Die Welt, frisch aufgeknackt

von Jan Fischer

Göttingen, 18. August 2018. Der Eingang des Kaninchenbaus ist videoüberwacht und wird eine halbe Stunde nach der Vorstellung geschlossen. Jedenfalls steht das auf großen Schildern über dem guten Dutzend weißer Kaninchen, die Kopfhörer und rote Aufkleber mit der Aufschrift "Ich bin Alice" an das Publikum verteilen. Beinahe zu realistisch scheint diese Ankündigung, gemessen an der Welt, die sich jenseits des Eingangs eröffnet.

In der Kriegsmaschinerie

von Andrea Heinz

Salzburg, 18. August 2018. Natürlich verlassen wieder zahlreiche Zuschauer*innen die Vorstellung, das hat sich schon so eingebürgert bei den Festspielen. Mit Respekt vor den Künstler*innen ist es ja oft nicht so weit her. Dabei hätten die Spielerinnen und Spieler, die in Ulrich Rasches Inszenierung von Aischylos' "Die Perser" vier Stunden lang auf der Bühne des Salzburger Landestheaters standen, sich den mehr als verdient.

Die ganze Bande eine Sauce

von Henryk Goldberg

Weimar, 18. August 2018. Da kommt was auf uns zu. Es kommt durch die geöffnete Tür des Eisernen Vorhangs: ein Ding mit den Brüsten der Frau und dem Gemächt des Mannes, beide groß und baumelnd. Das Ding, es kann laufen, zertritt, nach Überlegung, einen Frosch – nicht. Es ist die erste und die letzte Brutalität, die eines dieser Dinger nicht begehen wird. Dann setzt es sich die Krone auf, und damit beginnt alles. Diese Krone ist das einzige, was sie alle wollen, und es ist das Einzige, wofür sie alles tun.

Denn genug ist nicht genug

von Martin Krumbholz

Bochum, 17. August 2018. Im Lauschen auf die Musik finden alle zusammen. Auch diese Marthal’schen Bühnenkinder, die vorher noch gebalgt, sich gewürgt, sich die Luft zum Atmen genommen hatten: Wenn die Musik anschwillt, um zu verklingen, die Streicher sich verströmen, eine Trompete hell und klar durch die Halle dringt, dann halten sie plötzlich inne, senken die Köpfe und lauschen. Der Ausklang ist der ergreifendste Moment dieses Abends, denn die wunderbare Musik des Amerikaners Charles Ives (1875–1954) ist sein eigentliches Ereignis. Wie so oft sieht man die Musiker nicht. Man hört sie nur. Die Bochumer Jahrhunderthalle mit ihren gewaltigen Dimensionen verschlingt die Musiker, nicht die Musik.

Hana redet nicht so viel

von Falk Schreiber

Hamburg, 15. August 2018. Cuckoo Electronics Co, Ltd. ist ein koreanischer Hersteller von Kleinelektronik, im Bereich der Reiskocher der lokale Marktführer noch vor Weltkonzernen wie Samsung. Als er in den Nullerjahren Korea in Richtung Niederlande verlassen habe, erzählt der Musiker und Performancekünstler Jaha Koo, habe er drei Dinge mitgebracht: ein wenig Kleidung. Einen Laptop. "And a Cuckoo." Der Performer strahlt, er hat das gemacht, was Migranten häufig machen: sich ein wenig Heimat in die Ferne geholt, Heimat in kulinarischer Form. "Hast du schon gegessen?", begrüßt man einander in Korea, "Hallo".

Im Reich der Betonköpfe

von Sascha Westphal

Essen, 11. August 2018. Der entscheidende Satz fällt schon recht früh. Er stammt von dem syrischen Arbeiter Ahmad. Und so wie der Schauspieler Mustafa Kur ihn hervorstößt, ist er mehr als nur Ausdruck einer Beobachtung, sondern wird zur flammenden Anklage. Für Ahmad ist das riesige Zementwerk, das der französische Baustoffkonzern Lafarge bis in den Herbst 2014 hinein im Nordosten Syriens betrieben hat, eine Miniatur Syriens. Wer die Geschichte dieser Fabrik, die am 19. September 2014 von IS-Kämpfern eingenommen wurde, erzählt, berichtet der Welt zugleich von allem, was in Syrien seit dem Ausbruch der Proteste gegen das Assad-Regime geschehen ist.

Großer Befreiungs-Marsch

von Andreas Wilink

Duisburg, 9. August 2018. Weiße Völker, nun hört endlich die Signale! Gesang wie Sirenengeheul gibt die Tonart vor: für eine offensive Revolte gegen das noch nachträglich verweigerte Recht auf geschichtliche Präsenz und Repräsentanz. In "The Head and the Load (are the troubles of the neck)" – der Titel nimmt Bezug auf ein Sprichwort aus Ghana – betrachtet William Kentridge mit Musikern, Tänzern, Sängern, Performern, Filmern den historischen Moment Afrikas im Ersten Weltkrieg, als Hunderttausende von den Kolonialmächten verschlissen wurden.

