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Etwas Besseres als die Rente mit 67 findest Du überall

von Andreas Schnell

Bremen, 15. Januar 2012. Eigentlich eine Zumutung: Eine dürftige, sattsam bekannte Geschichte. Ein Bühnenbild, das weitgehend aus einer schwarzen Wand besteht. Massen von Text. Geschichten aus dem Alltag. Versatzstücke linker Theoretiker und Philosophen. Ein rätselhafter Text von Heiner Müller. Und Schauspiel gibt es eigentlich auch nicht zu sehen. Allerdings ist Volker Löschs neue Inszenierung trotzdem oder genau deswegen einer der eindrucksvollsten Theaterabende, die es in Bremen seit einer Weile zu sehen gab.

Vom Großraumbüro in die Altersarmut
Das Prinzip ist vertraut: Lösch nimmt eine bekannte Vorlage, extrahiert ein Thema und lässt betroffene Bürger und Bürgerinnen auf der Bühne davon sprechen. Im Fall von "AltArmArbeitslos" ist die Grundlage das Grimm'sche Märchen von Esel, Katze, Hahn und Hund, die für ihre Herrschaften nicht mehr brauchbar sind, außer als Suppeneinlage. Eine Steilvorlage für das Thema dieses Bremer Abends: Arbeitslosigkeit und Armut im Alter.

Es beginnt mit einer sorgfältig choreographierten Darstellung des Arbeitslebens in einem Großraumbüro. Die Figuren sind mit weißen Tiermasken ausgestattet, Esel, Katze, Hund und Hahn, besondere Kennzeichen: keine. Mit der Arbeit hat es indes bald ein Ende, der Vorhang fällt, die Truppe steht vor einer schwarzen Wand, die für die meiste Zeit des Abends den Hintergrund bilden wird. Dann erzählen sie. Wie der Anruf kam. Die Kündigung. Die Mitteilung, man sei zu alt für den Arbeitsmarkt, durchexerziert anhand verschiedener Erwerbsbiographien, im Chor. Keine Frage des individuellen Schicksals.

Fitnessprogramm mit Ursula von der Leyen
Unterbrochen wird das immer wieder durch die Auftritte zweier hochschwangerer Damen, die sich als Ursula von der Leyen vorstellen. Sie erinnern die "Best Ager" an ihren erwünschten Nutzen für die Gesellschaft, füttern, pudern und wickeln sie, halten sie zu körperlicher Fitness an. Der Zynismus staatlicher Arbeitsmarktpolitik – Stichwort: Hartz IV – ist brandaktuell. "Ich soll bis 67 Arbeiten, aber mit 45 wird mir keine Stelle mehr angeboten", sagt ein Arbeitsloser. Eine andere erzählt von Freundinnen, die sich freuen, wenn die Arbeitslose keine Zeit hat, denn dann können sie endlich mal wieder zusammen essen gehen. Andere berichten von Qualifizierungsmaßnahmen für Berufe, die es nicht gibt, von der Spekulation auf die Rente der Ehefrau, weswegen sich das Fremdgehen strategisch verbiete.

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Aufstand im Großraumbüro © Jörg Landsberg

 

Verschnitten ist das mit Stücken aus Grimms Märchen und Auszügen aus dem Sozialgesetzbuch. Keine Geheimnisse, dafür bemerkenswerte Schlaglichter auf die Lage der Betroffenen. Und das Problem ist nicht nur eines der arbeitslosen Bürger: Die Schauspieler des Ensembles treten nach vorn und erzählen, wie sie wegen des (in Bremen ja anstehenden) Intendantenwechsels im August selbst arbeitslos sein werden – oder nach dem nächsten Zweijahresvertrag. Erfahrung, gelebtes Leben bedeuten da wenig. Die Konkurrenz ist ehrgeizig und jung, wie uns ein Chor der Jungen im zackigen Gleichschritt gnadenlos klarmacht: Die Alten sind nutzlos, müssen vernichtet werden.

Die Stunde der Theoretiker
Die Stadtmusikanten kaperten einst das Räuberhaus und lebten glücklich bis an ihr Ende. Löschs Arbeitslose machen kaputt, was sie kaputt macht: Mit Äxten zerlegen sie eine Büroeinrichtung. Das ist keine Lösung. Und eine Antwort gibt es nicht in diesem Stück. Oder sollten die Theoriefragmente von Marx, Žižek, Guattari, Deleuze und so weiter, die vom Kindle abgelesen werden, eine sein? Die widersprechen sich aber nicht nur, sie fallen sich auch auf der Bühne ins Wort. Das Schlusswort hat Heiner Müller. "Herakles 2 oder Die Hydra" ließe sich lesen als Beschreibung des Begreifens eines Gegensatzes, um diesen im Kampf auflösen zu können. Eine Arbeit, die der Mensch noch zu leisten hätte, hier dann nicht als Individuum, sondern als Kollektiv – oder sollten wir mit Marx von einer Klasse sprechen? Viel Stoff, zu viel eigentlich, ihn in einem Durchgang zu verarbeiten. Trotzdem funktioniert das. Als Agitationstheater im Wortsinn: aufrüttelnd. Eine Zumutung, klar! Und zwar eine wichtige.

