Ein Schwank aus Babylon

von Valeria Heintges

Chur, 18. Juni 2018. 518 Seiten hat Michail Bulgakows Roman "Meister und Margarita" in der deutschen Übersetzung von Alexander Nitzberg. Elf Jahre hat Bulgakow daran geschrieben und doch ein unvollendetes Werk hinterlassen, ein Meisterwerk, eine hochpolitische Gesellschaftssatire mit multiplen Deutungsmöglichkeiten und ähnlich komplex wie Goethes "Faust", an das es sich deutlich anlehnt, dieses Drama um den Teufel, der als Magier Woland nach Moskau kommt, den Literaturclub aufmischt und Margaritas Seele kauft.

Irre hilflos

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 17. Juni 2018. Die Krankenschwester Irene Straub tritt an die Rampe, singt "Wenn ich ein Vöglein wär" und wirft dem Zuschauer, dessen Handy klingelt, einen tadelnden Blick zu. Dann hört man einen Knall, die Schwester fällt tot zu Boden. Der Vorhang hebt sich, aus dem Bühnennebel schält sich ein Tohuwabohu, das Schlimmes befürchten lässt. Doch dabei bleibt es nicht. Es ist offenbar nur der Anreißer, mit dem sich die Regisseurin Annette Pullen die Aufmerksamkeit des Publikum sichern möchte. Dann kommt noch der Kriminalinspektor Richard Voß durch den Saal, mit zwei Colts am Gürtel und in Cowboystiefeln, und die restlichen Darsteller deuten zu lauter Musik zappelnd die Gesten von Rockmusikern an.

Die Story vom toxischen Sonnyboy

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 15. Juni 2018. Liliom einen Hallodri zu nennen, hieße ihn zu verharmlosen beziehungsweise ihm auf den Leim zu gehen. Bei Ferenc Molnár nämlich bezeichnet sich der Karussell-Ausrufer Liliom am Ende selbst als Hallodri. Nicht so in Wiesbaden, in der Fassung von Thomas Jonigk. Der besetzt den Liliom lieber gleich mit einem jungen hübschen Mann, der in James-Dean-Manier auf die Bühne schlenzt: Tobias Lutze. Smarter Kerl, weicher Blick, offenes Hemd. Schwiegermuttis Darling. Klassische Gegen-den-Strich-Besetzung, ist doch Liliom üblicherweise Paraderolle für die kerligen Mannsbilder im Ensemble.

Vati ist heut böse

von Christian Rakow

Berlin, 15. Juni 2018. Dimitrij Schaad, der Edelspielmacher und Diskursjongleur des Gorki-Theaters, der wie kaum ein zweiter schwere Dinge leicht wirken lassen kann, hat gerade einen unbarmherzigen Besetzungszettel. Jüngst in Yael Ronens Walk on the Dark Side spielte er einen egomanischen Astrophysiker, der über Leichen geht und seine Familie psychisch abwrackt. Und heute ist er der autoritäre Vater und ehemalige zaristische Polizeichef Iwan Kolomijzew aus Maxim Gorkis Drama "Die Letzten" (von 1907, uraufgeführt 1910 durch Max Reinhardt am Deutschen Theater Berlin).

Theater oder Parkgarage?

von Andrea Heinz

Wien, 15. Juni 2018. Normalerweise, sagt ein junges Mädchen nach der Vorstellung, fände sie Theater ja scheiße. Normalerweise. Aber was das Performancekollektiv Superamas an diesem Abend aus dem sehr klassischen Theaterstück "Onkel Wanja" gemacht hat, ist eben kein "normales" Theater. Über sechs Monate lang haben sie mir vier Gruppen junger Erwachsener in Amiens und Maubeuge, Reykjavik und Wien Tschechows Klassiker befragt und mit den insgesamt rund 60 Teilnehmer*innen eine eigene Version entwickelt: "Chekhov Fast & Furious". Nicht nur um eine junge, aktuelle Sichtweise auf den Klassiker ging es Superamas dabei, sondern auch um eine Erforschung der Theaterproduktion an sich. Ganz platt formuliert: Wie machen Menschen Theater?

