Es war einmal

von Martin Pesl

Wien, 19. November 2017. Schenken wir uns den obligatorischen Hartmann-Gag. Den übernimmt die Produktion selbst, wenn Sofie Hartmann dem Gast erklärt: "Es gab ja mal den Onkel Matthias, aber zu dem haben wir keinen Kontakt mehr." Da sitzt sie mit dem nigerianischen Flüchtling gerade auf dem Riesensofa ihrer Eltern, während ihr Bruder und Vater mit unterschiedlichem Erfolg Dehnübungen machen.

Der Ausweg aus dem Ausstieg

von Martin Jost 

Innsbruck, 19. November 2017. "Was wir wollen" hat Teresa Dopler ihr Stück genannt, dabei ist das letzte, was ihre Figuren wissen, was sie wollen. Sie sind Aussteiger, zum Teil in zweiter Generation, serielle Neuanfänger, hoffnungslose Selbstsucher, Flüchtlinge. Sie wissen bloß, was sie nicht wollen, nicht mehr aushalten. Ihre Fantasie vom Ankommen ist eine Utopie, denn sobald das Neue zum Status quo wird, möchten sie nur noch weg.

Mitten in der irren Gegenwart

von Eva Biringer

Wien, 18. November 2017. Was wollen uns diese Zwerge mit dem FDP-gelben Bart und den kruppstahlblauen Augen sagen? Etwa, dass in der neo-kapitalistischen Vorgartenhölle niemand eine weiße Weste trägt? Erst stehen sie still, wandern dann über die Bühne, wie von einem unsichtbaren Spieler gelenkte Schachfiguren. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche. Dazu gehört auch ein Eisbecken, aus dem Joachim Meyerhoff als Doktor Stockmann zu Beginn des Stücks in aller Frische auftaucht (Mens sana in corpore sano, Sie wissen schon). Vor allem aber ist dieses Bühnenbild eine Eislaufbahn. Alle Darsteller, mit Ausnahme des Ehepaars Stockmann, gleiten mehr oder weniger talentiert auf Schlittschuhen durch ihre Bühnenexistenz. Gespielt wird Henrik Ibsens "Volksfeind", geschrieben 1882, uraufgeführt ein Jahr später, nun aufs Entschiedenste modernisiert von Frank-Patrick Steckel. Seine Tochter Jette Steckel führt Regie, zum Glück.

Viel Wind um nichts

von Henryk Goldberg

Weimar, 18. November 2017. Jule sammelt Unterschriften, die Windräder sollen ins Dorf, aber Jule ist aus der Stadt geflüchtet, weil sie frischen Wind will und frische Luft und unter freien, frohen Leuten sein - so solls auf dem Land unter Leuten sein. So geht sie auch auf der Bühne von Tür zu Tür, indem sie vorn steht und mit den Leuten spricht. Die Leute, die vor ihren Türen stehen, stehen hinter ihr am Mikrophon und antworten, einer nach dem anderen. Das ist eine gute Szene, es ist ein wenig wie es in "Nullzeit" war: Da waren sie, und just dieselbe Schauspielerin, auch gut, wenn sie unter Wasser waren, jenseits der wirklichen, der naturalistischen Bühnen-Welt. Da hatten banale Texte auf einmal einen Klang, der ihnen Bedeutung zuwachsen ließ über die schlichten Worte hinaus. Und auch sonst ist es dieses Mal in Weimar wie es in Nullzeit war, es ist wieder Juli Zeh und es ist wieder ein Abend der Plattitüden.

Kein Entrinnen, nirgends

von Martin Krumbholz

Bochum, 18. November 2017. Es handelt sich, natürlich, um die bewährte Übersetzung von Peter Stein, die in ihrer Lakonie am besten zum kühlen, analytischen Ansatz der Regisseurin Lisa Nielebock passt. "Wer tötet, bezahlt; tun – leiden – lernen": Es ist der hochgewachsene, weißbärtige Wächter (Heiner Stadelmann), der diese hämmernden Worte bedächtig, fast zögernd spricht. Alle sieben Spieler sind in dieser nur knapp zweistündigen Inszenierung auch Beteiligte des Chors. Anfangs schlendern sie auf die Bühne (man kennt diesen Auftritt bereits aus anderen Nielebock-Arbeiten) und nehmen nebeneinander auf einer langen Bank Platz, hinter sich eine dichte Wand aus hölzernen Lamellen, die sich viel später öffnen und einen fragmentarischen Blick in die Tiefe freigeben wird (Bühne: Oliver Helf).

