Selbstbehauptung mit Schleudergang

von Dieter Stoll

Nürnberg, 5. Oktober 2019. Sie stehen an der Bühnenrampe und stopfen sich hektisch immer mehr von den landestypisch tröstenden Süßigkeiten in den Mund. Ihre skandierende Selbstbehauptung ist folglich von fliegenden Krümeln aus türkischem Nougat durchsetzt. Oder der Zuckerwatte, die das darzustellen hat. "Ausnahmezustand, Ausbadezustand, Aushaltezustand", lautet der trotzige Kanon von drei Frauen (Wissenschaftlerin, Übersetzerin, Journalistin) und zwei Männern (ein queerer Radiomoderator, ein Ex-Manager), alle kulturaffin und arbeitslos, vor dem gruppendynamisch eroberten Gebäude.

Verhextes Deutschland

von Christian Muggenthaler

Hof, 5. Oktober 2019. In der vergangenen Saison wurde im benachbarten Bamberg das Stück "Die Zeit und das Zimmer" von Botho Strauß wieder ausgegraben, wobei unklar blieb, warum eigentlich. Jetzt versucht es am Theater Hof Intendant Reinhardt Friese mit Straußens "Besucher" und damit ebenfalls mit einem Bühnenwerk, dem nach der Münchner Uraufführung keine große Bühnenpräsenz beschieden war. Ob es sich denn diesmal gelohnt hat?

Was aus Deutschland hätte werden können...

von Matthias Schmidt

Plauen, 5. Oktober 2019. Ein Autor aus dem Westen soll etwas über den Osten schreiben. Soll den Menschen im Westen, denen, die eigentlich über alles Bescheid wissen, die Menschen im Osten erklären: den Ossi, das unbekannte Wesen. Bestenfalls. Etwas näher bringen wäre auch ein Erfolg. Klingt wie eine Idee aus dem Herbst 2017. Oder 2018. Oder 2019. Stammt aber aus dem Jahr 1994 und von Jurek Becker. Der schrieb damals eine Fernsehserie für seinen Freund Manfred Krug. Krug durfte darin den arbeitslosen ehemaligen DDR-Dispatcher Benno Grimm spielen. Der Autor aus dem Westen, dem Grimm und seine Familie als Studienobjekt dienen, weiß anfangs nicht einmal, was ein Dispatcher ist. Nicht unwahrscheinlich, dass das auch heute noch so wäre. Weil die Grimms irgendwann das Gefühl bekommen, der Mann sei mit ihnen nicht zufrieden, spielen sie ihm schließlich vor, was er erwartet: das ganze Unglück einer Diktatur. Inklusive Stasi, natürlich. Ein herrlicher Stoff, damals wie heute.

Manche mögen den Geschlechtsunterschied

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 5. Oktober 2019. Dass "Theblondproject" mit einer sprachlichen Auslöschung der Akteurinnen anfangen muss, finde ich hart. "Autor", sagen Gesine Danckwart und Caroline Peters auf der Bühne, und nicht "Autorin". Und weiter "Regisseur" und "Schauspieler". Betonen, dass ihr Blondsein-Rollenbilder-Machtstrukturen-Projekt diese drei Theater-Positionen miteinander verschwimmen lassen will.

Unterirdisch

von Tobias Prüwer

Leipzig, 5. Oktober 2019. Schwitzende Körper im kargen Licht der Stirnlampen. Aus künstlichen Armen besteht ihr Werkzeug, dass sie ins Gestein stemmen. Wie Bohrer treiben sich die verlängerten Fäuste hinein, die dann zu Schaufeln werden. Gesten der Bergarbeiter fördert diese starke Szene von "Wismut" zutage, das sich am Leipziger Schauspiel dem DDR-Uranabbau widmet. "Nuclear Choir" nennen die Artists in Residence Jule Flierl und Mars Dietz ihre Tanz-Performance. Allein das überzeugende lebendige Bild der bohrend-schaufelnden Bergarbeiter bleibt die einzige Kollektivleistung im 90-minütigen Irrlichtern.

Politische Selbstkastration

von Nikolaus Merck

Berlin, 4. Oktober 2019. Am Schönsten, wenn Kathleen Morgeneyer als Gustchen und Lise juchzt und g'schamig dem Hofmeister auf die Pelle rückt. Am Schönsten, wenn Samuel Finzi die Begeisterung des Lehrers Wenzeslaus laut heraus kräht, weil sich der Lehrerkollege Läuffer kastriert hat, um einen Job zu ergattern. Am Schönsten, wenn Peter-René Lüdecke den Sumpf und das Brackwasser vertont, in dem Gustchen sich als-ob ersäufen will.

