Irrfahrt mit Geflüchteten

16. Juni 2024. Wie erzählt man Heldengeschichten? Laut und krachend oder in leisen Tönen? Eva Lemaire setzt mit der Uraufführung "Heimatlos auf hoher See" auf Letzteres. In ihrem Abend über die Irrfahrt der St. Louis im Jahr 1939 mit über neunhundert jüdischen Geflüchteten an Bord, die kein Land aufnehmen wollte, wird das Publikum zum Beobachter.

Von Susanne Greiner

"Heimatlos auf hoher See. Die Irrfahrt der St. Louis" an der Würtembergischen Landesbühne Esslingen © Patrick Pfeiffer

16. Juni 2024. Wir machen es anders, beschloss offenbar die Esslinger WLB. Nicht Daniel Kehlmanns "Reise der Verlorenen", sondern ein neues Stück, "Heimatlos auf hoher See", soll hier die Geschichte der St. Louis erzählen, die 1939 mit 937 von keinem Land gewollten jüdischen Flüchtlingen über die Meere irrt.

Hatte sich Kehlmann in seinem 2018 in Wien uraufgeführten Stück den Dokuroman "Voyage of the Damned" als Vorlage genommen, bedient sich der Esslinger Dramaturg Alexander Schreuder nun des Doku-Fernsehfilms "Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis" von Susanne Beck und Thomas Eifler. Während Kehlmanns Fassung dichtgedrängt mit über zwanzig Rollen möglichst viele Schicksale samt politischer Ereignisse jener Zeit in hohem Tempo emotional anfasst, konzentriert sich Schreuders Version auf die Person des Kapitäns Schröder und auf das Schicksal von drei Passagieren: Stella und Walter Seligmann und ihre Tochter Leah. Eine ruhige, teilweise statische Fassung. Reduziert, nahezu kühl. Und auf Distanz bedacht.

"Keiner will die Juden"

Es ist der 13. Mai 1939, als das HAPAG-Passagierschiff St. Louis Hamburg verlässt. Die Passagiere haben für Visa und eine Passage gezahlt – samt Rückreisedepot, das niemand in Anspruch nehmen wird: Es wäre für jeden der sichere Tod. Eigentlich soll die Reise nach Kuba gehen, aber der kubanische Präsident verbietet die Anlandung. Auch Roosevelt weist die Geflüchteten ab: Wahlen stehen vor der Tür, da machen sich noch mehr neue US-Bürger nicht gut. Kanada verweigert die Anlandung, ebenso Panama, Argentinien: "Keiner will die Juden", sagt die neunjährige Ava, eine junge Passagierin an Bord.

Ist diese Passage des Flüchtlingsschiffs nur ein Propagandatrick der Nazis und ihr Scheitern eingeplant? Wenn ja, grätscht jetzt Kapitän Gustav Schröder dazwischen. Anstatt seine 'Fracht' wie befohlen wieder nach Hamburg zu bringen, will er sein Schiff vor Großbritannien havarieren lassen, um seine Passagiere zu retten. In letzter Sekunde kommt die Nachricht, dass Belgien, Frankreich, Großbritannien und die Niederlande bereit sind, die Passagiere aufzunehmen. Dennoch überlebt fast die Hälfte dieser Geretteten den Holocaust nicht.

Heimatlos auf See 3 CPatrickPfeiffer u7158Christian A. Koch als Kapitän an Bord der St. Louis mit seinen herumirrenden Passagieren © Patrick Pfeiffer

Schreuders Version in der Regie von Eva Lemaire beleuchtet vor allem die Figur des Kapitäns. Warum widersetzt sich das NSDAP-Mitglied den Befehlen? Eine Erklärung findet sich in seiner Korrespondenz mit dem behinderten Sohn Rolf. Ihm schreibt der Kapitän jeden Tag eine Postkarte. Am Anfang noch normales Vater-Sohn-Geplänkel, wird der Inhalt dieser Karten immer offener, ehrlicher, von Zweifeln geprägt. Hier kann Christian A. Koch seiner Figur emotionale Tiefe geben: Der Kapitän wird verletzlich. Ein Sprung, den dieser Schauspieler deutlich gegen die sonst stets gefasste Ruhe des Kapitäns setzt.

