Nüsse, Schüsse und auch: Gartenschlauch

von Jan Fischer

Hannover, 27. September 2020. Es ist ein Kreuz mit diesen Reimen. Mal sollen sie und wollen nicht, mal wollen sie und sollen nicht, und dann wieder reimen sie sich nur unrein, wenn sie doch rein sein sollen. Und dann ist aus die Maus. So oder so ähnlich klingt es, wenn Bernhard Conrad und Bärbel Schwarz Wolfram Lotz‘ Text "Die Politiker" in Hannover vor einer weißen Einkauküche inklusive Retro-Kühlschrank der Marke "Wolkenstein" rezitieren oder vielleicht auch deklamieren. Oder: Breit treten wie, sagen wir, Himbeermarmelade auf einem Hochflor-Teppich: So klebrig, dass man lange was davon hat und es sieht ein bisschen nach Mord aus, ist aber eigentlich ganz süß.

Frauen am Rande des Schuldspruchs

von Gabi Hift

Wien, 27. September 2020. Wem gehört der weibliche Körper? Wo verläuft der Riss zwischen der Anbetung der Frau als Mutter und der Verachtung der Frau als sexuellem Wesen? Wie arbeiten Frauen selbst an diesem System mit, dessen Opfer sie sind? Lucy Kirkwood, eine der erfolgreichsten jungen britischen Dramatiker*innen, verhandelt diese großen Fragen des Feminismus unerschrocken in einem well made play, einem Krimi. Etwas, was für die deutschsprachigen Gefilde geradezu tollkühn wirkt. "Die zwölf Geschworenen" mixt sie mit "Hexenjagd". Die Protagonistinnen sind bei ihr ausschließlich Frauen, der einzige Mann, der Gerichtsdiener, darf per richterlichem Dekret kein Wort sagen, bis die Frauen zu einem Urteil gekommen sind.

Bei den nicht so edlen Wilden

von Jan-Paul Koopmann

Oldenburg, 26. September 2020. Kurz vor Ende dieses King Kongs – "die weiße Frau" ist längst außer Sicht – fliegt Alexander Kluge hoch über der Bühne in seinem Jagdflugzeug und lässt sich vom Empire State Building interviewen. Und während der Philosoph und medienwissenschaftliche Tausendsassa so plaudert über einen Zoobesuch als Sechsjähriger und über sein neues Buch, da fängt man doch langsam an, sich zu wundern: vor allem darüber, dass einen nach gut eineinhalb Stunden in diesem Irrsinnstheater überhaupt noch etwas zu wundern vermag.

Kleiner Mann, was tun?

von Julia Nehmiz

Konstanz, 26. September 2020. Es ist kein pompöses Theaterfest, es ist ein Auftakt mit Ansage. Leise, eindringlich, intensiv: Man muss sich einmischen. Jede und jeder muss eine Haltung haben. Und man kann sich entscheiden, zu handeln. 

Karin Becker und ihr Team beginnen die neue Intendanz am Theater Konstanz mit einem politischen Ausrufezeichen: mit Hans Falladas großem Widerstandspanorama "Jeder stirbt für sich allein". Fallada hat den 700-Seiten-Roman 1946 in nur vier Wochen geschrieben, basierend auf den Prozessakten eines wahren Falles, dessen völlige Trostlosigkeit ihn nicht mehr losließ. Das Ehepaar Hampel, bei Fallada Quangel, beschließt, nachdem der einzige Sohn in Frankreich gefallen ist, Widerstand zu leisten. Sie schreiben Postkarten gegen den Krieg und verteilen sie in Berliner Wohnhäusern. Nach zwei Jahren, 276 Postkarten und 9 Briefen werden sie verhaftet, 1943 hingerichtet. 

Raubzüge des Erzählens

von Juliane Streich

Leipzig, 26. September 2020. Da stehen sie in ihren gläsernen Schaukästen: Vier Menschen mit rosa Perücken, rosa Kleidchen, rosa Schuhen. Während die Zuschauer in die "Diskothek", die Zweitspielstätte des Leipziger Schauspielhauses, strömen, schauen die vier bewegungslos in den Saal. Stehen in einem museumsähnlichen Ambiente, dessen Exponate noch mit Plastikfolien verpackt sind. Als die Darsteller sie am Anfang der Aufführung aufdecken, kommt Kolonialgeschichte in skurrilster Aufarbeitung zum Vorschein: von einer goldenen Banane über einen überdimensional langen Penis bis zum Klappergebiss.

Stars & Stripes im Ausverkauf

von Jens Fischer

Bremen, 26. September 2020. Irgendwann muss der Niedergang Amerikas ja mal begonnen haben, der zu einem Bildungssystem führte, das Millionen Menschen entlässt, die sich schwer bewaffnen und eine narzisstische Weißwurst auf den Präsidententhron heben. Da die mögliche Wiederwahl dieses rüden Wortführers in Sachen Nationalismus, Protektionismus und Rassismus gerade für mediale Aufmerksamkeit sorgt, ist der Zeitpunkt ideal, Armin Petras den angekündigten "Abgesang auf den US-amerikanischen Traum" seines Autoren-Alter-Egos Fritz Kater uraufführen zu lassen: "düsterer spatz am meer / hybrid (america)".

