Der Mensch als Provisorium

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 20. Dezember 2017. Tageslichtprojektoren, ein Holzkubus, eine hölzerne Freitreppe, ein Kleiderständer. Stefanie Dvorak zieht sich einen Babybauch und also die Rolle der Martha an. Markus Meyer bleibt als deren Ehemann Thomas Hoffmann den Abend über im Morgenmantel und kramt anfangs im Bühnen-Hinten nach Bier. Ihm antwortet Helene, das ist Marie-Luise Stockinger als jüngere Schwester Marthas, vom Bühnenrand vorne aus. Unstet lenken neue Auftritte die Aufmerksamkeit im Raum umher. Da steht eine Toilette, Michael Abendroth sitzt darauf, als Vater Egon Krause; er lobt die Pünktlichkeit seines "Morgenschisses". Naturalismus auf New Shit: Es ist die Österreichische Erstaufführung von Ewald Palmetshofers "Vor Sonnenaufgang" (das jüngst in Basel herauskam). Nach Gerhart Hauptmann. Im Akademietheater. Mit Bühne und Regie von Dušan David Pařízek.

Lang lebe Babylon Berlin

von Elena Philipp

Berlin, 17. Dezember 2017. Alles Fake: Die Möbel aus Pappe und Sperrholz, perspektivisch verzerrt oder zweidimensional wie im Comic. Wenn Türen knarren oder Korken ploppen, kommt der Sound vom Band. Kaffeekannen können singen, Bäume zwitschern wie Vögel. Und die Schauspieler*innen mit den schwarz umrandeten Stummfilmaugen chargieren, dass es eine Freude ist. Reines Als-Ob und dick ausgestellter Theaterzauber – "Alles Schwindel" ist ein Weihnachtsmärchen nach Hauptstadt-Art. Eine 86 Jahre alte Berliner Revue, die der Regisseur Christian Weise und sein Musikalischer Leiter Jens Dohle mit den Mitteln der Komödie im Gorki Theater neu auf die Bühne bringen. Die These: Ähnlich flimmernd-fragil wie damals ist Berlin auch heute.

In der Pfefferminz-Hölle

von Martin Krumbholz

Dortmund, 16. Dezember 2017. Die Fünfzigerjahre sind, natürlich infolge des Weltkriegs, ein Jahrzehnt gruseliger Dystopien. Den Auftakt machte 1948 George Orwell mit "1984", 1953 folgte Ray Bradbury mit der Geschichte des naiven Feuerwehrmanns, der Bücher verbrennt, statt Feuer zu löschen – "Fahrenheit 451". Max Frischs Parabel "Biedermann und die Brandstifter" von 1958 ist damit verglichen schon fast eine behagliche Beschreibung präfaschistischer Zustände, und man merkt Gordon Kämmerers Inszenierung zur Wiedereröffnung des Dortmunder Schauspiels an, welche Anstrengung es kostet, dem Text eine gewisse markige Farbigkeit zu verpassen.

Odyssee der Gefühle

von Dieter Stoll

Nürnberg, 16. Dezember 2017. Die Drehbühne führt bei diesem kleinteilig großspurigen Stück mit jeder Runde vorbei an der beschworenen Patenschaft von Schnitzlers "Reigen", dem Sittenbild von vorgestern. Schlaue Dramaturgen haben auch Ingmar Bergman und seine "Szenen einer Ehe" zum näher liegenden Zweit-Gutachter für "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" erklärt, Joël Pommerats Zwischenbilanz von heute. In der Nürnberger Inszenierung, der vierzigsten und letzten von Klaus Kusenberg als Schauspieldirektor von 18 Spielzeiten, mag man es jenseits solcher Behauptungen etwas rätselhafter.

Vampire unter sich

von Jürgen Reuß

Freiburg, 16. Dezember 2017. In der Mitte eine eher sanft ausgeleuchtete, erhöhte quadratische Plattform wie ein Boxring ohne Seile oder eine Festungsinsel oder eine bunkerartige Grabplatte. Der Rest der kahlen Bühne verschwindet im Dämmerlicht. Am rechten hinteren Seitenrand des Spielfeldquadrats steht ein Heizkörper. Dazu Edgar, der Hauptmann dieses militärischen Inselreichs, der es nie zum Major geschafft hat und sein kleines Reich mit misanthropischem, egomanem Missmut terrorisiert. Und seine Frau Alice, die es ihm nie verzeiht, dass sie sich von ihm aus ihrer eingebildeten Karriere als Schauspielerin herausblenden lassen hat.

Von Bechern und Fässern

von Melanie Huber

Rendsburg, 16. Dezember 2017. Fünfzehn mit Wasser gefüllte Plastikbecher stehen aufgereiht am Bühnenrand, am rechten äußeren Ende kniet Neele Frederike Maak, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Ihr blondes Haar steht wirr nach allen Seiten ab, ihr Blick ist starr, angstverzerrt. Sie ist Pip, der Schiffsjunge der "Pequod", von dem es in Herman Melvilles Roman "Moby Dick" heißt, er sei dem Wahnsinn verfallen – in jedem Fall ist dieser Pip hier stummer Leidtragender einer Geschichte, die auch von Machtmissbrauch und Ausbeutung erzählt.

