Theater Made by Characters

von Oliver Kranz

Oktober 2018. So viel Georgien war noch nie. Es gibt Theatergastspiele, Lesungen und touristische Werbeveranstaltungen. Szene-Magazine erklären Tiblissi zum neuen Berlin. Die Frankfurter Buchmesse macht's möglich. Das winzige Land am Südrand des Kaukasus kann sich als kulturelles Zentrum präsentieren – mit Folklore und Technoclubs, alten Kirchen, gutem Essen und viel unberührter Natur. "Made by Characters" ist der Slogan unter dem Georgien für sich wirbt – ein Wortspiel, das vor allem im Englischen funktioniert, weil dort "character" auch Buchstabe bedeutet. Die Georgier haben ein eigenes Alphabet, das ihnen geholfen hat, trotz der jahrhundertelangen Besetzung ihres Landes ihre kulturelle Identität zu bewahren.

Warschauer Theater erinnern

von Iwona Uberman

12. April 2018. Im März 2018 jährten sich zum 50. Mal Ereignisse, die kein Ruhmesblatt der polnischen Geschichte darstellen: die innerparteilichen Kämpfe in der polnischen Arbeiterpartei (PZPR) 1968; der vom Ostblock scharf verurteilte Sechs-Tage-Krieg 1967 in Israel und schließlich die antirussischen Studentenproteste in Warschau im Frühjahr 1968, zu denen angeblich Juden aufgerufen haben sollten. Diese unterschiedlichen Ereignisse und Entwicklungen gipfelten in Polen in der größten antisemitischen Kampagne seit dem Zweiten Weltkrieg. In ihrer Folge reisten etwa 12.000 bis 20.000 der bis dahin noch verbliebenen Juden aus. Viele von ihnen waren Überlebende des Holocaust, die trotz der Kriegstraumata versuchten, ein neues Leben im Nachkriegspolen aufzubauen. Sie wurden gezwungen, das Land zu verlassen und den Großteil ihres geringen Besitzes  zurückzulassen. Außerdem verloren sie die polnische Staatsangehörigkeit, weil ihre Ausreisepapiere ihnen nur das einmalige Passieren der Grenze gestatteten. Ausreise nach Israel, Rückkehr ausgeschlossen.

Site Specific auf Teherans Straßen

von Jörg Karrenbauer

25. Januar 2018. Wenn man das Programm des Fadjr International Theatre Festivals in Teheran online anschauen will, erfährt man auf den ersten Blick nicht viel mehr, als dass es die 36. Ausgabe ist und vom 18. bis 29. Januar stattfindet. Es gibt keinen Programm-Reiter, den man anklicken könnte. Stattdessen taucht irgendwo das Wort Schedule auf, und dann lassen sich zwei pdf-Dateien runterladen, die den Programmüberblick der Berlinale im Vergleich nahezu übersichtlich erscheinen lassen. Unmöglich, die genaue Zahl der Vorstellungen und Veranstaltungen zu ermitteln. Es sind viele. Sehr viele. Es ist das größte Theaterfestival in Iran. Irgendwo steht, es sei sogar das größte im Mittleren Osten.

Was soll unsere Kunst?

von Esther Slevogt

Budapest, Dezember 2017. Das Bäumchen ist zart und zweifelhafter Abstammung: die "robinia pseudoacacia". Das ist ihr botanischer Name und heißt zu Deutsch etwa "Akazie, die eigentlich eine Robinie ist". In Ungarn ist der Baum ein sogenanntes "Hungaricum", also, laut offizieller Definition "eine spezielle, einzigartige, unverwechselbare, nur für Ungarn typische Sache, die durch Ungarn auch in der Welt bekannt ist".

"Ich gehe nicht weg"

Interview von Iwona Uberman

Breslau / Krakau, 8. November 2017. Seit die PiS-Partei 2015 in Polen die Macht übernahm, krempelt sie die polnische Kulturszene um. Eines der Opfer: Regisseur Jan Klata, der zwischen Januar 2013 und August 2017 Intendant des Stary Teatr in Krakau war. Am Rande des Theaterfestivals Dialog-Wrocław sprach Iwona Uberman mit Jan Klata über den "guten Wechsel" und die Zukunft des polnischen Theaters.

