Diese Sprache stinkt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 18. April 2019. Wer ist der Clown? Ein Fremdkörper, sozial, biologisch, historisch unbestimmbar. Ästhetisch jedoch sehr wohl: Als Spielernatur geht er durch Zeiten und Geschlechter. Aus dem 'entweder oder' wird ein 'sowohl als auch'. Er kann männlich und weiblich sein, Protagonist und Antagonist, Gott und Teufel, Schelm und Terrorist, Raupe und Schmetterling, These und Antithese. Der Clown repräsentiert die Gegenwelt zu Norm und Gesetz. Er steht außerhalb und allein. Ein verlorener Junge – wie Martius Coriolanus, Patrizier, Feldherr, Triumphator, Rebell gegen seine Heimat Rom.

Tag der offenen Gangsterhöhlentür

von Maximilian Pahl

Luzern, 17. April 2019. Vorbereitend wird die Skepsis des Zuschauers mobilisiert. Bevor die "Gangsterhöhle" des Regisseurs Franz von Strolchen öffnet, beschwört Dramaturg Gábor Thury "kriminelle Energien". Unter anderem beobachte man "verdächtig viele" weiße Lieferwagen in der Gegend, nebst anderen dubiosen Vorkommnissen rund um die Box auf dem Theaterplatz.  Rein faktisch liegt da eine piekfeine, verkehrsberuhigte und maximal schweizerische Altstadt an einem idyllisch frühlingshaften Abend. Das Publikum wechselt vom Theater-Foyer aus langsam die Straßenseite, wo Christian Baus den Eingang zur Gangsterhöhle bewacht. Er ermahnt uns dazu, unauffällig zu bleiben: "Tun Sie so, als würden Sie nicht hereinkommen, aber kommen Sie trotzdem herein – das ist der Trick."

Othello, alter weißer Mann

von Falk Schreiber

Berlin, 14. April 2019. Nackt und blutig steht Ingo Hülsmanns Othello an der Rampe. Ein Typ, der dampft vor Gewalt und Männlichkeit. Auch seine Frau Desdemona (Sina Martens) ist nackt, aber nicht blutig, sondern milchfeucht, und die Umarmung zwischen ihr und Othello ist entsprechend eine Weißwaschung. Was zunächst eine kluge Idee ist, auch wenn sie optisch nur ein paar halbspannende Softsex-Bilder hergibt.

Verfolgungsjagd im Porno-Kino 

von Maximilian Pahl

Zürich, 13. April 2019. Es dauert keine zehn Minuten, da hat die Souffleuse Rita von Horváth schon alle Hände voll zu tun. Robert Hunger-Bühler ist nämlich, vorsichtig ausgedrückt, nicht ganz textsicher. Auch bei Ueli Jäggi hapert's später oft und für Alexander Scheer gehört die Koketterie mit der Vergesslichkeit zum ganz normalen Repertoire. Knappe 150 Seiten Spielfassung stehen im Pfauen bevor, denn Frank Castorf ist in Zürich.

Ein Käfig voller Deppen

von Matthias Schmidt

13. April 2019. Man hätte den Stoff ernst nehmen können, zum Beispiel. Auf die Suche gehen nach der subversiven Kraft der DDR-Subkulturen der 80er Jahre, nach dem Anarchischen, das sich Orte suchte, an denen es gedeihen konnte. Lugau war so ein Ort, und Alexander Kühne war einer, der daran beteiligt war, dass in diesem brandenburgischen Kaff der musikalische Underground der siechen DDR gastierte und grassierte. In seinem Roman heißt Lugau Düsterbusch, und es geht streckenweise ziemlich komisch zu, wenn Punks und Popper und New Romantics auf die Provinz stoßen. Wo die Sehnsucht genau so groß sein konnte wie in Berlin, wo diese Sehnsucht manchmal, ohne es zu wollen, revolutionär wurde.

