Der letzte Prinz 

von Andreas Wilink

18. August 2020. Während der Ruhrtriennale-Produktion Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir 2008 in der Gebläsehalle Duisburg zeichnet Christoph Schlingensief in seine Lebenslinie den nach oben und unten für ihn geltenden Toleranzbereich ein. Übertreten hat er diesen Schutzbezirk oft, hat ihn "zerschlagen", wie er sagt, nicht nur während seiner Arbeit am "Parsifal" in Bayreuth 2004. Da war er in den Vierzigern und sah immer noch aus wie Anfang 30: er selbst auch ein ewiger Parsifal, der den Gral sucht.

Als ginge sie über Eis

von Shirin Sojitrawalla

15. Oktober 2019. Wer Karin Henkels Inszenierung der Drei Schwestern am Deutschen Theater Berlin gesehen hat, genießt daran womöglich nur eine bleibende Erinnerung: An ein Mädchen im Kleid, das mit einer unverwechselbaren, der Welt abhanden gekommenen Stimme Sätze für die Ewigkeit spricht: "Und ich glaube, bald werden wir wissen, warum wir leben und warum das so wehtut (..)." Es ist Angela Winkler in der Rolle der jüngsten Schwester Irina. "Spielt Theater, als würdet ihr über Eis gehen und könntet jederzeit einbrechen", lehrte sie einst Klaus Michael Grüber, einer ihrer maßgeblichen Regisseure. Sie hält sich bis heute daran.

Jenseits der Privilegien

von Esther Boldt

11. Juni 2019. Für wen ist Theater eigentlich da? Wer sind diejenigen, die ihre Geschichten und Themen auf die Bühne bringen, an welches Publikum richten sie sich und welches Selbstverständnis hat sie prägt? Es sind große, bohrende Fragen, die der Sammelband "Allianzen. Kritische Praxis an weißen Institutionen" stellt, veröffentlicht von der Dramaturgin und Kuratorin Elisa Liepsch, dem Aktivisten Julian Warner und von Matthias Pees, Intendant des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm. Aber diese Fragen sind ebenso wichtig wie notwendig. Das Buch entstand im Kontext der Festivalreihe "Afropean Mimicry and Mockery", die von 2014 bis 2016 am Mousonturm stattfand. Beschäftigten sich die Festival-Macher*innen zunächst mit dem deutsch-afrikanischen Austausch, so rückte immer stärker die Frage in den Blick, inwiefern Kulturinstitutionen permanent Strukturen reproduzieren, die weiße Künstler*innen und eine bestimmte, etablierte Ästhetik stets bevorzugen und andere Protagonist*innen ausgrenzen.

Pseudologia fantastica sovietica

von Silke Horstkotte

10. Oktober 2018. Dieses Buch ist eine Zumutung. Auf 820 dichtbedruckten, handlungsarmen Seiten breitet Steffen Mensching, Intendant am Theater Rudolstadt, eine Detailskizze des Sowjet-Gulags Artek und seiner Häftlinge vor uns aus. Schon das Buch zu halten stellt eine körperliche Herausforderung dar. Eigentlich brauchte man ein Lesepult, oder Handgelenkstützen. Auch sich selbst hat der Autor Mensching einiges abverlangt. Über zehn Jahre hat er für "Schermanns Augen" recherchiert und dabei eine Fülle an Wissenswertem und auch an nicht-ganz-so-Wissenswertem angehäuft über seinen Helden, den (angeblichen) Graphologen und (vermutlichen) Hochstapler Rafael Schermann (1874-1943), sowie über das sibirische Lagersystem, in dem Schermann endete.

Der Regisseur an der Playstation

von Wolfgang Behrens

23. Januar 2019. Auf S. 106 des anzuzeigenden Buches musste der Rezensent dann doch einmal laut aufseufzen. Der Regisseur Armin Petras sagt da: "Schleef ist der größte Unbekannte der deutschen Theatergeschichte. Egal welchen Zuschauer man fragt, kein Mensch kennt Schleef, niemand. Weder im Osten noch im Westen." Er hat ja recht, es ist schon so. Es gibt im Hinblick auf den Theatermann und Universalkünstler Einar Schleef eine Art Insider-Kreis: diejenigen, die ihn erlebt und mit ihm gearbeitet haben; diejenigen, die sich von seinen Arbeiten haben entzünden lassen; diejenigen, deren eigene Arbeit von ihm inspiriert ist. Die Schleef-Rezeption ist seit dem frühen Tod des Künstlers im Jahr 2001 weitestgehend in dieser "Gemeinde" verblieben, größere Kreise hat sie kaum gezogen.

La Bohème à la Berlin

von Falk Schreiber

27. September 2018. Während der vergangenen 25 Jahre haben es She She Pop einem verhältnismäßig einfach gemacht, ihr Theater falsch zu verstehen: als identifikatorisches Generationending, als Erleben der heutigen Mittvierzigerinnen in prekären Kreativberufen, als zeitgemäße La-Bohème-Romantik in schick verlotterten Berliner Altbauwohnungen. 

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