Der Sommer kurz vor dem Kometeneinschlag

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 6. November 2018. Der Regisseur Kirill Serebrennikow steht in Moskau vor Gericht, er soll als künstlerischer Leiter des Moskauer Gogol Center Geld veruntreut haben. Stichhaltige Beweise liegen nicht vor, die jetzt angelaufene Gerichtsverhandlung wurde lange hinausgezögert. Es riecht nach Schauprozess, und Serebrennikow ist längst zu einer Symbolfigur geworden. Der Hashtag #FreeKirill kursiert – zumindest im Westen, wo natürlich auch gerne Unfreiheit und Schurkentum auf Russland projiziert werden.

Einmal in dem tristen Leben einem Mann mich hinzugeben

von Gabi Hift

11. September 2018. "Siehst du den Mond über Soho?"– "Ich seh ihn, Lieber". – Keinen Pappmond, der von oben herunterfährt, sondern einen, der über dem Wasser aufsteigt, denn wir sind nicht im Theater sondern im Kino. Die Liebesleute, Mackie Messer und seine minderjährige Braut Polly, fahren Boot. Von einer Brücke schaut Brecht, gespielt von Lars Eidinger, auf seine Geschöpfe hinunter und erklärt seinem Begleiter, dem Filmproduzenten Nebenzahl, wie er sich die Szene vorstellt: "Am Ruder: sie", sagt er, und: "Ein oder zwei Monde genügen." Sofort geht pflichtschuldig ein zweiter Mond auf – da ist also hinter der Kamera jemand am Werk, dem dran liegt, Brechts Phantasien akkurat umzusetzen. Man kann ja dran zweifeln, ob Brecht das mit den zwei Monden so wortwörtlich gemeint hat, aber als gleich drauf eine Balletttruppe in weißen Gewändern auf dem Gehweg auftaucht und eine schreckliche Verliebt-im-Mondlicht-Choreographie aufs Pflaster zuckert, gibts nichts mehr zu zweifeln: das kann Brecht nie und nimmer gewollt haben!

Ich hasse diesen Heimatkram

von Elena Philipp

Berlin, 22. März 2018. Vater und Sohn im düsteren Wirtshaussaal. Die Mutter ist gestorben, letzte Gäste kehren dem Leichenschmaus den Rücken. Neben Tortenresten und einem Haufen Fotos sitzen der Seewirt Pankraz und sein Erbe Semi, trinken, rauchen – und steigen hinab in den Schacht der Erinnerung. Auf seinem Grund: alte Schuld.

In der Badewanne

von Michael Stadler

Berlin, 22. Februar 2018. Es ist eine prächtige Weltpremiere im ost-prächtigen Berliner Kino International. Gezeigt wird "Partisan", ein Dokumentarfilm über die Frank-Castorf-Ära an der Volksbühne. Einige Weggefährten schauen mit, darunter Herbert Fritsch, Alexander Scheer, Henry Hübchen. Einer ist nicht da, der Chef selbst. Castorf war ja oft nicht bei seinen Theaterpremieren anwesend, kam erst zum Schlussapplaus. Das übliche Duckmäusertum, scherzt Henry Hübchen, und erzählt nach dem Film dem Publikum, wie er an einem Premierentag um 17 Uhr im größten innerlichen Stress mit seinem Regisseur Castorf telefoniert habe. Der lag in irgendeiner Badewanne.

Gerichtstag über die Ausbeuter der Erde

von Sophie Diesselhorst

14. November 2017. Mit wehendem Haar sitzt Milo Rau auf einem Auto, das über die Schotterpisten der ostkongolesischen Provinz Süd-Kivu holpert – da, wo der Erdboden am reichsten ist, und die Menschen am ärmsten. Schnitt. Wir sehen jubelnde Menschen, die sich in einem Dorf vor ihren Häusern versammelt haben und ihre hoffnungsbrennenden Gesichter dorthin zu richten scheinen, wo eben noch Milo Rau saß. Einen kleinen Moment lang wird dieses Missverständnis in der Luft hängen gelassen und dann aufgelöst – es ist nicht Rau, den sie feiern, sondern der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Vital Kamerhe, mit dem zusammen Rau unterwegs ist und der in der nächsten Szene eine Ansprache hält, in der er um Unterstützung für Raus "Kongo Tribunal" wirbt.

Was in uns lügt, mordet, stiehlt

von Nikolaus Merck

Berlin, Oktober 2014. Was heißt das: Schauspielen? Was treibt einen auf die Bühne? Welcher Preis ist dafür zu bezahlen? Welche Wirklichkeit teilt man mit Zuschauern und Kollegen? So lauten einige der Fragen, die der Schauspieler und Sektionschef der Darstellenden Kunst in der Akademie der Künste Ulrich Matthes sich selbst und neun Kolleginnen* (vier Männer und fünf Frauen) hat vorlegen lassen. Zehn halbstündige Interviews vor leeren Zuschauerräumen versammelt die Doppel-DVD "Spielweisen", die die Akademie im Rahmen ihres Großprojektes Schwindel der Wirklichkeit herausgegeben hat.

Porno fürs Konto

von Eva Biringer

30. September 2014. Geld oder Liebe, kann es so einfach sein? Es kann. Thomas Melle, Schriftsteller, Dramatiker, Gegenwartsanalyst, weiß um die Verlogenheit unserer hehren Ideale. 2011 war sein erster Roman "Sickster" für den Deutschen Buchpreis nominiert, der Nachfolger "3000 Euro" steht erneut auf der Shortlist. Geliebt wird der Autor für seine rohe Sprache und seinen in-your-face-Humor, der in besonders sozialdystopischen Momenten an den norwegischen Berufszyniker Matias Faldbakken erinnert.