Lost in Las Vegas

19. Mai 2024. Im "Kafka-Mania-Jahr" 2024 darf natürlich auch das berühmte Romanfragment vom "Verschollenen" nicht fehlen. Viktor Bodó verknüpft es mit der Biografie des Autors und begleitet den Protagonisten Karl Roßmann durch eine Las-Vegas-Revue der Merkwürdigkeiten. 

Von Steffen Becker  

Franz Kafkas "Amerika" in der Regie von Viktor Bodó am Schauspiel Stuttgart © Thomas Aurin

19. Mai 2024. Nicht lange vor seinem Tod schrieb Franz Kafka in einem Brief über den Anblick einer Auswanderer-Gruppe in Prag: "Wenn man mir freigestellt hätte, ich könnte sein was ich will, dann hätte ich ein kleiner ostjüdischer Junge sein wollen, ohne eine Spur von Sorgen (…), und in ein paar Wochen wird man in Amerika sein."

Bekanntlich wurde es nichts mit der Emigration. Prag hatte sich als "das Mütterchen mit Krallen" erwiesen, als das es Kafka immer beschrieben hat. Die Inszenierung des Romanfragments "Amerika" in Stuttgart greift als Vorspiel seinen Wunsch, sich "in die Welt auszubreiten", trotzdem auf.

Bis der Kragen platzt

Man sieht einen Saal mit Tischen an Stahlseilen aufgehängt – unschwer erkennbar dem kafkaesken Dasein und Brotberuf als Versicherungsangestellter nachempfunden. Mit Lampe und Schreibmaschine und sehr vielen grauen Menschen, die nach und nach daran Platz nehmen. In einer Einstellung so quälend lang, dass sogar der Souffleuse der Kragen platzen muss und sie das Textbuch auf die Bühne knallt. Bis die grauen Menschen als Chor in einzelnen Buchstaben das Sehnsuchtswort A-M-E-R-I-K-A intoniert haben und ein Bote dem Angestellten Josef K. (haha) ein Päckchen aus New York überreicht, vergeht dann immer noch eine Weile: Die Kohlen unter den Zuschauersitzen glühen und brennen ins Bewusstsein, dass aus dieser Reise nichts Gutes erwachsen wird.

Amerika 5 CThomasAurin uIn einem nebulösen Amerika: Das Stuttgarter Ensemble auf Zita Schnábels Bühne © Thomas Aurin

"Amerika" bzw. "Der Verschollene" ist die Geschichte eines sozialen Abstiegs. Der sprichwörtliche reiche Onkel in Amerika verstößt den Protagonisten Karl Roßmann nach kurzer Zeit. Nicht besser ergeht es ihm als Hotelpage oder als Fußabtreter im Haushalt einer Sängerin. Karl versteht einfach nicht, wie die "Dinge funktionieren" in der Fremde. Während der Ansager der Szenen (Simon Löcker) zunehmend verzweifelt, begegnet Karl seinen Mitmenschen auf jedem Schritt nach unten weiterhin mit Offenheit und Güte. David Müller spielt das mit einer begeisterten, aber nie peinlichen Naivität. Die Absurdität der Geschichte entfaltet sich mit ihm einfach durch den Gegensatz, dass die Figur rechtschaffen und aufrichtig sein will, aber in eine Welt voll Gier, Lug und Trug geworfen wird. Müller alias Karl bewegt sich durch sie mit immer neuem Erstaunen – ohne dabei als Trottel vorgeführt zu werden oder in Slapstick abzugleiten.

Fall aus der Rolle 

Dem Impuls zu letzterem gibt die Inszenierung von Viktor Bodó an anderer Stelle durchaus nach. Szenen werden willkürlich durch elektronische Musik und Farbprojektionen unterbrochen. Schauspieler fallen aus der Rolle und kommentieren die Rampenkonstruktion der Bühne (von Zita Schnábel) als Symbol für Unendlichkeit – die aber eigentlich wie eine "verkackte Skipiste" aussehe. Das wirkt – wie auch mancher arg frenetischer Schauspielansatz – stellenweise arg bemüht. Offenbar geboren aus dem Ansatz, eine dem Sujet Amerika angepasste Las-Vegas-Revue kafkaesker Merkwürdigkeiten auf die Bühne zu bringen.

Kampf gegen Papierberge

Zum Schluss kriegt die Inszenierung jedoch die Kurve. Die schwierigste Herausforderung des Romans meistert sie elegant. Das Fragment "Amerika" endet ohne Anbindung an die übrigen Szenen und ohne klaren Schluss mit dem Casting für ein "Naturtheater Oklahoma". Regisseur Bodó inszeniert das als eine Art Stellprobe – das Ensemble tollt über die Bühne, eine Gruppe jammt in einer Ecke, während Arbeiter am Bühnenbild herummontieren. Währenddessen kämpft Karl mit dem bürokratischen Papierberg für sein Naturtheater-Engagement. Just an dem gleichen Tisch, an dem zum Vorspiel des Stücks der Büroleiter von Josef K. saß.

