In die Leere getropft

9. Juli 2024. Die Tränen in den Augen des Bundestrainers nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft haben Millionen Menschen gerührt. Im Theater gilt dagegen noch immer der Imperativ: Glotzt nicht so romantisch! Hat er uns taub gemacht?

Von Esther Slevogt

9. Juli 2024. Manchmal neide ich dem Fußball die Macht, die dieser Sport über die Gefühle der Menschen hat, speziell aus der Perspektive der in den letzten Jahrzehnten so stark ausgenüchterten Kunstform Theater. Auch wenn die Autokorsos nach den Spielen, die die nationalen Communities der jeweiligen Sieger in den Städten (und auch in meiner Nachbarschaft) veranstalten, mich oft auch schaudern lassen, ungeschönt, wie da immer eher aggressiv als euphorisch chauvinistischer Nationalismus ausgestellt wird. 

Von Gemeinsinn und Glauben

Doch wie der Fußball das Publikum mitfiebern lässt, wie seine Helden selber mit ihren Tränen ein Massenpublikum rühren: die Tränen von Julian Nagelsmann bei der Pressekonferenz zum Beispiel, wo er trotz des Ausscheidens der Deutschen Nationalmannschaft aus dem EM-Turnier einigende wie versöhnliche Worte fand. Wie er da vom Gemeinsinn und dem Glauben an Zusammenhalt sprach. Von den Fans und seinen Spielern.

Worte an "das Land", das sogenannte, dessen Bewohnerinnen und Bewohner er offenbar auch in viel stärkerem Maß erreichte, als viele Politiker mit ihren "Es muss ein Ruck durchs Land gehen"-Reden. Oder das Theater mit seiner oft so beflissenen Art, Trends und Haltungen hinterherzulaufen. Worte, die der Bundestrainer durch echte Nagelsmanns-Tränen zu beglaubigen wusste, wie zuvor schon Ronaldo, als er den Elfmeter im Spiel gegen Frankreich verschoss.

Taub für die eigene Kunstform?

Doch wo ist diese Gefühlsmacht des Theaters eigentlich hin? Dass wir nicht so romantisch glotzen sollen, ist ja ein Imperativ des zeitgenössischen Theaters. Aber besteht der überhaupt noch zu Recht? Hat uns dieser Imperativ am Ende nicht sogar taub für die eigene Kunstform gemacht? Gibt es nicht eine ungeheure Sehnsucht nach diesem romantischen Glotzen in all der ideologischen Kälte um uns herum? Und sind es am Ende dann die Tränen der Fußball-Helden, die in diese Leerstelle tropfen? Aber das sind natürlich ganz unzulängliche Überlegungen am Ende einer Saison, die mit dem 7. Oktober begann und nun mit der Europameisterschaft langsam zu Ende geht.

Vielleicht sind diese Nagelsmann-Worte ja auch ein fernes Echo auf Fabian Hinrichs und René Pollesch, die im Februar 2024 mit dem allerschönsten und allertraurigsten Theaterabend der Saison noch den Befund "ja nichts ist ok" quasi ästhetisch beglaubigt hatten. Dieser herzzerreißende Hilferuf, mit dem alles begann, diese verzagten wie verstörten verschiedenen Bewohner unserer heillosen Gegenwarts-WG, die der Schauspieler Fabian Hinrichs in so hinreißend verhuschte Gefühlsgewänder hüllte.

Gewonnen, obwohl verloren

Beim gemeinsamen Applaus nach der Premiere hatte Fabian Hinrichs Polleschs Arm in die Höhe gerissen, wie der Trainer den Arm eines Boxers, den er zum Sieger erklärt. "Du hast es geschafft!" konnte man diese Geste damals deuten. Die Proben mussten ja für längere Zeit unterbrochen werden. Nun war dieser Abend doch herausgekommen. Mit all seiner Trauer, seinem Schmerz, über die Zeit und die Ohnmacht, darin noch irgendetwas fühlen zu können. Denn es war eben nichts ok. Nicht mal zwei Wochen später ist René Pollesch gestorben.

Jetzt reißt also Julian Nagelsmann unseren Arm hoch, erklärt uns zum Sieger, obwohl wir verloren haben. Mit der Kraft der Illusion und der Macht der Behauptung, zu dem sich das Theater nur noch selten durchringen kann.

 

Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben

Esther Slevogt

Esther Slevogt ist Chefredakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

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Kommentare  
Kolumne Slevogt: Wir haben es in der Hand
Die Kraft der Illusion und die Macht der Behauptung auf die so viele im zeitgenössischen Theater nicht mehr setzen ist glaube ich einer der Gründe warum Zuschauer:innen fern bleiben bzw. ihnen das Theater fremd bleibt. Künstler:innen und Kritiker:innen, ihr habt es selbst in der Hand diese Kraft und Macht wieder zu einer zu machen bzw. sie als solche in die Gesellschaft zurückszuspielen!
Kolumne Slevogt: In die Leere
Sie haben vollkommen Recht. Zeit, dass sich was dreht!
Kolumne Slevogt: Sehen, nicht glotzen
Romantische Gefühlslagen, in denen man sich befinden kann undoder die man sich ersehnt und Glotzen sind ja zwei unterschiedliche Dinge. "Glotzen" ist nicht "Sehen" oder "Schauen", und "Romantik" ist nicht gleich "Harmonie". "Glotzen" ist ein eher erstarrtes Sehen, eines, bei dem man nicht gleichzeitig denken kann undoder Gefühlslagen differenziert nachspüren.
"Romantik" ist ein gewisser Luxus, weil man es sich in einer ästhetisierten Disharmonie gemütlich machen kann, ohne den lästigen Antrieb, ihr durch Handeln entkommen zu wollenzumüssenzusollen.
Brecht war halt ein Dichter, der konnte so komplizierte Sachverhalte mal eben in vier Gedächtnis zwingende Worte packen, die nicht auseinanderzuklamüsern sind, ohne eine gewisse geistige und emotionale Bemühung, die dann Erfahrung generiert...
Is halt schwer, Dichter zu spielen, muss man schon in echt sein, wenn man diese Wirkung in die Gesellschaft hinein erzielen möchte.
Weil diese schlichte Wahrheit im egalisierungssüchtigen Theater- und Literaturbetrieb heute so schwer ertragen wird, begnügt man sich sehr gern mit Fuißballtrainern, denen die Töppen bis ins Auge drücken. Jo mei...
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