Figuren in Erzählerrollen

Eine weitere zentrale Figur ist Stella Seligmann. Eva Dorlaß spielt sie etwas zu leise, trumpft dafür als die von ihr ebenfalls gespielte Tochter Leah auf. Beeindruckend auch Elif Veyisoglu: Ihr Mädchen Ava zeichnet sich durch eine ergreifende Mischung aus Trotz und Unsicherheit aus. Ava schlüpft auch in die Erzählerrolle. Zu einer direkten Interaktion mit dem Publikum kommt es trotzdem nur einmal. Das Stück bleibt in seinem distanzierten Rahmen. 

Eher unauffällig ist Ortsgruppenleiter und Stewart Otto Schiendick. Kim Patrick Biele hätte seiner Figur durchaus mehr Kanten geben können. Ähnlich undeutlich bleibt auch Marcus Michalski als Stellas Mann Walter. Stärker gezeichnet ist die Figur des 1. Offiziers Ostermeyer: Schröder und ihn verbindet am Ende eine Art Freundschaft. Reyniel Ostermann spielt diesen 1. Offizier mit einer überzeugenden Mischung aus Gehorsam und ehrlichem Interesse an den Ereignissen. Gerne öfter gesehen hätte man Oliver Moumouris als Anwalt Ernst Loewe: eine Figur, die auch mal lauter sein darf.

Heimatlos auf See 1 CPatrickPfeiffer uChoreografie des Verlorenseins © Patrick Pfeiffer

Bühne und Kostüme von Nora Johanna Gromer sind klar, aber zurückhaltend. Eine Schiffswand samt Bullaugen, die aus dem Blau des Horizonts sticht. Die dramatische Stimmung, die beim Kurs zurück nach Europa aufkommt, findet eine fast poetische Entsprechung im Bühnenbild: Während die Schauspieler:innen mit Fäusten gegen die Schiffswand trommeln, lösen sich einzelne Wellenkämme, blaue Stoffbahnen sprühen Gischt. Ein lebendiger Moment, der sich in den Pantomime-Tanz-Bewegungsszenen spiegelt: wenn sich die Schauspieler:innen wie Wellen – und fast wie ein Chor – im Gleichklang wiegen. Oder wenn sie voll kindlicher Freude die erste Möwe vor Kuba begrüßen – nicht ahnend, dass ihrem Glück längst Steine den Weg versperren und sie hier niemals ankommen werden.

Bilder im Kopf

"Heimatlos auf hoher See" verzichtet auf 'emotional laute' Narrative. Nicht einmal der Entschuldigung des kanadischen Premiers Justin Trudeau von 2018 für das Verhalten des Landes damals gibt Schreuder den Raum, den sie in der Vorlage von Eifler und Beck noch einnimmt. Der Abend setzt auf klassisches Erzähltheater und vermeidet aktuelle Bezüge. Sie stehen ohnehin unübersehbar im Raum. Letztendlich ist es eine Geschmacksfrage: fiebert man lieber emotional gepackt mit einer Geschichte mit oder beobachtet sie eher vom Rand aus. Zu viel Distanz verhindert allerdings, dass sich Bilder im Kopf festsetzen. So ist die Frage offen, was auf Dauer bleibt.

Heimatlos auf hoher See. Die Irrfahrt der St. Louis
Bühnenbearbeitung von Alexander Schreuder nach dem Drama "Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis" von Susanne Beck und Thomas Eifler
Uraufführung
Regie: Eva Lemaire, Bühne & Kostüme: Nora Johanna Gromer, Dramaturgie: Sarah Frost, Alexander Schreuder, Choreinstudierung: Steffi Bade-Bräuning.
Mit: Christian A. Koch, Eva Dorlaß, Marcus Michalski, Oliver Moumouris, Elif Veyisoglu, Reyniel Ostermann, Kim Patrick Biele, Greta Bald, Mia Peter.
Premiere: 15. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

wlb-esslingen.de

Kritikenrundschau

"Nicht die Psychologie der Figuren macht hier schauspielerische Qualität aus, sondern die Reibung von dokumentarischer Distanz und traumatherapeutischer Rollenpantomime, die als Bewegungschor wie mit jüdischen Gebetsgesten beginnt", berichtet Martin Mezger in der Stuttgarter Zeitung (17.6.2024). Regisseurin Lemaire entfalte damit "größere Intensität als mit brüllender Drastik".

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