Theater des Anstands

von Thomas Rothschild

Bruchsal, 18. November 2017. Eine Story, die eine ausweglose Situation zeigt und mit einem Doppelselbstmord endet, kann der Gefahr des Kitsches kaum entgehen. Was aber, wenn sie keine Erfindung ist? Kann dann das wirkliche Leben kitschig sein? Der Schauspieler Joachim Gottschalk, der sich zusammen mit seiner jüdischen Frau Meta vergiftet hat, weil er der Aufforderung, sich von ihr scheiden zu lassen und ihre angekündigte Deportation in ein KZ zu dulden, nicht folgen wollte, hat tatsächlich gelebt. Und die Geschichte unterscheidet sich von zahlreichen ähnlichen Geschichten nur dadurch, dass Gottschalk zu seiner Zeit ein prominenter Schauspieler war.

Gärende Lebensreste

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. November 2017. Man möchte Gerda eine Strumpfhose schenken. Eine, die richtig gut sitzt. Und schöne Beine macht. Denn wenn sie sich gleich zu Beginn des Abends rücklings auf einen der Barhocker hangelt, dabei immer wieder abrutscht und es zeitlupenmühsam und vergebens aufs Neue versucht. Dann rutschen auch immer wieder ihre Nylon-Kniestrümpfe. Rutschen hinunter bis zu den Knöcheln. Und damit und dorthin auch ihr letztes Restchen Würde.

Der aufgeschnittene Bauch des Herrschers

von Friederike Felbeck

Mülheim an der Ruhr, 18. November 2017. Der Regisseur Philipp Preuss ist in seinem Element. Seine zweite Inszenierung für das Theater an der Ruhr siedelt an der Schnittstelle zwischen Performance und Bildender Kunst und verschränkt kongenial das brandaktuelle Stück "Am Königsweg" von Elfriede Jelinek mit dem Klassiker "König Ubu" von Alfred Jarry. Schon einmal kreuzte Philipp Preuss Elfriede Jelinek mit einem Klassiker: Am Schlosstheater Moers trafen sich so Aischylos "Prometheus" und "Kein Licht".

Von nun an ging's bergab

von Michael Wolf

Berlin, 17. November 2017. Da steht der Lehrer in seinem Rollkragenpullover (Ist das orange? Ist das Schlamm? Ist das überhaupt eine Farbe?). Dazu trägt er eine abscheuliche abscheuliche Bügelfaltenhose. (Man muss das Wort wirklich zwei mal schreiben.) Keine fünf Minuten sind vergangen, und schon möchte der Kritiker am liebsten die Kostümbildnerin Carolin Schogs packen und schütteln. Denn stilistisch ist der Mann von Beginn an nicht zu retten. Dabei geht es doch um seinen Untergang. Der soll doch erst später kommen!

God oder Good?

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 17. November 2017. Eine kleine Freiheitsstatue war das Willkommensgeschenk in der neuen Welt. Jetzt steht sie herum, neben den Campingsessel. Ein Ding, mit dem der alte Mendel Singer nichts anfangen kann, so wie sich diese neue Welt für ihn überhaupt anfühlt, als ob er in den falschen Film geraten wäre. Aber diesen Film namens "American Dream" dreht er sich selbst immer weiter, indem er nicht denkt, sondern stur beharrt. Joseph Roths Roman "Hiob" wird gern im Theater gespielt. An dem Stoff lässt sich über Migration und Integration nachdenken, übers Anpassen und Sich-Arrangieren mit neuen Lebenssituationen. Hiob alias Mendel Singer ist das Musterbeispiel für einen, der in alten Denkmustern hängen bleibt, lieber einsteckt als sich öffnet. Keine sympathische Figur. Mendel verdient nur begrenzt Mitleid.

Her mit den alternativen Fakten!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 17. November 2017. Rotes Scheinwerfer-Licht auf einem rosa gestreiften Boden. Phototapete miesester Auflösung betont die Holzhütte als Holzhütte. Eine Reihe von Bildschirmen, flimmernd, Clipart-Atmosphäre. Von oben hängt eine Projektionsfläche, eingefasst in Höhlenromantik. Sieben Schauspielende in beigem Trainingsanzug und mit Kim-Jong-un-Frisur tunken die Gesichter langsam ins dann grüne Scheinwerfer-Licht. Zu langsam, zu bunt, zu hell, zudem ein viel zu leises Gedudel, das hört niemals auf. Am Volkstheater Wien inszeniert Hermann Schmidt-Rahmer den Roman "1984" von George Orwell in richtig ranziger Optik. Die Bühne von Thilo Reuther, die Kostüme von Michael Sieberock-Serafimowitsch, die Videos von Clemens Walter und das Licht von Paul Grilj: Ist alles immer Verfremdungseffekt. Hält die Bühnenillusion in verstörender Distanz.