Gestohlene Kindheit

von Dorothea Marcus

12. Oktober 2017. Der georgische Mann ist höflich, respektvoll, stark und orthodox christlich. Er kämpft störrisch, arbeitet hart, führt die Familie, trinkt nur manchmal: ein Superheld. Immer schneller ertönen die heiligen Imperative des Maskulinen aus den zwei umliegenden Zimmern. Im Hauptraum dreht sich Schauspieler Erekle Getsadze immer gehetzter im Kreis, bis er erschöpft zusammenbricht. Ein Opfer der Anforderungen.

Kranker Mann am Zuckerhut

von Michael Laages

4. Oktober 2017. Das jüngste Drama ist sehr speziell. "O Evangelho segundo Jesus, Rainha do ceu" das "Evangelium nach Jesus, der Himmelskönigin", erzählt eine der zentralen Geschichten christlicher Tradition in extrem ungewohnter geschlechtlicher Konstellation: Christus ist in der Solo-Performance (ursprünglich von und mit der Schottin Jo Clifford) eine Frau, und Renata da Silva Carvalho Franzoni, die das Stück in Brasilien spielt, ist "trans", für die Zeitungen also schlicht "Transvestit". Seit Wochen füllen sie ihre Spalten mit dem Streit um Natalia Mallos Inszenierung des Stücks, die Anlass bot für vielerlei Angriffe und offene Zensur.

Rosenkranz ins Gesicht

von Natalia Staszczak-Prüfer

Warschau, im Februar/März 2017. Olivier Frljićs Inszenierung "Fluch" (auf Polnisch "Klątwa") nach dem Drama von Stanisław Wyspiański hat in ganz Polen ein mediales und politisches Gewitter sondergleichen verursacht. Der Intendant, der Regisseur und beteiligte Schauspieler wurden auf das Wüsteste von Demonstranten beschimpft, das Publikum hingegen reagierte begeistert und applaudierte dem Mut der Künstler. Was hier passiert, zeigt deutlich, wie stark die Spaltung der polnischen Gesellschaft mittlerweile ist und welche Rolle die Regierung dabei spielt.

Cornélia in Wonderland

von Thomas Rothschild

Paris, 23. November 2016. Wenn Cornélia, die Assistentin des Leiters einer Schauspieltruppe, einschläft, bekommt sie in ihrem Zimmer in Indien Besuch. Durch Fenster und Türen dringen sie ein auf die großflächige Simultanbühne mit Cornélias breitem Bett, Tischen, Sitzgelegenheiten, einer offenen Toilette im Hintergrund und einer Veranda rechts vorne für Jean-Jacques Lemêtre, der die Vorstellung mit pulsierenden Basslinien begleitet: die Affen von Mahatma Gandhi, Shakespeare, Tschechows drei Schwestern oder grotesk-schreckliche Taliban. "Une chambre en Inde" – so heißt die jüngste, größtenteils vom Kollektiv bei einem längeren Aufenthalt in Indien entwickelte Kreation an Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil. Sie könnte auch, frei nach Gian Carlo Menotti, "Cornélia and the Night Visitors" heißen.

Absehbares Desaster

von Iwona Uberman

26. Oktober 2016.Die Ankündigung des Wechsels an der Spitze der Berliner Volksbühne hat auch in Polen hohe Wellen geschlagen. Für polnische Theaterliebhaber ist Frank Castorfs Theater schon seit Langem ein wichtiger Ort für Denkanstöße und besondere Theatererlebnisse, regelmäßig reisen sie zu seinen Vorstellungen an. Castorf ist auch ein wichtiger Bezugspunkt für polnische Regisseure wie zum Beispiel die auch in Deutschland bekannten Künstler Jan Klata oder Krzysztof Garbaczewski.