Beichte im Gesundheitsamt

von Cornelia Fiedler

Gütersloh/Online, 9. April 2020. Dieser Wecker ist eine Höllenmaschine. Ein gigantisches Monstrum, zwei Meter breit, einen Meter hoch, nervenzerfetzend laut. Er kommt von dort, wo Mordgeräte wie die Panzerhaubitze oder die V2-Rakete zu Hause sind: aus Beständen der Wehrmacht. Im Jahr 2020 steht der Wehrmachtswecker nun natürlich ausgerechnet in der Nachbarwohnung, unmittelbar hinter einer Wand, die diesen Namen nicht verdient. Und er klingelt, nein tobt, zu einer Uhrzeit, die ebenso wenig einen Namen verdient, um 5 Uhr morgens. Klar dass der frisch eingezogene, verdammt gut aussehende Mieter nach wenigen Tagen akustischer Folter wütend vor der Tür seiner Nachbarin steht: Ziel erreicht, der Erstkontakt ist geglückt!

Zoon Zoomicon

von Falk Schreiber

Leipzig/Hamburg, 4. April 2020. Wind pfeift über die feindliche Schneelandschaft, Musik dräut, minutenlang. Durch diese unangenehme Welt zieht ein Wanderer, der zunehmend die Orientierung verliert, der keinen Bezug mehr zu seinen Mitmenschen hat. Es ist k., der bald einer abweisenden Dorfgemeinschaft gegenübersteht: Im Schloss oberhalb des Dorfes wird ein Landvermesser gesucht, und k. plant, diese Rolle einzunehmen. Aber ob k. tatsächlich Landvermesser ist, bleibt unklar. Womöglich hat die Dorfbevölkerung recht, wenn sie dem Neuankömmling vorwirft, ein Hochstapler zu sein.

Was vom Theater übrig blieb

von Katrin Ullmann

Hamburg, 28. März 2020. Zunächst sind sie Kolleginnen. Sie sitzen in der Garderobe und bereiten sich auf ihren Auftritt vor. Schminken sich und plaudern, trinken einen Pappkaffee, stecken sich eine Zigarette ins Gesicht, setzen ihre Perücken auf und helfen sich beim Rückenreißverschluss ihrer ausladenden, elisabethanischen Kleider. Karin Neuhäuser und Barbara Nüsse performen in ihrem Vorspiel zu diesem denkwürdigen "Theaterabend" Routine und Professionalität: Sie scherzen vertraut und erzählen von ihrem Lieblingsparfum, dazwischen fallen – wie eine Aufwärmübung – immer wieder Schiller-Phrasen aus "Maria Stuart". Eine Anmutung des Stücks, eine Annäherung daran, werden sie gleich auf der Bühne des Thalia Theaters aufführen. Dann sind sie Königinnen, sind Rivalinnen, sind Maria Stuart und Elisabeth.

Leiser Knall

von Jan Fischer

Göttingen, 13. März 2020. Immer größer aufgepumpt wird der grüne Ballon, die Druckluftmaschine surrt. "Freiheit ist ne Hure" von Milliarden ist aufgedreht, die Rollvorrichtung mit spitzer Nadel ist in Position gebracht, die Darstellerinnen und Darsteller tragen Schutzbrillen, Schutzmasken, Gehörschutz. Einzelne Menschen im Publikum halten sich präventiv die Ohren zu. Und dann? Aus. Schwarz. Applaus.

Herrscht da der blanke Männerwahn?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 13. März 2020. Theater in den Zeiten der Seuche, Tag eins, ist ein Spiel mit vielen Vorspielen. Erst geht es lange hin und her, ob die Premiere von "Der Widerspenstigen Zähmung" stattfindet oder nicht. Nach der Pressekonferenz des Rathauses scheint es ein letztes Mal Normalbetrieb zu geben, doch die Verschärfungen kommen stündlich. Nachdem auch Bundesliga, Kitas und Schulen aufgeben, heißt es schließlich: kein Publikum, nur Hausinterne und Presse, eine Geisterpremiere. Tatsächlich ist es etwas spooky, aber durch die zulässige Höchstzahl von 50 Personen kommt doch ein Grüppchen zusammen, so dass das Große Haus des Freiburger Theaters nicht völlig verwaist ist, die Akteure nicht gänzlich ohne Anspielpartner und Reaktion bleiben.