Wer ist mein Mentor?

von Michael Laages

Hamburg, 17. November 2017. Womöglich hatte sich Maxim Gorki ja so das "Nachtasyl" vorgestellt – Menschen am Rand der Gesellschaft, Untergegangene und Untergeher, auf engstem Raum und unter armseligsten Bedingungen aufeinander geworfen, bis schlimmstenfalls Blut fließt oder Füße verbrüht werden. Und vielleicht fühlt sich so ja heute auch eine jener Notunterkünfte für Geflüchtete an, 100 Familien in einer dörflichen Turnhalle, mehrstöckige Betten nebeneinander gepfercht, und die Grenze zwischen den Privatsphären ist ein windschief gehängtes Bettlaken. Das ist nun unsere Welt, wenn wir in Hamburg Leiden lernen wollen; bei und unter Anleitung von Signa, dem so außergewöhnlichen Performance-Team, dessen deutsche Karriere nach aufsehenerregenden Lebenswelt-Erfindungen in Dänemark von Köln aus unter anderem über Leipzig und Berlin nach Wien zu den Festwochen führte – dann neulich nach Mannheim zu den Schillertagen und mittlerweile zum dritten Mal auch nach Hamburg und ans Deutsche Schauspielhaus.

Fakt ist: Das ist Fake!

von Valeria Heintges

Luzern, 16. November 2017. Die Leser im Video haben Schwierigkeiten mit Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug". Wie war das noch mit dem Dorfrichter Adam? Und wer hat jetzt den Krug zerbrochen? War es der Verlobte Ruprecht oder dessen Nebenbuhler Lebrecht? Oder doch der Dorfrichter Adam? Und warum sagt Eve nicht einfach, wer sie in der Nacht in ihrer Kammer besucht hat? Eine der Luzernerinnen, die das Regieteam befragt hat, gibt freimütig zu, nur ein bisschen am Anfang gelesen zu haben und dann gleich in die Mitte gesprungen zu sein. Ein älterer Herr findet, die Geschichte sei "eine banale Geschichte. Und doch ist sie so ausgestaltet worden, dass sie einen fasziniert." Einer erklärt: "Der Dorfrichter Adam ist ein Dreckschwein." Und die Mutter fasst die Essenz des Werks zusammen mit "Don't trust ..." kurzes Zögern, dann: "the Justiz".

Im Nebel von Tschernobyl

von Frank Schlößer

Schwerin, 11. November 2017. In meinem Regal stehen "Kindheitsmuster", "Kein Ort. Nirgends.", "Kassandra". Durch keines dieser Bücher bin ich durchgekommen. Aber ich kenne Leute, die Christa Wolf gern und mit Gewinn gelesen haben. Das ist Arbeit. Kaum ein Gedanke landet unreflektiert im Text. Immer existenziell. Wenig bis gar kein Humor. Wenn ich Christa Wolf denke, dann sehe ich sie am 4. November 1989 auf dem Alex stehen, auf einem "W50", auf dieser grob gezimmerten Rednertribüne. Diese zehn Minuten haben mich erreicht.

Dürre Arme, große Liebe

von Falk Schreiber

Hamburg, 11. November 2017. Rockstargesten sind schwierig. Zumal wenn das lange Haar schütter ist, die Ärmchen dünn sind und unter der Kassenbrille ein unsicheres Lächeln entschuldigt: Mir ist es ja auch peinlich, wie ich den Gitarrenhals phallisch in die Höhe recke. Einerseits. Andererseits haben wir Postmoderne, und in der Postmoderne kann man auch die phallische Gitarre halbironisch umdeuten. Also lässt Clemens Sienknecht einen zurückhaltenden Rhythmus in die Loopbox klimpern, spielt eine sanfte Melodie drüber, weite Keyboardflächen und schließlich ein paar elektronische Beats, voilà: reizender Yachtrock. "Lisztomania" von Phoenix, spillerige Ironiker, die die Machoposen indigniert weglächeln, während man sich fragt, ob sie nicht im Grunde ihres Herzens doch ein Faible haben fürs cheesy Gitarrensolo.

