Das hier ist kein Land

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 18. Juli 2017. Belgien! Also: Bier, Pommes und Schokolade. Jede Menge Bier. Aber: "Ceci n'est pas un pays". So Jan Fabres Ausgangsthese für den knapp vier-stündigen Abend "Belgian Rules / Belgium Rules", uraufgeführt im Wiener Volkstheater im Rahmen von ImPulsTanz. "Ceci n'est pas un pays", also dass dies kein Land ist, also dass dies eine Darstellung ist, mit dieser Pointe zitiert Fabre den, ebenfalls belgischen, Surrealisten René Magritte. Dessen Bild La trahison des images bringt 1929 ein ganzes Gewusel philosophischer Fragestellungen auf den paradoxen Punkt.

Kalt und schön

von Elisabeth Maier

Avignon, 18. Juli 2017. Auf schwimmenden Holzbalken ringen Geflüchtete um ihr Leben. Wellen peitschen Ihnen ins Gesicht. Die Luft wird knapp. Beißender Ölgestank des kaputten Schiffsmotors raubt Ihnen den Atem. Menschenleben? Darauf kommt es im Schlepper-Geschäft auf hoher See nicht an. Den Kampf der Verzweifelten um ihre bloße Existenz übersetzt Choreographin Maud Le Pladec in Körperbilder, die zutiefst berühren. In "Grensgeval (Borderline)" nach Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" spüren die Tänzer Gefühlen von Angst und Ausweglosigkeit nach. Langsam bewegen sie sich, machen das Tosen des Wassers plastisch greifbar. Dann halten sie inne, fallen ins Nichts. Die namenlosen Toten, die an die Strände Europas gespült werden, haben keine Stimme mehr. Doch mit ihrer physischen Ausdruckskraft erinnern die Tänzer beharrlich an ihr Leid und an ihre Leiden auf der Flucht.

Die höllische Tragödie

von Elisabeth Maier

Avignon, 15. Juli 2017. Gespenster erfüllen das mondäne Sommerhaus mit Leben. Der Regisseur Simon Stone feierte gestern mit "Ibsen Huis" beim Festival d'Avignon eine umjubelte Premiere. Im Innenhof des altehrwürdigen Gymnasiums Saint Joseph verbrennt Stone mit dem Ensemble der Toneelgroep Amsterdam die Lebenslügen seiner – von Henrik Ibsens dramatischem Universum inspirierten – Figuren. Im rauen Nachtwind der Provence hetzen die Akteure vom Paradies übers Fegefeuer in ein Inferno – so betitelt Stone die drei Akte und zitiert damit Dantes "Göttliche Komödie", allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Und das französische Publikum ließ sich anstecken vom Hype um Publikumsliebling Stone, der sich nach seiner ersten Avignon-Premiere in stürmischer Sommernacht ganz unkompliziert auf dem Schulhof mit Zuschauern austauschte.

Ohne Hitler geht es hier nicht

von Andreas Thamm

Wunsiedel, 15. Juli 2017. Man wird im Nachhinein immer sagen können: So ist halt das Stück, so ist der Text, von Bernhard, nicht von Lerchenberg. Und dennoch ist es natürlich eine sehr bewusste Wahl, dass Michael Lerchenberg zum Abschied als Intendant auf der Wunsiedler Luisenbug Thomas Bernhards "Theatermacher" ansetzt und selber spielt. Er gehe nicht im Guten, hieß es im Vorfeld. Aber auch unabhängig davon: Es passt halt so schön an diesen Ort.

Schlüssel zum Glück

Von Steffen Becker

Stuttgart, 12. Juli 2017. Schluck! Schluck! Schneller! Komm ja nicht auf die Idee, dass ich was Positives schreibe, wenn du nicht... Na also, geht doch. Tanja Krone schlägt ihren Konkurrenten beim Melonen-Wettessen im "European House Of Gambling" des Stuttgarter Theater Rampe. Mit ihr, der Initiatorin dieses "Casinos für alle", habe ich aufs richtige Pferd gesetzt. Wette gewonnen, Einsatz verdoppelt, Adrenalin halbiert – zurück zur nüchternen Beschreibung: Auf dem Stuttgarter Marienplatz hat ein Bretterbudenzauber aufgemacht. Nach Abgabe einiger persönlicher Daten betritt man das Casino, mit einem Schwung Schlüssel als Startkapital – Briefkasten-, Haustür- oder Autoschlüssel als Eintrittskarte und Währung für eine utopische (Spiel-)Welt.

