Arbeit, nichts als harte Arbeit

von Sascha Westphal

21. November 2019. "Kein Kunstzentrum hat uns je gefragt: 'Könnt ihr religiöse Kunst machen?'" Das ist erst einmal nur eine simple Feststellung, ein Zitat aus einem der über 80 Podcasts, die Kelly Copper und Pavol Liška unter dem Titel "OK Radio" von Juli 2012 bis Dezember 2013 mit Regisseur*innen und Choreograph*innen, Performer*innen und Künstler*innen, geführt haben. Doch selbst in der gedruckten Form schwingt in dieser Aussage noch ein deutlich vernehmbarer Unterton mit: Das Bedauern in Pavol Liškas Stimme ist zu hören.

Als ginge sie über Eis

von Shirin Sojitrawalla

15. Oktober 2019. Wer Karin Henkels Inszenierung der Drei Schwestern am Deutschen Theater Berlin gesehen hat, genießt daran womöglich nur eine bleibende Erinnerung: An ein Mädchen im Kleid, das mit einer unverwechselbaren, der Welt abhanden gekommenen Stimme Sätze für die Ewigkeit spricht: "Und ich glaube, bald werden wir wissen, warum wir leben und warum das so wehtut (..)." Es ist Angela Winkler in der Rolle der jüngsten Schwester Irina. "Spielt Theater, als würdet ihr über Eis gehen und könntet jederzeit einbrechen", lehrte sie einst Klaus Michael Grüber, einer ihrer maßgeblichen Regisseure. Sie hält sich bis heute daran.

Gedankenströme

von Falk Schreiber

7. Oktober 2019. Alte Theatermenschen kennen das noch: die Vorstellung, dass Schauspieler*innen bessere Requisiten seien, Material für die künstlerische Idee der Regie. Heute würde das kaum noch jemand so eindeutig sagen (gut, Ersan Mondtag vielleicht), aber im hierarchischen Staatstheaterbetrieb wird trotzdem fast nie die ästhetische Autorität der Regieposition in Frage gestellt.

In der Ideologiefalle

von Sophie Diesselhorst

4. September 2019. Astrid Lindgren. Während des zweiten Weltkriegs klebte die berühmte schwedische Kinderbuchautorin ausgeschnittene Zeitungsschlagzeilen in ihr Tagebuch und dichtete die Lebenswirklichkeit der von diesen Schlagzeilen Betroffenen hinzu. So kolportiert es Philipp Ruch, Gründer und künstlerischer Leiter der Aktionskunst-Gruppe Zentrum für politische Schönheit (ZPS), in seinem neuen (zweiten) Buch – und ist völlig begeistert. "Wir alle müssen" (wie Lindgren) "die Säuglinge sterben sehen", so Ruch auf den letzten Zeilen des Buches, dessen hitziger Ton zum Titel passt: "Schluss mit der Geduld".

"Er muss mir recht geraten"

von Georg Kasch

Berlin, 2. Juli 2019. Loben ist eine Kunst. Eltern wissen das. Kritiker*innen auch. Wer alles akklamiert, läuft Gefahr, die Maßstäbe zu verwischen, die Wertschätzung zu entwerten. Wer aber zu wenig lobt, zerstört. Wirklich? "Der Tadel meiner Mutter war der Kraftstoff, der meinen intellektuellen und emotionalen Motor speiste", schreibt C. Bernd Sucher in seiner Doppel(auto)biografie "Mamsi und ich". Klingt ja erst mal gut.

Jenseits der Privilegien

von Esther Boldt

11. Juni 2019. Für wen ist Theater eigentlich da? Wer sind diejenigen, die ihre Geschichten und Themen auf die Bühne bringen, an welches Publikum richten sie sich und welches Selbstverständnis hat sie prägt? Es sind große, bohrende Fragen, die der Sammelband "Allianzen. Kritische Praxis an weißen Institutionen" stellt, veröffentlicht von der Dramaturgin und Kuratorin Elisa Liepsch, dem Aktivisten Julian Warner und von Matthias Pees, Intendant des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm. Aber diese Fragen sind ebenso wichtig wie notwendig. Das Buch entstand im Kontext der Festivalreihe "Afropean Mimicry and Mockery", die von 2014 bis 2016 am Mousonturm stattfand. Beschäftigten sich die Festival-Macher*innen zunächst mit dem deutsch-afrikanischen Austausch, so rückte immer stärker die Frage in den Blick, inwiefern Kulturinstitutionen permanent Strukturen reproduzieren, die weiße Künstler*innen und eine bestimmte, etablierte Ästhetik stets bevorzugen und andere Protagonist*innen ausgrenzen.

"Nur spielen reicht nicht mehr"

von Georg Kasch

6. Juni 2019. Urlaub, Seenplatte, Herzogtum: Wer an die kleine Stadt Neustrelitz im östlichen Mecklenburg denkt, hat selten zuerst das Theater auf dem Schirm. Dabei wird dort seit knapp 250 Jahren gespielt. Im Landestheater – außen 20er-Jahre-Klassizismus, innen Charme der frühen DDR – residiert ein Mehrspartenhaus mit Oper, Schauspiel, Ballett, Orchester und Bürgerbühnenformaten. Deutsche UNESCO-Stadttheaterlandschaft in der Nussschale. Und wie an vielen größeren Häusern zeigt sich auch hier der tägliche, unterfinanzierte Kampf um die kulturelle Vielfalt, um das Publikum, aber auch um Details wie Saumfassungen und Akzente im Klavierauszug.

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