Pseudologia fantastica sovietica

von Silke Horstkotte

10. Oktober 2018. Dieses Buch ist eine Zumutung. Auf 820 dichtbedruckten, handlungsarmen Seiten breitet Steffen Mensching, Intendant am Theater Rudolstadt, eine Detailskizze des Sowjet-Gulags Artek und seiner Häftlinge vor uns aus. Schon das Buch zu halten stellt eine körperliche Herausforderung dar. Eigentlich brauchte man ein Lesepult, oder Handgelenkstützen. Auch sich selbst hat der Autor Mensching einiges abverlangt. Über zehn Jahre hat er für "Schermanns Augen" recherchiert und dabei eine Fülle an Wissenswertem und auch an nicht-ganz-so-Wissenswertem angehäuft über seinen Helden, den (angeblichen) Graphologen und (vermutlichen) Hochstapler Rafael Schermann (1874-1943), sowie über das sibirische Lagersystem, in dem Schermann endete.

La Bohème à la Berlin

von Falk Schreiber

27. September 2018. Während der vergangenen 25 Jahre haben es She She Pop einem verhältnismäßig einfach gemacht, ihr Theater falsch zu verstehen: als identifikatorisches Generationending, als Erleben der heutigen Mittvierzigerinnen in prekären Kreativberufen, als zeitgemäße La-Bohème-Romantik in schick verlotterten Berliner Altbauwohnungen. 

Frankies Disko-Fieber

von Simone Kaempf

26. September 2018. Frankie ermittelt sorgfältig. Und dafür wandern viele Bacardi Cola über den Tresen: erst in München im "Jet Dancing" nahe der Sendlinger Straße, dem "Jackie O" und dem "Aquarius". Dann in der "Palette" und dem "Monokel" in Stuttgart, im "Candy" und "Downtown" in Frankfurt, in das Frankie, wie er hoch und heilig schwört, bald keinen Fuß mehr setzen will. Weiter ins "Be-Bop" und "Alpha" nach Bonn, das sich sein Gehilfe mal so richtig vorknöpfen soll. Der durstige Privatdetektiv klappert die halbe Bundesrepublik ab auf der Suche nach einem Club, der am Samstagabend des 9. Juli 1988 Madonnas Song "White Heat" gespielt hat. Die 2000 Mark Vorschuss im Handschuhfach finanzieren Diskotheken-Eintritt, Marlboro-Menthols und Mix-Getränke für Ex-Freundinnen, die er auf seinem Roadtrip reaktiviert.

Einmal in dem tristen Leben einem Mann mich hinzugeben

von Gabi Hift

11. September 2018. "Siehst du den Mond über Soho?"– "Ich seh ihn, Lieber". – Keinen Pappmond, der von oben herunterfährt, sondern einen, der über dem Wasser aufsteigt, denn wir sind nicht im Theater sondern im Kino. Die Liebesleute, Mackie Messer und seine minderjährige Braut Polly, fahren Boot. Von einer Brücke schaut Brecht, gespielt von Lars Eidinger, auf seine Geschöpfe hinunter und erklärt seinem Begleiter, dem Filmproduzenten Nebenzahl, wie er sich die Szene vorstellt: "Am Ruder: sie", sagt er, und: "Ein oder zwei Monde genügen." Sofort geht pflichtschuldig ein zweiter Mond auf – da ist also hinter der Kamera jemand am Werk, dem dran liegt, Brechts Phantasien akkurat umzusetzen. Man kann ja dran zweifeln, ob Brecht das mit den zwei Monden so wortwörtlich gemeint hat, aber als gleich drauf eine Balletttruppe in weißen Gewändern auf dem Gehweg auftaucht und eine schreckliche Verliebt-im-Mondlicht-Choreographie aufs Pflaster zuckert, gibts nichts mehr zu zweifeln: das kann Brecht nie und nimmer gewollt haben!

Dramatisches Doppel

von Kai Bremer

4. September 2018. Vor knapp zehn Jahren hat der Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn die Dramen von Alfred Matusche (1909-1973) neu herausgegeben. Matusche, Arbeiterkind, ursprünglich Radiojournalist, von den Nationalsozialisten kurzzeitig inhaftiert und mit Berufsverbot belegt, begann in den 50er Jahren Theaterstücke zu schreiben. Als Erscheinung eine Art Sonderling, war Matusche für die Theatergeschichte durchaus bedeutend. Sein 1955 im Berliner Deutschen Theater uraufgeführtes Stück "Die Dorfstraße" etwa nahm einige Motive von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" vorweg, Theatermenschen wie Wolfgang Langhoff und Heinar Kipphardt förderten, Kollegen wie Bertolt Brecht, Heiner Müller und Peter Hacks bewunderten ihn. Der Theaterkritiker Martin Linzer schrieb: "Matusche gab in seinen Stücken immer nur einen kleinen Wirklichkeitsausschnitt, sehr genau, hoch verdichtet, in  seiner ganzen Versponnenheit ein wirklicher Dichter. Aber selten gespielt, Matusche versprach keine Breitenwirkung."

Urdeutscher Dickschädel

von Tobias Prüwer

20. August 2018. "Verzeih mir, Hamlet! Verzeiht mir, Dänen! Euer König ist gerächt. Hamlet, mein Sohn! Der Himmel erbarme mich meiner!" - Shakespeares Stoff ist nichts erspart geblieben. Lange galt "Hamlet" in Deutschland als unspielbar. Also kam die Tragödie erst einmal bearbeitet auf die Bühne, zumindest wenn man den Chronisten folgt: Zum bürgerlichen Schmonzette umgekrempelt endet mit einem Happy End. Hamlet überlebt, wird König von Dänemark, der Himmel weint vor Freunde und gibt sein Plazet.

Im Transitraum

von Sophie Diesselhorst

12. Juli 2018. Als Bastionen des Humanismus haben viele Theater sich im "Sommer der Willkommenskultur" inszeniert. Und sich dem Thema Flucht und Migration auch langfristiger verpflichtet, indem sie für ihre Spielpläne nach entsprechenden Stoffen gesucht haben. Der politische Wind hat sich indes gedreht. Auch wenn das Mittelmeer und die zigtausenden auf der Flucht Ertrunkenen und Ertrinkenden gerade mal wieder im medialen Fokus stehen: Die freiwilligen Seenotretter*innen, die zunehmend an ihrer Arbeit gehindert werden, wirken wie Helden eines unrealistischen Action-Films. Und die Flüchtenden selbst werden mehr denn je zur Menschenmasse dehumanisiert, zur Welle, zur Krise – oder gar als "Asyltouristen" verunglimpft.

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