Scheitern muss sein dürfen

Potsdam, 16. Juni 2010. Für den Berliner Tagesspiegel (16.6.2010) hat Heidi Jäger ein ausführliches Interview mit dem Potsdamer Intendanten Tobias Wellemeyer geführt, der in seiner ersten Spielzeit an der Havel nicht nur mit einem zurückhaltenden Publikum zu kämpfen hatte, sondern vor allem auch die Unterfinanzierung seines Hauses beklagt. Trotz der leicht gestiegenen Zuschüsse der Stadt entstehe ein finanzieller Fehlbedarf, da diese gebraucht würden, um die Tariferhöhungen aufzufangen. Man müsse versuchen, die Einnahmesituation zu verbessern, "indem wir mehr Karten verkaufen oder aber sie teurer machen", auch wenn er das eigentlich nicht wolle. Musical-Bespielung und eine verstärkte Vermietung des Hauses werden diskutiert.

Wellemeyer wehrt sich gegen den Vorwurf, die Potsdamer hätten sich seit Beginn seiner Intendanz vom Theater abgewandt. "Mit seinen Zuschauerzahlen steht das Hans Otto Theater, gemessen an der Stadtgröße, richtig gut da. Besser als Leipzig oder Magdeburg. (...) Es ist einfach nicht wahr, dass es immer schlechter wird." Es sei normal, dass ein Leitungswechsel auch "Wechseldynamiken im Publikum" mit sich bringe. "Wichtig ist eine kontinuierliche Betreuung, so dass wieder neues Vertrauen entsteht."

Auf die Frage, ob er als Intendant manchmal in die Inszenierungen von Kollegen eingreife, antwortet Wellemeyer: "Es braucht manchmal die Korrektur, um Spannungsbögen, Vorgänge und Musikalität zu schaffen. Ich schätze keine Bevormundung. Manchmal sage ich aber auch: Das funktioniert nicht gut. Dennoch spielen wir die Inszenierung und der Kollege muss sich mit den Reaktionen auf den Abend auseinandersetzen." Gleichzeitig plädiert Wellemeyer jedoch auch dafür, bei weniger gelungenen Abenden nicht gleich mit dem Daumen nach unten zu zeigen: Zur Kunst gehöre "auch der Raum für den Versuch und damit für ein Scheitern (...). Wie ein Versuch scheitert und warum, das kann ebenso anregend und sinnlich sein wie ein augenscheinlich stimmiges Gelingen."

Das Konzept, Potsdamer Arbeiten auch in Frankfurt (Oder) und Brandenburg zu zeigen, stehe derzeit "kritisch auf den Prüfstand. Denn in den Theatern, wo es kein Ensemble, keine Dramaturgie, keine Öffentlichkeitsarbeit, keine Freundeskreise, also keine Vermittlungsleistung mehr gibt, kommen auch nur wenige Zuschauer. Das liegt nicht daran, dass die Menschen plötzlich desinteressiert sind. Sie werden einfach nicht abgeholt."

Des Weiteren diagnostiziert Wellemeyer nach einer Phase für Regisseure der "ironisch-intellektuellen Dekonstruktion" eine Sehnsucht "nach Verbindlichkeit und Engagement in sozialen Zusammenhängen"; eine "Rückkehr von Empathie und Mitleidensvermögen", sei zu beobachten. Das Theater sei auf der Suche nach einer "neuen sozialen Aufmerksamkeit". Er glaube "an die Repolitisierung des Theaters und auch daran, dass wir aus der Ironie herauskommen und uns wieder angreifbarer machen". Dabei möchte Wellemeyer nicht einem "Entweder-Oder" das Wort reden. "Künstler sind passionierte Kämpfer und streiten mit Leidenschaft für ihre Interpretationen. Ich fände es bereichernd, verschiedene Optionen nebeneinander zu denken."

 

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