Endlich im Klassiker-Himmel?

von Kai Bremer

3. Januar 2019. Die im Netz gut zugänglichen Volltext-Versionen von Goethes "Faust" (zum Beispiel hier) präsentieren den Klassiker bisher in Fassungen, die im Hinblick auf die Zuverlässigkeit des Textes mindestens problematisch sind. Meist sind sie sogar fehlerhaft. Zwar sind das nur selten Fehler, die einen faustischen Geist aus der Fassung bringen. Aber zumindest für Leser*innen, die sprachlich sensibel etwa auf Betonungen und Akzentuierungen achten, weil sie an den performativen Dimensionen von Goethes Tragödie interessiert sind, für solche Leser*innen waren die Fassungen im Netz bislang unbefriedigend. Für sie dürfte in Zukunft www.faustedition.net das Nonplusultra sein – zumal sie Teil einer von den Herausgebern Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis "Hybridausgabe" genannten Edition ist, die zugleich auf dem guten alten Papier in zwei Varianten erschienen ist.

Wie es in der Brust schlägt

von Shirin Sojitrawalla

26. November 2018. Was ließe sich als Nachtkritikerin von Theodor Fontane lernen? Wenn man bedenkt, dass nachtkritik.de gegründet wurde, um die "Einbahnstraße der Kritik für den Gegenverkehr zu öffnen", funktionieren die Theaterkritiken von Theodor Fontane wie Sackgassen. Es geht ihm nicht darum, ein Gespräch zu beginnen, sondern einen Abend fertig zu besprechen. Auch sonst würde man manch eine Kritik, die er verfasste, heutigen Rezensenten um die Ohren hauen: zu viel Inhaltsangabe, zu wenig Beschreibung, zu viel Blabla. Doch Fontane schrieb nicht heute, sondern in einer Zeit als Theaterkritiker noch Stammplätze im Parkett besaßen und sich am Schreibtisch vorkommen durften wie auf einem Thron.

Aus dem Drückebergerlateinischen

von Christian Rakow

22. November 2018. Bei Debütanten breitet man gemeinhin erstmal einlässlich die Vita aus. Das erübrigt sich in diesem Falle. Burghart Klaußner gehört zu den vielleicht zwei Dutzend Schauspielerinnen und Schauspielern deutscher Zunge, die man gefühlsmäßig irgendwie auf dem roten Teppich bei den Oscars verortet. Oder wenigstens mit einer Plakette auf dem Berliner "Boulevard der Stars". Als gestrenger Pfarrer in Michael Hanekes "Das weiße Band" hat er Filmgeschichte mitgeschrieben. Er arbeitete an Peter Steins Schaubühne und am phantomschmerzhaft vermissten Berliner Schillertheater, ist "Faust"-Preisträger (2012, für seinen Willy Loman im Hamburger "Tod eines Handlungsreisenden") und stand fünfmal auf den Brettern des Berliner Theatertreffens, zuletzt 2011 als König Philipp II. im Dresdner "Don Carlos".

Der Sommer kurz vor dem Kometeneinschlag

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 6. November 2018. Der Regisseur Kirill Serebrennikow steht in Moskau vor Gericht, er soll als künstlerischer Leiter des Moskauer Gogol Center Geld veruntreut haben. Stichhaltige Beweise liegen nicht vor, die jetzt angelaufene Gerichtsverhandlung wurde lange hinausgezögert. Es riecht nach Schauprozess, und Serebrennikow ist längst zu einer Symbolfigur geworden. Der Hashtag #FreeKirill kursiert – zumindest im Westen, wo natürlich auch gerne Unfreiheit und Schurkentum auf Russland projiziert werden.

Müllmann des Internets

von André Mumot

30. Oktober 2018. Sein Theater beginnt in der Nacht, das erfahren wir gleich auf den ersten Seiten. Falk Richter grübelt bei künstlichem Licht. Er denkt. Schaut sich Videos auf Youtube an und liest die Kommentare darunter, nimmt digitale Tuchfühlung auf mit einer aggressiven, feindselig gestimmten Wirklichkeit und beginnt sich hineinzusteigern in all das, was sich dort aufbäumt und brüllt und wettert. In solchen Momenten fühlt er sich erinnert an "eines der bekanntesten deutschen Dramen und seinen Titelhelden, der am Anfang der Tragödie Fragen stellt, auf die er keine Antworten findet, und der sich dann auf eine Reise begibt, die ihm mehr offenbart, als er sich am Ausgangspunkt seiner rauschhaften Nacht in seinem engen Studierzimmer hätte erträumen lassen".

Pseudologia fantastica sovietica

von Silke Horstkotte

10. Oktober 2018. Dieses Buch ist eine Zumutung. Auf 820 dichtbedruckten, handlungsarmen Seiten breitet Steffen Mensching, Intendant am Theater Rudolstadt, eine Detailskizze des Sowjet-Gulags Artek und seiner Häftlinge vor uns aus. Schon das Buch zu halten stellt eine körperliche Herausforderung dar. Eigentlich brauchte man ein Lesepult, oder Handgelenkstützen. Auch sich selbst hat der Autor Mensching einiges abverlangt. Über zehn Jahre hat er für "Schermanns Augen" recherchiert und dabei eine Fülle an Wissenswertem und auch an nicht-ganz-so-Wissenswertem angehäuft über seinen Helden, den (angeblichen) Graphologen und (vermutlichen) Hochstapler Rafael Schermann (1874-1943), sowie über das sibirische Lagersystem, in dem Schermann endete.

La Bohème à la Berlin

von Falk Schreiber

27. September 2018. Während der vergangenen 25 Jahre haben es She She Pop einem verhältnismäßig einfach gemacht, ihr Theater falsch zu verstehen: als identifikatorisches Generationending, als Erleben der heutigen Mittvierzigerinnen in prekären Kreativberufen, als zeitgemäße La-Bohème-Romantik in schick verlotterten Berliner Altbauwohnungen. 

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