Wie in einer Petrischale

von Verena Harzer

New York, 13. März 2020. Bis zum Schluss haben alle gehofft, dass dies nicht passieren würde. Aber es war dann wohl unvermeidlich. Am Donnerstag hat der Gouverneur von New York State, Andrew Cuomo, entschieden, alle Versammlungen von mehr als 500 Menschen zu untersagen, um die Verbreitung des Corona-Virus zu bekämpfen. Das betrifft auch und vor allem den Broadway, die bedeutendste Theatermeile der Welt. Und zielt ins ökonomische Herz der US-amerikanischen Theaterlandschaft.

Die Geschichte, die niemals zu Ende erzählt ist

von Deborah Vietor-Engländer

London, im Februar 2020. Sir Tom Stoppard, einer der berühmtesten und begabtesten englischen Dramatiker hat mit 82 Jahren beschlossen, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Er hat bisher in seinen Stücken jüdische Themen nicht behandelt. Der als Tomáš Straussler 1937 in Zlin / Tschechoslowakei Geborene entkam als Zweijähriger mit seinen Eltern nach Singapur. Als die Japaner kamen, floh die Familie weiter nach Indien. Sein Vater, der Arzt war, starb dort. Seine Mutter heiratete wieder und Tom Stoppard wuchs mit dem Namen seines Stiefvaters als englisches Kind auf. Erst in den 1990er Jahren erfuhr er, dass die Geschwister seiner Mutter und seine vier Großeltern in Konzentrationslagern starben und das Ergebnis ist nun dieses Stück, soeben gedruckt und in London in der einfühlsamen Regie von Patrick Marber (selbst Dramatiker) uraufgeführt.

Tage des Zorns

von Esther Slevogt

Budapest, im Dezember 2019. Der Mann, der da in grünem Trachtenswams auf der Bühne des Fészek Müvészklub in witzigster Giftzwergmanier sein Unwesen treibt, gegen alles und jeden (und besonders natürlich die Orbán-Regierung) wütet, dabei seine Schauspieler terrorisiert, sexuell nötigt und einen am Ende gar enthauptet, heißt Béla Pintér und gehört zu Ungarns berühmtesten freien Theatermachern. Als solcher aber ist er dieser Tage so etwas wie ein letzter Mohikaner. Viele der Theatercompagnien, die das ungarische Theater in den Jahren um die Jahrtausendwende europaweit berühmt machten, haben sich unter dem Druck der Verhältnisse aufgelöst oder arbeiten kaum noch in Ungarn, darunter die Truppen von Viktor Bodó und Arpád Schilling. Pintér jedoch hat mit seiner Compagnie den kulturpolitischen Erdrutsch, den die Jahre nach dem zweiten FIDESZ-Wahlsieg im Jahr 2010 mit sich brachten, überlebt und kann nun das 20. Jubiläum feiern.

Verheerender Rotstift

von Michael Nijs

15. November 2019. Sechs Prozent: Um diesen Anteil werden die Subventionen für Flanderns Kulturorganisationen ab Januar 2020 gekürzt. Das erläuterte Jan Jambon, Ministerpräsident und Kulturminister Flanderns von der Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) am gestrigen Donnerstag im Kulturausschuss des flämischen Parlaments.

Die Grenzen der Truman-Show

von Stefan Bläske

2. November 2019. Am siebten Tag, so sagt man, kam die Langeweile. Und weil Gott das Licht und die Menschen schon geschaffen hatte, versuchte er es mit dem Theater. Und weil auch das zu fad war, sandte er den Menschen ein Wort, ein einziges, mit einer Feder geschrieben, die er einem Engel aus dem Flügel zupfte: Warum.

Schwarzes Gold, stumme Sonja

von Sophie Diesselhorst

28. Oktober 2019. Die Klimakrise scheint sehr weit weg in Baku. Die Hauptstadt von Aserbaidschan liegt auf der Absheron-Halbinsel am Kaspischen Meer, eine der erdöl- und erdgasreichsten Regionen der Erde. Überall Ölpumpen, der Meerblick mit einem Horizont aus Bohrinseln. In der Stadt findet einmal im Jahr ein Formel 1-Rennen statt; auf der Hauptstraße, die an der Bucht entlang fährt, ist die übrige Zeit Dauerstau. Hochhäuser und Baustellen für noch höhere Hochhäuser sprechen für einen ungebremsten Glauben an Rohstoffreichtum und Wachstum.

