben, die religiösen Fanatiker wären immer nur die Anderen, Fremden – wie am Schönherrschen Drama aus dem Jahre 1910 schön zu sehen ist, waren die aufgeklärten Europäer im 19. Jahrhundert noch vorne dabei in Sachen Glaubenskrieg. Angeregt durch die Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 verlegte Schönherr sein Stück, das den verräterischen Untertitel "Tragödie eines Volkes" trägt, in die Zeit der Gegenreformation. Exemplarisch werden die Ideologien gegeneinander aufgefahren: hier der religiöse Fanatismus, der im Namen des rechten (sprich: katholischen) Glaubens verlangt, dass die lutherisch Irrgläubigen das Reich verlassen. Der Kaiser will es so, ein zum Ritter geschlagener Mönch exekutiert es mit dem Schwert. Dort der zutiefst bäuerliche Glaube an den eigenen Grund, die Heimat, in der man zum Erhalt des eigenen Seelenheiles zwingend begraben sein muss. Im Völkischen Beobachter wurde Schönherr für sein "blutechtes, bodenständiges Schaffen" gelobt.

Der Blauwal soll sein Maul halten!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 9. Februar 2019. "Es geht in diesem Text um alles. Es ist ein Wal […] Ein Blauwal", so Wolfram Lotz. Für diesen Blauwal genannt "Sommer" erhielt Sean Keller das Hans-Gratzer-Stipendium 2018. Lotz hatte den Wettbewerb als Mentor begleitet. Nun erfolgte die Uraufführung am Schauspielhaus Wien in der Regie von Elsa-Sophie Jach. Deren, im Regieduo mit Thomas Köck erarbeitete, Inszenierung von Köcks Text Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!) wurde 2018 zu den Autor*innentheatertagen und zum nachtkritik Theatertreffen eingeladen und war für den Nestroy nominiert.

Du kommst hier nicht rein

von Tobias Prüwer

Leipzig, 9. Februar 2019. Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss: Der Abend schlägt von Sekunde eins eine Triangel aus Kraftwerk, Trio und Giorgio Moroder an. Wie ein Metronom gibt das den Takt der Inszenierung vor. Der Beat pocht drängend aus dem Off und ein menschliches Stimmenorchester hebt zum Musiktheaterkonzert mit wippenden Zuschauerfüßen an.

Das Echo des Unerzählten

von Christian Rakow

Berlin, 8. Februar 2019. Ein Pavian war auf der Bühne auch noch nicht zu sehen. Zumindest nicht dem Archiv von nachtkritik.de nach, das ja nun auch schon zwölf Jahre Theatergeschichte speichert. Der äffische Held heißt Jeany und wird vom Tiertrainer an der Hüftleine geführt. Und Jeany wäre gewiss die Sensation dieses Abends gewesen, wenn es nicht noch Jonas Dassler und Aram Tafreshian gegeben hätte.

Depri in Deutschland

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 8. Februar 2019. "Und einmal, da stand ich kurz vor meiner Abschlussprüfung an der Schauspielschule. Und da sagte meine Jahrgangsleiterraupe zu mir, du wirst niemals an einem Theater engagiert werden, denn für ein kleines Theater bist du zu auffällig ... Nur ein sehr großes Theater kann sich ein Luxusprodukt wie dich leisten." Diese Textpassage aus Technocandys neuer Produktion "Schaffen" mag biografisch sein, muss sie aber nicht. Fakt ist, Banafshe Hourmazdi ist nicht nur Teil des Performancekollektivs Technocandy, sondern auch eins von 18 Ensemblemitgliedern am Theater Oberhausen, fest engagiert. Intendant Florian Fiedler setzt auf Diversität, auf kulturelle Vielfalt im Team und im Programm – dafür wird das Theater jetzt auch von der Kulturstiftung des Bundes aus dem 360°-Fonds gefördert. In Workshops wird in Oberhausen gegen rassistische, sexistische, diskriminierende Kommunikation und Strukturen am Arbeitsplatz gearbeitet.

Kommen wir zum zwanglosen Teil des Abends

von Falk Schreiber

Lüneburg, 9. Februar 2019. Glatte Oberflächen. Wenn es eine Ästhetik des Spätkapitalismus gibt, dann sieht sie so aus: nichtssagende, teure Räume aus Holz, Glas, Stahl. Cornelia Brey hat für Dennis Kellys "Die Opferung von Gorge Mastromas" solch eine glatte Oberfläche ins Theater Lüneburg gebaut: eine leicht gemaserte Rückwand und ein Podest, das sich über den Orchestergraben ein Stück weit in den Zuschauerraum schiebt. Alles wirkt edel, kalt, ortlos, ähnlich wie Marie Roths Bühne für Ayad Akhtars Junk vergangenen April am Hamburger Schauspielhaus, ein Stück, das ebenso versucht, die Marktwirtschaft als sinnstiftendes System zu kritisieren. Und dabei mit Wucht gegen die (immerhin geschmackvoll gestaltete) Wand fährt.

Absurder Arbeitstotalitarismus

von Christian Muggenthaler

Regensburg, 8. Februar 2019. Die junge Frau, Tamsin mit Namen, muss sich um ihren Bruder Dean kümmern, der so stark unter Zwangsneurosen leidet, dass er kaum den Alltag meistern kann. Die Mutter ist früh gestorben, Tamsins Schulbildung alles andere als prächtig. Weil sie irgendwie Geld ranschaffen muss für sich und ihren Bruder, muss sie als Ungelernte in einem Paketdienst schuften, in dem schlechte Löhne, Akkordarbeit und das unbedingte Angewiesensein auf wenigstens diesen Arbeitsplatz inhumane Bedingungen schaffen. Dort lernt sie mit Luke einen jungen Mann kennen, der sie kurz zum Lieben und Träumen bringt. Weil die Behörden ihren Bruder aber – eine Katastrophe – nicht als arbeitsunfähig ansehen wollen, und die Unterstützung kappen, muss sie alle Träume beerdigen und im Mahlstrom des Akkords weitertreiben.

Die toxische Männlichkeit in Person

von Anna Landefeld

München, 7. Februar 2019. Da kniet er nun im Wasser, die Kleidung triefend und dreckig, das Gesicht verkrustet; in der weißen Masse, die es bedeckt, sind die Spuren seiner Tränen zu sehen. Und dann schreit er, schreit das ganze Leid seines Lebens tief aus seiner Seele in die Dunkelheit vor ihm. Wenige Sekunden nur und doch vereint dieses "Nein" alle Sünden der Menschheit in sich, die vergangenen, die gegenwärtigen, die kommenden. Herakles, der gefallene Halbgott, fühlt zum ersten Mal. Zu spät. In der großen Pfütze, die den ganzen Abend schon den Bühnenboden bedeckt, liegen sie. Seine Frau. Seine drei Kinder. Ermordet durch seinen Bogen. Niedergemetzelt im Wahn. Für Riesen hat er sie gehalten, die ihn töten wollen. Herakles hat alles verloren – und doch steht ihm die schwerste Zeit in seinem Leben noch bevor. Denn Simon Solberg zeigt in seiner wirkmächtigen "Herakles"-Inszenierung am Münchner Volkstheater nicht nur den Weg in den Abgrund, sondern er präsentiert auch eine Lösung. Eine, die so simpel wie unmöglich erscheint und für den Göttersohn, so einfältig wie kraftstrotzend, unerträglich ist.