Der Fluch des Sees

von Beat Mazenauer

Luzern, 11. Juni 2013. Auf den Bergkämmen erlischt das letzte Sonnenlicht, die Dämmerung setzt ein und Abendkühle senkt sich über die Szenerie, sanft gleiten die Wellen des Sees ans Ufer. So kitschig schön und zugleich prachtvoll kann nur die Kulisse eines Freilichtspiels sein. Sein neuestes inszeniert Volker Hesse in Luzern an den Ufern des Vierwaldstättersees. Vor dem Hintergrund einer erhabenen Naturkulisse entfaltet sich ein archaisches Schauspiel. Es trägt den Titel "Wetterleuchten" und erzählt, wie drei Fremde in ein ärmliches Dorf am See einfallen. Tags darauf sollte der reiche Schiffmeister und Nauenbesitzer die Tochter eines armen Fischers heiraten. Doch dazwischen breitet sich eine Nacht voller Unrast und Unheil aus.

Die Stückvorlage aus der Feder des Autors Beat Portmann situiert dieses Spiel zeitlich unscharf im Dunstkreis zwischen Historie und Gegenwart. In Handlung und Kostümen erinnert es an eine Zeit, als die Reisläuferei grassierte und der Warentransport per Fähre über den See erledigt wurde. Sprachlich jedoch appelliert der Text in zeitgenössischer Mundart unmittelbar an die Erfahrungen der Besucher. Vieles lässt er dabei diskret unausgesprochen zwischen den Zeilen – auch ob am Ende das Gute oder Böse obsiegt und was überhaupt gut, was böse ist.

Unrast kommt übers Dorf

Im Zentrum des Stücks steht eine Dorfidylle, in der bei genauem Hinsehen eine strenge Hierarchie herrscht. Die arrangierte Hochzeit basiert auf sozialer Ungleichheit, Abhängigkeit und patriarchaler Macht. Vor allem letztere wird durch das unvermittelte Auftauchen der drei Fremden, die während vieler Jahre als Soldaten "bei den Wölfen" waren, in Frage gestellt. Doch zwei der drei sind hier gar nicht so fremd. Der eine ist der Sohn einer armen Witwe, der andere sorgt für Gemunkel, weil er einem verunglückten Nauenfahrer gleicht. Angst und Unruhe breiten sich aus, sogar Verbrecherisches wird ruchbar. Beat Portmann lässt viele Themen subtil in sein Stück einfließen, ohne sie über Gebühr auszumalen.

wetterleuchten 2013 luzern 11© Georg AnderhubMit dieser Zurückhaltung kommen Vorlage und Inszenierung leider nicht ideal zur Deckung. Während das Stück Klarheit und Schlichtheit verrät, die eine virulente Spannung schaffen, neigt das Spiel auf der weiten Freilichtbühne zu farbenfrohen Ausschmückungen, denen es mitunter an Zusammenhalt mangelt. Volker Hesse gelingen schöne, eindrückliche, am Schluss symbolisch hoch aufgeladene Bilder, die einen Hang zum Anekdotischen verraten, aber auch im Eigensinn stecken bleiben.

Ähnliches gilt stellenweise auch für die Musik, insbesondere wenn sie angespannte Momente vorschnell mit einfachen Volksliedern auflöst und so um ihre Dringlichkeit bringt. Und es gilt für einige Szenen mit dem großen Ensemble, dessen Spiel unentschieden zwischen Realismus und Abstraktion bleibt. Beispielsweise in der Kernszene, als die drei Fremden mit dem Nauen anlanden und sich unvermittelt mit einer neugierigen, furchtsamen Volksmenge konfrontiert sehen. Das Getuschel über das Wer Was Woher der Neuankömmlinge verliert sich im Durcheinander der Einzelstimmen, ohne dass es sich zu einem mächtig raunenden Ganzen steigert.