Wie Theater den Hass therapiert

von Verena Harzer

New York, 8. Oktober 2019. Ein Mann sitzt in sich zusammengesunken in der U-Bahn. Der Kopf ist tief gesenkt, die rechte Hand bedeckt die Augen. "Gerade habe ich 'Slave Play' mit meinem weißen Freund gesehen und jetzt geht es ihm beschissen. Mach etwas @jeremyoharris", schreibt @GrapefruitKING auf Twitter.

Noch hält die gläserne Decke

von Verena Harzer

2. August 2019. Die Originaltonaufnahme knistert und rauscht. Es ist eine Stimme, die an diesem Abend im New Yorker Helen Hayes Theater fast jeder Zuschauer erkennen dürfte, der sich den Überraschungserfolg "What the Constitution Means to Me" von Autorin und Schauspielerin Heidi Schreck am Broadway anschaut. Die Stimme vom Band gehört der 86jährigen Ruth Bader Ginsburg. Sie ist eine Ikone des liberalen Amerikas und der Frauenbewegung und ist seit ewigen Zeiten Richterin am Supreme Court, dem obersten Gericht der USA. Neun Richter richten am Supreme Court. Drei davon sind Frauen. Wann endlich genug Frauen im Supreme Court sitzen würden, wird sie in der Tonaufnahme gefragt. "Wenn es neun sind", antwortet sie. Also alle. Und erntet dafür in Abwesenheit Jubelrufe und spontanen Applaus im Theatersaal. Es ist ein Moment, der viele Zuschauer rührt, einige wischen sich Tränen aus den Augen. Das ist natürlich eine radikale Forderung. Viele Theatermacherinnen in New York wären schon froh, wenn die Hälfte oder wenigstens 40 Prozent der wichtigsten Posten mit Frauen besetzt wären. Aber: Es bewegt sich etwas. Allerdings nicht überall im gleichen Tempo.

Frischer Wind am Broadway

von Verena Harzer 

27. Juni 2019. New York – Samstagabend, Booth Theatre am Broadway. Der Theaterraum ist gut gefüllt. Hier haben schon Bette Midler und Bradley Cooper Erfolge gefeiert. Jetzt steht Broadway-Star Nathan Lane auf der Bühne und prügelt Stoffleichen Fürze aus dem Leib. Minutenlang. Mal mit der Handkante, mal mit dem Ellbogen, mal mit groben Fußtritten. Und nochmal drauf und nochmal drauf. Furz, Furz, Fuuuuuuuuurz. Das Stück, in dem er auftritt, heißt "Gary: A Sequel to Titus Andronicus". Eine wirkliche Handlung ist kaum zu erkennen. Dafür gibt es philosophische Gedankenspiele, Stoffleichenberge auf der Bühne und ein Männerballett mit mechanisch tanzenden Penissen. Es geht um die Frage, wer den Dreck wegmacht, nachdem die Mächtigen ihre Schlachten geschlagen haben. Eine alles in allem wahnwitzig intelligente Politsatire.

Der Himmel als Dach

von Martin Thomas Pesl

20. April 2019. Wer bei der Probe nicht dran ist, schläft. Das ist ganz normal in einer Stadt, in der das Thermometer selten weniger als 30 Grad anzeigt. Ohne Klimaanlage sind nachts nur zwei, drei Stunden Schlaf drin, der wird tagsüber nachgeholt, wann immer es geht. Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Die Szene ist gewohnt, neben laut brummenden Generatoren zu performen. Wenn es regnet – infolge des Klimawandels geschieht das seltener, dafür umso heftiger –, müssen Proben und Aufführungen unterbrochen werden. Unübertönbar hämmert der Regen dann auf die Wellblechdächer der Handvoll an überdachten Spielstätten ein. An den Seiten strömt das Wasser in den Raum, die Füße werden nass, die Technik wird hastig, aber routiniert abgeschirmt. Nach einer halben Stunde oder auch nach drei Stunden geht es weiter.