Nach dem Tod ist vor dem Spiel

von Sascha Westphal

Wuppertal, 11. November 2017. Die hellgraue, etwa einen Meter hohe Rampe, die dann in eine ebene, nicht sonderlich tiefe Spielfläche übergeht, ist so steil, dass sie nur schwer zu erklimmen ist. Im Hintergrund erhebt sich eine sogar noch deutlich steilere schräge Wand, in deren Zentrum, gerade außerhalb der Reichweite der schon auf der Bühne stehenden Zofen, ein Gewölk aus farbigen Stoffbahnen hängt. Ein Raum also, der einen durchaus zur Verzweiflung treiben kann. So kahl und kalt, dass er kaum weiter vom herrschaftlichen Schlafzimmer der "gnädigen Frau" entfernt sein könnte, das Genet vor 70 Jahren als Luxus-Gefängnis imaginiert hat. Der Aufstieg, von dem die Domestiken-Schwestern und Gummihandschuh-Würgeengel Claire und Solange träumen, ist hier unmöglich. Dafür ist es umso leichter, abzurutschen und zu stürzen. Aber auch dieser Traum von Mord und vom Schafott, von Ächtung und Bewunderung, erfüllt sich nicht. Claire und Solange fallen nicht. Als eine von ihnen ganz nah an der Rampe steht und sich gefährlich nach vorne beugt, hält die andere sie fest.

Zurück in die Zukunft

von Georg Kasch

Berlin, 10. November 2017. Los geht's! Schon im Foyer brausen die E-Gitarren, flackert das Licht über dem neuen, türkisfarbenen Teppichboden – 45 Minuten lang. Drinnen dann, im großen Saal, dröhnt der Hardrock ohrenbetäubend weiter, während abstrakte Lichtstreifen über die Wände blitzen, auf der leeren Bühne die Hubpodien rauf- und runterfahren und sich am Ende der große Glaslüster ins Parkett senkt.

Heimkehr in die Fremde

von Michael Bartsch

Bautzen, 10. November 2017. Es sind im wörtlichen und im metaphorischen Sinn rutschende Landschaften, vor deren Kulisse Oliver Bukowski seinen Mix aus Familien- und Ost-West-Drama ablaufen lässt. Jederzeit kann es wieder rumpeln, und ein Stück Sandufer rutscht in den See, der einmal ein Braunkohlentagebau war. "Setzungsfließen" lautet der bergmännische Fachbegriff. Sogar das biedere kleine Gartenidyll, das Bühnenbildnerin Katharina Lorenz aufgebaut hat, wird in Mitleidenschaft gezogen. Die Masten für die Wäscheleinen schwanken, das Schild "Lebensgefahr" kippt, die Erde tut sich gar auf und droht zwei Männer zu verschlingen. Der gebürtige Cottbuser Autor Bukowski paart seine Ortskenntnis mit mehr als nur einer Prise Hintersinn. Hier ist unsicherer Boden, schwankendes Terrain, verlorenes Land.

Tolle Wurst

von Cornelia Fiedler

Oberhausen, 10. November 2017. Ein Grill! Da geraten Männer in Verzückung. Kaum auf die Bühne gewuchtet, wird das gute Stück liebkost und geherzt, befeuert und bewurstet. Endlich ist Zeit für Dosenbier und Rülpsen, für Fleisch, aber auch für Offenbarungen: Eine der Frauen in Anzughosen, die im Theater Oberhausen mit sichtlich Spaß am eierschonenden Cowboy-Gang Männerklischees performen, nimmt dann doch lieber Tofu. "MeToo" sagt die zweite, "MeToo" die dritte. #MeToo, die Tofu-Wurst unter den Emanzipationsbewegungen?

Roulette an der Lebensdrehscheibe

von Simone Kaempf

Berlin, 9. November 2017. Fällt der Name des Dramatikers Tracy Letts, denkt man sofort an "Eine Familie", jenes Pulitzer-preisgekrönte Mittelstands-Familienstück irgendwo aus der amerikanischen Middle of Nowhere, in dem Oberhaupt Violet ihre Familie versammelt und sich mit den Verwandten verbale Schlagwechsel liefert. Jetzt heißt Letts' Nachfolgestück gleichsam reduziert "Eine Frau", genauer "Eine Frau – Mary Page Marlowe". Verwechslungen dennoch nicht ausgeschlossen.