So furchtbar richtig

von Henryk Goldberg

Weimar, 4. Oktober 2019. Was sagt er da? "Der letzte Trunk sei nun…"? Und wer redet ihm da dazwischen? Die jungen Frauen verteilen weiße Blüten und er verkündet nun "die Träne quillt, die Erde hat mich wieder". Was ist das nun wieder?

Die Zukunft am Schnürhaken

von Martin Krumbholz

Bochum, 3. Oktober 2019. "Am Strand von Bochum ist allerhand los", notierte der nicht so geografiekundige Schriftsteller Jurek Becker mal auf einer Postkarte. In Karin Henkels Inszenierung der "Geschichten aus dem Wiener Wald" von Ödön von Horváth am Schauspielhaus Bochum gibt es nebst viel anderem Schönen auch eine fabelhafte Strandszene.

Im Schatten des Einheitstags

von Tobias Prüwer

Leipzig, 3. Oktober 2019. "Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft." Mit den Worten Björn Höckes unterbricht Hermann der Cherusker den Schlussapplaus. Thusnelda sekundiert mit weiteren rechten bis faschistischen Zitaten.

Arabesken des Grauens

von Martin Thomas Pesl

Wien, 3. Oktober 2019. Wie schön, das reimt sich, auch wenn's nicht danach aussieht: Tanz und Stunts! Florentina Holzingers neue Performance bietet beides, romantisches Ballett und spektakuläre Einlagen wie Ritte auf hängenden Motorrädern oder das Hochziehen einer Frau an Haken, die ihr zuvor in Live-Video-Großaufnahme deutlich sichtbar unter die Haut gebohrt wurden. Da baumelt sie dann zu lieblicher "Schwanensee"-Musik – muss ein Trick sein, aber wie? Als dritte Ebene kommt, gespickt mit Märchenmotiven wie Wald, Hexen und bösem Wolf, die Atmosphäre von 70er-Horrorfilmen dazu. So schließt sich der Kreis, "Suspiria", jüngst neu verfilmt, spielt ja sogar im Tanzmilieu.

Woyzeck auf Schwingen

von Thomas Rothschild

Ulm, 3. Oktober 2019. Vor dem Eingang zum Theater ist ein roter Teppich aufgerollt. Drinnen, auf der Bühne, irritiert eine Art Foyer mit Beton, hohen Türen und einer Garderobe. Im Hintergrund führen ein paar Stufen zu einem Podium. Man bereitet den Raum für ein Jubiläum vor. Wir befinden uns in Ulm.

Gute Welt, schlechte Welt

von Georg Kasch

Magdeburg, 3. Oktober 2019. Zum Schluss stehen sie wieder aufgereiht da, die Schauspieler in weißen Hemden und schwarze Hosen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Nur dass die letzten Zeilen gestrichen sind, der Abend mit dem Aufruf endet: "Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach: Sie selber dächten auf der Stelle nach."

Brecht an der Leine

von Michael Wolf

Berlin, 2. Oktober 2019. Ihre eigenen Video-Bilder überragen die Schauspielerin Julia Schubert. Zornig deutet sie auf die digitalen Zwillinge. "Ich kann nicht groß spielen, wenn ich schon groß bin. Wenn ich auf der Leinwand nah bin, wie soll ich dann den Leuten im Saal nah sein?" Rechts, links und hinter ihr dräuen die flachen Ebenbilder. Eingekeilt in ihre eigene Live-Aufnahme hat sie keine Chance. "Ich bin ein Opfer in HD." Trefflich, wie Schubert hier den performativen Widerstand gegen das digitale Bild persifliert.

Krisengeschöpfe aus King Kongs Stirnfalte

von Andreas Klaeui

Freiburg, 29. September 2019. Am Ende, nach ihrer fehlinvestierten Karriere-Nacht mit dem Kommerzienrat Rauch, wird Karoline zwar immer noch nicht mit dem Luftschiff geflogen sein, aber sie hat immerhin einen roten Herz-Ballon um den Hals. Mit einem schweren Stein dran. Den schmeißt sie weg – und macht es beim nächsten Mal besser. Frauen haben's nicht leicht, "Jennifer Anistons sind selten im wahren Leben", man kann nicht immer Rücksicht nehmen, nicht jeder ist der soziale Erfolg in die Wiege gelegt. Aber "man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich…".

Mit der Väter Mittel

von Sabine Leucht

München, 28. September 2019. Worte, Worte, immer nur Worte. Lear gehört zu einer Generation, die sie noch für bare Münze nimmt. Deshalb können ihn seine Töchter Goneril und Regan mit Auf-immer-und-ewig-Liebesschwüren einseifen. Dabei hat nicht nur Cordelia, die dies verweigert, das leere Gequatsche satt. Im Königreich Britannien stehen die Zeichen auf Handeln, auf Auf- und Umbruch. Und der hat an den Münchner Kammerspielen, für die Thomas Melle Shakespeares Tragödie über- und fortgeschrieben hat, mit Jung gegen Alt und Weiblich gegen Männlich zu tun.