Ich schau dir in die Scheinwerfer

von Valeria Heintges

Zürich, 12. März 2020. Es beginnt so schön. Da stehen sie, drei Herren der Schöpfung, ein jedes der Kostüme von Magdalena Schön und Helena Stein eine Augenweide. Kay Kysela zum Beispiel trägt einen rosa-gelb-hellgrün-lila rhombierten Pullover unter einem rosa-hellblau-lilanen, grob gewirkten Anzug mit goldener Bordüre. Auf seinem Kopf thront eine hell-lila-gelockte Perücke mit schräg nach oben gedrehtem Dutt. An Lukas Vögler fallen zuerst die pinken Stiefel mit den orangen Federchen am Schaft auf, dann natürlich sofort die kurzen, hellrosa Hosen aus grobem Stoff und das gelbe, massive Oberteil.

Die toten Tiere der Vergangenheit

von Christian Rakow

Berlin, 11. März 2020. Am Tag, nachdem Berlins Kulturpolitik die großen Spielstätten der Stadt geschlossen hat, um der Corona-Pandemie Einhalt zu gebieten, bringt die Schaubühne einen angemessen apokalyptischen Abend heraus: "Die Affen" von Marius von Mayenburg läuft als einstweilen wohl letzte größere Schauspielpremiere im kleinen Rund des "Globe"-Saals vor 275 Zuschauern und erzählt vom Ende des Menschen, wie wir ihn kennen: gierig, ressourcenverschleißend, auf Kosten aller anderen Lebewesen die Zahl (nicht unbedingt das Glück!) der eigenen Art mehrend. Die Dornenkrone der Schöpfung.

Selbstoptimierung in Quarantäne

von Janis El-Bira

Berlin, 8. März 2020. Wie man selbst in Quarantäne eine gute Zeit haben kann, ist ja gerade heiß gehandeltes Wissen. Auch hier hält die Weltliteratur einen Tipp bereit. Erzählen könnte man sich mal wieder was – es müssen ja nicht gleich volle hundert Geschichten sein, wie sie die Pest-Flüchtlinge in Giovanni Boccaccios "Decamerone" erfinden. Zehn Tage lang immerhin bespaßen sie einander so auf ihrem Landsitz mit allerlei Obszönitäten und Grausamkeiten, bösen Parabeln auf die Florentiner Gesellschaft, den Klerus und die Herrschenden. Isolation als Kreativpause also, auf die wiederum der russische Regisseur Kirill Serebrennikov wohl gut verzichten könnte. Seit Jahren wird er von den Behörden seines Heimatlandes wie ein Infizierter behandelt, unter fadenscheinigen Gründen zum Hausarrest gezwungen oder, wie aktuell, mit einer Ausreisesperre im Zuge eines laufenden Gerichtsverfahrens belegt.

Der Teufel sagt Prawda

von Tobias Prüwer

Leipzig, 7. März 2020. "Das Kleid ist aus Dederon, der Boden aus PVC, die Wände sind aus Sperrholz – lackiert. Sondermüll." Der Teufel macht auf Umweltschützer und Humanist. "Das alles verrottet in frühestens 400 Jahren. Bis dahin sind Sie alle tot. In 100 Jahren sind Sie alle klebriger Morast. Aber bis dahin machen wir es uns noch ein wenig hübsch." Bittere Wahrheit. Auf die Leipziger Inszenierung von "Meister und Margarita" bezogen, fallen diese Worte zu harmlos aus. Claudia Bauer macht aus dem Roman bildgewaltigen Bombast, der mit den Regeln des Theaters spielt und ja: es feiert.

