Stock im Po! Balsamico!

17. Juni 2024. Die Autor:innentheatertage 2024 am Deutschen Theater Berlin sind mit der traditionsreichen "Langen Nacht" zuende gegangen. Vier Stücke namhafter Dramatikerinnen gab's zu sehen: von Patty Kim Hamilton, Ewe Benbenek, Nele Stuhler und Caren Jeß. Darunter ein halber Hit und ein ganzer.

Von Michael Laages

"Die Lange Nacht der Autorinnen" am Deutschen Theater Berlin © Jasmin Schuller

17. Juni 2024. So runden sich also die Autor:innentheatertage 2024 ab. Schon bevor die Intendanz von Ulrich Khuon am Deutschen Theater in Berlin endete, hatte sich der Charakter dieses Festivals der Autorinnen und Autoren geändert, das der Theatermacher einst in Konstanz erfand und dann an alle seine Stationen (Hannover, Hamburg, Berlin) mitnahm.

Der alte Titel zeigte sich zuletzt gegendert, aufgegeben wurde die ursprünglich sehr überzeugende Idee, die Auswahl der neuen Stücke einer einzigen Person zu überantworten, einem (meist journalistischen) Juror oder einer Jurorin.

Anfangs war aus eingereichten Arbeiten mehr oder weniger bekannter Autorinnen und Autoren ausgewählt worden. Von heute aus eher amüsant ist der Fall des Autors Bodo Kirchhoff, der sich unter weiblichem Pseudonym bewarb; erst zur Aufführung flog seine Tarnung auf, damals in Hannover.

Neue Stücke maximal verdichtet

Khuons jeweiligen Teams war es nicht um den kleinsten gemeinsamen Nenner einer kollektiven Jury gegangen, sondern um eine möglichst persönliche individuelle Auswahl. Am Ende standen stets Werkstatt-Inszenierungen, verdichtet auf jeweils etwa eine Stunde. Diese strukturelle Vorgabe ist geblieben.

Zwischendrin wurde am Deutschen Theater auch mal das Ensemble zur entscheidenden Instanz – und schließlich war ab vorigem Sommer zu ahnen, dass das Team um die neue DT-Intendantin Iris Laufenberg etwas einigermaßen Neues erfinden würde; unter dem bewährten Namen.

Vier Frauen, alle etabliert im Neue-Stücke-Business, versammelt die "Lange Nacht der Autorinnen" (die Frauenquote von 100 Prozent erübrigt den Doppelpunkt). Sie haben sich auf die neue Vereinbarung eingelassen, in einer "Atelier"- oder Werkstatt-Situation für das Haus an der Schumannstraße in Berlin-Mitte zu schreiben; erklärtermaßen ohne die zwingende Notwendigkeit, für's Festival-Finale jetzt einen "fertigen" Text vorlegen zu müssen. Gezeigt wurde der Zwischenstand der Dinge, das Ergebnis eines mehr oder weniger fortgeschrittenen Arbeitsprozesses. Das Ergebnis war erstaunlich durchwachsen.

Patty Kim Hamiltons "Und der Himmel über uns ist sein eigenes Land“

Patty Kim Hamilton hat zum Schluss der "Langen Nacht" mit "Und der Himmel über uns ist sein eigenes Land" (Regie: Sarah Kurze) den mit Abstand schwächsten Stück-Entwurf geliefert; aufwändig konstruiert und im Spiel eher banal.

Ein nicht mehr ganz junger Komponist mit nordkoreanischen Wurzeln mütterlicherseits wird von der Freundin verlassen und lässt sich reisend treiben in die ostdeutsche Provinz, nach Sachsen-Anhalt.

Dort landet er ausgerechnet in jenem Dorf, aus dem der unangepasste Vater einst in den deutschen Westen floh. Was findet er an alten, was an neuen Beziehungen und Bezüglichkeiten? Könnte er leben in einer deutschen Welt, die noch halb wie von früher ist und fast genauso weit weg wie totalitäre nordkoreanische (und unerreichbare) Heimat der Mutter?

DT ATT Und der Himmel uueber uns ist sein eigenes Land c Jasmin G1A1957Erkundungen in Sachsen-Anhalt: "Und der Himmel über uns ist sein eigenes Land" von Patty Kim Hamilton © Jasmin Schuller

Auch die Autorin blickt mit erstaunlich fremdem, von Klischees durchsetztem Blick auf die Welt, in der auch sie ja lebt. Das wirkt wie am Reißbrett entworfen und gewinnt trotz starker Besetzung aus dem DT-Ensemble eher wenig Profil. Ost-West-Erinnerungen gelangen im Theater wirklich schon überzeugender.