Bis sich die Welt endlich richtig herum dreht

von Christian Muggenthaler

Regensburg, 13. April 2019. Das Bild ist bekannt von deutschen Autobahnen: die Tiertransporter, in denen jedes Lebewesen nur ein kleines Kästchen Raum hat. Darin sitzen Kreaturen, die zum ersten und einzigen Mal in ihrem Dasein die Sensation der Frischluft erleben, bevor's ins Schlachthaus geht. Diese Kästchen prägen neben einer Ladung Stroh auch das Bühnenbild (von Valentin Baumeister) in dem Theaterstück "Die letzte Sau", das Regisseurin Julia Prechsl für das Theater Regensburg aus dem Drehbuch des gleichnamigen Films entwickelt hat.

Schubladen, die die Welt bedeuten

von Martin Thomas Pesl

Linz, 13. April 2019. Da liegen sie in großen Schubladen, hart beleuchtet und starr, wie tote Käfer in der Vitrine oder archivierte Dokumente. Von Anfang an beweisen die sieben Studierenden der Anton-Bruckner-Universität Disziplin, während das Publikum gar langsam ins Studio der Kammerspiele des Linzer Landestheaters tröpfelt. Zehn Minuten dauert es, bis sie erstmals aus den Laden auf die Laden, die Mira Königs durchaus originelles Bühnenbild sind, klettern dürfen.

Hohler Kern der Macht

von Kai Bremer

Göttingen, 13. April 2019. Zusammen mit der Bühnenbildnerin Jennifer Hörr hat Christoph Mehler mit  "Macbeth" eine Art optische Inversion seiner "Peer Gynt"-Inszenierung vorgelegt, die Anfang des Jahres in Darmstadt herauskam. Während damals ein leichter, die Schneelandschaften andeutender Vorhang die Bühne mal rahmte, mal ihren Boden auskleidete, bildet in Göttingen nun ein roter, die blutige Tyrannis symbolisierender Vorhang den Hintergrund. Immer wieder wird er exorbitant aufgebläht – zur gewaltigen Geschwulst, die den ansonsten schwarzen Bühnenraum ausfüllt, die ungezügelte Ausweitung der Schreckensherrschaft hervorragend versinnbildlicht und zugleich die Frage aufwirft, ob ihr Zentrum tatsächlich derart substanzlos ist, wie das der ballonartige Vorhang, der die Bühne überwölbt, nahelegt.

Kontrafaktur des Schreckens

von Gerhard Preußer

Köln, 12. April 2019. "Es ist an der Zeit, die Welt der Zivilisierten und ihr Licht aufzugeben." Auf Englisch bekommt man diesen Satz des Franzosen Georges Bataille von 1936 vorab serviert. Das ist’s, was die Inszenierung zeigen will, Menschen jenseits der Zivilisation. Als dunklen, schönen Schrecken, wie die Kunst es soll.

Erinnerung an die Erotomanie

von Georg Kasch

Zittau, 12. April 2019. Sex ist eine grenzüberschreitende Angelegenheit. Wenn man sich in Zittau in die einschlägigen Datingportale einloggt, dann ploppen die Messages in drei Sprachen auf: Polnisch, Tschechisch, Deutsch. Zittau liegt direkt am Dreiländereck, und auch, wenn die äußerst hübsche Stadt ein wenig verschlafen wirkt, so wird auch hier gevögelt. Garantiert.

Die kapitalistische Idee

von Thomas Rothschild

St. Gallen, 12. April 2019. Einer der ergreifendsten Schlüsse der Dramengeschichte wurde gestrichen. Die Türen werden von außen versperrt, Firs (Bruno Riedl) betritt die leere Bühne und schweigt. Seinen Monolog – "Sie haben mich vergessen" – hat man sich in St. Gallen gespart. Als sich Andrea Breth kürzlich mit den "Ratten" vom Burgtheater verabschiedete, raunten die ewigen Vereinfacher mit den griffigen journalistischen Formeln, sie sei die letzte Schauspielregisseurin eines psychologischen Naturalismus gewesen. Damit prolongieren sie eine patriarchalische Geschichtsschreibung, die einer ganzen Riege von Regisseurinnen dreier Generationen von Barbara Frey über Karin Henkel, Friederike Heller, Tina Lanik, Nora Schlocker, bis zu Mélanie Huber die präzise Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern abspricht.