Während die Zuschauer zu Beginn durch eine Gasse von Wäscherinnen langsam die Tribüne betreten und ihre Plätze einnehmen, formen sich das Singen der Frauen und das Schlagen der Wäsche zu einem stimmigen Chor. Auch diese Einheit zerfällt jedoch mit Beginn der eigentlichen Handlung. Während die vorwitzige Fischertochter Anna die reiche Fährfrau Margrith mit kecken Sprüchen herausfordert, fallen die Mitglieder des "Chors" in je eigene Rollen zurück, und konkurrenzieren so die knisternde Spannung zwischen den Protagonistinnen.

wetterleuchten 2013 luzern 09© Georg Anderhub

Intensives Zusammenspiel

Das Ensemble von "Wetterleuchten" setzt sich zu großen Teilen aus Laienschauspielern zusammen, zu denen sich einige Profischauspieler aus unterschiedlichsten Sparten gesellen. Dass sie in den intensivsten Momenten auch zu einer Einheit zusammenfinden, beweist die nächtliche Szene, als sich das Unheil ankündigt und in einem doppelten Tabubruch Bahn bricht: Anna wird geschändet und die Muttergottes-Statue entweiht. Die besoffene Wut der Soldaten bricht wie ein irrationaler Furor über die Dorfbevölkerung Dorf herein, die darob in einen Stupor verfällt und sich wie ein einziger Körper im Rhythmus der Wellen sachte hin und her zu wiegen beginnt. Solange, bis einer der Fremden, der nie spricht und nur singt, den Rhythmus mit seinem wilden Gesang beschleunigt und die Menge in kreisende Wallung bringt. In solchen Szenen funktioniert das Zusammenspiel von Einzelrolle und Chor auf bewegende Weise.

Stephan Manteuffel hat die kleine Bucht gleich unterhalb des historischen Hauses, in dem Richard Wagner zwischen 1866 und 1872 wohnte und wirkte, zur Bühnenarena umgebaut. Sie bildet einen vielfältigen Spielraum, den Volker Hesse mit Sinn für beeindruckende Bilder und symbolische Gesten ausgiebig nutzt. Schiffe landen an, die Schauspieler reagieren ihre Ängste und ihre Wut im Sand des Strandes ab oder steigen dafür ins (noch recht kühle) Wasser, der Chor lässt sich von allen Seiten vernehmen, selbst eine nah gelegene Schifflände wird mit einbezogen. Und im Dunkel des Sees schnattern vereinzelte Enten, sachte plätschern die Wellen.

 

Wetterleuchten 
Stück von Beat Portmann, in Luzerner Mundart 
Regie: Volker Hesse, Bühne / Kostüm: Stephan Manteuffel, Gewandmeisterin: Barbara Medici, Musikalische Leitung: Christoph Baumann. 
Mit: Walter Sigi Arnold, Bruna Guerriero, Roman Heggli, Joel Kammermann, Nicole Lechmann, Enio Mendes junior, Laia Sanmartin Guirado, Verena Stämpfli Meier, Jeanine Ueberschlag u.v.a. 
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.freilichtspiele-luzern.ch

 

Kritikenrundschau

"Je mehr am Spielort der Tag der Nacht weicht, desto dunkler wird die Geschichte", so die Kritik in der Neuen Luzerner Zeitung (13.6.2013). Der Heimatstilrealismus weiche einem düsteren Surrealismus, "wahnhaft tanzen die in Aufruhr geratenen Dorfbewohner im Fackellicht, der jüngste Tag scheint gekommen". Beat Portmann breite die Geschichte um ein Dorfgeheimnis als Sittengemälde aus. Der Preis dafür sei, dass das Stück episodenhaft ausufere und im Fortgang etwas gebremst werde. Aber trotz der Weite der Bühne "bringen Volker Hesse und sein Team eine für ein Freilichtspiel intime und konzentrierte Inszenierung zustande".

In diesem Mundartstück sei vieles genau so, wie man es kenne, "die Menschen sind arm, dumpf und gottgläubig, ihr Miteinander ist von starken Affekten bestimmt", so Andreas Tobler (Basler Zeitung, 13.6.2013) der findet: "Mit uns haben diese Figuren nichts zu tun. Sie sind vielmehr unser Gegenteil". Insofern könne man es kunstvoll nennen, dass Volker Hesse mit seiner Uraufführung einen scharfen Kontrast zwischen dem fiktiven Einst und dem realen Heute herstelle. "Eine spezifische Erfahrung mit der Natur und dem Text macht er damit nicht möglich. Das liegt an Hesses Regiestil, mit dem er immer und alles mit der Kraft einer Dampfwalze auf die Bühne bringt: Trotz Mikroports, die Feinheiten in der Aussprache erlauben würden, werden bei ihm alle Zwischentöne plattgemacht."

 

 
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