Die Mephistophela von Lustenau

von Martin Thomas Pesl

Bregenz, 6. März 2020. "I vergüd nur ihre Zit, gnä Herr", sagt das Mädl im Dirndl zu den Herren im Malerkittel. Puh, Mundart! Ein Vorarlberger Dialekt im Vorarlberger Landestheater, fair enough. Der Zugereiste ist dann doch erleichtert, als Stephanie Hollenstein rasch, ohne Prüfung, an der Münchner Kunstgewerbeschule angenommen wird und den Rest der knapp dreistündigen Uraufführung "Hollenstein, ein Heimatbild" hochdeutsch spricht.

Selbst ist die Retterin

von Cornelia Fiedler

Oberhausen, 6. März 2020. "Ich bin nicht nett. Ich bin die Größte aller Zeiten!", diesen Satz der Boxweltmeisterin Claressa Shields auf einer Bühne zu hören, ohne jede Scham strahlend herausposaunt, das hat etwas unendlich Befreiendes. Wenn dieser Abend, der aus O-Tönen kampferprobter Frauen kollagiert ist, dann ganz ernst mit den Worten "das Patriarchat muss weg" endet, wirkt das nicht aufgesetzt. Es ist die konsequente Schlussfolgerung aus einer logischen Abfolge von Überlegungen. Anders geht es eben nicht.

Wenn Mama ein Mythos ist

von Harald Raab

Leipzig, 6. März 2020. Die junge Frau auf der Bühne stopft sich aus einer großen Tüte zwanghaft Popcorn in den Mund. Sie ist verstört, in sich zusammengekauert, einsam in Gemeinschaft. Medienbildern ihrer selbst und ihrer Lebensgeschichte umstellen sie, Videoerinnerungen und -botschaften flimmern auf, eingehüllt in Musik ihrer Emotionen. In all dem spiegelt sich ihr Gemütszustand. Der ist ja heute Hauptbestandteil einer modernen komplexen Persönlichkeit. Hilflosigkeit, Naivität, Einsamkeit, wabernde Ängste, aber auch ein Stück Selbstverliebtheit und viel Selbsthass wie bei Narziss, dem Säulenheiligen unserer Zeit. Wer bin ich? Das ist ihre und auch unsere große Frage an die Existenz.

Hier spricht Edgar Wallace

von Andrea Heinz

Wien, 2. März 2020. Dass die digitale Welt ein Hort der Gefahren ist, das muss man eigentlich niemandem mehr sagen. Wobei letztlich der Mensch sich (wie eh immer) selbst die größte Gefahr ist, wenn er, nur als Beispiel, in seinem Spieltrieb und seiner Geltungssucht nichts dabei findet, auf Demonstrationen wild herumzufotografieren und das in alle Welt zu posten, weil: Was einmal eine Demokratie ist, wird nie mehr zu einem autokratischen Staat werden, das lehrt schließlich die Geschichte.

Kaboom Kapeng!

von Anna Landefeld

München, 1. März 2020. Dieser Abend ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Befreiungsschlag. Hier ist nichts mehr männlich-westlich bestimmt, auch wenn die Choreografin Florentina Holzinger sich in den Münchner Kammerspielen (es ist ihre erste Inszenierung an einem Stadttheater!) an Filmszenen von Kubrick, Tarantino etc. abarbeitet. Sie sind aber nichts weiter als passive Zitatgeber: Denn Holzinger löst die Kontexte auf, bis nichts mehr übrig ist außer reiner, weiblicher Körperlichkeit. Ja, auch die kann brutal sein und ja, Frauen haben Spaß daran. "This will be our reply to violence: more intensely, more beautifully, more devoteley than ever before", dieser Satz wird zum Finale über dem Geschehen eingeblendet und macht klar: Das hier war ein Training für die Fähigkeit zum weiblichen Widerstand – und der wird ganz anders sein.

Die Moral ist in der Krise

von Simone Kaempf

Berlin, 1. März 2020. Am Ende sitzt der sterbende Mann breitbeinig auf dem Hosenboden, zieht ein ratloses Gesicht und weiß nicht, wie ihm geschieht. In der melancholischen Stimmung genügt fürs Sterben, dass das Licht verlischt und die Musik verstummt. Aus, vorbei. Tot war er aber schon vorher. Denn so richtig lebendig, witzig oder böse wird dieser Über-Leichengeher, knallharte Banker und Neoliberalist Jedermann nie in der Inszenierung des georgischen Regisseurs Data Tavadze.

Safer Cyber-Sex oder Hilfe, mein Kühlschrank spricht (mit Mamas Stimme)

von Stefan Forth

Hamburg, 29. Februar 2020. Ist das Theater eigentlich noch zu retten? Wie lange werden Menschen im digitalen Zeitalter bereit sein, viel Geld für "einen Haufen Scheiße" auszugeben, der sie "intellektuell unter- oder meistens überfordert", wenn doch bei Netflix und Amazon Prime individualisierte Angebote allzeit günstig verfügbar sind? Es geht ans Eingemachte an diesem kurzen und kurzweiligen Uraufführungsabend am Hamburger Thalia Theater. "(R)evolution" probt den Abgesang auf die Spezies Mensch, wie wir sie kennen, lieben und hassen.