Lass mich ein Weib sein!

von Claude Bühler

Basel, 11. April 2019. Es gibt das laute Theater des Ausagierens, des Schreis, der Dezibel-Gewalten aus dem Lautsprecher. Und es gibt das stille Theater, bei dem die gleiche oder sogar stärkere Intensität in den Figuren eingesperrt ist und sich nur in einer kleinen Bewegung mit dem Arm, in der Färbung einer Silbe verrät. Bei dem sich etwa die Eheleute Yerma und Juan aus Distanz völlig reglos, sogar ohne Kälte, lange ansehen, und man nicht nur den Hass zwischen ihnen fühlt, sondern auch, dass sie diesen dem anderen nicht gestehen dürfen, nicht mal ganz sich selbst.

Keine Absicht, nur Tourette

von Georg Kasch

Frankfurt am Main, 11. April 2019. Ja, es ist möglich, die Tourette-Tics zu unterdrücken. Benjamin Jürgens demonstriert das einmal: Seine Stimme wird dünn, klingt gepresst, seine Mimik wirkt steif, unnatürlich, als hielte er die Luft an, seine Augen treten hervor. Lange hält er die Qual nicht durch – es ist, als ob er wieder atmen dürfte.

Verlasst eure Männer! Werdet Lesben!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 11. April 2019. Kreisch! So lange ist das schon her! 1971 – fast 50 Jahre. Da fand in New York eine Diskussionsveranstaltung mit dem Titel "A Dialogue on Womens's Liberation" statt, auf dem Podium die feministischen Publizistinnen Germaine Greer, Diane Trilling und Jill Johnston, und als Moderator der "amerikanische Schriftsteller und Macho" Norman Mailer – so wird er von Scott Sheperd von der Wooster Group vorgestellt, die die Veranstaltung in ihrer beim FIND gastierenden Produktion von 2017 "The Town Hall Affair" reenacten. Beziehungsweise: den Film "Town Bloody Hall" (1979), der sie dokumentiert.

Abtanzer und Aufräumer

von Steffen Becker

Tübingen, 11. April 2019. Würden Sie lieber in einer amoralischen oder in einer hypermoralischen Gesellschaft leben? Kommt wahrscheinlich auf die Perspektive an – als Mitglied einer privilegierten Oberschicht, die ungehemmt nehmen kann, was sie will, hat Variante 1 sicher ihre Vorteile. Die Protagonisten der Shakespeare’schen Dark Comedy "Maß für Maß" genießen sie auf der Bühne des Landestheater Tübingen jedenfalls in vollen Zügen. Sie drücken ihre Latex-Bodies und Fake-Brüste in die Kamera. Die projiziert die Kopulationen in Großaufnahme.

Wahn in der Manege

von Andrea Heinz

Wien, 10. April 2019. Die Sache mit den Erbsen. Wenn man zu viele davon isst, ach was, wenn man nichts anderes mehr isst, dann fängt man an zu halluzinieren, verliert die Kontrolle, über seinen Geist, seinen Körper. Georg Büchner, der Arzt, wusste das. Georg Büchner, der Dichter, schrieb ein Drama dazu, einen Fragment gebliebenen Text, der gestochen scharf skizziert, wie "die" Gesellschaft mit "dem" Außenseiter umspringt: Wie Woyzeck, der an Schizophrenie leidende, einfache Soldat, sich für krude medizinische Versuche verdingt und nur noch Erbsen zu sich nimmt, um Geld für seine Geliebte und das uneheliche Kind zu beschaffen. Wie er gedemütigt und missbraucht wird, beobachtet wie ein Tier im Zoo. Wie er immer mehr dem Wahn verfällt und am Ende Marie, die ihn betrügt, ersticht.