Umzug in die Hafen-City

von Katrin Ullmann

Hamburg, 9. August 2018. Es gibt Momente im Leben, da wäre man gern ein Kronkorken. Irgendwo unter einem Barhocker würde man liegen oder auch gern festgeklemmt in dem schmalen Spalt zwischen Fußboden und Tresen. Man würde sich naturgemäß still verhalten, würde den mehr oder weniger konsistenten Gesprächsfetzen der Barhockersitzer lauschen. Je nach Bar würde man annehmbare Musik hören, mal ein Stühle rücken, mal ein Stolpern. Man könnte auch einfach einschlafen. Keiner würde es bemerken, keinen würde es stören. Vielleicht würde man auch auf dem weiten Meer treiben. Willenlos und herrlich allein. Das Dasein als Kronkorken erscheint einem durchaus erstrebenswert. Das klingt unglaubwürdig? Es ist wahr.

Ein Mädchen fällt von der Sonne

von Katrin Ullmann

8. August 2018, Hamburg. Menschen mit Rollkoffern eilen vorüber, ein dickliches Paar steht zögernd vor der Frittenbude, Mädchen in Sommerkleidern stupsen einander kichernd in die Seite, ein paar Meter weiter spielen zwei alte Männer mit gesenkten Köpfen Schach. Ein Mülleimer ist der Tisch für ihr Spielbrett. Tauben flattern vorbei, die Sonne schiebt sich in Richtung Horizont. Mittendrin steht ein Junge im Ringelpulli. Oskar. Ungewöhnlich ruhig steht er da.

Witze gegen die Wahrheit

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 8. August 2018. "Dovele G., meine Damen und Herren, auch genannt Dov Grinstein, ist der einzige Mensch auf der Welt, der bereit ist, eine ganze Nacht mit mir zu verbringen, und zwar ohne Geld, und das ist meines Erachtens die sauberste und objektivste Messlatte für wahre Freundschaft." Das sagt Dovele über sich selbst – und er hat absolut unrecht. Denn erstens ist da Pitz, das Mädchen vom Nachbarhaus, das sich noch an den fröhlichen Buben erinnert, der im Handstand neben seiner Mutter her gelaufen ist. Und da ist das Publikum.

"Where Are Your Phones?"

von Martin Thomas Pesl

Wien, 6. August 2018. Ich hatte mir vorgenommen, kein Selfie mit Ivo Dimchev zu machen. Aber irgendwann kam er dann halt zu mir und kniete sich neben mich, und ein Boykott des grundlegenden, titelgebenden, ja einzigen Konzepts seines Impulstanz-Abends "Ivo Dimchev, A Selfie Concert" erschien mir unverhältnismäßig. Also habe ich ein Selfie mit Ivo Dimchev gemacht.

Erster Sex in der Natur

von Jan Fischer

Benneckenstein, 4. August 2018. Elend und Sorge sind nicht weit. Ein paar Kilometer nur liegen diese beiden Oberharzer Ortschaften von Benneckenstein entfernt, wo Catharina May im Rahmen des Festivals "Theaternatur" Frank Wedekinds Pubertäts-Tragödie "Frühlings Erwachen" inszeniert. Elend und Sorge herrschen auch auf der Freilichtbühne von Benneckenstein, wo das Festival nun schon im vierten Jahr stattfindet, nachdem die Waldbühne gute 20 Jahre nicht bespielt worden ist. Es sind die Sorge der Erwachsenen und das Elend der Pubertät, die auf der Bühne gezeigt werden. Denn es sind die Erwachsenen, die bei Wedekind ihre pubertierenden Kinder vor allem bewahren wollen – am meisten vor ihrer erwachenden Sexualität. Und zwar am besten so, dass die Kinder gar nichts erfahren.

Slowfood mit Swastika

von Martin Thomas Pesl

Salzburg, 4. August 2018. Einen Monat nach seinem SZ-Gemecker über Regisseurinnen und Frauenfußball bringt Frank Castorf einen Knut-Hamsun-Abend mit dem Titel "Hunger" heraus. Sowohl der gleichnamige Debütroman des norwegischen Literaturnobelpreisträgers als auch die Fortsetzung "Mysterien" handeln von missverstandenen egomanischen männlichen Künstlerfiguren. Selbstmitleid? Koketterie? 