Keine Freiheit. Nirgends.

von Esther Boldt

Wiesbaden, 7. März 2020. Nein, dieser Theaterabend lehrt keine Zärtlichkeit. Er lehrt Verzweiflung (oder Langeweile, aber das kommt ganz auf die Perspektive an). Seine Protagonist*innen: Eine aus Blut und Gier, aus Schuld und Not geschmiedete Gemeinschaft, deren Mitglieder einander ohne Wimpernzucken tote Tauben um die Ohren knallen oder Weinflaschen in den Anus. Denn Unglück macht böse. Und unglücklich sind in dieser Sippe, in dieser Sippenhaft eigentlich alle.

Traumwandler mit Blumenspritzen

von Sabine Leucht

Karlsruhe, 7. März 2020. Wie und ob "der totale globale Meltdown" aufzuhalten ist, beschäftigt derzeit die Gemüter. Corona ist womöglich nur ein Teil davon. In Peter Høegs 2014 erschienenem Roman "Der Susan-Effekt" haben die selbsternannten dänischen Eliten schon einen Plan B parat. Allerdings braucht es fast dreihundert Seiten, bis das dem Leser dämmert.

Die Mephistophela von Lustenau

von Martin Thomas Pesl

Bregenz, 6. März 2020. "I vergüd nur ihre Zit, gnä Herr", sagt das Mädl im Dirndl zu den Herren im Malerkittel. Puh, Mundart! Ein Vorarlberger Dialekt im Vorarlberger Landestheater, fair enough. Der Zugereiste ist dann doch erleichtert, als Stephanie Hollenstein rasch, ohne Prüfung, an der Münchner Kunstgewerbeschule angenommen wird und den Rest der knapp dreistündigen Uraufführung "Hollenstein, ein Heimatbild" hochdeutsch spricht.

Selbst ist die Retterin

von Cornelia Fiedler

Oberhausen, 6. März 2020. "Ich bin nicht nett. Ich bin die Größte aller Zeiten!", diesen Satz der Boxweltmeisterin Claressa Shields auf einer Bühne zu hören, ohne jede Scham strahlend herausposaunt, das hat etwas unendlich Befreiendes. Wenn dieser Abend, der aus O-Tönen kampferprobter Frauen kollagiert ist, dann ganz ernst mit den Worten "das Patriarchat muss weg" endet, wirkt das nicht aufgesetzt. Es ist die konsequente Schlussfolgerung aus einer logischen Abfolge von Überlegungen. Anders geht es eben nicht.

Wenn Mama ein Mythos ist

von Harald Raab

Leipzig, 6. März 2020. Die junge Frau auf der Bühne stopft sich aus einer großen Tüte zwanghaft Popcorn in den Mund. Sie ist verstört, in sich zusammengekauert, einsam in Gemeinschaft. Medienbildern ihrer selbst und ihrer Lebensgeschichte umstellen sie, Videoerinnerungen und -botschaften flimmern auf, eingehüllt in Musik ihrer Emotionen. In all dem spiegelt sich ihr Gemütszustand. Der ist ja heute Hauptbestandteil einer modernen komplexen Persönlichkeit. Hilflosigkeit, Naivität, Einsamkeit, wabernde Ängste, aber auch ein Stück Selbstverliebtheit und viel Selbsthass wie bei Narziss, dem Säulenheiligen unserer Zeit. Wer bin ich? Das ist ihre und auch unsere große Frage an die Existenz.

Hier spricht Edgar Wallace

von Andrea Heinz

Wien, 2. März 2020. Dass die digitale Welt ein Hort der Gefahren ist, das muss man eigentlich niemandem mehr sagen. Wobei letztlich der Mensch sich (wie eh immer) selbst die größte Gefahr ist, wenn er, nur als Beispiel, in seinem Spieltrieb und seiner Geltungssucht nichts dabei findet, auf Demonstrationen wild herumzufotografieren und das in alle Welt zu posten, weil: Was einmal eine Demokratie ist, wird nie mehr zu einem autokratischen Staat werden, das lehrt schließlich die Geschichte.