Arche, Bunker, Lazarett

von Michael Laaages

Cottbus, 29. Februar 2020. Sehr viel Abschied ist an diesem letzten Premierenabend des scheidenden Schauspieldirektors Jo Fabian am Staatstheater in Cottbus. Der eiserne Vorhang schließt die Bühne zu, auf ihn projiziert ist das kleine, das große Wort "Danke" – immerhin war Fabian der letzte verbliebene Anker und hatte das Theater retten helfen, als vor vier Jahren im stürmisch-hausinternen Drama die Intendanz das Theater verlassen musste. Er, der nie zuvor die Schauspielsparte eines Stadt- oder Staatstheaters geleitet hatte, aber bereits auf ein reiches Lebenswerk als freier Produzent und Regisseur zurückblicken konnte, war plötzlich der einzige, der mit den Ensembles des Hauses Kontinuität in Cottbus garantierte. Und mit eigener Handschrift formte er eine Art verschworener Gemeinde – im Schlussbeifall, noch bevor sich der eiserne Vorhang senkt, hat auch darum jeder und jede im Ensemble dieser letzten Arbeit jeden und jede umarmt; und Fabian alle.

Der Kuss der Theaterspinne

von Maximilian Sippenauer

München, 29. Februar 2020. Beim Einlass winkt ein Kartenabreißer ein älteres Pärchen näher, beugt sich an ihre Ohren und flüstert: "Vorsicht: am Anfang nicht erschrecken." Dann kichert er vielsagend wie ein blinder Seher. Überhaupt, alle tuscheln und raunen heute an Garderobe und Bar, als kursiere ein offenes Geheimnis. Große Namen der Münchner Kulturszene grüßen sich mit Weißweingläsern, unterstreichen ihre Präsenz mit dem raumgreifenden Nicken der Connaisseure: Ja, ja, der Pollesch ist hier.

Der Elefant im Raum

von Steffen Becker

Stuttgart, 29. Februar 2020. Besser hätte man es nicht inszenieren können: Am Tag der Pressekonferenz zur Uraufführung von "Weltwärts" verkündet das Bundesverfassungsgericht, dass Sterbehilfe nicht grundsätzlich verboten werden darf. Noah Haidles Stück über einen assistierten Suizid gewinnt dadurch stark an Aktualität. Praktischerweise sitzt in der Pressekonferenz des Theaters mit dem evangelischen Landesbischof auch gleich ein Repräsentant, dessen Haltung zu dieser Frage als relevant zu gelten hat.

Politisch verfolgt

von Dorothea Marcus

Köln, 29. Februar 2020. Viermal in seinem Leben wurde der Kölner Schriftsteller mit türkischen Wurzeln Doğan Akhanlı verhaftet, zuletzt 2017. Während er – seit 2001 deutscher Staatsbürger – sonst meist bei der Einreise an der türkischen Grenze abgefangen wurde, veranlasste die Türkei den letzten Zugriff auf ihn per Interpol. In seinem Hotel, mit seiner Lebensgefährtin auf Kurzurlaub im spanischen Granada, wurde er frühmorgens aus dem Bett geholt und wegen eines angeblichen Raubmordes vor vielen Jahren verhaftet. Fast drei Monate durfte er Spanien nicht verlassen. Weltweit erhob sich massiver Protest, seine Sache schaffte es auf die Titelseite der New York Times.

Die Rede nach dem Schuss

von Jan-Paul Koopmann

Hannover, 28. Februar 2020. Es ist dermaßen viel geschrieben worden über den beklemmenden Nicht-Charme der alten Bundesrepublik, dass man es schon gar nicht mehr sagen möchte. BRD Noir – Sie wissen schon – wo allen Angst und Bange vor Baader und Meinhof war. Wo das gräulich verkrampfte Machtzentrum mitten im Karnevalsland lag. Wo echte alte Nazis in Amtsstuben und Lehrerzimmern noch rauchen durften. Tja, und wo auch nicht alles schlecht war, weil es noch Adorno im Radio gab und abends manchmal noch ein doppelt in Alu gewickelter Klumpen "Kalte Schnauze" in der Durchreiche auf einen gewartet hat. Das ist die Welt von Bölls Heinrich Katharina Blum – die darin von den Boulevardmedien zugrunde gerichtet wird, weil sie einem Straftäter zur Flucht verholfen haben soll. In Hannovers Schauspielhaus treibt Stefan Pucher großen Aufwand, damit Katharina aus dieser Welt auch ja nicht rauskommt.