Ewe Benbeneks "Ix"

Noch angestrengter (und anstrengender in der Vermittlung) ist "Ix", der Werkstatt-Entwurf von Ewe Benbenek, die erst unlängst beim "Stücke"-Wettbewerb in Mülheim wieder gastierte und 2021 Mülheim schon gewonnen hat.

Im Berliner Atelier entstand eine Befragung und Überprüfung der antiken Figur der Iphigenie. Sie steht auf einer Art Kapitell-Ruine in Reihe 7 vom Deutschen Theater, gestylt zum schicken Body-Modell. Derweil philosophieren fünf Personen auf der Bühne über sie und die Rolle der Opfer-Tochter des Feldherrn Agamemnon einerseits und andererseits die Rettung des Mädchens durch die Hand einer Göttin.

DT ATT Ix c Jasmin Schuller G1A0787Spiele mit antiken Stoffen: "Ix" von Ewe Benbenek © Jasmin Schuller

Am Mädchen Iphigenie hat sich ja eine Menge historisch-schriftstellerischer Phantasie abgearbeitet. Das Quintett räsoniert in der Regie von Claudia Bossard derweil hin her; einer schläft immerzu ein. Die Truppe verfällt auch (etwas albern) auf Touristen-Kitsch und griechischen Wein der Marke Udo Jürgens … und der Erkenntniswert des Stück-Entwurfs schrumpft und schrumpft und schrumpft. Auch "Ix" ist kein Ereignis.

Nele Stuhlers "Leichter Gesang"

"Leichter Gesang" hingegen, mit einem Text von Nele Stuhler, in der freieren Szene ähnlich gut situiert wie in Stadttheatern (zuletzt in Frankfurt und Aachen), lässt das Theater schier explodieren vor Begeisterung – allerdings weniger des Textes wegen; der spielt ein bisschen nach Dada- und mehr noch nach Ernst-Jandl-Manier mit Worten, Silben und unzusammenhängenden Zusammenhängen.

Ein kleiner, kruder Spaß aus der Wortspielhölle wäre das – nähme sich nicht die furiose Truppe des RambaZamba-Theaters in der Regie von FX Mayr dieser Text-Miniaturen an, getragen und unterstützt vom DT-Ensemble. Quietschbunte Kostüme für alle, elf Kloschüsseln auf der Bühne und launige Reime wie "Stock im Po! Balsamico!" tun das ihre, und das Vergnügen ist enorm, dass wir, die "Normalos", uns etwas übergriffig leisten dürfen mit der RambaZamba-Bande.

DT ATT Leichter Gesang c Jasmin Schuller G1A1196RambaZamba goes Dada: Zora Schemm in "Leichter Gesang" von Nele Stuhler © Jasmin Schuller

Aber ging es um einen Theater-Text? Eher nicht. Zu bestaunen ist eher, wie sehr die Autorin sich und die eigene Arbeit zurücknimmt und dem launigen Spiel unterordnet. Und wenn zum Schluss Dirk Nadler wie Elvis Presley singt, sind alle ganz selig.

Caren Jeß' "Von der Mutter ein Gruß"

Den einzig richtig starken Text-Entwurf hat Caren Jeß mit geliefert, eine der wichtigsten Theater-Stimmen zurzeit. In Mülheim hat sie letztes Jahr gewonnen.

Jeß spielt in der Aufführung von "Von der Mutter ein Gruß" selbst mit (und zwar ziemlich prima!), und sie thematisiert dabei die eigene Rolle im "Atelier". Sie lässt diese Rolle auch kommentieren – etwas arg altklug von einer "altra ego"-Frau und vom eher tumben, aber kuscheligen Freund.

DT ATT Von der Mutter ein Gruss c Jasmin Schuller G1A9849The Artist is Present: Caren Jeß (rechts) spielt in ihrem eigenen Stück "Von der Mutter ein Gruß" © Jasmin Schuller

Die Story selbst erzählt von einer Adler-Mutter und der ornithologischen Eigenart, dass ein Jung-Adler den jüngeren Adler-Bruder tötet … "Kainismus" heißt das in der Fachsprache. Caren Jeß schreibt oft und gerne über Tiere.

In "Von der Mutter ein Gruß" (Regie: Daniel Foerster) setzt sich das jüngere und schwächere Adler-Baby durch – wohin das führen wird, darf unklar bleiben. Ruppig bricht die Autorin Stück und Text ab – wir sind ja nur in der Werkstatt zu Besuch gewesen.

