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Varieté mit Verflixtheiten

von Christian Baron

Jena, 30. Mai 2013. Eva Braun spricht diesen bösen Satz mit der engelsreinen Virginität eines Chormädchens: "Das ist mein Freund Alfred. Der kann Black Face, da liegt ihr am Boden!" Theaterpolizist Schott setzt ein moralinsaures Claudia-Roth-Gesicht auf und zeigt sich ganz und gar nicht begeistert: "Black Face … Das ist irgendwie rassistisch". "Wir werden Schwierigkeiten mit der politischen Verflixtheit bekommen", pflichtet ihm Varieté-Betreiber Meyer energisch bei, wobei er jedoch flugs wieder zu seinem Geschäftssinn zurückfindet: "Andererseits brauchen wir Geld". Eine Szene, exemplarisch für diesen bizarren Abend; der Blick in die Zuschauerreihen nämlich offenbart, dass einige herzhaft lachen, während andere die Pointen mit steinerner Miene hinnehmen.

blackface 280h joachimdette uOh! Gibt's jetzt Schwierigkeiten mit der politischen Verflixtheit? © Joachim DetteSo ambivalent wie besagte Szene ist Niklaus Helblings "Black Face: Die Villa"-Inszenierung in der Jenaer "Villa Rosenthal" über die gesamte Spieldauer von zwei Stunden angelegt. Das von Brigitte Helbling geschriebene und als Co-Produktion des Theaterhauses Jena mit der freien Gruppe "Mass & Fieber Ost" realisierte Projekt will einfach keine Haltung vermitteln. Stattdessen gibt es bildreiche Anregungen, auf die sich der Betrachter seinen ganz eigenen Reim machen darf.

Im Kabinett mit Friedrich Nietzsche

Auf sechs verschiedenen Wegen führt die Darbietung zu sechs verschiedenen Versionen einer Geschichte. Im Stile des Vaudeville-Theaters werden hier diverse Performances rund um die Hauptstory geboten: Meyers Varietäten-Kabinett besetzt die Räume der Rosenthal-Villa, deren Eigentümer als Vater der Thüringer Verfassung gilt und dessen Ehefrau Clara aufgrund ihrer jüdischen Herkunft unter dem NS-Regime zu leiden hatte. Meyer führt durch das Programm, stets mit Argusaugen beobachtet von Schott.

Während immer die Hälfte der Zuschauer in der Hauptshow sitzt, werden andere durch die Kabinette geführt. Dort trifft man nicht nur auf die eingangs erwähnte Hitler-Gefährtin, sondern auch auf den in stationärer psychiatrischer Behandlung befindlichen Friedrich Nietzsche. Oder man besucht Fatty Arbuckle in seiner Werkstatt, in der er alte Videos schauend von jener Zeit schwärmt, als er berühmter war als Charly Chaplin.

Vielschichtiges Puzzle

Idealiter haben am Ende alle Anwesenden einen anderen Theaterabend verlebt und dürfen in anschließenden Gesprächen versuchen, ihr sequenzielles Puzzle zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen. Gelingt das nicht, ist es auch nicht weiter tragisch. Denn zentral ist die Atmosphäre der Vielschichtigkeit, die durch das facettenreiche Spiel des perfekt getakteten Ensembles entsteht.

blackface4 560 joachimdette uFriedrich Nietzsche und die Damen. © Joachim Dette

Wenn Ernst Haeckel mit seiner giftgrün geglasten Brille in einem der engsten Räume der Villa gemeinsam mit drei übergriffigen Puppen lyrisch die sexuelle Zellenliebe beschwört, dann ist das beklemmend, ja beängstigend. Grotesk mutet es wiederum an, wenn die Hausherrin Clara Rosenthal, erkennbar von einem Mann gespielt, im feuerroten Kleid aus der Schiebetür an der Stirnseite des mit Kronleuchter und Klavier bestückten Teezimmers erscheint und in schwermütiger Anspielung auf ihren Suizid "Dieser Tag wird mein Letzter sein" singt, derweil Hausdame Liebig den Gästen das Heißgetränk in persischen Tassen serviert.

