Trommelfeuer der Erinnerung

von Christian Rakow

Berlin, 15. Mai 2019. An einschlägigen Berliner Orten wie dem Alexanderplatz oder dem Checkpoint Charlie stößt man auf wackere Händler, die mit Souvenirs einer versunkenen Epoche ihren Unterhalt verdienen. DDR-KFZ-Kennzeichen finden sich dort auf den Tischen, Matrjoschkas, Fähnchen und natürlich zuhauf Militärkram, Abzeichen, Offiziersmützen, Gasmasken. Als Objekte einer Erinnerungskultur haben sie längst ausgedient. Ihren zweifelhaften Wert beziehen sie aus der maximalen Distanz zum Herkunftskontext. Wer hier kauft, muss über die NVA oder die Rote Armee so wenig wissen wie über Trabis oder Demonstrationen am 1. Mai mit Arbeiterfähnchen. Die jeglicher Signifikanz beraubten Gegenstände funktionieren allenfalls noch als blasse Marker einer exotischen Andersheit. Eine eigene Sprache haben sie nicht mehr.

Etwas Besseres als den Theatertod finden wir überall

von Esther Slevogt

24. April 2019. So was nennt man wahrscheinlich Künstlerpech. Gerade erst wurde der Lebkuchenmann auf der Probe des Weihnachtsmärchens am Seil in die Höhe gezogen, da mahnt ein Techniker auch schon die gewerkschaftlich verordnete Ruhezeit an. Der Regisseur will weiterprobieren. Wenigstens diese Szene noch. Schließlich ist das hier ja kein Amt, sondern ein Theater. Aber er kann sich nicht durchsetzen. Die Bühne leert sich. Bloß der Lebkuchenmann zappelt noch in der Luft. Keiner fühlt sich zuständig, den Ärmsten aus seiner misslichen Lage zu befreien. Ruhezeit eben.

Eingequetscht im Tunnelblick

von Michael Wolf

12. Februar 2019. Eine Zeit lang erzählte Clemens J. Setz jedem, der es hören wollte, Zahlen stellten sich ihm farbig dar. Die Drei sei grün, die Sieben transparent gelb. In seinem Buch "Bot" gestand er: "Ich bin ein Synästhet, der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt." Es fiele leicht, hierin nur die Bemühung zu erkennen, als bunter Hund des Literaturbetriebs zu reüssieren. Der Erfolg des Sechsunddreißigjährigen ist nicht ohne das schillernde Bild zu denken, das er dem Feuilleton gern zum Ausmalen überlässt.

Soll man ihn freisprechen?

von Gabi Hift

Berlin, 10. Februar 2019."Reptil!", "Hersteller künstlicher, eitler und unnützer Bücher!" – so und noch ärger hat Bertolt Brecht über Thomas Mann gelästert. Vor 15 Jahren stand dieses Reptil im Zentrum eines Dreiteilers "Die Manns – Ein Jahrhundertroman", der so erfolgreich war, dass die Familie Mann seitdem als so etwas wie die deutsche Königsfamilie gilt. Und nun hat sich der Schöpfer dieses Dokudramas, Heinrich Breloer, für sein neues Projekt ausgerechnet den ausgesucht, der seinen ersten Helden so gehasst hat.

Der Regisseur an der Playstation

von Wolfgang Behrens

23. Januar 2019. Auf S. 106 des anzuzeigenden Buches musste der Rezensent dann doch einmal laut aufseufzen. Der Regisseur Armin Petras sagt da: "Schleef ist der größte Unbekannte der deutschen Theatergeschichte. Egal welchen Zuschauer man fragt, kein Mensch kennt Schleef, niemand. Weder im Osten noch im Westen." Er hat ja recht, es ist schon so. Es gibt im Hinblick auf den Theatermann und Universalkünstler Einar Schleef eine Art Insider-Kreis: diejenigen, die ihn erlebt und mit ihm gearbeitet haben; diejenigen, die sich von seinen Arbeiten haben entzünden lassen; diejenigen, deren eigene Arbeit von ihm inspiriert ist. Die Schleef-Rezeption ist seit dem frühen Tod des Künstlers im Jahr 2001 weitestgehend in dieser "Gemeinde" verblieben, größere Kreise hat sie kaum gezogen.

"Ich bin ein Anderer in mir, den muss ich fragen"

von Andreas Wilink

Einar Schleef, geb. 17. Januar 1944 in Sangerhausen, gest. 21. Juli 2001 in Berlin. Frühe Erfahrungen waren der Arbeiteraufstand 1953, die Flucht seines älteren Bruders aus der DDR, die eigene Sprachhemmung, zwei lange Krankenhausaufenthalte wegen Tuberkulose und nach einem schweren Unfall sowie die durch ihn vereitelte Flucht der Eltern kurz vor dem Mauerbau. Schon vor dem Abitur bestand er die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die er trotz Relegation mit Diplom bestand. Er wurde Meisterschüler bei Karl von Appen an der Deutschen Akademie der Künste, Berlin. Ihm wurden Ausstattungen an Benno Bessons Volksbühne und am Berliner Ensemble der Ruth Berghaus anvertraut. Dort wird er zum Regisseur. Seine Strindberg-"Fräulein Julie" machte 1975 Skandal. Eine Projektvorbereitung in Wien brachte ihn 1976 dazu, nicht in die DDR zurückzukehren. Es bleibt bei schwierigen Arbeitsbedingungen, großen Theater-Pausen, Konflikten, Abbrüchen, Kündigungen. Parallel entstehen literarische Werke (darunter "Gertrud" und "Totentrompeten"). 1985 holte ihn Günther Rühle ans Schauspiel Frankfurt und hält zu ihm trotz heftiger Widerstände. In den 90-er Jahren folgten Inszenierungen u.a. am Berliner Ensemble, darunter "Wessis in Weimar", wiederum begleitet von Kontroversen mit Autor Rolf Hochhuth und den Co-Intendanten Peter Zadek (contra) und Heiner Müller (pro); ebenso drei Inszenierungen an Claus Peymanns Burgtheater, darunter die gefeierte fast siebenstündige Uraufführung von Elfriede Jelineks "Das Sportstück" (1999). Viermal wurde Einar Schleef zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Der imperfekte Körper

von Georg Kasch

4. Januar 2019. Es gibt nicht viele autobiografische Bücher, bei denen man Richtung Showdown mitfiebert und über die Seiten rast, auch wenn das Ende bekannt ist: Miriam Maertens, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich, hat ihre Lungentransplantation überlebt, klar, andernfalls hätte sie "Verschieben wir es auf morgen" nicht schreiben können. Trotzdem kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, wenn Maertens schildert, wie ihr zunehmend die Luft wegbleibt, vor allem bei den Proben zu und den Aufführungen von Faust 1-3 im stickigen Keller.

Unterkategorien