Wilmersdorfer Witwen und Kulturkampf

1. März 2019. "Fahr mal wieder U-Bahn, dann ahnst'e, wie das Leben läuft": Diesem Liedtext folgt "Der Theaterpodcast" – in die Inszenierung "Linie 1" am Berliner Kinder- und Jugendtheater GRIPS, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. In Folge #12 geht es zudem um die Frage, ob sich das Theater in einen von rechtsnationalen Kräften erklärten "Kulturkampf" verwickeln lässt.

 

Triumph des Kleinmuts

Von Regine Müller

23. Februar 2019. Doch, sie können Theater in Halle, und wie! Die Dramaturgie ist selbst in der Niederlage auf fast gespenstische Weise perfekt, als sich am Freitagabend wenige Stunden nach Bekanntgabe des Votums des Aufsichtsrats der Vorhang ausgerechnet zur Premiere von Richard Strauss’ Oper "Ariadne auf Naxos" hebt. "Träum ich? Wach ich? Leb’ ich? Bin ich bei Sinnen?" ist als Zitat aus Hugo von Hofmannsthals Libretto auf den Vorhang projiziert, und nicht wenige der Premierenbesucher fragen sich wohl, ob die Entscheidung des Aufsichtsrats, Florian Lutz' Vertrag nicht zu verlängern, nicht doch nur ein aberwitziger Traum ist, aus dem man schleunigst aufwachen möchte.

Kunst in unsicheren Zeiten

von Dorothea Marcus

Köln, 11. Februar 2019. Sollte politisches Theater auf Mitleidserzeugung ausgerichtet sein? Kann man überhaupt mit Leiddarstellung auf der Bühne Empathie – und letztlich Weltverbesserung – erreichen, ohne Gefahr zu laufen, Teil einer pornografischen Mitleidsindustrie zu werden? Eine, die ohnehin nur das präsentiert, was wir hören wollen? Und können sich Theatermacher*innen mit Weltverbessungsfragen überhaupt glaubwürdig beschäftigen, solange sie Baumwolle tragen und Schokolade essen – Produkte, die unter härtesten neokolonialen Bedingungen hergestellt werden? Knifflige Fragen, aufgeworfen von der Spezialistin schlechthin für globale Gerechtigkeit und Dekolonisierung Nikita Dhawan, Professorin für Politische Theorie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, zum Auftakt des 2. "Flausen"-Bundeskongresses am Freien Werkstatt Theater Köln. Zu ihren Antworten später, denn das Hauptthema war ein anderes.

Auf zweiter Stufe

von Christian Rakow

6. Februar 2019. Ziel jeder Erziehung ist es, den Erzieher überflüssig zu machen. So hat es Kant der Pädagogik mit auf den Weg gegeben. Und wenn man erst einmal aus der Obhut der Erzieher in Familie und Schule entlassen ist, was nichts anderes bedeutet, als im emphatischen Sinne mündig geworden zu sein, dann graust es einen doch eigentlich, weiterhin Bildungsprozeduren an sich zu erfahren. Zumal in der Kunst, von der man nach dem Durchgang durch die Avantgarden des 20. Jahrhunderts nun alles Mögliche erwartet: Verstörung, Subversion, Provokation, oder weiterhin auch ästhetische Finesse, handwerkliche Meisterschaft und dergleichen Formenaspekte. Aber wohl nicht zuvorderst den Transport eines politischen Bildungsauftrags.