"Jeder tiefe Geist braucht eine Maske"

blackface1 280h joachimdette uSpiel mit Masken. © Joachim DetteMit dem gerade in der jüngeren Vergangenheit wieder heftig debattierten Titelbegriff "Black Face" hat das alles ohnehin fast nichts zu tun. Oder doch? Immerhin kreisen die Reden und mit eingängigen Melodien versehenen Gesangseinlagen der Figuren stets auch um die Frage, welche Funktion den Masken zukommt, die jeder von uns dann und wann aufsetzen muss. Da deklamiert der bereits in geistiger Umnachtung befindliche Nietzsche aus "Jenseits von Gut und Böse": "Jeder tiefe Geist braucht eine Maske"; Meyer berichtet andernorts davon, dass die Plantagenherren den schwarzen Sklaven einst Maulsperrenmasken aufsetzten, um zu verhindern, dass sie Rohrzucker oder Kakaobohnen stibitzten; und eine der lethargischen Puppen murmelt zwischen düsteren Wänden nebulös: "Bisweilen ist die Narrheit selbst eine Maske für ein unseliges Wissen".

Manche werden in all dem eine pompös aufgemachte Kritik an einer ebenso unechten wie unübersichtlichen Welt entdecken, andere über die detailverliebten Kostüme inmitten einer phantastischen Grusel-Komödie staunen, wieder andere werden sich beim Verlassen der prunkvollen Villa einfach nur über einen amüsanten Theaterabend freuen. Dass die Macher diese Vielfalt wollen, verrät ein kleiner Hinweis auf der letzten Seite des Programmhefts, der zugleich als logisches Resümee fungiert. Dort wird eine Dissertation aus dem Jahr 1915 zitiert, die sich unter dem Titel "Die Theaterpolizei" mit der Zensurpraxis auseinandersetzt. Darin enthalten ist der Satz: "Auf den Inhalt des Stücks kommt es nicht an, sondern nur auf die Wirkung".

 

Black Face: Die Villa
von Brigitte Helbling
Regie: Niklaus Helbling, Dramaturgie: Jonas Zipf, Kostüme: Veronika Bleffert, Musik: Johannes Geißer, Felix Huber, Michael Semper, Räume/Video: Elke Auer, Choreografie: Katja Grzam, Artwork: Thomas Rhyner, Produktion: Manuela Wießner.
Mit: Christian Bayer, Ella Gaiser, Johannes Geißer, Felix Huber, Natalie Hünig, Tina Keserovic, Antonia Labs, Benjamin Mährlein, Götz van Ooyen, Michael Semper, Sebastien Thiers, Yves Wüthrich.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause.

Ein Projekt von Theaterhaus Jena und MASS & FIEBER OST in Zusammenarbeit mit der Villa Rosenthal

www.theaterhaus-jena.de

 

Die Blackfacing-Debatte, die die Inszenierung im Titel aufnimmt, entzündete sich im Januar 2012 an der Inszenierung "Ich bin nicht Rappaport" an Didi Hallervordens Berliner Schlosspark-Theater. Zuletzt wurde Sebastian Baumgartens Zürcher Inszenierung der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" anlässlich des Gastspiels beim Theatertreffen im Mai 2013 zum Anlass der Auseinandersetzung.


Kritikenrundschau

"Das beginnende 20. Jahrhundert in Jena, seine prominenten Bewohner und deren Spleens, Industriegeschichte, die Villa Rosenthal und das Schicksal ihrer jüdischen Besitzer verbindet 'Black Face: Die Villa' turbulent und erhellend mit der Frage, wie Kunst sein muss, die nach Brot geht", schwärmt Angelika Bohn in der OTZ (1.6.2013). "Hochprofessionell und staufrei" würde das Publikum durch die "grandiose 'Villa'" geführt. Quintessenz des ganzen: "Bei aller politischen Verflixtheit gibt es keine Denk- und Redeverbote. Reimverbote auch nicht."

Es gehe "um eine Unterhaltungskultur, die sich alles einverleibt: die Natur, politische Geschichte und gesellschaftliche wie individuelle Katastrophen", sagt Hartmut Krug im Deutschlandfunk (31.5.2013). Und es gehe um die Mittel des Spiels: um Verstellung, um Geschlechtertausch, um Einsatz von Masken und Puppen. "Der lebendige Mensch verwandelt sich dabei in theatrales Material für Kunst und Performance." Die Episoden seien nicht immer stringent zusammengebunden, auch überzeugten nicht alle Szenen inszenatorisch. Ein wenig zerfasere der Abend nach mehr als zwei Stunden Anspielungsspiel. Trotzdem: "insgesamt ein ungemein anregender und darstellerisch wie konzeptionell überzeugender Theaterabend."