Die Perspektive verschieben

von Jan Fischer

15. Juni 2018. Am beeindruckendsten ist am zweiten Freitag der Theaterformen die Inszenierung, die auf der Bühne den geringsten Aufwand betreibt: "Fractured Memories". Ogutu Muraya steht alleine auf der Bühne und erzählt. Murayas Geschichten beginnen mit dem ersten "Congrès des écrivains et artistes noirs" im Jahr 1956. Die Versammlung Afrointellektueller in Paris befasste sich mit Kolonialismus, Sklaverei und der kolonialkritischen Denkströmung, die sich unter dem Begriff "Négritude" seit den 30ern etabliert hatte. James Baldwin hielt den Kongress in einer essayartigen Reportage fest – das ist die Quelle, aus der Muraya sich bedient. Gegen Ende der Vorstellung ruft er eine große Projektion des Schriftstellers um Hilfe und Rat an.

Die Liebe in Zeiten der Empörung

von Matthias Schmidt

Meiningen, 14. Juni 2018. Wie nennt man es eigentlich, wenn man mitten im Klatschen bemerkt, dass man es gerade besser nicht tun sollte? So geschehen am Ende der Performance "On the Edge", einer Koproduktion des Landestheaters Eisenach mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, die gestern in Meiningen ihre zweite Premiere hatte. Es wird getanzt und das Publikum zum Mitklatschen animiert. "Blas mir die Sorgen weg", singen sie, und man denkt, kein Problem, böhmische Blasmusik auf dem Theater, das kann nur Ironie sein. Ein Klamauk, bei dem es über Tische und Bänke geht. Unter dem Tisch aber findet eine Vergewaltigung statt. Alle können es sehen. Man kann aber auch wegschauen. Und weiter rhythmisch klatschen. Erwischt!

Unter Brechts Tarnkappe

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 13. Juni 2018. "Es gibt Künstler, die zusammengehören. Die Zeit der Vereinzelung ist vorbei." Diese beiden Feststellungen stammen aus einem Text, den der Theaterkritiker Herbert Ihering 1929 über Bertolt Brecht geschrieben hat. Iherings Gedanken und Ideen kreisen um ein unvollendetes, ein verlorenes Werk, das "Ruhrepos", ein Projekt, an dem der Dramatiker 1927/28 im Auftrag der Stadt Essen und deren Operndirektor Rudolf Schulz-Dornburg gemeinsam mit Kurt Weill und dem Filmemacher Carl Koch gearbeitet hat. Das "Ruhrepos" sollte ein musiktheatralisches Gesamtkunstwerk über das Ruhrgebiet und den Bergbau, die Ausbeutung der Erde und der Menschen werden, in dem Texte und Kompositionen, Filmbilder und Spiel perfekt ineinandergreifen und so eine neue, multimediale Form begründen. Brecht, Weill und Koch wollten gleichberechtigt miteinander arbeiten und so den Kollektivgedanken fest in der modernen Bühnenkunst verankern. Aber der Vertrag mit der Stadt ist nie zustande gekommen. Nachdem die Nachricht, dass Bertolt Brecht und Kurt Weill eine Opernrevue für die Essener Bühnen schreiben sollten, an die Öffentlichkeit gedrungen ist, kam es zu einem medialen Aufschrei, und die Essener Kulturpolitik zog sich zurück.

Public Viewing gegen die Einsamkeit

von Mirja Gabathuler

Zürich, 12. Juni 2018. Nachspielzeit? Lassen Sie sich nicht täuschen: Es geht in Jan Sobries Stück nicht um Fussball. Oder nur am Rande, als Schlusspointe, kurz vor Abpfiff sozusagen, im Theatersaal besser bekannt als Applaus, hat der Ballsport noch seinen Auftritt, irgendwie ist ja bald WM und davor kann auch das Theater die Augen nicht verschließen. Zu Beginn spielt das Drama sich aber nicht auf dem Rasen ab, sondern um einen gedeckten Tisch im Foyer des Schiffbaus in Zürich, das sich mit seinen zahlreichen Fenstern und Rolltüren in Richtung des urbanen Westens von Zürich wunderbar als Bühne für ein Stück eignet, das mit der Gegenwart hadert.