Hier immerhin, bei Caren Jeß, kann sich das Publikum wohl tatsächlich mal freuen auf die Fertigstellung eines starken Textes fürs Theater.

 

Die Lange Nacht der Autorinnen 2024
zum Abschluss der Autor:innentheatertage 2024 am Deutschen Theater Berlin

Und der Himmel über uns ist sein eigenes Land
von Patty Kim Hamilton
Regie: Sarah Kurze, Ausstattung: Vanessa Vadineanu, Musik: Samuel Wiese, Dramaturgie Christopher-Fares Köhler.
Mit: Mareike Beykirch, Simon Kluth, Katrija Lehmann, Peter René Lüdicke, Jörg Pose, Anja Schneider.

Ix
von Ewe Benbenek
Regie: Claudia Bossard, Bühne: Elisabeth Weiß, Kostüm: Andy Besuch, Musik: Niklas Bruhn, Valentin Wagner, Dramaturgie: Lily Busch.
Mit: Julischka Eichel, Jens Koch, Janek Maudrich, Lenz Moretti, Andrej Schenardi Mathilda Switala.

Leichter Gesang
von Nele Stuhler
Regie: FX Mayr, Ausstattung: Korbinian Schmidt, Musik: Rahel Hutter, Dramaturgie: Bernd Isele, Projektmitarbeit Joy von Wienskowski.
Mit: Lorena Handschin, Franziska Kleinert, Anil Merickan, Bernd Moss, Dirk Nadler, Mercy Dorcas Otieno, Zora Schemm, Natali Seelig, Caner Sunar, Sebastian Urbanski, Nele Winkler.

Von der Mutter ein Gruß
von Caren Jeß
Regie: Daniel Foerster, Ausstattung: Lydia Huller, Musik: Jan Preißler, Dramaturgie: Karla Mäder.
Mit: Felix Goeser, Florian Köhler, Caren Jeß, Frieder Langenberger, Alexej Lochmann, Daria von Loewenich, Jan Preißler.

Premiere am 15. Juni 2024
Dauer: jeweils etwa 1 Stunde, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Eine "Art institutionelle Entschleunigung", die "den Besuch der Langen Nacht zu einem so maßvollen wie unverbindlichen Try-out in Goldrahmen herunterdimmt", hat Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (17.6.2024) am DT erlebt. Nach "quälenden 20 Selbstbespiegelungsminuten" als Vorspiel zu einer kleinen "Adler-Tragödie" bei Caren Jeß und einer "unfassbar naiv" geratenen Erkundung von Ostdeutschland bei Patty Kim Hamilton erlebte Meierhenrich, wie Nele Stuhler und Ewe Benbenek das "behütete Schreibidyll mutig als Experimentierfeld" nutzten. Wobei das Experiment bei Benbenek denn doch nur solide "Situationskomik" abwirft, Stuhler aber mit einem "wunderbar dadaistischen Stück" überzeugte.

Christine Wahl sah für den Tagesspiegel (17.6.2024) "aufgetunte Ausschnitte aus Arbeitsständen, die alle auch noch einmal extra vorsorglich auf ihre eigene Unfertigkeit hinweisen". Das neue Konzept der "Langen Nacht" verkleinere die Autorinnen und verstärke den "Eindruck der Betriebshermetik": "Klar: Vom unmittelbaren Verwertungsdruck befreite Räume und Ressourcen für Kreative sind richtig und wichtig. Aber warum dann nicht konsequent bleiben und auch von der Präsentation dieser Zwischenstände vor regulärem DT-Publikum absehen?"

Elena Philipp hebt in der Morgenpost (17.6.2024) Nele Stuhlers an Ernst Jandl erinnernden Arbeit hervor: Hier stimmten "Timing und Atmosphäre ebenso wie Inhalt und Zusammenspiel". Ansonsten überzeugte die "saloppe Spielfreude" in Claudia Bossards Umsetzung von Ewe Benbenks "Ix". Wenig "Raum für Fantasie" biete Patty Kim Hamiltons Text, der "jede Regung ausbuchstabiert und alles lexikonartig erklärt", während bei Caren Jeß die "Brutalität" der Parabel schockiere und die "originellen, aber länglichen Überlegungen" der Autorin zum eigenen Schreibprozess "viel zu theoretisch sind fürs Theater".

