Und Gerhard Stadelmaier tobt

von Falk Schreiber

3. Januar 2018. Das erste Mal fiel mir Gerhard Stadelmaier Mitte der Neunziger im Frankfurter Schauspielhaus auf. Die Premiere auf der kleinen Kammerbühne war ausverkauft und aus irgendwelchen Gründen war die Kartenreservierung für den FAZ-Kritiker verlorengegangen. Für die Pressesprecherin war das eine mittlere Katastrophe: Der Fehler lag augenscheinlich bei ihr, der Saal war voll, und Stadelmaier hatte keinen Platz. Zumal dieser sich auch noch anschickte, eine Szene zu machen: Er baute sich drohend vor dem Pressetisch auf, ein breiter, wuchtiger Mann, der sich seiner beeindruckenden Physis vollkommen bewusst war, "Ich bin Gerhard Stadelmaier!" grollte er mehrfach, "Wissen Sie, wen Sie hier vor sich haben?" Panisch versuchte die Pressesprecherin, einen Platz zu organisieren, am Ende verzichtete der Dramaturg, und der Kritiker kam auf dessen Platz zu sitzen, immer noch wütend. Am Montag erschien in der FAZ ein Verriss des Abends.

Das Politische und das Politikum

Berlin, 28. Dezember 2017. Auf der Zielgeraden des Jahres erschien er und mit großer Wucht, der meistgelesene Text auf nachtkritik.de: ein Beitrag aus der Feder der Schriftstellerin Sibylle Berg. Da meint man: Eh klar, dass die ihre Heerscharen an Fans von überall her mitbringt. Aber der Text mit dem schilleresken Titel "Was sagt uns das, das sogenannte Politische?“ zündete wohl nicht nur wegen der generellen Größe und Credibility seiner Autorin, sondern auch, weil er viele Fragen bündelte, die das Jahr über und eigentlich schon länger die Gemüter bewegten (und weiter bewegen werden): Kann das Theater wirklich glaubhaft politische Kraft für sich reklamieren, wenn es in seiner eigenen Praxis zuhauf Geschlechterungerechtigkeit praktiziert, wenn es Schauspieler*innen im Produktionsprozess regelmäßig an die Grenzen der physischen und mentalen Belastbarkeit führt, wenn es neuen Dramatiker*innen Nebenbühnen zuweist, um die großen Säle den altvorderen Kanonikern zu überlassen?

Der goldene Hashtag

29. Dezember 2017. Wir zeichnen die besten Tweets des Jahres 2017 aus. In sieben Kategorien ehren wir herausragende Leistungen in 280 Zeichen. Hier sind sie: die Gewinner des #goldenhashtag!

Drama: Janis El-Bira

Janis El-Bira ist nicht nur der zweitbestgekleidetste Theaterkritiker Berlins, sondern auch der Mann für die harten Fälle. Redaktionen schicken ihn mit Vorliebe in theatrale Krisengebiete. Im letzten Jahr entging er nur knapp den Fängen eines Sitznachbarn, der vor Wut seine Eintrittskarte verschlang. Doch auch in brenzligen Situationen behält El-Bira nicht nur Überblick über das Bühnengeschehen, sondern auch über die kleinen und großen Dramen vor dem ersten Klingeln.

Kommentare des Jahres

von Björn Lengers

30. Dezember 2017. Anstelle einer Nacherzählung der Debatten oder einzelner typischer Kommentare des vergehenden Jahres diesmal ein statistischer Rückblick auf unser auch in 2017 immer regeres Kommentarwesen: die Stichwörter, die die Kommentardebatten dominiert haben, nach Monaten geordnet, und der Wettbewerb der Top Five in Nahaufnahme.


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