Phönix aus dem Beton

von Max Florian Kühlem

Dortmund, 25. September 2020. Bevor es in die Konfrontation geht mit der Stadt da draußen, mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sitzt das Publikum von Julia Wisserts Eröffnungsinszenierung am Schauspiel Dortmund erstmal in einem kargen Warteraum und starrt auf einen einzelnen Fernseher. Er zeigt ein flimmerndes Instruktions-Video in VHS-Optik.

Ritt auf dem güldenen Penis

von Martin Krumbholz

Köln, 25. September 2020. 100 Seiten Text? 150? Schlappe 28. Und Schauspieler? Vier oder fünf (wie seinerzeit in München oder Berlin)? Pralle neun. Das Zahlenverhältnis zeigt, worauf es hier ankommt. Sicher nicht auf "Werktreue"; das wäre auch Unfug angesichts der schier aus den Nähten platzenden Jelinek'schen Konvolute, die zu großzügigen Strichen gar selbst noch einladen. Ersan Mondtags Inszenierung verdichtet Elfriede Jelineks 2015 entstandene "Wut" vielmehr zu einer opulenten, wüsten, trashigen, in weiten Teilen formidablen Sprechoper.

Die Kreisläufe(r) der Katastrophe

von Sabine Leucht

München, 25. September 2020. O weh, das geht ja gut los! So, wie die ersten Worte zerhackt und alle Silben überartikuliert und einzeln mit Pausen umrahmt werden, ahnt man schon, warum Ulrich Rasche für seine Inszenierung von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili" 150 Minuten braucht. Für dieselben 20 Seiten, die Jan Philipp Gloger in Nürnberg vor einer Woche in einer Stunde bewältigte. Und hektisch war das nicht.

Deutsches Heldenplätzchen

von Matthias Schmidt

Dresden, 25. September 2020. Es endet mit einem nicht enden wollenden Textblock aus wuchtigen Sätzen, die stilistisch aus dem Heiner-Müller-Universum stammen könnten. Inhaltlich nimmt er es mit den Thomas Bernhard'schen Heimatvernichtungen auf. Eine zum Verlieben schön geschriebene Hasstirade auf das deutsche Land mit seinen Rotkohl-mit Rindfleisch-und-Klößen-Essern, unter deren Betten die bösen Geister der dunklen Jahre auf ihren Einsatz an den Flüchtlingsheimen warten. Auf das an Rüstung und Waffen verdienende, die Welt ausbeutende, turbokapitalistische Land mit seiner Fremdenfeindlichkeit und seinem Nationalismus.

Harfen in der Dauerschleife

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. September 2020. Er hätte nicht gedacht, dass sich das Theater mal nach Normalität sehnen würde, begrüßt Intendant Peter Carp das Publikum zur Eröffnung der Spielzeit am Theater Freiburg, bevor er die Hygieneregeln für die nachfolgende Schauspielpremiere erläutert. Die Publikum und Akteure einende Sehnsucht, mal wieder Spielfreude unbeschwert organisieren, entfachen, erleben, genießen und anschließend bei Getränken in gelöster Atmosphäre gemeinsam feiern, debattieren oder einfach runterspülen zu können, ist auch hinter den Gesichtsmasken schon beim Einlass spürbar.

Seltsame Seilschaft

von Tobias Prüwer

Leipzig, 25. September 2020. Corona scheint vorbei zu sein am Schauspiel Leipzig, denn man darf wieder dichter gedrängt sitzen. Natürlich ist das vom Gesundheitsamt abgesegnet – aber es erzeugt dennoch ein mulmiges Gefühl. Mit aller Hoffnung auf die Hightech-Klimaanlage kann man auch ein Stück über Tod und Vergänglichkeit einleiten. Neben der Haustechnik setzt Regisseur Enrico Lübbe dabei auf die Musik, wenn er Elfriede Jelineks "Winterreise" mit Franz Schuberts gleichnamigem Liederzyklus zu illustrativen Tableaus verschneidet.

Weniger Multi-Multi, bitte!

von Michael Bartsch

Dresden-Hellerau, 24. September 2020. Eine Bearbeitung des Romans "Schlachthof 5" von Kurt Vonnegut garantiert in Dresden stets größte Aufmerksamkeit. Hier steht im Ostragehege jener Schlachthof nach Entwürfen des ehemaligen Stadtbaurates und Architekten Hans Erlwein, in dessen Keller der Autor als amerikanischer Kriegsgefangener die alliierten Luftangriffe vom 13. Februar 1945 überlebte. Eine Gedenkwand des irischen Architekten und Künstlers Ruairi O'Brien erinnert daran, und es gibt Führungen auf den Spuren Vonneguts.