Macht-Politiker trifft Multi-Gott

von Dieter Stoll

Nürnberg, 28. September 2019. Der erste Blick in diese Vorstellung, die in den folgenden hundert Minuten mit geradezu frivoler Leichtigkeit 2500 Jährchen Theatergeschichte überwölbt, bleibt am herbeizitierten Bühnenvorhang hängen. Beidseitig mit identischer Optik, klemmt er dekorativ wie ein Wandteppich im mobilen Portal. Er wird sich aus solcher Dienstleistungs-Fixierung befreien, sinnbefreite Runden drehen, in schwindelerregende Höhen aufsteigen, auf Distanz gehen, in rätselhafte Tiefen versinken, beim tragischen Finale plötzlich diskret verschwinden. Auch darin dem verhandelten Euripides-Drama "Die Bakchen" ähnlich. Ein bis aufs Blut rechthaberisches Prinzipien-Duell zwischen dem ordnungsfanatischen Herrscher Pentheus (Macht-Politiker, auch Moralbeauftragter) und dem lustgewinnlerischen Extremisten Dionysos (Multi-Gott, auch Freigeist und Theater-Pate), den gegeneinander antretenden Repräsentanten erdenschwerer Gesetze und himmlisch gestützter Anarchie.

Sachsen, Drugs und Rock’n’Roll

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. September 2019. "Wie schön!", freut sich die Kollegin, als sie Anke Grots Bühne wiedererkennt. "Ein bisschen ist das, wie nach Hause zu kommen!" Und sie hat ja recht. Es ist alles sehr vertraut: diese Bühne, die formvollendet ein in die Jahre gekommenes Radiostudio darstellt, ebenso wie die Figuren, die die Bühne bevölkern, so abgehalfterte wie leidenschaftliche Radiomacher*innen, die wissen, dass sie ein sterbendes Medium bedienen und sich vor diesem Wissen in die Fiktion flüchten. Barbara Bürk und Clemens Sienknecht erzählen deren Geschichte immer weiter in ihrer Reihe von Literaturbearbeitungen "mit anderem Text und auch anderer Melodie".

Schuld und kaum Sühne

von Gerhard Preußer

Münster, 28. September 2019. Kann man mit Fassbinders Filmen aus den 70er/80er-Jahren die Gegenwart verstehen? Das Schauspiel Münster versucht es jedenfalls. Und da Deutschland viel Vergangenheit hat, braucht es entsprechend viele Filme – Frank Behnke hat sich die gesamte BRD-Trilogie Fassbinders vorgenommen: "Die Ehe der Maria Braun", "Die Sehnsucht der Veronika Voss" und "Lola", alles an einem Abend. Mit seinem fünfzehnköpfigen Ensemble stemmt der Regisseur ein Großprojekt.

Plädoyer für die unglücklich Liebenden

von Claude Bühler

Basel, 27. September 2019. Das Theater Basel hat seinen ersten Renner der Saison. Sollte der Geist des dänischen Dichters Hans Christian Andersen über der Großen Bühne geschwebt haben, so dürfte er doppelt beglückt gewesen sein: dass ein Erwachsenen-Publikum seinem Märchen "Die kleine Meerjungfrau" jubelnd stehenden Applaus spendete; dass Autor Jan Dvorak und Regisseur Philipp Stölzl für den eitlen Dichter eine wohlwollende Figurenskizze schufen; dass sie für die unglücklich Liebenden wie ihn mit einem farbenprächtigen und bildgewaltigen Breitleinwand-Theaterspektakel aus Oper, Schauspiel und Tanz ein überwältigendes Plädoyer führten.

Das Böse trägt gerne Barockperücke

von Maximilian Sippenauer

München, 27. September 2019. Wer ist Hedda Gabler? Diese skandinavisch spießbürgerliche Variante einer miesgelaunten Lady Macbeth. Eine kühl berechnende Agitatorin, die lebensfrustriert einen tödlichen Sadismus gegen die sie umschwänzelnden, männlichen Scheinkapazitäten kultiviert? Oder eine verzweifelte Reaktion auf ein patriarchalisches System, wo Frau nur trivial repräsentieren darf, als Hausdame und Sexspielzeug? Kaum eine Hedda Gabler, die heute ihre Ränke schmiedet, kommt ohne die Frage aus, ob Ibsen da jetzt eigentlich eine emanzipatorische Flutwelle in den sich erstmals lichtenden Fjord eines Geschlechterbewusstseins geschickt hat oder ob das doch nicht nur eine pathopsychologisierende, olle Chauvi-Nummer ist. Lucia Bihler aber stellt diese Frage erstmal hinten an und sagt: Hey, was ist das eigentlich für eine Groteske, diese Hedda Gabler?