Reden in Scheinwerferkegeln

von Michael Wolf

Berlin, 9. Juni 2018. Vor zwei Jahren weinte Maryam Zaree bitterlich auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters. Sie spielt in der Premiere von Yael Ronens Denial die Tochter einer Iranerin, die von den Schergen der islamischen Revolution gefoltert wurde. Sie selbst kam im Gefängnis zur Welt, bevor die beiden in Deutschland Asyl fanden. Nie habe sie mit ihrer Mutter über die traumatische Vergangenheit sprechen können, jetzt sei es an der Zeit. Aber kaum erhob Zaree ihre Stimme, brach sie ihr schon wieder.

Männer spielen Nazis, Frauen gehen ab

von Steffen Becker

Mannheim, 9. Juni 2018. Auf dem Traumschiff oder im Nazibunker? Nehmen wir an, Sie wären Schauspieler*in. Wo sähen Sie sich lieber? Was würde Ihrer Karriere eher nutzen? Die Autorin Theresia Walser und ihr Regie-Symbiot Burkhard C. Kosminski verweben für die Ergründung dieser Frage zwei Stücke: "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" war Walsers erstes Werk in Mannheim, unzählige Male gespielt, in Mannheim und anderswo. Alternde Hitler-Darsteller unterhalten sich darüber, ob man so eine Figur überhaupt spielen darf (aber eigentlich, wer es besser hinbekommen hat).

Verwurstende Verwurstungslogik

von Theresa Luise Gindlstrasser

Linz, 9. Juni 2018. Die Puppe Brecht wünscht "viele Erkenntnisse" und "viel Spaß". Black, Trommelwirbel, Spot: Die Drehbühne dreht sich, der Glitzervorhang glitzert, eine Show-Treppe steht rum – das ist der sogenannte "theatralische Teil" des Abends. Denn, "in der Show schaut das Theater zurück". Da wird sich das Publikum als gut gelauntes Show-Publikum performen sollen, damit wir nachher sagen: "Es war eine tolle Show".

Apropos "es", also "das Es", das Unbewusste und Ungewusste ist's, nach dem "Kuttners Hitlershow. Am Tag, als Adolf Hitler starb" in den untiefen Untiefen der massenmedialen Inszenierungen angelt.

50 ways to hurt your lover

von Andrea Heinz

Wien, 8. Juni 2018. Es könnte überall sein. Austauschbare, weiße Möbel, ein Bild an der Wand, Blumen am Esstisch, eine Kuckucksuhr, ein Schild: Home, Sweet Home. Aber ein gesprayter Hinweis an der Wand lässt erst gar keine Illusionen aufkommen: "Häusliche Gewalt" steht da, und ein Pfeil weist den Weg. Genau das ist es, was in der fünf Stunden dauernden Performance dann auch passiert: Der schwedische Künstler Markus Öhrn hat reale, in Wien vor Gericht verhandelte Missbrauchsfälle zum Vorbild für seine gleichnamige Arbeit genommen.

Ich bin ein Mensch, holt mich hier raus!

von Martin Krumbholz

Köln, 8. Juni 2018. Die staunenswert lebensechte, vergrößerte Nachbildung des Schauspielers Bruno Cathomas, die da am Boden des Depots liegt, schläft nicht. Sie blickt uns an. Die beiden Schauspieler, die auf der Figur liegen, Kate Strong und Bruno Cathomas, schlafen. Sie wirken winzig auf dem massigen Leib der Cathomas-Figur, wie Zwerge oder Püppchen. Der Riese sieht uns den ganzen Abend aus großen Augen an, und man wartet eigentlich darauf, dass er aufsteht und mitspielt. Denn ehrlich gesagt, zuzutrauen wäre so etwas dem Wunderkind Ersan Mondtag ohne weiteres. Beweis: Wenn man ganz genau hinschaut, wird man gegen Ende der Vorstellung bemerken, dass eine der blond-weißen Skulpturen in ihrer Vitrine hinten auf der Bühne sich kurz bewegt und ihre Position verändert, bevor sie wieder erstarrt. Im Mondtag-Theater ist alles möglich, das Tote lebt und das Lebende ist, naja, scheintot.