Bodó betont damit in einem Bild das offene, auszuarbeitende Ende von Amerika und schafft die Klammer zur Biografie Kafkas und dessen Emigrations-Sehnsucht. Letzteres ist im Kafka-Mania-Jahr 2024 ein cleverer Schachzug.

Amerika
Von Franz Kafka
Regoie: Viktor Bodó, Bühne: Zita Schnábel, Kostüme: Dóra Pattantyus, Musik: Klaus von Heydenaber, Dramaturgie: Ingoh Brux, Anna Veress.
Mit: Therese Dörr, Teresa Annina Korfmacher, Simon Löcker, Reinhard Mahlberg, Marco Massafra, Marietta Meguid, Peer Oscar Musinowski, David Müller, Celina Rongen, Michael Stiller.
Premiere am 18. Mai 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

Kritikenrundschau

"Eine der besten Romanadaptionen seit langer Zeit" hat Otto Paul Burckhardt von der Südwest Presse (21.5.24, €) gesehen. "Gut, das Labyrinthhafte, Ausweglose in Kafkas Prosa kommt zu kurz", räumt der Kritiker ein. Dafür setze Victor Bodó "auf opulentes Theater, auf unterschätzte Komik-Anteile, ohne das Dunkel-Tragische zu verraten". So werde "Amerika" zur "Kintopp-Groteske, poetisch, surreal, teils in Beckett-Manier. Auf jeden Fall: ideenreich."

Kafkas Roman sei in der Inszenierung von Viktor Bodó "eine Fantasterei aus dem Geist des absolut öden Berufslebens", beobachtet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (21.5.24). "Das ist jetzt kein besonders origineller Gedanke, aber schön ausgeführt", so die Kritikerin. "Das Ensemble behält einen Abstand zum Text. Er wird nicht interpretiert im engeren Sinne, aber es wird hübsch deutlich, dass seine Tollheiten, strukturellen Härten (…) und alptraumhaften Seiten eine Matrix sind, durch die hindurch immer wieder Franz K. selbst sichtbar ist."

"Viktor Bodó setzt auf starke atmosphärische Bilder, die filmisch konzipiert sind", schreibt Manfred Jahnke in der Deutschen Bühne (online am 19.5.24). Über dem Abend schwebe Selbstironie, wenn es in der Aufführung heiße: "'Wir vermischen poetischen Realismus und absurdes Theater in Ermangelung von etwas Besserem.'" Mit einem "starken Ensemble" schaffe Bodó "einen bildkräftigen Abend zwischen Unterhaltung, Groteske und sozialer Erzählung".

Kommentare  
Amerika, Stuttgart: Eindringlich und effektvoll
»Im Zusammenspiel kapitalistischer Ökonomie und bürokratischer Verwaltung entsteht der ungeheure Kosmos und das stahlharte Gehäuse einer vollkommen resonanzlosen Welt.« (Max Weber)
Dieser Satz könnte die Leitthese sein für Victor Bodós Inszenierung des Romanfragments »Amerika« von Franz Kafka am Staatstheater Stuttgart.
Zu Beginn stehen auf der Bühne ein halbes Dutzend antiquierte Schreibtische und nach und nach werden die Arbeitsplätze von mehr oder weniger lustlosen Büromenschen eingenommen. Das öde Summen einer Fliege begleitet den endlos scheinenden stummen bürokratischen Aufmarsch, bis die Souffleuse in der ersten Reihe die Geduld zu verlieren scheint und die virtuelle Fliege mit ihrem Skript und lautem Wumms erschlägt. Die Szene könnte fast als Vorausschau das Schicksal von Kafkas Protagonisten gelten.
Karl Rossmann, einem emphatischen jungen Mann, gelingt es nicht mit der Welt - repräsentiert durch den Begriff »Amerika« - in eine positive Resonanzbeziehung zu treten. Was immer er unternimmt, seine guten Absichten prallen ab, wie von einer Mauer. Die Welt antwortet ihm nicht. Sie bleibt für ihn kalt, undurchdringlich und undurchschaubar. Szene um Szene wird die Entfremdung deutlicher, Rossmanns Traum von Amerika entschwindet im (Bühnen)nebel.
Und selbst im scheinbar optimistischen Schluss, als er im Naturtheater Oklahama Aufnahme findet, wird er vom "stahlharten Gehäuse der Bürokratie“ wieder eingeholt…
Victor Bodós Inszenierung gelingt es eindringlich und effektvoll Kafkas Romanfragment für die Bühne umzusetzen. Mich als Zuschauer hat es mehr berührt, als es beim Lesen des Originals der Fall war.
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