AltArmArbeitslos – Die Bremer Stadtmusikanten
von Volker Lösch, mit Texten von den Gebrüdern Grimm, Heiner Müller und Bremer BürgerInnen
Regie: Volker Lösch, Bühne: Carola Reuther, Kostüme: Sarah Roßberg, Choreographie: Miroslaw Zydowicz, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Philipp Michael Börner, Johanna Geißler, Glenn Goltz, Eva Gosciejewicz, Irene Kleinschmidt, Siegfried W. Maschek; Chor: Harald Braun, Joachim Graf, Enno Kirchhoff-Lempke, Bärbel Lankenau, Herbert Lessing, Anke Meyer, Rose Sanyang-Hill, Bettina Schaller-Eggstein, Jens Scharpf, Monika Schröder, Elke Schünemann, Jörn Thein, Gerd Heinz Torkler, Barbara Völker, Andrea Werner, Ludger Dünnebacke, Thomas Gehrt, Norbert Brandt.

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Ausführlich geht Michael Laages im Deutschlandfunk (16.1.2012) auf die Schicksale der Arbeitslosen im Chor (und auch der zukünftig Arbeitslosen im Ensemble) ein, um dann festzustellen, "dass dieses Bremer Märchen an theatralischer Armseligkeit kaum zu überbieten ist". Büroalltag, Tiermasken, Eiserner Vorhang? "Hätte das Bremer Theater dies alles - oder dies Nichts - als szenische Begleitung einer Tagung zum Thema angeboten - prima. Dies aber ist eine Schauspielpremiere im Großen Haus - das ist ein schlechter Witz."

Zuweilen schieße der Regisseur "in der Wahl seiner plakativen Mittel über das Ziel hinaus", befindet Sigrid Schuer in der Welt (17.1.2012). So wirke jene Szene überzogen, "in der die schrecklichen, dauerschwangeren Von-der-Leyen-Zwillingsschwestern kollektives Windeln und Pudern der älteren Arbeitslosen anordnen und sie mit Vitaminbrei-Pampe füttern". Trotzdem überzeuge der aufrüttelnde Ansatz von Volker Lösch.

"Dieser Theaterabend stellt entschieden mehr Fragen, als er beantwortet", schreibt Rainer Mammen im Weser-Kurier (17.1.2012) und meint das kritisch. Die Aufführung werde zum Schluss immer konfuser, die Märchenparallele stimme immer weniger. Der Doppel-von-der-Leyen kann er allerdings einiges abgewinnen: "Ihre Auftritte lockern den zuweilen schwer didaktischen, schwer agitatorischen Duktus der Aufführung mit jenem Quentchen Humor auf, das auch dem engagiertesten Anliegen nicht schaden kann."

Revolution auf der Bühne sei ja immer ein bisschen lächerlich, meint Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (17.1.2012). Zumal, wenn dabei auch noch Büromöbel zertrümmert werden. Aber: "Dass Arbeitslosigkeit schlimm ist, ist bekannt, dass Schauspielerexistenzen oft nicht sehr gesichert sind, weiß man auch. Lösch aber gelingt, es, das alles anschaulich zu machen. Sein Theater berührt. Und dafür kann man ihm vieles verzeihen: Fast auch die Axt im Schreibtisch."

Die Komik sei in manchen Szenen "recht brachial und reichlich schrill", schreibt Benno Schirrmeister in der TAZ (18.1.2012). Aber damit gebe sie einen "sinnvollen Kontrapunkt" für die "dunklen Töne der Melancholie", die diesen Abend etwa in den Texten von Heiner Müller und denen des Bürgerchores bestimmen. Bremen sei mit seiner hohen Arbeitslosenquote der "ideale Ort für diese Produktion", zumal das Ensemble des Bremer Theaters durch den bevorstehenden Intendantenwechsel selbst "betroffen ist". Löschs Arbeit besitze, "in einem guten Sinne, Pathos".

Im Südwestrundfunk im "Journal am Abend" (16.1.12) sagte Hartmut Krug: es handele sich um "groteske Szenen, in denen das soziale und emotionale Elend von aussortierten Menschen nicht nur in den Texten, sondern auch im Spiel sinnlich deutlich" werde. Es sei "wunderbar", wie das Märchen mit ironischen Spielszenen verzahnt werde. "Dramaturgisch klug und beziehungsreich, wie sich theoretische und politische Behauptungstexte mit individuellen Berichten und chorischen Anklagen der Arbeitslosen so abwechseln, dass die Realität von sozialen Opfern unserer Gesellschaft nicht nur theoretisch deutlich wird." Ein "bedrückend informativer Abend von bitterer Komik", in all seiner "spielerischen Plakativität eindrucksvoll und emotional aufrüttelnd."

"Dinge, über die Konsens herrscht, braucht man eigentlich nicht herumzuschreien." Damit hat Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (21.1.2012) eigentlich alles über Volker Löschs chorischen, sozialkritisch auftretenden Inszenierungsstil gesagt. Löschs "gefühlt hundertstes Stück mit einem Chor aus Wutbürgern" biete Berichte, die "durchaus bewegend sein und nachdenklich stimmen könnten, ertönten sie nicht in diesem Kasernenhofton." Der Kern ist also faul, auch wenn der Chor hier "weniger plakativ und dafür persönlicher arrangiert als frühere Abteilungen Attacke" arbeite. Als völlig verquer schildert der Kritiker den Auftritt der Doppelfigur Ursula von der Leyen, der in einer "rasanten historischen Gleichschaltung von Demokratie und Faschismus" münde, und die Jugendlichen, die sich "als geifernde Geronto-Pogrom-Faschisten" gerieren. Wirklich "Kluges und Schönes" werde erst am Schluss mit dem stillen Vortrag von Heiner Müllers "Herakles 2 oder die Hydra" erzielt.