Die Liebe ist ein Grottenolm

von Eva Walisch

Reichenau an der Rax, 2. Juli 2018. Fernbeziehungen, Treuebruch und weibliche Emanzipation – Marie von Ebner-Eschenbach, diese fortschrittliche Baronin, liest sich auch mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod eindrucksvoll aktuell. Ihre Novelle "Maslans Frau" erzählt von Liebe als kämpferisches Kräftemessen, der Sehnsucht nach Treue. Und von einer Frau, die sich gegen gesellschaftliche Rollenbilder stemmt und auf ihrer Würde besteht.

Ein Wunsch, der keine Flügel hat

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 29. Juli 2018. Den "ganzen Schreckenspomp des Krieges" ruft Penthesilea für den Endkampf herbei, in dessen Verlauf sie Achilles, den Geliebten, von einer Hundemeute wird stellen lassen und sich selbst im Wortsinn wird festbeißen an ihm. Solch ruinöse Frauen-Liebe ist über die 210 Jahre, die Kleists Trauerspiel nun alt ist, stets gleich verdächtig geblieben. Goethe – auch nicht der Frauenverächter einer – nörgelte dran herum und in #metoo-Zeiten springt einen das Männerunterwerfungs- und Nachkommenszeugungsritual der einbusigen Amazonen auch nicht gerade als literarische Causa prima an. Auf den ersten Blick jedenfalls nicht.

Stimmen aus dem Keller

von Gabi Hift

Rapottenstein, 27. Juli 2018. Tief im Wald, hinter den letzten Häusern von Rappottenstein im österreichischen Waldviertel, öffnet sich eine Lichtung und da steht das mysteriöse Wirtshaus zur letzten Latern. Zwei liebenswürdige Wirtsleute in schwarz, in die Jahre gekommene Grufties, wie's scheint (Alexandra Sommerfeld und Gilbert Handler), begrüßen die Gäste und kündigen die Freuden des Abends an: in Kürze soll eine prominente fünfköpfige Band eintreffen, die Köchin wird Köstlichkeiten auftischen, es gibt eine Tombola und die Liveübertragung einer Rede zur Nation.

Kein Schwan wird kommen

von Georg Kasch

Bayreuth, 25. Juli 2018. Blau ist die Farbe der Dämmerung, des Traums – und von Richard Wagners "Lohengrin"-Musik. Letzteres behauptete einst Friedrich Nietzsche, und unabhängig davon haben es auch die Maler Neo Rauch und Rosa Loy empfunden. Entsprechend blau ist ihre ziemlich monochrome Bilderwelt auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses: Dichte Wolken hängen schwer am Rundhorizont, unten bauscht sich das Gras, Bäume stehen als zweidimensionale bemalte Aufsteller herum. Eine Landschaft irgendwo zwischen flämischer Malerei und Arnold Böcklins "Die Toteninsel". Hier wimmeln Frau Antjes mit lustigen Hauben und Van-Dyck-Charaktere mit fantasievoll verfremdeten weißen Krägen. Das Führungspersonal ist mit Insektenflügeln ausgestattet.

Planet der Pannen

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 20. Juli 2018. Der nur ein paar hundert Meter vom Landtag entfernte Medienhafen mit seinen unter anderen von dem Architekten Frank O. Gehry entworfenen Gebäuden gehört ohne Frage zu den imposantesten Orten in Düsseldorf. Das ganze Areal hat mit seinen für deutsche Stadt-Verhältnisse eher ungewöhnlichen Bauten, die an Retro-Raumschiffe, an geblähte Segel oder auch an monolithische Blöcke erinnern, etwas Futuristisches. Die Büros, Geschäfte und Restaurants, die den Medienhafen dominieren, verankern ihn zwar fest in der Konsum- und Dienstleistungswirklichkeit unserer Tage. Aber in der Architektur lebt die Vision einer anderen Zukunft fort. Eine neue Gesellschaft könnte aus den geschwungenen Fassaden der drei Gehry-Bauten herauswachsen, eine Gesellschaft, in der Funktionalität nicht mehr oberstes Gebot ist. Insofern ist der Düsseldorfer Medienhafen tatsächlich die ideale Kulisse für "Stadt der Affen", eine von dem Performance-Kollektiv LIGNA ersonnene "Expedition in die Zukunft", die im Rahmen des Asphalt Festival ihre Premiere hatte.

Alte Rache rostet nicht

von Steffen Becker

Worms, 20. Juli 2018. Festspielaufführungen sind Inszenierungen auf, aber auch vor der Bühne. Der "Zeit" ist zu entnehmen, dass die Nibelungenfestspiele Worms es mit Salzburg aufnehmen wollen. Auf dem roten Teppich ist der Abstand aber deutlich. Man sieht viele Gesichter aus Reality-Formaten, am ehesten kennt man noch Harald Glööckler, der im pompösen Outfit an einem blutrot gefärbten Wasserspiel vorbeistolziert.