Ich fühle mich so leer

3. Juni 2020. "Wir vermissen Euch," plakatierten in den letzten Wochen landauf und landab die Theater. Auf der Suche nach dem verlorenen Publikum tauchten sie ein oder unter im weltweiten Netz, streamten, beamten und arbeiteten schwer, ihre fragile Kunstform durch die Krise zu bringen. Und das Publikum? Hat es die Theater in gleicher Weise vermisst?

Zoomster's Paradise

von Sophie Diesselhorst

3. Juni 2020. Natürlich, der Chor der Murrenden ist laut vernehmbar. In froher Erwartung der Wiederaufnahme des "regulären" Theaterbetriebs erklären Kritiker*innen und Publikum, dass sie keine Lust mehr haben auf Theater im Internet: "Langsam reicht es mit den Zoom-Performances", schreibt Nicholas Potter in der taz. Im Nachgespräch zu Lisa Stieglers Georg-Büchner-Livecam-Performance "Lenz" vom Residenztheater München bekennt eine Zuschauerin: "Länger als eine Dreiviertelstunde wäre ich auf keinen Fall dabeigeblieben." Sogar Ex-nachtkritik-Redakteur und Kolumnist Wolfgang Behrens gestand jüngst, wie gering seine "Verweiltoleranz" bei Online-Theaterangeboten ist.

Neues, das anknüpft

von Sabine Leucht

München, 19. Mai 2020. Als Avatare sehen Barbara Mundel und Viola Hasselberg ein bisschen ungelenk aus. Schön aber ist, dass die virtuellen Doubles der künftigen Intendantin der Münchner Kammerspiele und ihrer Chefdramaturgin barfuß sind und die vergnügten Original-Stimmen ihre Steifbeinigkeit vergessen lassen. Eine Handvoll Schauspieler*innen aus dem künftigen Ensemble sagen kurz via Zoom "Hallo" und man kann in dem gigantischen Mosaik gerade noch viele alte Bekannte und eine vordergründige Diversität ausmachen, da schaltet der Vimeo-Livestream (nachzuschauen hier) schon in die Kammer 1, von der aus Barbara Mundel und Team die Pressekonferenz ins Virtuelle senden.

Wir haben ein Ensemble hier, und das wird spielen

von Sascha Westphal

16. Mai 2020. Manche Schlagworte erklingen überall in der deutschsprachigen Theaterwelt, vor allem wenn ein neues Team ein Haus übernimmt und seine Pläne vorstellt. Auf eine Handvoll Formulierungen könnte man dann fast schon Wetten abschließen. Denn welche Intendantin, welcher leitende Dramaturg würde nicht verkünden, dass man "Theater für die Stadt machen will". Und schon sind Begriffe wie "Labor" und "Agora" auch nicht mehr fern. Überaus beliebt ist zudem noch die (Selbst-)Vergewisserung, dass das Theater der ideale, wenn nicht gar der einzige Ort sei, an dem unsere Gesellschaft Perspektiven für Gegenwart und Zukunft entwickeln kann. Gegen all das ließe sich kaum etwas sagen, wenn die Arbeit an dem Haus in der Folge sichtbar von diesen Gedanken und Ideen geprägt wäre. Nur offenbart sich oft recht schnell eine auffallende Kluft zwischen vorherigem Anspruch und tatsächlicher Wirklichkeit.