Denn wovon lebt der Mensch?

2. Juli 2024. In der Justizvollzugsanstalt in Berlin-Tegel leistet das Gefangenentheater aufBruch seit langem herausragende Arbeit. Jetzt hat der Regisseur Peter Atanassow mit dem Gefangenenensemble Brechts "Dreigroschenoper" inszeniert. Begleitet von Musikern der Berliner Band 17 HIPPIES. Ein Besuch.

Von Janis El-Bira

2. Juli 2024. Der Paragraf 3 des Strafvollzugsgesetzes beginnt mit einem Satz mit Spielraum: "Das Leben im Vollzug soll den allgemeinen Lebensverhältnissen soweit als möglich angeglichen werden." Gut ließe sich diskutieren, was diese "allgemeinen Lebensverhältnisse" ausmacht, denen die Wirklichkeit hinter Gittern angenähert werden soll.

Zumindest über die Ausstattung der Hafträume und die Kleiderordnung gibt der Internetauftritt des Berliner Justizvollzugs Auskunft. Privatkleidung nämlich ist den Häftlingen – das mag erstaunen – gemeinhin erlaubt, zusätzliche Einrichtungsgegenstände in der Zelle sind es hingegen nicht. Mit den Mobiliarklassikern "ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch und ein Schrank" scheinen die "allgemeinen Lebensverhältnisse" hinreichend angedeutet. Immerhin: Die elektrifizierte Moderne darf in Form von Kaffeemaschinen, Wasserkochern oder TV-Geräten Einzug halten, unterliegt aber der Genehmigungspflicht. Die "allgemeinen Lebensverhältnisse" bleiben für Menschen im Gefängnis also eher die Verhältnisse aus einem anderen Leben.

Vergitterte Korridore und Lochblechtreppen 

Als Besucher*in eines Gefängnisses erfährt man nur einen denkbar milden Eindruck der völligen Parallelwelthaftigkeit dieses Anstaltswesens. Vergangene Woche lege ich am Zufahrtstor der alten und auch literarisch verewigten JVA in Berlin-Tegel Smartphone, Portemonnaie, Schlüssel und Sonnenbrille (denn nur geschliffene Gläser sind drinnen erlaubt) in einen UV-ausgeblichenen Spind. Ich nehme meinen Ausweis wie einen magischen Gegenstand in die hohle Hand und bewege mich damit von Schleuse zu Schleuse, von einem prüfenden Blick zum nächsten. Türen öffnen sich erst, wenn andere sich wieder geschlossen haben. In kleinen Kabinen wird man hinter blauen Vorhängen gründlich abgetastet.

Man geht durch vergitterte Korridore, die wie Wildtiergehege aussehen, und auch durch stillgelegte Trakte, die mit ihren Lochblechtreppen und durch Fangnetze voneinander getrennten Ebenen an die Knaste aus amerikanischen Filmen erinnern. In den Netzen liegen noch Dinge, die hier einmal gelandet sind und deren Entfernung aus vielen Metern Höhe jetzt zu mühselig erscheinen muss. Ich entdecke eine noch eingeschweißte Scheibenwurst. Egal, wo man steht oder geht, ist jedenfalls eines immer gewährleistet: Man kann von allen Seiten sehr gut gesehen werden.

Hauch der Ergriffenheit

Ich bin nicht alleine hier, sondern in einem ganzen Pulk von Menschen. Und dementsprechend natürlich auch nicht auf Haftbesuch, sondern für eine ganz herausragende Version der "Dreigroschenoper", die das seit Jahrzehnten tolle Arbeit leistende Gefangenentheater aufBruch hier unter offenem Himmel im Freiganghof des alten Trakts zeigt. Herausragend nicht nur, weil der Professionalisierungsgrad der spielenden Häftlinge kaum zu glauben ist, sondern weil dieses Stück vielleicht nirgendwo authentischer zur Aufführung gelangen könnte als hier – so prunkvoll eben, wie nur Gefangene es erträumen können. Wenn just während der Hochzeitsszene das Läuten von Kirchenglocken (sind es die der großen Anstaltskirche?) herübergeweht wird, scheinen selbst die Mitwirkenden von einem Anflug der Ergriffenheit erfasst. In Momenten wie diesen stellt sich etwas – man darf es vielleicht Schönheit nennen – zwischen die Männer mit ihren Biografien der schlechten Entscheidungen und die sie strafende Anstalt, die ihre eigene pragmatistische Hässlichkeit als Teil dieser Bestrafung zu inszenieren scheint.

Ohne Spielraum

Dabei ist das hier gar nicht alles hässlich. Die Innenhöfe wirken bestens gepflegt, die Beamt*innen der JVA sind (wenigstens zu uns) ausnahmslos sehr freundlich und während wir über das Gelände zur Spielstätte geführt werden, treiben viele Gefangene in der sengenden Sonne Sport mit von Schweiß glitzernden Oberkörpern. Manche von ihnen kommen ans Gitter, wünschen viel Spaß beim Theater, andere winken uns zu. Irgendwie beschämt ob der eigenen Freiheit winkt man ungelenk zurück. Mindestens mit jenen, die hier gleich für fast zweieinhalb Stunden auf der Bühne stehen, wird man sich am Ende der Vorstellung verbunden fühlen. Was sie getan haben und warum sie hier sind, ist an diesem Abend nicht entscheidend, aber auch nicht vergessen. Kurz nach Aufführungsende folgt für sie der Einschluss. Das bleibt ein Satz ohne Spielraum.

Kolumne: Straßentheater

Janis El-Bira

Janis El-Bira ist Redakteur bei nachtkritik.de. In seiner Kolumne Straßentheater schreibt er über Inszeniertes jenseits der Darstellenden Künste: Räume, Architektur, Öffentlichkeit, Personen – und gelegentlich auch über die Irritationen, die sie auslösen.

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Kommentare  
Kolumne El-Bira: Freude
Ich freue mich, dass nachtkritik die Arbeit in Tegel so würdigt, es ist "meine" beste Dreigroschenoper seit wie sie im Theater Nordhausen (Ursula Karruseit) 1996 gesehen haben: hier gehört sie hin. danke
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