Kaboom Kapeng!

von Anna Landefeld

München, 1. März 2020. Dieser Abend ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Befreiungsschlag. Hier ist nichts mehr männlich-westlich bestimmt, auch wenn die Choreografin Florentina Holzinger sich in den Münchner Kammerspielen (es ist ihre erste Inszenierung an einem Stadttheater!) an Filmszenen von Kubrick, Tarantino etc. abarbeitet. Sie sind aber nichts weiter als passive Zitatgeber: Denn Holzinger löst die Kontexte auf, bis nichts mehr übrig ist außer reiner, weiblicher Körperlichkeit. Ja, auch die kann brutal sein und ja, Frauen haben Spaß daran. "This will be our reply to violence: more intensely, more beautifully, more devoteley than ever before", dieser Satz wird zum Finale über dem Geschehen eingeblendet und macht klar: Das hier war ein Training für die Fähigkeit zum weiblichen Widerstand – und der wird ganz anders sein.

Die Moral ist in der Krise

von Simone Kaempf

Berlin, 1. März 2020. Am Ende sitzt der sterbende Mann breitbeinig auf dem Hosenboden, zieht ein ratloses Gesicht und weiß nicht, wie ihm geschieht. In der melancholischen Stimmung genügt fürs Sterben, dass das Licht verlischt und die Musik verstummt. Aus, vorbei. Tot war er aber schon vorher. Denn so richtig lebendig, witzig oder böse wird dieser Über-Leichengeher, knallharte Banker und Neoliberalist Jedermann nie in der Inszenierung des georgischen Regisseurs Data Tavadze.

Safer Cyber-Sex oder Hilfe, mein Kühlschrank spricht (mit Mamas Stimme)

von Stefan Forth

Hamburg, 29. Februar 2020. Ist das Theater eigentlich noch zu retten? Wie lange werden Menschen im digitalen Zeitalter bereit sein, viel Geld für "einen Haufen Scheiße" auszugeben, der sie "intellektuell unter- oder meistens überfordert", wenn doch bei Netflix und Amazon Prime individualisierte Angebote allzeit günstig verfügbar sind? Es geht ans Eingemachte an diesem kurzen und kurzweiligen Uraufführungsabend am Hamburger Thalia Theater. "(R)evolution" probt den Abgesang auf die Spezies Mensch, wie wir sie kennen, lieben und hassen.

Arche, Bunker, Lazarett

von Michael Laaages

Cottbus, 29. Februar 2020. Sehr viel Abschied ist an diesem letzten Premierenabend des scheidenden Schauspieldirektors Jo Fabian am Staatstheater in Cottbus. Der eiserne Vorhang schließt die Bühne zu, auf ihn projiziert ist das kleine, das große Wort "Danke" – immerhin war Fabian der letzte verbliebene Anker und hatte das Theater retten helfen, als vor vier Jahren im stürmisch-hausinternen Drama die Intendanz das Theater verlassen musste. Er, der nie zuvor die Schauspielsparte eines Stadt- oder Staatstheaters geleitet hatte, aber bereits auf ein reiches Lebenswerk als freier Produzent und Regisseur zurückblicken konnte, war plötzlich der einzige, der mit den Ensembles des Hauses Kontinuität in Cottbus garantierte. Und mit eigener Handschrift formte er eine Art verschworener Gemeinde – im Schlussbeifall, noch bevor sich der eiserne Vorhang senkt, hat auch darum jeder und jede im Ensemble dieser letzten Arbeit jeden und jede umarmt; und Fabian alle.

Der Kuss der Theaterspinne

von Maximilian Sippenauer

München, 29. Februar 2020. Beim Einlass winkt ein Kartenabreißer ein älteres Pärchen näher, beugt sich an ihre Ohren und flüstert: "Vorsicht: am Anfang nicht erschrecken." Dann kichert er vielsagend wie ein blinder Seher. Überhaupt, alle tuscheln und raunen heute an Garderobe und Bar, als kursiere ein offenes Geheimnis. Große Namen der Münchner Kulturszene grüßen sich mit Weißweingläsern, unterstreichen ihre Präsenz mit dem raumgreifenden Nicken der Connaisseure: Ja, ja, der Pollesch ist hier.