Druck auf der Sprechblase

von Valeria Heintges

Zürich, 20. September 2020. Sie haben alle "Druck auf der Sprechblase", sagen sie. Sie reden und quatschen, sie palavern und sinnieren. Sie lassen sich dabei nicht vom Sinn leiten, sondern vom Klang der Sprache. Das Ergebnis? Sätze wie "So eine Höröffnung ist eine Ohröffnung!". Man mag nicht widersprechen und kann sich doch nur wundern, dass sie zehn Anläufe brauchen, um zu der Erkenntnis zu gelangen. Sie machen viele Worte, könnte man meinen. Sie selbst sehen das anders. "Hier wird gesprochen?", fragt eine. "Hier wird gehandelt!", behauptet eine andere.

Digitale Auferstehung

von Michael Laages

Kassel, 20. September 2020. Vielleicht trügt die Erinnerung ja schon: an erste Begegnungen mit dem argentinischen Dramatiker Rafael Spregelburg. War's in der kurzen Zeit des Intendanten Tom Stromberg am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, dass er als eine der jüngeren, wichtigen Stimmen der lateinamerikanischen Bühnen-Literatur entdeckt wurde? An diesem Status hat sich in den etwa zwei Jahrzehnten seither nicht allzu viel geändert, zumindest auf deutschsprachigen Bühnen hat sich Spregelburds Sound bislang nicht durchgesetzt. Womöglich ändert sich das auch jetzt wieder nicht, nach Wilke Weermanns Versuch mit Spregelburds modisch-medialem Verwirrspiel in der Beschwörung von "z.B. Philip Seymour Hoffman".

Rufer im Schamlippen-Wald

von Simone Kaempf

Berlin, 19. September 2020. Die Untersuchungsliege wird nach vorne geschoben, endlich ist auch Johanna Freiburg dran. In einen Glitzer-Morgen-Mantel gehüllt liegt sie da, mit gespreizten Schenkeln, weniger lasziv als mehr Patientin, die dann recht selbsterklärend fragt: "Ist das jetzt mein erster Auftritt als menopausale Frau?" Ist es. She She Pop bleiben auch in ihrem neuen Abend sich selber treu, nehmen biographische Bruchstücke als Ausgangsmaterial. In diesem Stück ihr eigenes Älterwerden.

Die Wut im Stierkopf

von Claude Bühler

Zürich, 19. September 2020. Mit dem * hinter dem Namen Medea, so das Programmheft, seien die "Zwischentöne" gemeint, der "Blick zwischen die Sätze". Darauf hat Regisseurin Leonie Böhm ihre Version konzentriert, aus Euripides' Vorlage die Handlung, aber auch die übrigen Figuren weggestrichen. Den Herrscher Kreon etwa, der Medea aus Angst vor ihren Zauberkräften und Zornesmächten aus Korinth verbannen will. Oder ihren Mann Jason, der sie verlassen hat, um sich zwecks gesellschaftlichen Aufstiegs mit Kreons Tochter Glauke zu vermählen. Am Ende ist es der Deutung des Publikums überlassen, ob Medea wirklich tun wird, wofür sie Euripides weltberühmt gemacht hatte: aus Rache ihre Knaben töten, also Jason "zum Grame", wie es im Original heißt.

Kugelmenschen kennen kein Corona

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 19. September 2020. Ein Bilderreigen ist das. Zu Beginn Schattenfiguren im Nebel hinterm Gaze-Vorhang. Wie in einer Fotografie frieren sie immer wieder ein, zum Beispiel für die Kuss-Szene, die an Doisneaus "Der Kuss" im Paris der 1950er Jahre erinnern mag. Oder an den "küssenden Matrosen" aus New York, das berühmte Foto zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Es regiert das Wort

von Georg Kasch

Hannover, 18. September 2020. Briefe also: Im Dutzend tragen Karlos und Elisabeth sie zu Beginn an die Rampe. Einen schönen Haufen ergibt das aus den zärtlichen Episteln, die sie sich einst als Brautleute schrieben. Aus ihnen entspinnen sich die herrlichsten Verwicklungen, Missverstände, Intrigen. Alle werden sich hier später bedienen.

Kriegszone mit Küchenplatte

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. September 2020. Prostituier dich für mich! Ein bisschen angemacht kommt man sich schon vor im Publikum von "Die Lage", als Jannik Mühlenweg uns zum Protagonisten eines WG-Castings macht. "Was ist dein erster Eindruck von mir?", "Geh mal rein in deine Vorurteile", "Findest du mich sexy", "Hast du Spaß am Leben?". Wir haben dem fiesen Gecken nichts entgegen zu setzen. Wir sind raus aus dem Pool potenzieller Nachmieter.