Ein armes Leben im reichen

von Sabine Leucht

München, 20. März 2018. Da stehen sie zwischen den malerisch bröckelnden Säulen des Pathos München: Der Saxophonist mit seinem überlangen Strickmantel, der Trommler, die Geigerin mit den Pfauenfedern auf dem Kopf. Wie sich erst jeder für sich mit seinem Instrument an das Kommende herantastet und schließlich alle zu einem gemeinsamen Rhythmus finden, da scheint für einen Moment alles möglich in der freien Münchner Theaterszene. Dass in dem ungarisch-türkisch-deutschen Projekt "F.M.G – Transforming Faust I und II" von Angelika Fink und Barbara Balsei bezaubernde Menschen bezaubernde und alberne Dinge tun, Goethe-Texte auf eine Elvis-Persiflage treffen und ein quietschbunter Konfettiregen ebenso vorkommt wie das entschiedenen "Nein" dazu, Gretchens Opfergeschichte auszubreiten, beweist: Die Szene ist bunt hier, wenn man sie lässt. Sie vernetzt sich zusehends – und sie bewohnt wunderbar atmosphärische Orte, die es zu schützen gilt.

Die Inhouse-Katharsis wäre nicht nötig

6. März 2018. Immer wieder verursachen Unfälle mit Sprinkleranlagen Wasser-Schäden an Theatern. Zuletzt am Sauerland Theater Arnsberg und an der Deutschen Oper Berlin, wo sich die Schadenshöhe nach aktuellen Schätzungen auf 4 bis 5 Millionen Euro beläuft. Anlass, bei Wesko Rohde von der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft nachzufragen:

Warum entstehen an Theatern eigentlich so oft Schäden durch Löschanlagen, die doch dem Schutz der Häuser dienen sollen?

Wesko Rohde: Sicherheit ist ein hohes Gut, ohne Zweifel. Theaterbrände haben in der Geschichte zu entsetzlichen Katastrophen geführt. Im Jahre 1881 kamen beim Brand im Wiener Ringtheater im Feuersturm 384 Menschen ums Leben. Seither haben sich Theater zu den sichersten Gebäuden Deutschlands entwickelt. Um Fragen der Sicherheit hat sich eine Industrie gebildet, mit einigen Vor- und noch mehr Nachteilen. Sucht man aber nach Antworten, warum diese sensiblen Technologien immer öfter immer größere Schäden anrichten, und fragt man, warum am Ende alte Systeme alles fluten, als wäre eine Inhouse-Katharsis vonnöten, muss man leider etwas weiter ausholen.

Auch Coding kann Kunst sein

von Esther Slevogt

Dortmund, 2. März 2018. Das Theater Dortmund plant eine Akademie für Theater und Digitalität. Standort soll eine alte Grundschule in Dortmund-Kley werden. Neben der Sanierung und Erweiterung des Zentralbaus um Vortragssaal, Seminar- und Laborräume ist vom Dortmunder Archtitekturbüro .dxl unter anderem ein Anbau mit Studios, Werkstätten und einem Lichttheater geplant. Die in vier Phasen gedachte Planung sieht die stufenweise Entwicklung des Standorts zu einem umfangreichen Ausbildungscampus vor. Gründungsveranstaltung für die Akademie war die Konferenz Enjoy Complexity am vergangenen Wochenende, an deren Rande Esther Slevogt mit den Initiatoren der Pläne, dem Dortmunder Intendanten Kay Voges und dem Dramaturg Alexander Kerlin, sprach.

Stille Post

16. Februar 2018. Seit August 2017 steht der Regisseur und Leiter des Gogol Centers Kirill Serebrennikov in Moskau unter Hausarrest. Ihm wird die Veruntreuung staatlicher Fördergelder vorgeworfen. Ursprünglich ging die Staatsanwaltschaft von einer Schadenssumme von rund einer Million Euro aus. Mit der neuerlichen Verlängerung des Hausarrests (bis April 2018) wurde die Summe auf nunmehr zwei Millionen Euro beziffert.

Neue Kunst aus dem Exil

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 29. Januar 2018. Die Sehnsucht nach dem Rollback in Sachen Offene Theatergesellschaft ist groß, und die Tonlage wird aggressiver. Auf Landes- und Bundesebene macht die AfD Stimmung gegen den sogenannten "linken Mainstream" und verspricht – in den Worten ihres Vordenkers Marc Jongen – "die Entsiffung des Kulturbetriebs" (auf Twitter). Ein Angriffsziel ist, wie Jongen dem Spiegel erläuterte, die vermeintlich ideologische Kultur-Förderpolitik der letzten Jahre, die Begegnungsformate und interkulturelle Austauschangebote unterstützte.

"Eine Idee kann Schärfe haben,
Tiefe bekommt sie durch das Spiel"

von Andreas Klaeui

16. Januar 2018. Was passiert, wenn eine Schauspielerin wie Ursina Lardi auf die Bühne tritt? Woher kommt die Tiefe einer Figur? Wie wichtig ist das umgebende Ensemble? Was machen Bühne und Kostüme mit ihr? nachtkritik.de-Autor Andreas Klaeui hat diese Fragen der Schauspielerin in einem Interview gestellt, das in dem 2017 im Peter Lang Verlag erschienenen Band "Ursina Lardi" zu finden ist. Wir bringen – mit freundlicher Genehmingung von Autor und Verlag – eine leicht gekürzte Version.

Hochzeit mit Hindernissen

von Julika Bickel

Berlin, 13. November 2017. Am Ende des Theaterstücks "Jeden Gest" (Eine Geste) fangen zunächst viele wie gewohnt an zu klatschen, doch dann ist da ein Moment der Verunsicherung. Die vier Schauspieler*innen des Nowy Teatre aus Warschau sind gehörlos. Immer mehr Zuschauer*innen strecken ihre Hände in die Höhe und schütteln sie wie Glöckchen – die Geste für Applaus. Ganz still ist es im Saal.