Chaos mit rotem Faden

von Frank Schlößer

Rostock, 16. Dezember 2017. Vor sechzig Jahren starb eine Straßenköterin aus Moskau. Weshalb erinnert man sich noch heute daran? Es ist der Ort ihres Todes: Erdorbit, Sputnik 2. Wir sind Laika dafür dankbar, dass sie am 3. November 1957 über fünf Stunden dafür brauchte. Denn ihr Flug zeigte: Wenn Hündinnen den Orbit überleben können, dann können das echte Männer – wie zum Beispiel Juri Gagarin. Braves Hündchen, hat sie doch was gemacht aus ihrem Leben!

Wir hauen zusammen

von Sascha Westphal

Köln, 15. Dezember 2017. Der Anfang ist furios. Die Augen suchen nach Orientierung: Rechts ist ein Boxring, hinten ein großer Spiegel, vor dem eine Videokamera steht, links hat Anne Ehrlich einen Kasten hingestellt, der Wohnung und Krankenhauszimmer zugleich ist. Ein paar Fenster und ein Türdurchgang gestatten Blicke in sein Inneres, wo zwei Schaufensterpuppen dem Raum eine melancholisch-düstere Aura verleihen. Doch es bleibt einem gar nicht die Zeit, all diese Eindrücke zu einem größeren Bild zusammenzusetzen.

Tummelplatz menschlicher Nöte

von Veronika Krenn

Wien, 15. Dezember 2017. Gott ist tot. Die Menschen sind als einsame, einander bekämpfende Spezies sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Die steinernen Tafeln mit zehn Geboten, die Gott einst den Israeliten mit auf den Weg gab, wurden längst durch ein modernes Rechtssystem ersetzt. Kaum jemand kräht mehr nach ihnen. Gott ist tot, seine Gebote vergessen.

Gesellschaft im Verzug

von Alexander Jürgs

Mannheim, 15. Dezember 2017. Die Stimme kommt aus dem Dunklen. Sie klagt, sie zeigt die Angst. Es ist ein Sohn, der da spricht, ein Sohn, dessen Vater sich, aus welchem Grund auch immer, selbst angezündet hat, ein Sohn, der sich nun nicht in dieses Krankenhauszimmer traut, in dem der Vater liegt. Eine Hautpartikelwüste nennen die Ärzte den Körper des Mannes. Verbrannt auf Stufe drei. Während David Müller den Monolog dieses Sohnes spricht, entzündet er Streichholz um Streichholz. Das Feuer lodert, erhellt sein Gesicht.

Wedekinderparty

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Dezember 2017. Fangen wir anders an. Nicht mit dem Naheliegenden wie am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo man Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" das Pubertier aufbindet. Dabei liegt ein anderer Gedankensprung nicht fern: zwischen der Friedhofsrede des sich selbst aus der Welt schießenden Moritz Stiefel und der namenlosen Künstlerfigur in Rainald Goetz’ "Jeff Koons", die von der Clubnacht müde und im Herzen wund, zeigt, dass Irre-Sein und Ekstase nur ein anderer Ausdruck sind für die Verführung zur Verneinung. Beide schürfen im "Bergwerk der Seele" (Goetz). Beide sind Untote eines Nachtgesangs. Nahezu ein Jahrhundert trennt die jeweils zeitdiagnostischen Stücke, die wiederum ihr erbitterter Humor eint. Eine Woche trennt die Inszenierungen beider Stücke am Düsseldorfer Schauspielhaus. So funktionieren dramaturgische Dialoge.

Das letzte Leuchten der Macht

von Esther Boldt

Mainz, 15. Dezember 2017. Jetzt geht es doch um ihn. Der anfangs dachte, der Tod ziehe tatenlos an ihm vorüber. Jetzt sind die Schicksalsknoten entwirrt, obgleich so viele sich dagegen sträubten – und Ödipus die Entwirrung beharrlich vorantrieb. Jetzt fällt er bäuchlings auf das königliche Lasterbett, liegt wie ein gestürzter Baum. Jetzt bebt sein Verzweiflungskichern aus den Laken, und rotwangig stößt er aus: "Mutter, freu dich! Ein neuer Sohn kommt dir hinzu!" Seine Krone, sein Goldlorbeer ist ihm da längst vom Haupt gefallen. Sein Kostüm wird er, dessen Welt in einen fundamentalen Taumel geraten ist, ablegen wie seine Privilegien, den Goldmantel, den Fellkragen.

