Geschichtsloses Foto-Theater

von Wolfgang Behrens

Berlin, 25. August 2007. In Christoph Rüters Filmporträt über die Schauspielerin Angela Winkler "Sei einfach und stolz" (2004) gibt es einen seltsam bezwingenden Moment. Winklers Lebensgefährte Wigand Witting erzählt, dass ein Kritiker ihr anlässlich von Peter Zadeks "Mutter Courage"-Aufführung am Deutschen Theater Berlin (2003) vorgeworfen habe, sie spiele im Grunde gar nicht. Witting bestätigt das nüchtern: "Angela kann gar nicht schauspielern." Daraufhin bricht Angela Winkler in ein frohes, entwaffnendes Lachen aus – "Ja, stimmt! Ich kann gar nicht schauspielern" – und lässt ihren Blick nach innen gleiten, wo er sich mutmaßlich in unendlichen Tiefen verliert.

Der Entdecker des westdeutschen Nachkriegstheaters

von Hartmut Krug

Berlin, 24. August 2007. Schwerlich hätte sich die Theaterbegeisterung des Hamburger Oberschülers zu einer lebenslangen Profession ausgewachsen, wäre er Anfang der sechziger Jahre nur auf den hohen Kunstton im Deutschen Schauspielhaus und das biedere Bedeutungspathos im Thalia Theater angewiesen gewesen. Doch mein Wochenende gehörte damals Bremen: Samstags und sonntags ging es mit der Bahn in eine andere Theaterwelt. In Bremen lebte und atmete das Theater. Hier war Theater keine vom Alltag abgekoppelte Feierlichkeit, sondern eine kunstvolle Befragung und Bebilderung (auch meines) Alltags. Hier war was los.

Potenzierung des Grauens

von Hans-Christoph Zimmermann

22. August 2007. Die Darstellung des Terrors im Konzentrationslager gehört seit Ende der Nazizeit zu den großen Tabus der Kunst. Je größer der Abstand zum historischen Ereignis, desto löchriger wurde allerdings das Verdikt. Ob Paul Celan, Primo Levi, Martin Sherman, Frank Beyer u.v.m., später dann mit emphatischen Diskussionen auch in Populärformaten wie der Fernsehserie "Holocaust" oder Art Spiegelmans "Mouse"-Comic. Jetzt zeigte die niederländische Theatertruppe Hotel Modern ihre Figurentheater-Produktion "Kamp", zu deutsch "Lager", über Auschwitz bei den Salzburger Festspielen und löste – auch bei Kritikern – begeisterte Reaktionen aus. Warum eigentlich?

Der Jugendversteher

von Dirk Pilz

Berlin, 9. August 2007. "Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben. Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils – kurz gesagt: die Fragen dessen, was man die künstlerische Meisterschaft nennt." Das sagte Erich Honecker auf der vierten Tagung des Zentralkomitees der SED im Dezember 1971, nachdem er im Mai zum Ersten Sekretär dieses obersten Gremiums der DDR gewählt worden war.