"Das Schöne an den Texten ist: dass sie die ganze Bandbreite der neuen Dramatik zeigen", sagt Barbara Behrendt für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (15.6.2024). Eine "realistische Geschichte mit psychologisch nachvollziehbaren Figuren" schreibe Patty Kim Hamilton, was allerdings "ein bisschen oberflächlich" und "arg sentimental" gerate. Ewe Benbeneks Text "umkreist in ewigen Wortwiederholungsschleifen" die Theatergeschichte von Iphigenie. Ein "sehr lustiges, teils infantiles Sprachspiel" hat die Kritikerin bei Nele Stuhler vernommen. Ebenfalls "komisch, aber auf eine ganz andere Weise" erzähle Caren Jeß über die "Ursprünge des Faschismus im Menschen". Überwiegend war der Abend für Behrendt "ein großer Spaß". Das Konzept der Werkstattinszenierungen erschließt sich der Kritikerin im Ganzen aber nicht: Es handele sich um hochdekorierte Autorinnen: "Von ihnen will man eigentlich keine Fragmente sehen, sondern eben gute neue Stücke."

Kommentare  
Lange Nacht, Berlin: Viel Arbeit vor sich
Trotz des sehr langen Vorlaufs hatten die präsentierten Arbeiten sehr deutlich Werkstattcharakter. Am stärksten kokettiert „Von der Mutter ein Gruß“ von Caren Jeß. damit Die Autorin, die im vergangenen Jahr mit „Dem Marder die Taube“ überzeugte, saß in Daniel Foersters Inszenierung selbst mit auf der Bühne. Sie schwitzt an einem kleinen Schreibtisch und brütet über den Stückanfängen. Selbstironisch erzählt diese szenische Lesung von den Mühen der Autorin und ihrem unfertigen Prozess, die Stimmen in ihrem Kopf verkörpern Daria von Loewenich (als „Der Kommentar“) und Frieder Langenberger (als „Der Freund“).

Wie üblich widmet sich Jeß wieder ihrem Faible für Tier-Figuren, diesmal geht es um eine dysfunktionale Adler-Familie und das Leiden der Mutter (Felix Goeser) an ihrem völlig überforderten Sohn (Alexej Lochmann), der das Lieblingskind (Live-Musiker Jan Preißler) aus dem Weg geräumt hat. Eine weitere Nebenfigur ist der Schäferhund Success (Florian Köhler), den sich die Adler-Familie hält.

Jeß lässt ihr Talent für Komik aufblitzen und im Begleittext wird auch noch klarer, dass das fertige Produkt anhand der Adler-Familie den Faschismus und Rechtsextremismus mit ihrem Kult um das Recht des Stärkeren thematisieren möchte. Spurenelemente sind in dieser launig-unterhaltsamen Arbeit schon da.

Viel Arbeit hat auch Ewe Benbenek, mit ihrem „Tragödienbastard“ Mülheim-Gewinnerin 2021, noch beim Feinschliff an „Ix“ vor sich. Ihr Ansatz, den Iphigenie-Klassiker von Johann Wolfgang von Goethe mit Fragen nach Aufklärung und Humanismus zu verschneiden, ist vielversprechend.

Der Try-Out präsentiert eine Textfläche, die sich nur bei Lektüre des Programmzettels erschließt. Die Werkstatt-Inszenierung von Claudia Bossard überzeugt musikalisch: Mathilda Switala, die als Iphigenie mitten im Publikum thront, glänzt mit einem Britney Spears-Song und macht Sina Martens Konkurrenz, die Band spielt sich ironisch weiter durch Ohrwürmer von Coldplay (Yellow) bis Udo Jürgens (Griechischer Wein).

Zustimmung zur Kritik am Text von Patty Kim Hamilton. Die Autorin, in New York geboren und aktuell in Berlin und Gräfenhainichen (Sachsen-Anhalt) lebend, erzählt in „Und der Himmel über uns ist sein eigenes Land“ von einem Berliner Künstler (Simon Kluth als Gast), der nach dem Ende einer Beziehung in einem fiktiven ostdeutschen Dorf landet und auf die Einheimschen (Mareike Beykirch, Jörg Pose, Anja Schneider) trifft, die zu klischeehaft als minderbemittelte, für rechte Parolen offene Landeier gezeichnet werden.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/06/16/lange-nacht-der-autorinnen-2024-deutsches-theater-kritik/
Lange Nacht, Berlin: Schwache Texte
Ich habe leider das Stück von Caren Jeß nicht gesehen. Alle anderen Texte fand ich wirklich erstaunlich schwach. Die Inszenierungen von Ix und Gesang waren immerhin dafür umso befreiter - ist also die Moral, dass man Textvorlagen eigentlich nicht braucht? Hoffentlich nicht!
Lange Nacht, Berlin: Nele Stuhler & RambaZamba
„ ...nähme sich nicht die furiose Truppe des RambaZamba-Theaters ... dieser Text-Miniaturen an"

(...) Dafür wurde der Text doch geschrieben!!! Die treffen doch nicht glücklicherweise oder zufällig aufeinander. Oder willst du etwa sagen: nur weil Menschen mit Behinderung... ?
Ich muss davon ausgehen wenn ich weiterlese: " ... getragen und unterstützt vom DT-Ensemble..."

