Gestohlene Kindheit

von Dorothea Marcus

12. Oktober 2017. Der georgische Mann ist höflich, respektvoll, stark und orthodox christlich. Er kämpft störrisch, arbeitet hart, führt die Familie, trinkt nur manchmal: ein Superheld. Immer schneller ertönen die heiligen Imperative des Maskulinen aus den zwei umliegenden Zimmern. Im Hauptraum dreht sich Schauspieler Erekle Getsadze immer gehetzter im Kreis, bis er erschöpft zusammenbricht. Ein Opfer der Anforderungen.

Kranker Mann am Zuckerhut

von Michael Laages

4. Oktober 2017. Das jüngste Drama ist sehr speziell. "O Evangelho segundo Jesus, Rainha do ceu" das "Evangelium nach Jesus, der Himmelskönigin", erzählt eine der zentralen Geschichten christlicher Tradition in extrem ungewohnter geschlechtlicher Konstellation: Christus ist in der Solo-Performance (ursprünglich von und mit der Schottin Jo Clifford) eine Frau, und Renata da Silva Carvalho Franzoni, die das Stück in Brasilien spielt, ist "trans", für die Zeitungen also schlicht "Transvestit". Seit Wochen füllen sie ihre Spalten mit dem Streit um Natalia Mallos Inszenierung des Stücks, die Anlass bot für vielerlei Angriffe und offene Zensur.

Rosenkranz ins Gesicht

von Natalia Staszczak-Prüfer

Warschau, im Februar/März 2017. Olivier Frljićs Inszenierung "Fluch" (auf Polnisch "Klątwa") nach dem Drama von Stanisław Wyspiański hat in ganz Polen ein mediales und politisches Gewitter sondergleichen verursacht. Der Intendant, der Regisseur und beteiligte Schauspieler wurden auf das Wüsteste von Demonstranten beschimpft, das Publikum hingegen reagierte begeistert und applaudierte dem Mut der Künstler. Was hier passiert, zeigt deutlich, wie stark die Spaltung der polnischen Gesellschaft mittlerweile ist und welche Rolle die Regierung dabei spielt.

Cornélia in Wonderland

von Thomas Rothschild

Paris, 23. November 2016. Wenn Cornélia, die Assistentin des Leiters einer Schauspieltruppe, einschläft, bekommt sie in ihrem Zimmer in Indien Besuch. Durch Fenster und Türen dringen sie ein auf die großflächige Simultanbühne mit Cornélias breitem Bett, Tischen, Sitzgelegenheiten, einer offenen Toilette im Hintergrund und einer Veranda rechts vorne für Jean-Jacques Lemêtre, der die Vorstellung mit pulsierenden Basslinien begleitet: die Affen von Mahatma Gandhi, Shakespeare, Tschechows drei Schwestern oder grotesk-schreckliche Taliban. "Une chambre en Inde" – so heißt die jüngste, größtenteils vom Kollektiv bei einem längeren Aufenthalt in Indien entwickelte Kreation an Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil. Sie könnte auch, frei nach Gian Carlo Menotti, "Cornélia and the Night Visitors" heißen.

Absehbares Desaster

von Iwona Uberman

26. Oktober 2016.Die Ankündigung des Wechsels an der Spitze der Berliner Volksbühne hat auch in Polen hohe Wellen geschlagen. Für polnische Theaterliebhaber ist Frank Castorfs Theater schon seit Langem ein wichtiger Ort für Denkanstöße und besondere Theatererlebnisse, regelmäßig reisen sie zu seinen Vorstellungen an. Castorf ist auch ein wichtiger Bezugspunkt für polnische Regisseure wie zum Beispiel die auch in Deutschland bekannten Künstler Jan Klata oder Krzysztof Garbaczewski.

Zu Gast bei Fremden

von Elisabeth Nehring

Minsk, 7. Oktober 2016. "Diese Vorstellung wurde Ihnen präsentiert von Ihrer  ****prombank." Kaum ist das Klatschen abgeebbt und die Zuschauer stehen auf, ertönt schon wieder der aufdringliche Werbejingle eines bekannten weißrussischen Geldinstituts. Bereits kurz vor der Vorstellung hat er bei einigen westeuropäischen Theaterbesuchern kulturell gepflegten Unwillen erregt. Doch wie so vieles muss auch diese spontane Abwehrreaktion nach fünf Tagen Intensivaufenthalts in Minsk samt Besuch des Theaterforums "Belarus Open" etwas revidiert werden. Denn in der weißrussischen Theaterszene ist dieser Tage einiges anders, subtiler, komplizierter als es die hierzulande medial nur rudimentär vermittelte gesellschaftspolitische und kulturelle Situation erwarten lässt.

On The Edge Of A New Struggle

by Hakan Silahsizoglu

Istanbul, 25. August 2016. Turkey had its most intense night in its history on the 15th of July with the failed coup attempt. The incident certainly shocked everyone no matter which political party or belief they have and for the first time in the whole country it felt like people were united and had one voice which cursed the failed coup attempt.

The witch-hunt is on

25. Mai 2016. Im deutschsprachigen Raum ist Oliver Frljić ein renommierter Regisseur, der für sein radikales politisches Theater geschätzt wird. Bei den Wiener Festwochen bringt er am 29. Mai sein neues Stück "Naše nasilje i vaše nasilje" (Unsere Gewalt und eure Gewalt) zur Uraufführung, für das er sich Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" vorgenommen hat (nachtkritik.de wird berichten). In Kroatien leitet Frljić das Nationaltheater in Rijeka; dort ist er wegen seiner politischen Haltung vermehrt unter Druck geraten, seit die rechtspopulistische Partei HDZ im Januar 2016 an die Regierungsmacht gekommen ist.

Für nachtkritik.de hat Michael Isenberg mit Oliver Frljić gesprochen.

Where is the revolution now?

by Lena Kitsopoulou

Athens, April 2016. Culture needs money. Today, Greece is a bankrupt country, enslaved since 2010. At that point, the whole problem starts. What brought Greece into this situation is another big discussion. It’s a mixture of many things and not so easy to investigate. For sure it's not only the "foreigners". All Greeks have experienced the "eating" of state and European money. Many off-the-record-agreements between artists and politicians; public funds not being used for the purpose they should and suddenly disappearing. Corruption. All this has been going on for many years.

"The good change"

by Anna R. Burzyńska

February 2016. When speaking about the new government in Poland, one has to admit: The members of PiS (Law and Justice) party have a very good memory. After they have become the main political force in Poland, they now pay their debts. That means rewarding supporters (giving the most prominent positions in government and national institutions as well as firms to followers, advocates, friends, family members and simply toadies, giving millions of zlotys to church officials who persuaded believers to vote for PiS, changing the law in favor of their supporters, releasing imprisoned criminals and football hooligans, calling violent nationalists "patriots" and encouraging them to organise anti-immigrant demonstrations) – and punishing enemies. Who are enemies? Non-Polish, non-catholics, non-heterosexuals, feminists, leftists, vegetarians, cyclists (it sounds like a joke, but recently one of the ministers said that vegetarianism and riding a bike are both examples of "EU-propaganda", destroying "traditional Polish values") and, of course, artists. "The Polish of the worse sort" – as Jarosław Kaczyński, the real leader behind his political puppets, said.