Keine vorsätzliche, nur spontane rechte Gewalt

Magdeburg, 10. Oktober 2007. In Magdeburg hat gestern der Prozess gegen vier vermeintlich rechtsextreme Schläger begonnen. Die vier Männer im Alter von 22 bis 29 Jahren werden von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, fünf Theaterschauspieler in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni in Halberstadt verprügelt zu haben.

Mit "brachialer Gewalt", so zitiert der Berliner Tagesspiegel Staatsanwalt Harald Sehorsch, hätten die vier Angeklagte ihre Opfer geschlagen und getreten, die sie ihres Aussehens wegen der linken Szene zugerechnet hätten.  Einer der Schauspieler hatte einen Nasenbeinbruch erlitten, Freunde von ihm wurden ebenfalls verletzt.

Zu einem Eklat zwischen dem Richter und den Anwälten der Opfer kam es laut FAZ.net, als Richter Horst Seelig "nach Lage der Akten" keinen gemeinsamen Tatplan der Angeklagten erkennen wollte, und deshalb in seinem Eröffnungsbeschluss die Anklage von "gemeinschaftlich begangener Körperverletzung" auf lediglich "gefährliche Körperverletzung" milderte. Die Anwälte der Nebenkläger, schreibt FAZ.net weiter, protestierten: Der Beschluss habe bei ihren Mandanten für Empörung und Erschütterung gesorgt.

Der nächtliche Halberstädter Angriff auf die Schauspieler hatte im vergangenen Sommer bundesweites Aufsehen erregt. Ein Untersuchungsausschuss des sachsen-anhaltinischen Landtages beschäftigt sich derzeit mit einem möglichen Fehlverhalten der zu Hilfe gerufenen Polizei, die, laut Anwalt der Opfer, noch am Tatort zwei vermutlich rechte Schläger entkommen ließ.

Wie der Tagesspiegel weiter berichtet, habe der Anwalt des Angeklagten Christian W. ein langes Teilgeständnis seines Mandanten vorgetragen, in dem viel von verkorkster Jugend und dem Abschied von der rechten Szene zu hören gewesen sei. Die Angaben zu Tat und Mittätern indes seien vage geblieben. Christian W. habe behauptet, er sei aus der Gruppe der Schauspieler provoziert worden und habe zugeschlagen.

Am 14. September 2007 hatte unter anderem das Nordharzer Städtebundtheater Halberstadt, dessen Ensemble die verletzten Schauspieler angehören, zu einem Aktionstag aufgerufen. Unter dem Titel "Auf die Plätze! Die Stadt gehört den Demokraten" war das gesamte Stadtgebiet der 1200 Jahre alten Bischofsstadt mit Tanz, Musik und Theater bespielt worden. Mit dem Aktionstag protestierten Veranstalter und teilnehmende Bürger gegen den Versuch der rechten Szene, durch permanente Gewalt ein "Klima der Angst" zu erzeugen und "offensiv den öffentlichen Raum zu besetzen und freiheitlich demokratische Kräfte zurückzudrängen".

Der Prozess gegen die vier jungen Männer wird heute in Magdeburg, wohin er wegen des großen Medieninteresses verlegt worden war, fortgesetzt.

(Tagesspiegel / jmn)

 
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