"...und das Vergnügen ist enorm, das wir, die "Normalos", uns etwas übergriffig leisten dürfen mit der RambaZamba-Bande..." den ... was? Was ist man nochmal wenn man kein "Normalo" ist? Welche schönen Worte gibts da nochmal als Gegenteil? Die " " helfen da nicht...

Ich finde es uns allen gegenüber gemein wie du das schreibst. Du sagst: Wir und die (mit ein bisschen Hilfe von uns). Das ist unfair, sie dürfen hier rumschreiben und schön dicke Grenzen ziehen an deren andere sich ein ganzes Leben abarbeiten müssen. (...)

Findest du nicht man könnte sagen, dass zwei Ensembles zusammengefunden haben und gemeinsam ne geile nummer hingelegt haben mit einem Text den Stuhler genau dafür geschrieben hat? Das stimmt doch auch. Zwei Ensembles die sich gegenseitig tragen! Jede Person die anderen auf unendlich unterschiedliche und individuelle Weise. (...)

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Antwort des Kritikers Michael Laages:

Ich saß an dem Abend aber zwischen Publikum, das sich derart exzessiv amüsierte, dass das -in der Begeisterung- schon übergriffig und herablassend wirkte; etwa im Sinne "... dass die das können!". Diese Wirkung wurde durch Stuhlers sprachspielerischen Text eher noch verstärkt. Die von Kolleginnen und Kollegen beschworene Behauptung, dass das "einfache Sprache" sei (was es nicht ist), leuchtete mir leider gar nicht ein. Ich bitte einfach mal drüber nachzudenken, wie wir diesen Text fänden, wenn er nur vom DT-Ensemble gespielt würde .

Auch deshalb war es mir wichtig, zwischen Stück-Text und Spiel zu unterscheiden; auch wenn ich mir natürlich vorstellen kann, dass Frau Stuhler direkt für dieses Projekt geschrieben hat - und nicht (wie sonst üblich) für eine spätere "Fertigstellung" des Textes auch für andere Ensembles. Wiederum deswegen aber war mir die "Normalo"-Perspektive wichtig; das Festival für frische, neue Texte ist ja nicht in erster Linie ein Inklusionsprojekt.


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Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Kommentar von "Michael, bin sauer" um Passagen gekürzt, die gegen unseren Kommentarkodex verstoßen. Er ist hier nachzulesen: https://nachtkritik.de/impressum-kontakt#kommentarkodex
Lange Nacht, Berlin: Konventionell & konservativ
Das Stück von Patty Kim Hamilton war so unüblich konservativ-konventionell well-made-play-like in seiner Form und so gähnend langweilig und oberflächlich politisch in seinem Inhalt, dass man kaum glauben kann, dass das eine junge Stimme im deutschen Theater sein soll.
Lange Nacht, Berlin: In Nuancen begeistert
Als an dem Abend anwesende Person war ich sehr verwundert und erschrocken über Herrn Laages' abfällige Bewertung des meines Erachtens großartigen Textes von Nele Stuhler. Dieser Text war für mich tatsächlich innovativ, und funktionierte zweifellos für ALLE im Saal, machte Spaß und war in Leichtigkeit und ja - auch Albernheit - trotzdem tiefgründig. Nun gut, soweit mein subjektives Erleben. Offensichtlich funktionierte er aber auch für das übrige Publikum fast durchgehend, obwohl er unkonventionell war und die Jandl-Vergleiche nur sehr schwach greifen. Und es ist für mich nicht nachvollziehbar, wieso ein dadaistisch angehauchter Text nicht etwas - es tut mir schon weh, das hier zu wiederholen - für "Normalos" sein sollte. Das lässt sich beim besten Willen nicht begründen.
Nun gut. So weit ich die übrigen Kritiken in der Rundschau überblicke, waren eigentlich auch sämtliche Kritiker:innen (in Nuancen unterschiedlich) von dem Text sehr überzeugt bis begeistert.

(...)
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(Anm. Redaktion. Ein konstruierter Verdachtszusammenhang, der sich an diese Beobachtungen anschloss und ad personam zielte, wurde gemäß unseren Kommentarregeln gestrichen.)
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