Angehörige einer Dynastie

von Thomas Rothschild

15. Juni 2015. Gleiche Bildungschancen: es gibt sie im künstlerischen Bereich ebenso wenig wie in Hinblick auf eine medizinische oder diplomatische Laufbahn. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass das Elternhaus die Berufswahl und damit das Leben von Kindern ganz wesentlich bestimmt – die zahlreichen Schauspielerkinder, die ihrerseits eine Theater-, Film- oder Fernsehkarriere anstreben, lieferten ihn. Angehöriger einer Dynastie zu sein, ist Segen und Fluch zugleich. Der bekannte Name hilft, keine Frage. Aber wer ihn trägt wird nicht nur an den Vorfahren gemessen, er erbt in der Regel auch die Bürde der Negativurteile, die jene gegebenenfalls einstecken mussten.

Im Bitterfelder Seelensumpf

von Theresa Luise Gindlstrasser

11. Juni 2015. Das Buch als Buch ist hübsch. Hat am Rücken einen Leinenstreifen, hat innen drinnen drei Schrifttypen. Das was typographisch nicht ins Auge fällt, ist die sich über weiteste Teile hinwegziehende Erzählung von Phillip Odetski. Das was Schreibmaschinenschrieb und von Fehlern und Verbesserungen durchzogen ist, das sind die Briefe seines Vaters Hermann F. Odetski an Margot Honecker. Eigentlich sollte der Sohn diese Briefe zur Post bringen und nach Chile senden lassen. Das tut er aber nicht. Sondern lässt irgendwann seine, Freundin wäre viel zu viel gesagt und Flamme wäre viel zu leidenschaftlich gesprochen, jedenfalls lässt er Nicole einen Antwortbrief erfinden. Das wäre dann der dritte Schrifttyp, der eine hübsche Handschrift imitieren mag.

Schabloniaden

von Eva Biringer

11. Juni 2015. Allein aus einer Notsituation heraus reisende Frauen provozieren entweder Mitleid oder Bewunderung. Frauen in dieser Verfassung verlaufen sich bewusst oder nehmen den längeren, an der Küste entlang führenden Weg zum Ferienhaus. Diese Ferienhäuser sind spärlich möbliert und auf unbestimmte Zeit gemietet, die Frauen erwartet dort nichts außer bleierner Schlaf. Statt mit Fremden in schummrigen Bars, betrinken sie sich alleine zu Hause. Sie essen nichts oder trockenes Brot. Ihr Haarschnitt ist eng, mitunter untrennbar an eine männliche Anwesenheit geknüpft.

Die Verschnuckelung des entfremdeten Lebens

von André Mumot

Berlin, 18. Mai 2015. Ist doch alles gar nicht so schlimm, möchte man sagen. Es hat doch so vieles zu bieten, das Theater der Gegenwart. So viel Schönes. Nicht nur Verspieltes, auch Wahres. Auch Realität. Sogar, fürs politischere Publikum, Klassenbewusstsein. Erst kürzlich haben die Performerinnen von She She Pop Stuttgarts Theaterangestellte auf die Bühne gebracht und sie über ihre Arbeitsbedingungen sprechen lassen. Und Rimini Protokoll bringen die Realität unserer Welt doch nun schon seit Jahren auf die Bühne, mit Experten des Alltags, die verlässlich Tacheles reden über die Verhältnisse ihres Daseins. Aber? "Will man etwas über die Entfremdung der Verkäuferin erfahren", sagt Bernd Stegemann, "ist gerade die Verkäuferin die am wenigsten geeignete Person, Entfremdung auf einer Bühne zu zeigen."

Gold auf den Fingernägeln, nichts auf dem Konto

von Matthias Weigel

28. April 2015. Die allermeisten kennen ihn aus der Werbung. 14 Millionen Klicks auf Youtube, weltweite Aufmerksamkeit dank Aggregatoren wie Buzzfeed, für ein deutschsprachiges Video ist das rekordverdächtig. Ebenfalls viele kannten ihn zuvor schon als Interpreten des ursprünglichen Songs Supergeil, auf dem die spätere Werbung basierte (drei Millionen Klicks). Nur wenige kennen ihn wahrscheinlich als freien Schauspieler und Regisseur der Arbeiten Mittagsruhe in Berlin (Sophiensaele, 2000) oder Carmen Miranda Revue Pavillon (Haus der Berliner Festspiele, 2001). Und davor gab es ihn auch noch als Puppenspieler: Mit seinem Stück "Der kleine Mann im Bauch" tourte er in den 80ern durch Kindergärten und Grundschulen.

... oder Sie werden Regisseur!

von Rainer Nolden

4. April 2015. Der publizistische Zufall will's, dass die Lebenserinnerungen zweier Künstler, Vater und Sohn, gleichzeitig erschienen sind. Die des Vaters als "Neuinszenierung", die des Sohnes als "Uraufführung": Max und Marcel Ophüls, zwei Regisseure, zwei Hochgelobte wie zuvor Verkannte, zwei Leben unter gegenseitigem Einfluss.

Götterliebling und Untergeher

von Nikolaus Merck

25. März 2015. Eigentlich war es ein Näseln und ein Zerdrücken der Worte, als rutsche Kartoffelbrei abwärts im Schlund. "Das Wort Traum dehnte er, als wollte er die Vokale so lange wie möglich auseinanderhalten", dazu dieses Salon-Wienerisch, das ein ganzes Theater- und Filmzeitalter grundierte. Für seine "aberwitzige, aber sehr klangvolle und melodiöse Sprechgewohnheit" ist Oskar Josef Bschließmayer berühmt geworden.

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