Heiligabend bei den Rassisten

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 8. Juni 2018. Der Blick fällt auf eine schon vor langer Zeit verblühte Landschaft. Rechts steht ein ehemals weißer, von Rostspuren gezeichneter Kasten, dessen große Fenster und gläserne Schiebetür an einen Bahnsteig-Warteraum oder auch an eine heruntergekommene Pförtnerloge erinnern. Links erhebt sich eine einzelne Straßenlaterne, die nur noch schwaches Licht spendet. Im Hintergrund zwei mit löchrigem Kunstrasen bedeckte Hügel. Und über die Rückwand ziehen fortwährend dunkelgraue Wolken. Ein Land also, in dem niemals die Sonne aufgeht und alles nur noch vor sich hin verrottet.

Erwecke den Panther in mir

von Martin Thomas Pesl

Wien, 8. Juni 2018. Voriges Jahr stand in der breiten Zufahrt zu den Gösserhallen beim Hauptbahnhof Wien in großen Lettern "This is not Wiener Festwochen?". Viele waren geneigt, angesichts der ersten Festivalausgabe unter Intendant Tomas Zierhofer-Kin das Frage- durch ein Rufzeichen zu ersetzen – zu viel hippes Diskursgeschwurbel anstelle von Theaterhighlights aus aller Welt. Dieses Jahr hängt an derselben Stelle ein Transparent mit einem Zitat der Black-Panther-Aktivistin Assata Shakur, dem Motto der hier uraufgeführten Performance-Kunstinstallation "L’habitude". Übersetzt lautet es: "Die Leute gewöhnen sich an alles. Je weniger du über deine Unterdrückung nachdenkst, desto mehr tolerierst du sie."

Hedgefonds und Pflege

von Jan Fischer

Braunschweig, 8. Juni 2018. Es sind die kleinen, leisen Gesten, die in der Inszenierung "Independent Living" des japanischen Regisseurs Takuya Murakawa zwei unterschiedliche Länder greifbar machen. Drei Pflegesituationen zeigt die Inszenierung: Eine in China, eine in Südkorea und eine in Japan. Die Pfleger werden dargestellt von – so die Behauptung – Menschen, die tatsächlich im Pflegesystem des jeweiligen Landes arbeiten. Die Bepflegten – jeweils Menschen, die sich nur eingeschränkt mitteilen und bewegen können – werden von einer Frau gespielt, die Murakawa vor der Aufführung aus dem Publikum ausgewählt hat. Die darf auf dem Bett in der Mitte der Bühne liegen, sich umdrehen lassen oder in einen Rollstuhl hieven.

Picknick und Leichenschmaus

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 7. Juni 2018. In einem der einprägsamsten Momente des Abends stehen sich der Mitbegründer und künstlerische Leiter des Theaters an der Ruhr, Roberto Ciulli alias Roberto Ciulli, und sein Schauspieler der ersten Stunde Volker Roos alias Clown Sepp gegenüber, und Ciulli fragt Sepp: "Wie lange bist Du schon hier unten bei mir?" – "42 Jahre." – "Hast Du Angst?".

Sekt zum Seelenstriptease

von Simone Kaempf

Berlin, 7. Juni 2018. Was ist das größte Problem eines Künstlers? Natürlich nicht seine Kunst. Jedenfalls nicht in Rainald Goetz' Text "Jeff Koons", benannt nach dem amerikanischen Hohepriester der Vereinigung von Kunst, Kitsch und Kommerz. Des Künstlers größtes Problem ist darin das Hin- und Hergerissensein zwischen Sehnsucht und Verachtung, zwischen Menschenekel und Zuneigung, Erniedrigung und Erhabenheit à la: "Ich schreie, ich gröle, bin saugut drauf. Ich hasse euch alle, ich finde mich toll."

Märchenerzählen heute

von Gabi Hift

Berlin, 7. Juni 2018. Zwei Uhr Nachts. Burger King hat Sperrstunde, die Belegschaft räumt auf, plötzlich ein Aufschrei: Mitten im Dreck zwischen Pappbechern und Kaugummi liegt ein neugeborenes Baby.