Vom Zauber des schönen Spiels

21. Mai 2024. Die Fussball-EM steht vor der Tür und viele Spielpläne lassen den Wunsch der Theater spüren, einige Krümel vom großen Fußballkuchen abzubekommen. Doch der paradoxe Wunsch, einerseits Teil einer Massenkultur und zugleich deren kritisches Korrektiv sein zu wollen, produziert auch Kuriositäten.

Von Janis El-Bira

21. Mai 2024. Wie ein Wildtier nach dem Winterschlaf. So kam mir vor etwa einer Woche das erste Auto auf Berlins Straßen vor, das diese Dinger wieder anmontiert hatte: Schwarzrotgoldene Fähnchen, links und rechts der Frontscheinwerfer. Ganz entwöhnt vom Anblick dachte ich für einen Augenblick, der Bundespräsident sei unterwegs, aber vermutlich fährt der keinen angekatschten Opel Corsa.

Quatsch: Ein Vorbote der "Heim-EM" rollte da vorbei, etwas verfrüht entflammt in seiner Liebe. Geschenkt, es war schließlich die Zeit der skurrilen Nominierungswelle für den Nationalmannschaftskader, deren häppchenweisen Mini-Inszenierungen jede für sich einen Platz in dieser Kolumne verdient gehabt hätten. Da wird die Beflaggung natürlich gerne wieder aus der Kiste geholt.

Patriotismus-Schrittmacher? Rechtsruck-Beschleuniger?

Viel ist über das neue Deutschlandfähnchen-Flattern geschrieben und gesagt worden. Darüber vor allem, wie die WM 2006 das überhaupt erst wieder möglich gemacht haben soll und wie sich mit ihr sowieso einiges verändert und verschoben hat in diesem Land. Weil die Fahnen nach den folgenden Turnieren gefühlt immer länger am Auto und an den Balkonen steckten. Und weil es so putzig wirkt, wenn sie dann mit jedem neuen Fußballanlass rußiger und angeschmodderter aussehen, weil wir unsere Wedel jetzt auch so hoch und hehr halten wollen wie andere. Wegschmeißen verboten.

Der Fußball als Patriotismus-Schrittmacher und Rechtsruck-Beschleuniger, das ist sowieso die schnöde-öde Standardanalyse zu jedem großen Turnier, aber natürlich gerade jetzt, wenn wieder eines in Deutschland stattfindet. Diesmal aber, scheint es, will man die Sache lieber gleich einhegen. Wenigstens in Berlin kündigt sich die EM bisher eigentlich gar nicht an. Dabei gibt es zwar eine eigene "Host City"-Werbekampagne. Deren Ästhetik allerdings kommt so austauschbar daher, als sei der Stadt die ganze Veranstaltung relativ unangenehm.

Schaumgebremste Vorgeplänkel

Ähnlich kurios sieht das auch bei den Theatern aus. Deren aktuelle Spielpläne lassen überall den Wunsch spüren, einige Krümel vom großen Fußballkuchen abzubekommen, sagen aber gleichzeitig, dass sie für affirmatives Gekuschel mit dem Mega-Event nun wirklich gar nicht zu haben sind. Eine Premiere mit explizitem Fußball-Bezug genau am Abend des von der deutschen Mannschaft bestrittenen Eröffnungsspiels? Mancherorts offenbar keine abwegige Idee – und wer trotzdem vor der Glotze hängen bleibt, hat das Theater eben nie geliebt.

Unglaublich gerne Teil einer Massenkultur und zugleich deren kritisches Korrektiv sein zu wollen, das zeigt sich selten so deutlich und so zwiegespalten wie am Verhältnis der Theater zum EM-Event. Was stellvertretend für das komplizierte Selbstverständnis der Theater erscheint – also "für alle" und gleichzeitig für nichts Einzelnes stehen zu wollen –, ist vielleicht umso mehr symptomatisch für ein Land, das dem vermeintlich einigenden Zauber des schönen Spiels inzwischen längst nicht mehr so traut wie vielleicht noch 2006. Wer würde auch den Glauben aufbringen, dass ein Fußballturnier in diesen Zeiten überhaupt irgendetwas, geschweige denn etwas zum Guten verändern könnte? Ziemlich schaumgebremst erscheint folglich das Vorgeplänkel zum deutschen Fußballsommer.

Berührung Glückssache

Als versuche man, die bösen Geister durchs kulturelle Begleitprogramm von der unkontrollierten Ausbreitung abzuhalten. Vermutlich wird es am Ende aufs Gewohnte hinauslaufen: Die im Theater werden behaupten, von dem ganzen Trara dringe eh kaum etwas zu ihnen durch. Die anderen bappen eben die Fähnchen ans Auto. Gelegentliche Berührungen: Glückssache.

Kolumne: Straßentheater

Janis El-Bira

Janis El-Bira ist Redakteur bei nachtkritik.de. In seiner Kolumne Straßentheater schreibt er über Inszeniertes jenseits der Darstellenden Künste: Räume, Architektur, Öffentlichkeit, Personen – und gelegentlich auch über die Irritationen, die sie auslösen.

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