Finanzjongleure in der Schwerelosigkeit

von Claude Bühler

Zürich, 14. Dezember 2017. Sagt man in der Schweiz "Mir nämeds uf öis" (Wir nehmen es auf uns), so passiert das an der Stelle, wenn die Melancholie des Unabänderlichen in die Zuversicht kippt, pragmatisch anpacken zu dürfen. Zu beiden Regungen ist das Personal aber weder bereit noch fähig, das Christoph Marthaler auf einen Spacetrip Richtung Ereignishorizont schickt: Die Finanzjongleure, Unternehmer und Briefkastenfirmen-Vernetzer stimmen mit frechem Weltgötter-Blick ins Publikum Richard Wagners Matrosen-Ruf "Hallajoh" aus der Oper "Der Fliegende Holländer" an.

Unterm Papp-Mond

von Michael Stadler

München, 14. Dezember 2017. Ach, wie wäre das, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte, um Vergangenes nochmal zu erleben. Theaterzauber, Einfühlung, Sprachkunst, Illusion. Würde man jedoch in die Zeit des jungen Bertolt Brecht reisen, zu jener Uraufführung von "Trommeln in der Nacht" am 29. September 1922 in den Kammerspielen, dann ergäbe sich nicht ganz das eskapistische Vergnügen, das man sich vielleicht wünschte. Denn Brecht war ein Revolutionär, der den Umbruch zum epischen Theater zwar erst später konsequent vollzog, aber schon einige illusionsbrechende Schrauben gegen jede billige Gefühlsduselei andrehte.

Die Reibungselektrizität bunter Luftballons

von Leo Lippert

Wien, 14. Dezember 2017. Ach diese Luftballons. Handlich bis überlebensgroß, in scheußlich grellen Farben. In kaltem Scheinwerferlicht schweben sie durch Bühnen- und Zuschauerraum. Dreieinhalb Stunden lang. Manche kleben an der Decke, andere werden von beflissenen Diener*innen beiseite geräumt, in sanfter Bewegung gehalten, oder in der Ecke stillgestellt. Die Handbewegungen, mit denen die Zuschauer*innen die wabernden Gebilde von ihren Frisuren fernhalten, sind Choreographie und Charakterstudie zugleich. Und die Zielsicherheit, mit der ein knallgelbes Ungetüm im schönsten Rampenmonolog landet, ist beeindruckend. Vor allem aber verlangen die Luftballons nach unserer ständigen Aufmerksamkeit: Sie zerstreuen uns, und sind damit wohl auch symptomatisch für eine zerstreute Aufführung, die ihren Ton, ihre Stimmung nicht finden will.

In Gänsefüßchen

von Dirk Pilz

Berlin, 14. Dezember 2017. Das ist doch seltsam. Da nimmt sich dieser Abend das Sterben und den Tod, das Leid, die Schmerzen, den Ekel und die Scham, die Einsamkeit, die Angst und also lauter so geschichts- wie gedanken- und gefühlssatte Themen zum Material; da hat er zudem fünf wunderbare ältere Tänzer des Dance on Ensemble, die ihre Körperlichkeit weder aufdrängelnd ins Rampenlicht schieben noch verschämt verstecken noch auch irgend verbrämen und also die Zerbrechlichkeit der Leiber, die Endlichkeit des Daseins zu zeigen, zu bespielen vermögen, ohne dies ausstellen zu müssen; da hat er zudem Schauspielerinnen, vornehmlich Judith Engel, Constanze Becker und Laurence Rupp, die den Silben und Gesten Bedeutungen beizulegen geübt sind, die sich in schierer Wirklichkeitswiederholung nicht erschöpfen – und dann ist das eine derart wassersuppige, zähe, ja leerlaufende Veranstaltung. Wie kann das sein?

Porno auf Distanz

von Elisabeth Nehring

Berlin, 13. Dezember 2017. Allein steht sie im großen Saal der Volksbühne. Die strenge schwarze Hose und das weiße Hemd hat Mette Ingvartsen längst abgelegt; ihre Stimme, eine Weile im abgedunkelten Bühnenraum das einzige Präsente, hat nun einen Körper bekommen. Nur durch ihre Erzählungen lässt die Performerin in unseren Köpfen Bilder und Geschichten erstehen: Es geht eine marmorne Treppe hinauf, hinein in ein prächtiges Herrenhaus, in dem sich eben jene Szenen abspielen, mit denen dieses Solo als Teil der Serie "Red Pieces" betitelt ist: "21 pornographies".

Bock auf Eltern-Feeling

von Philipp Bovermann

München, 13. Dezember 2017. Man kann nicht alles haben im Leben. Aber man kann Kinder haben. Was zwar nicht das Gleiche ist, aber das Thema zumindest erst einmal vertagt – bis man alt genug ist und sich auch mit weniger zufrieden gibt. Am Münchner Volkstheater hingegen, wo das Jungsein an und für sich gewissermaßen Teil der Marke ist, geht das naturgemäß nicht.