Narziss lernt schwimmen

von Janis El-Bira

Berlin, 9. Juli 2017. Es lohnt sich immer, das Theater von der Bühne zu holen. Und sei es nur, um zu sehen, was alles fehlt, wenn die Spielenden ihr Spiel diesseits jenes dunklen Kastens versuchen, der ihnen mit all seinen Apparaturen für gewöhnlich Rahmung und Halt spendet. Im Garten der Berliner Akademie der Künste jedenfalls war am Sonntagabend zu beobachten, wie anders Tänzer wirken, wenn sie ihre Tänzerdinge einmal vor dem Hintergrund sauber gereihter Rosen und Begonien verrichten dürfen: kleine Menschen, fast wie erschlagen vom nachkriegsmodernen Düttmann-Bau mit seinen strengen Linien und gleichmachend ausgeleuchtet durch die untergehende Abendsonne.

Home Strange Home

by Andrew Haydon

Manchester, 8. Juli 2017. Thomas Ostermeier’s production of Didier Eribon’s Returning to Reims, premièring in an English-language version at the Manchester International Festival, feels like a complete departure from all his previous work: aesthetically, politically, structurally. Even visually it seems different; Nina Wetzel’s set looks almost exactly like the answer to the question: what would an Anna Viebrock set for a Katie Mitchell production look like?

Sprung vom Dach der Volksbühne

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 1./6. Juli 2017. Wie fängt man an nach zwei mal zwölf Stunden in einer Theaterwelt, aus der es schwierig ist, den Ausgang zu finden? Die sich gleich zu Beginn selbst so hermetisch findet, dass der Regisseur-Diktator Vegard Vinge seinen Figuren und dem Publikum ein Loch in die Wand des "Nationaltheaters Reinickendorf" schlagen muss, damit sie den Eingang zum Zuschauersaal finden? Damit Baumeister Solness und seine Frau Alvine nicht bis in alle Ewigkeit Rotkäppchen-Sekt-Flaschen köpfen und über dem erwartungsvollen Premierenpublikum versprühen müssen.

Liebe Deine Diktatur!

von Gabi Hift

Berlin, 6. Juli 2017. JA! Herzlich willkommen bei dieser Kritik. Schön, dass Du sie liest. Du siehst gut aus!

Schabernack am Abgrund

von Steffen Becker

2. Juli 2017. Hermann Hesses "Steppenwolf" muss sich im Theater Heidelberg einiges gefallen lassen. Er wird auseinandergerissen, heruntergeschluckt oder achtlos weggeworfen. Anfangs blättert das Schauspieler-Quintett noch ehrfürchtig in der Suhrkamp-Ausgabe, liest sogar die ISBN-Nummer vor, doch am Ende liegen die Romanseiten zerknüllt und verstreut auf der Bühne.

Follower im Park

von Julika Bickel

Berlin, 1. Juli 2017. Durch den Matsch schieben alle gemeinsam, Veranstalter und Publikum, zwei merkwürdige Gefährte in den Stadtpark Lichtenberg. Das "Haus der Digitalen Jugend", eine Kooperation von cobratheater.cobra und dem Theater an der Parkaue, zieht in den Park ein und ernennt ihn für die kommenden zwei Wochen zum Parkaue. Park.

Überzeugungstäter auf dem Kirchendach

von Valeria Heintges

Zürich, 16. Juni 2017. Wenn Deutschland riesig Luther feiert, dann will auch die Schweiz nicht beiseite stehen. Und so feiert Zürich von nun an zwei Jahre lang den eigenen Reformator Huldrych Zwingli mit Roadshows, Theater, Ausstellungen, zeitgenössischen Disputationen und Konzerten. Zum Auftakt wird direkt am Wirkort des lokalen Reformators im Zürcher Grossmünster die "Akte Zwingli" geöffnet. Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist steuerte das Libretto fürs Mysterienspiel bei, eine Mischung aus Zwingli-Passagen, dessen schweizerdeutscher Bibel und eigenen, zuweilen arg pastoral daherkommenden Texten. Hans-Jürgen Hufeisens zeitgenössische Musik nutzt Kinderlieder und Kompositionen von Zwingli selbst, mal lautmalerisch illustrierend, mal schwelgerisch begleitend, solistisch, chorisch oder beides zusammen, aber nie kitschig und immer eindeutig heutig.