Auf dem Floß der Medusa

von Shirin Sojitrawalla

Stuttgart, 10. April 2019. Drei ikonische Werke der Kunstgeschichte infiltrieren diesen Abend: "Das schwarze Quadrat" von Malewitsch, "Das Floß der Medusa" von Géricault und "Die Freiheit führt das Volk" von Delacroix. Genau in dieser Reihenfolge geben sie den Spielgrund ab, markieren den utopischen Raum, der das Theater sein könnte, das sich hier etabliert: "The one and only European Ensemble!"

Zusammen suchen

von Gabi Hift

Berlin, 7. April 2019. Eröffnet wurde das diesjährige FIND Festival für internationale neue Dramatik mit der Projektentwicklung "Danke Deutschland – Cảm ơn nước Đức" von Sanja Mitrović, mit einem Ensemble aus Schauspieler*innen der Schaubühne und deutschvietnamesischen Darsteller*innen. Das Konzept klingt interessant: Nach dem Fall der Mauer waren nicht nur Ost- und Westdeutsche plötzlich wieder vereint, sondern auch zwei "Sorten" in Deutschland lebender Vietnames*innen: die aus dem kapitalistischen Südvietnam Ende der 70er Jahre nach Westdeutschland geflüchteten "Boat people" einerseits, Vertragsarbeiter*innen, die die DDR aus dem kommunistischen Nordvietnam geholt hatte, andererseits. Der Plan war wohl, die Erfahrungen dieser vier Gruppen zueinander in Beziehung zu setzen. Herausgekommen ist aber nur ein Sammelsurium vager Erzählungen, zwischen denen zwei Reenactements von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte stehen: vom Brandanschlag in Hamburg 1980, bei dem zwei junge Vietnamesen ermordet wurden, und vom Sturm auf das Sonnenblumenhaus in Rostock Lichtenhagen 1992.

Schau mich an!

von Stefan Forth

Hamburg, 6. April 2019. Was ist nur aus dem deutschsprachigen Theater geworden? Technik soweit das Auge reicht! Selbst große Menschenzeichner wie Schaubühnenchef Thomas Ostermeier klemmen ihren Schauspielern Mikroports ins Gesicht. Und inspiriert von Castorfs alter Volksbühne kommt kaum noch ein größeres Theater ohne Kameraleute aus, in Hamburg zuletzt etwa eindrücklich zu besichtigen in Kay Voges' Stadt der Blinden am Deutschen Schauspielhaus. Am gleichen Ort lässt jetzt René Pollesch über diese bühnentechnischen Entwicklungen lustvoll lamentieren – und stellt dabei gleichzeitig unter Beweis: Das deutsche Theater ist noch ziemlich lebendig.

Alter Traum vom Aufstieg

von Jürgen Reuss

Leipzig, 6. April 2019. Wenn Bühnenbild und Kostüme den Grundgedanken der Regie auf den ersten Blick sichtbar machen, darf man wohl zu einer geglückten Zusammenarbeit im Leitungsteam einer Inszenierung gratulieren. So geschehen bei der Premiere von Tennessee Williams' "Süßer Vogel Jugend" am Schauspiel Leipzig. Die Art, in der alle Akteure in den karikaturhaft überzeichneten Kostümen von Vanessa Rust auf dem Bühnenrund von Andreas Auerbach in fast ständiger gleichzeitiger Präsenz verteilt sind, vermittelt dem Publikum von Beginn an, dass Regisseurin Claudia Bauer weniger Ambitionen hat, dem Autor bei der gnadenlosen Rupfung jenes süßen Vogels in einem sich verdichtenden Spannungsbogen zu folgen, als vielmehr: das Geschehen in einem zeitlosem Tableau auszuwalzen.