Aus dem Drückebergerlateinischen

von Christian Rakow

22. November 2018. Bei Debütanten breitet man gemeinhin erstmal einlässlich die Vita aus. Das erübrigt sich in diesem Falle. Burghart Klaußner gehört zu den vielleicht zwei Dutzend Schauspielerinnen und Schauspielern deutscher Zunge, die man gefühlsmäßig irgendwie auf dem roten Teppich bei den Oscars verortet. Oder wenigstens mit einer Plakette auf dem Berliner "Boulevard der Stars". Als gestrenger Pfarrer in Michael Hanekes "Das weiße Band" hat er Filmgeschichte mitgeschrieben. Er arbeitete an Peter Steins Schaubühne und am phantomschmerzhaft vermissten Berliner Schillertheater, ist "Faust"-Preisträger (2012, für seinen Willy Loman im Hamburger "Tod eines Handlungsreisenden") und stand fünfmal auf den Brettern des Berliner Theatertreffens, zuletzt 2011 als König Philipp II. im Dresdner "Don Carlos".

Der Sommer kurz vor dem Kometeneinschlag

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 6. November 2018. Der Regisseur Kirill Serebrennikow steht in Moskau vor Gericht, er soll als künstlerischer Leiter des Moskauer Gogol Center Geld veruntreut haben. Stichhaltige Beweise liegen nicht vor, die jetzt angelaufene Gerichtsverhandlung wurde lange hinausgezögert. Es riecht nach Schauprozess, und Serebrennikow ist längst zu einer Symbolfigur geworden. Der Hashtag #FreeKirill kursiert – zumindest im Westen, wo natürlich auch gerne Unfreiheit und Schurkentum auf Russland projiziert werden.

Müllmann des Internets

von André Mumot

30. Oktober 2018. Sein Theater beginnt in der Nacht, das erfahren wir gleich auf den ersten Seiten. Falk Richter grübelt bei künstlichem Licht. Er denkt. Schaut sich Videos auf Youtube an und liest die Kommentare darunter, nimmt digitale Tuchfühlung auf mit einer aggressiven, feindselig gestimmten Wirklichkeit und beginnt sich hineinzusteigern in all das, was sich dort aufbäumt und brüllt und wettert. In solchen Momenten fühlt er sich erinnert an "eines der bekanntesten deutschen Dramen und seinen Titelhelden, der am Anfang der Tragödie Fragen stellt, auf die er keine Antworten findet, und der sich dann auf eine Reise begibt, die ihm mehr offenbart, als er sich am Ausgangspunkt seiner rauschhaften Nacht in seinem engen Studierzimmer hätte erträumen lassen".

Pseudologia fantastica sovietica

von Silke Horstkotte

10. Oktober 2018. Dieses Buch ist eine Zumutung. Auf 820 dichtbedruckten, handlungsarmen Seiten breitet Steffen Mensching, Intendant am Theater Rudolstadt, eine Detailskizze des Sowjet-Gulags Artek und seiner Häftlinge vor uns aus. Schon das Buch zu halten stellt eine körperliche Herausforderung dar. Eigentlich brauchte man ein Lesepult, oder Handgelenkstützen. Auch sich selbst hat der Autor Mensching einiges abverlangt. Über zehn Jahre hat er für "Schermanns Augen" recherchiert und dabei eine Fülle an Wissenswertem und auch an nicht-ganz-so-Wissenswertem angehäuft über seinen Helden, den (angeblichen) Graphologen und (vermutlichen) Hochstapler Rafael Schermann (1874-1943), sowie über das sibirische Lagersystem, in dem Schermann endete.

La Bohème à la Berlin

von Falk Schreiber

27. September 2018. Während der vergangenen 25 Jahre haben es She She Pop einem verhältnismäßig einfach gemacht, ihr Theater falsch zu verstehen: als identifikatorisches Generationending, als Erleben der heutigen Mittvierzigerinnen in prekären Kreativberufen, als zeitgemäße La-Bohème-Romantik in schick verlotterten Berliner Altbauwohnungen. 

Frankies Disko-Fieber

von Simone Kaempf

26. September 2018. Frankie ermittelt sorgfältig. Und dafür wandern viele Bacardi Cola über den Tresen: erst in München im "Jet Dancing" nahe der Sendlinger Straße, dem "Jackie O" und dem "Aquarius". Dann in der "Palette" und dem "Monokel" in Stuttgart, im "Candy" und "Downtown" in Frankfurt, in das Frankie, wie er hoch und heilig schwört, bald keinen Fuß mehr setzen will. Weiter ins "Be-Bop" und "Alpha" nach Bonn, das sich sein Gehilfe mal so richtig vorknöpfen soll. Der durstige Privatdetektiv klappert die halbe Bundesrepublik ab auf der Suche nach einem Club, der am Samstagabend des 9. Juli 1988 Madonnas Song "White Heat" gespielt hat. Die 2000 Mark Vorschuss im Handschuhfach finanzieren Diskotheken-Eintritt, Marlboro-Menthols und Mix-Getränke für Ex-Freundinnen, die er auf seinem Roadtrip reaktiviert.

Einmal in dem tristen Leben einem Mann mich hinzugeben

von Gabi Hift

11. September 2018. "Siehst du den Mond über Soho?"– "Ich seh ihn, Lieber". – Keinen Pappmond, der von oben herunterfährt, sondern einen, der über dem Wasser aufsteigt, denn wir sind nicht im Theater sondern im Kino. Die Liebesleute, Mackie Messer und seine minderjährige Braut Polly, fahren Boot. Von einer Brücke schaut Brecht, gespielt von Lars Eidinger, auf seine Geschöpfe hinunter und erklärt seinem Begleiter, dem Filmproduzenten Nebenzahl, wie er sich die Szene vorstellt: "Am Ruder: sie", sagt er, und: "Ein oder zwei Monde genügen." Sofort geht pflichtschuldig ein zweiter Mond auf – da ist also hinter der Kamera jemand am Werk, dem dran liegt, Brechts Phantasien akkurat umzusetzen. Man kann ja dran zweifeln, ob Brecht das mit den zwei Monden so wortwörtlich gemeint hat, aber als gleich drauf eine Balletttruppe in weißen Gewändern auf dem Gehweg auftaucht und eine schreckliche Verliebt-im-Mondlicht-Choreographie aufs Pflaster zuckert, gibts nichts mehr zu zweifeln: das kann Brecht nie und nimmer gewollt haben!

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