Ich pinkel' auf euren ehernen Kanon

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 28. Februar 2020. "Allerhalter, Allumfasser" heißt es in Goethes "Faust" nicht unpathetisch, und es wäre nicht Elfriede Jelinek, hätte sie die Wort- und Gedankenkette nicht fortgesponnen bis "Vorenthalter". Über ihr 2012 uraufgeführtes Stück "FaustIn and out" schrieb sie, sie sehe sich als "kläffender Hund, der die ehernen Blöcke männlichen Schaffens umkreist und ab und zu sein Bein hebt".

Und ewig grüßt die Königspuppe

von Gerhard Preußer

Bonn, 28. Februar 2020. Zwei Körper hat der König: einen privaten, natürlichen und einen staatlichen, politischen. Sterblich ist der eine, unsterblich der andere. So die Fiktion der Elisabethanischen Juristen. Dieses von Ernst Kantorowicz in der christlich-abendländischen Tradition nachgewiesene Gedankengebäude nimmt Luise Voigt für ihre Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Theater Bonn als Grundidee.

Normal, das sind die anderen

von Andrea Heinz

Wien, 27. Februar 2020. Florian Zellers Stücke haben durchaus das Zeug zu modernen Klassikern. Der Franzose erzählt davon, wie viel Elend, Hilflosigkeit und Verzweiflung zwischenmenschliche Beziehung mit sich bringen können – erst recht, wenn eigentlich alle sich lieben und nur das Beste wollen. "Der Vater", 2012 uraufgeführt und 2019 mit Anthony Hopkins verfilmt, erzählt von einem demenzkranken Mann und seiner Tochter. Das Wiener Theater in der Josefstadt brachte das Stück 2016 hoch gelobt mit Erwin Steinhauer auf die Bühne, nun fand dort in der Regie von Stephanie Mohr auch die Österreichische Erstaufführung von Zellers "Der Sohn" statt.

Ich kann dir was Line

von Martin Thomas Pesl

Wien, 27. Februar 2020. Es wirkt fast erfrischend, im Theater einen Text zu hören, in dem niemand die Welt retten will. Die Prä-Greta-Generation, der Wilke Weermanns "Angstbeißer" angehören, findet noch eher Amokflüge als Flugscham aufregend.

Zu krass für Google Translate

von Christian Rakow

Berlin, 26. Februar 2020. Zu den Klängen der Mundharmonika von "Spiel mir das Lied vom Tod" schleichen sie heran, im Western-Look, aber seltsam fremdgesteuert, ein wenig wie die Cyborgs im Freizeitpark der HBO-Serie "West World". Ihre Tänze ruckeln, wirken gezielt abgehackt, ähnlich dem Gockeln der Vögel. Und knapp drei Stunden später werden sie uns wieder verlassen, als Zombies, gefangen in Zeitlupenmassakern. Dazwischen aber, mein Gott, da waren sie irre lebendig.

Das Lied hat ein Ende

von Willibald Spatz

München, 23. Februar 2020. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss? In Euripides' "Medea" ist die Titelheldin eine Frau, die mit ihren Entscheidungen und Handlungen die blödsinnige, von Männern etablierte Ordnung in Frage stellt. Sie zertrümmert sie sogar mit ihrer radikalen Schlusshandlung. Genau daran ist Regisseurin Karin Henkel interessiert. Bei ihr ist der Chor ein Mädchenchor, und an dem Punkt ihrer Inszenierung im Residenztheater, an dem Medeas Entschluss unumkehrbar ist, skandieren die Mädchen: "Das endlose Lied von der schwachen Frau hat nun ein Ende!"

Für "Horror" drücken Sie die Drei

von Grete Götze

Frankfurt, 22. Februar 2020. Bei Aischylos endet das 2500 Jahre alte Stück "Die Orestie" mit Freudenjubel, es ist die Geburtsstunde der europäischen Demokratie. Der Theateraktivist Milo Rau hat das antike Drama im vergangenen Jahr nach Mossul verlegt, die nordirakische Stadt, die 2014 von der Terrororganisation "Islamischer Staat" eingenommen und schließlich von den Alliierten befreit wurde. Bei Rau durften die irakischen Männer zum Schluss abstimmen, ob die Anhänger des IS, die ihre ganze Stadt zerstört hatten, begnadigt oder getötet werden sollen. Sie enthielten sich – ein Hoffnungsschimmer?

Herrschaft in der Hose

von Andrea Heinz

Wien, 22. Februar 2020. Soweit hat es das Burgtheater also schon gebracht, gut ein halbes Jahr, nachdem Martin Kušej übernommen hat: "Wer weiß, ob wir uns hier noch mal was anschauen", tönt da leicht herrenmenschig eine Stimme, noch bevor die Premiere überhaupt angefangen hat. "Das ist jetzt wirklich die allerletzte Chance." Nun ist das Theater natürlich kein Kind, und von schwarzer Pädagogik grundsätzlich abzuraten. Nur muss man leider sagen: Ein großer Wurf war die auf diese Drohung folgende Inszenierung von Sebastian Nübling wirklich nicht.